kontertext: Polo Hofer und Bruder Klaus

Silvia Henke © cc
Silvia Henke / 09. Aug 2017 - Um den Nationalfeiertag rankten sich heuer in den Schweizer Medien zwei Schweizer Heiligenlegenden. Ein Kommentar zum Populismus.

Einer Zeitung Nationalismus oder Populismus vorzuwerfen, mag zunächst verlorene Mühe sein, wenn man akzeptiert, dass Zeitungstexte für die allgemeine Bevölkerung eines Landes oder einer Region geschrieben werden. Dann ist auch Vorsicht geboten, weil Populismus zu einem ideologischen Kampfbegriff geworden ist, den man immer den anderen vorwirft. Claudius Seidl weist Ende Juli in der FAZ im Zusammenhang mit einer Populismus-Studie von Bertelsmann darauf hin, dass es einigermassen widersinnig sei herauszufinden, wie populistisch ein Volk ist. Denn Populismus ist primär ein Phänomen der öffentlichen Rede, also der Politik und der Medien, die sich bei ihren Wähler_innen, Sponsoren und Leser_innen anbiedert und insofern zwangsläufig opportunistisch ist. Kurz: eine Rede, die dem Volk nach dem Mund redet.

Kann aber auch das Volk dem Volk «nach dem Mund reden»? Das eigentlich Interessante an der Schimäre des Populismus – Seidl streift dies nur kurz – ist: Das Volk kann sich durchaus selber nach dem Mund reden, wie die Pegida und die Tea Party dies gezeigt haben. Es kommt dabei nicht so sehr darauf an, worüber es redet, sondern wie. Es geht darum, gröber und einfacher zu sprechen, als man denkt. Denn Populismus ist nicht in erster Linie eine Frage der Gesinnung, sondern der Rede, also der Sprache und des Stils.

Populistisches Sprechen oder Schreiben setzt darauf, dass jene, die hören oder lesen, schnell verstehen und keine Zweifel haben, also immer schon einverstanden sind. Die Unterstellung eines gleichgesinnten Anderen, die direkte Adresse, die Vermeidung jeder überflüssigen Reflexion oder Zweideutigkeit sind Voraussetzungen populistischen Schreibens und Sprechens. Populistische Rede bestätigt sich selber durch Wiederholung, die den Zweifel ausschaltet; sie bezieht sich meist auf eine allen gemeinsame abstrakte Grösse wie z.B. die Nation. «Make America great again!» «Wir sind das Volk»! Insofern wäre der populistische Stil der Medien einer, der das Grossmaulige aufgreift und so tut, als hätte der Mund des Volkes ihm direkt diktiert.

Polo National

«Die Stimme einer Nation ist verstummt!» Die Headline in der BaZ und in 20 Minuten, war mit Anführungszeichen versehen, also ein Zitat. Von wem der Satz stammt, blieb unklar. Vielleicht ist es auch egal, er bedeutet ja nichts. Oder doch?

Vereinfachungen und Schlagworte sind Hilfsmittel in der Politik wie in der Zeitungskommunikation. Keine Headline, kein Parteiprogramm kommt ohne sie aus, und jede Redaktion muss sich Gedanken machen, wie sie sie einsetzt. Wenn derzeit so sehr um den Preis von Qualitätsjournalismus gerungen wird, und darum, wer sich diesen noch leisten kann, dann braucht es umgekehrt vermehrt klare Kriterien, wonach Qualität sich bemisst und vor allem: wer sie denn evaluieren kann. Neue publizistische Projekte müssen deshalb, neben den infrastrukturellen Herausforderungen, dringend berücksichtigen, welche Sprache lesende Menschen eigentlich ertragen.

Als Polo Hofer Ende Juli starb, beliess es fast keine Zeitung bei einer Meldung und einem Nachruf: Es brauchte persönliche Erinnerungen, letzte Botschaften, Stimmen aus dem Volk. Das ist einerseits klar, geht es bei Hofer doch um eine bekannte Musikerpersönlichkeit mit Ecken und Kanten, die Trauerbezeugung verdient. Doch zeitgleich und im Zuge der Nekrologe wurde Polo Hofer nicht nur zum «Vater des Schweizerischen Mundartrock», er wurde auch zur nationalen Legende erklärt und zum «Nationalheiligen», der mit «Alpenrosen» so etwas wie die heimliche Nationalhymne gedichtet habe.

Im Medienverbund von 20 Minuten, Bund, Tages-Anzeiger und Basler Zeitung werden die differenzierten Kommentare und Würdigungen, die es in der Tagespresse auch gab (insbesondere Eric Facon in der NZZ und Ane Hebeisen im Tagesanzeiger geglättet. Schlagzeilen nisten sich ein wie Ohrwürmer, alles wird ganz simpel: Einer von uns! Kumpel des Schweizer Volks! Noch mehr: Stimme der Nation! Der nüchtern-respektvolle Ton einer Bundesratsverlautbarung genügte da nicht mehr: «Polo Hofer hat ganzen Generationen in allen Sprachregionen der Schweiz gezeigt, wie viel Kraft, wie viel Geist, wie viel Poesie in der Berner Mundart steckt» – so Bundesrat Alain Berset.

Auch die Basler Zeitung konnte es beim würdigen Nachruf von Nick Joyce nicht lassen, sie musste näher ans Volk, schickte Michael Bahnert und der fand, trotz Ferien, Chris von Rohr. Was dann so klang:

«‹Shit, schlechtes Timing, das war der erste Thought›. ‹Schlechtes Timing von Polo?› ‹No, Bro, schlechtes Timing für mich, weil ich hier relaxen wollte, ganz in Ruhe, weg von Leuten, mit meiner Tochter weg vom Selfie-Amok und so weiter. Aber okay. That’s life. Es ist, wies ist. Schick mir die Questions, aber höchstens fünf, ich will noch in den See.›»

Später wird von Rohr dann doch noch Zeit haben, für den Blick zu schreiben, wobei das Ergebnis nicht ergiebiger sein wird, weder inhaltlich noch sprachlich.

Natürlich ist die Rezeptionsgeschichte von Polo Hofer nicht zu Ende, aber solche Abstiege zum Volksmund sind verheerend, weil sie vormachen, dass es genügt, zu sprechen ohne zu denken. So kann es herauskommen, wenn man dem Volk auf den Mund schaut.

Ein wenig hat sich dies Polo Hofer mit seinem gemütlichen Rock, seinen hemdsärmligen Pointen und seinen doch eher simplen Songzeilen selber eingebrockt. (Lesenswert hierzu Erich Keller in der WOZ Nr. 31 mit seiner Gegenüberstellung der beiden gleichzeitig Verstorbenen Urban Gwerder und Polo Hofer.) Und vielleicht wird dereinst doch einmal jemand sagen, dass Polo Hofer nicht nur der Vater des Mundartrock war, sondern auch ein Ausverkäufer dessen, was mit Mani Matter und dessen intelligenter, feinsinniger, poetischer Verwendung des Dialektes begonnen hatte. Matter wie auch Patent Ochsner, Züri West und der Stille Haas haben schon längst bewiesen, dass man nicht kauzig, wortkarg und «national» sein muss, um das schweizerische Musikgeschehen zu prägen, dass man auch nicht Heiliger und Nationalheld sein muss, um kulturell etwas zu gelten. Aber sie eignen niemals zur Legende, wie dies Polo Hofer tut.

Damit noch ein Seitenblick zu einer anderen Schweizer Heiligenlegende, die ebenfalls Aufschluss gibt, was Heilige mit dem Populistischen zu tun haben.

Bruder Klaus

Niklaus von Flüe, bekannt als Bruder Klaus, ist ein Nationalheiliger, aber ein echter, vom Bundesrat und 1947 vom Papst bestätigt. Die kritische Aufarbeitung seiner 600-Jahre-Geburtsfeier im Jahr 2017 steht noch an; doch schon Ende Juli fragt Monika Stocker im Tages-Anzeiger:

«Liess Bruder Klaus nicht einfach seine Frau sitzen? Regierung und Parlament vieler Kantone machen einen Staatsakt um den Aussteiger Bruder Klaus. Doch was feiern wir da eigentlich?»

«Doch was feiern wir eigentlich?» Das ist eine der Fragen, die ich in jedem Essay sofort streichen würde mit dem Hinweis: Wer ist wir? Und was verspricht eigentlich? Zu viel.

Der Stil des Artikels holt sofort ein, was er voraussetzt: Es gibt Antworten, die Sache ist dünn, man hat sie gleich erfasst – ist ja klar, das wissen alle Frauen: Einer liess seine Frau sitzen für depperte Ideen. So geht es auch weiter:

«Er baute sich ein einsames Häuschen, konnte für sich sein, Ruhe haben, denken, beten – das hoffe ich doch – und sich finden. Und den lieben Gott auch. Seine Frau Dorothee lebte weiterhin mit den gemeinsamen 10 (!) Kindern auf dem Bauernbetrieb. Auch wenn die älteren Kinder mithelfen konnten, so war das nicht easy, oder? Heute würde die Kesb eingeschaltet. Man würde nach den Unterhaltszahlungen fragen, das Besuchsrecht regeln. Der Mann käme nicht ungeschoren davon.»

Während das Gedenkjahr bisher vor allem zeigt, dass Bruder Klaus als Erinnerungsfigur polyvalent und letztlich unnahbar bleibt, weiss Monika Stocker durch das direkte Gespräch mit den Toten Bescheid. Es gibt ein Organisationskomitee, «Mehr Ranft», das als Themenschwerpunkte 2017 neben der Vermittlungstätigkeit von Flües die Rolle der Dorothee gesetzt hat, auch die Bedeutung der Mystik für den interreligiösen Dialog sowie die Relativierung des rechtspopulistischen Satzes vom Zaun.

Es gibt eine Website des Vereins, die sehr differenzierte Informationen zusammenstellt. Es gibt auch eine wissenschaftliche Publikation zur Aktualität des Heiligen, es gibt ein Buch von Barbara Beusch, das sich vertieft mit der Figur und Rolle der Dorothee auseinandersetzt. Aber das Populistische «Ich sage euch jetzt einmal, was ‹eigentlich› Sache ist» steht der Tagespresse besser, sie mag und braucht den vollmundigen Kommentar. Man kann jede Heiligenlegende feministisch und religionskritisch beleuchten, aber muss es immer in dieser saloppen Sprache des Du auf Du sein? Und muss es immer so naiv und uninformiert sein?

Gerade weil Nationalheilige, zu welchen jetzt Polo Hofer auch zählt, offenbar so wichtig sind für populistische Begehren, muss ihnen auch sprachlich Sorge getragen werden. Sie können als Projektionsflächen interessant und vielfältig bleiben, wenn man ihnen auch in den Medien zubilligt, dass sie nicht allein von einem Volksmund leben, sondern von einer seltsamen Unnahbarkeit. Gerade wenn sie, wie Polo Hofer und Niklaus von Flüe, nur wenige Sätze hinterlassen haben und sich dem «Volk» gerade deshalb verdient gemacht haben, weil sie vieles von dem verweigerten, was dieses so mag.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst, u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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Eine Meinung

es ist ein jammer, dass aus polo hofer ein polo national wurde, denn was ihn ausgezeichnet hatte, war nicht seine schweizerische herkunft, es war vor allem seine stimme, die man nach einer sekunde unverwechselbar erkannte. diese gabe, die auch ein mick jagger hat und leonhard cohen hatte („i was born with an golden voice“) zeichnete polo aus, und natürlich auch ihr zusammenspiel mit der ironie in den texten. polo hofer war nicht nur ein herausragender leadsänger, sondern auch ein meister des humors. Als er einmal bei uns im haus bill spielte und ich ihn an die allmendpfingsten 1980 erinnerte, wo jugendbewegte (heute erfolgreiche geschäftsleute) ihn mit eiern bewarfen, sagte er: „ouh ja, aber weisch, wies dänn-no wiitergangä-n-isch? - chumm ich nachhär am grèpestand verbii, da seit doch mer verchäufer, i müessi no d’eier zale, won-i bi-nem bschteut heg.., ja guet, han i si dä haut-au no müesse zalä...“
erich schmid
Erich Schmid, am 09. August 2017 um 13:36 Uhr

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