In Online-Medien ist die Verseuchung mit PR noch viel grösser als in Printmedien © Knoefler.cc
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Plattformen wie Infosperber mit PR unterwandern

Urs P. Gasche / 24. Aug 2015 - Auf PR spezialisierte Agenturen liefern «redaktionelle» Artikel und zahlen dafür. Diese verbreitete Praxis täuscht die Leserschaft.

Der erste Kontakt erfolgte durch einen freundlichen Herrn Steingräber telefonisch. Ohne Umschweife schlug er eine «Kooperation» mit Infosperber vor. Redaktionelle Beiträge könne er liefern, zugeschnitten auf unser Zielpublikum. Auf meinen Einwand, wir würden auf Infosperber keine PR-Beiträge publizieren, meinte er, es handle sich um redaktionelle Beiträge. Er könne der Stiftung, die hinter Infosperber steht, auch etwas zahlen. Wir seien jedoch völlig frei, die konkreten Angebote zu publizieren oder nicht.

Ich bat Herrn Steingräber darauf, mir das Angebot doch per E-Mail zu unterbreiten und mir gleich drei Beispiele redaktioneller Artikel dazu zu legen.

Artikel «ohne Kennzeichnung»

Am Nachmittag meldete sich Stefan Steingräber aus der deutschen Stadt Trier per E-Mail:

Hallo Herr Gasche, vielen Dank für das freundliche Gespräch (lachende Sonne).

Er fasse zusammen, was wir «heute Vormittag vereinbart» haben:

«- Wir erhalten die Möglichkeit, redaktionelle Beiträge ohne Kennzeichnung auf infosperber.ch zu veröffentlichen.

- Garantiert wird eine Online-Verfügbarkeit von 24 Monaten.

- Die Beiträge werden jeweils thematisch passend zu Ihren Portalen erstellt.»

Steingräber legte zwei Beispiele bei von Artikeln mit der Bemerkung: «Diese wurden bereits auf Schweizer Portalen umgesetzt

Als Absender firmierte eine «seo2b GmbH» in D-54294 Trier. Auf der Homepage brüstet sich diese Firma mit «mehr als zehn Jahren Erfahrung im Online-Marketing» und bietet u.a. eine «eigene Content-Redaktion» an. Als Referenzen für das erfolgreiche Online-Marketing dienen die «Deutsche Bahn AG», der Autokonzern «Chevrolet»,

die Versicherungsvermittlerin «Huk-Coburg» oder die Sportwetten-Gesellschaft «Bet-at-home».

Ich schrieb Herrn Steingräber zurück, dass Infosperber nur Beiträge von Berufsjournalistinnen und Berufsjournalisten publiziert, oder Gastbeiträge von Experten, immer gezeichnet mit Vorstellung der Autoren.

Darauf Steingäber im Rückmail: «Das ist tatsächlich ein Punkt, in dem wir abweichen müssten». Und fügte hinzu: «Zwar werden auch unsere Beiträge von erfahrenen Redakteuren recherchiert und ausgearbeitet, unser Firmenname oder der des tatsächlichen Verfassers muss aber wegen Google außen vor bleiben

Warum die Zeichnung der PR-Artikel wegen Google nicht möglich sein soll, bleibt das Geheimnis der «seo2b GmbH».

Schliesslich startete Online-Marketing-Manager Stefan Steingräber einen letzten Versuch: «Ich könnte Ihnen anbieten, dass Ihre Redaktion nach kritischer Würdigung des jeweiligen Beitrages diesen unter seinem Namen veröffentlicht und unsere Redaktion als eine Art Ghostwriter betrachtet wird.». Der jeweilige Redakteur von Infosperber müsste seinen Namen ja nur dann hergeben, «wenn er auch hinter dem Text steht und diesen guten Gewissens vertreten kann», beruhigte Steingräber und sandte «viele Grüße».

Fast gleich lautendes Angebot einer andern PR-Agentur

Nur einen Tag später erhielt Infosperber eine ähnliche Anfrage der PR-Agentur «Digital Content Zone» aus Kalifornien.

Ein «Manager» namens Nicky Mirando schrieb auf englisch:

«We will get the Swiss content written by our international team of professional content writers. Please note that we really invest time and effort into our articles because we value the importance of fresh content. We will make sure that the article will definitely fit the nature/topic of your site.»

Die Bezahlung für das Publizieren der Artikel erfolge auf ein Paypal-Konto von Infosperber, lockt die Agentur. Die Artikel würden auf deutsch geliefert. Denn die Agentur sei «nicht auf den englisch sprechenden Markt beschränkt», heisst es auf der Webseite.

Hier die Beschreibung des «Weltklasse-Service»:

Die «aktuellen und einmaligen Inhalte» sollen sich in die Online-Portale «bestens einpassen».

Ein bestens ausgebildetes Team auch für Blogger-Kampagnen:

Dazu einige passende Zitate

«Je weniger Leute publizieren und je schneller sie es tun müssen, desto unkritischer wird ihre Berichterstattung, desto grösser der Einfluss wirtschaftlicher und politischer PR

Jean-Martin Büttner, Redaktor Tages-Anzeiger, vom 4.3.2015

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«Gemäss neueren Statistiken des US-Arbeitsministeriums sind PR-Leute in den USA gegenüber den Journalisten inzwischen in einer vier- bis fünffachen Übermacht

Professor Stephan Russ-Mohl, Universität der italienischen Schweiz, Lugano, in NZZ vom 30.6.2015

***

«PR wird vom Journalismus unabhängiger, während der Journalismus immer mehr in die Abhängigkeit der PR gerät.»

John Lloyd, Senior Research Fellow am Reuters Institute, 2015

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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5 Meinungen

Ein in die Irre führender Titel: Was da beschrieben wird, ist doch keine PR, sondern plumpe, auf Suchmaschinenoptimierung ausgerichtete Werbung. Zudem ist jeder, der mit eigenem Blog bzw. eigener Webseite auch nur etwas Reichweite erreicht, nahezu täglich mit solchen «Angeboten» konfrontiert. Mir wurde hier ja auch schon von Autoren des Infosperber Auftragsschreiberei vorgeworfen, weil ich als selbständiger Berater in der Online-Marketing-Branche tätig bin - aber gerade deswegen kann ich Unternehmen nicht verstehen, die auf solche «Agenturen» setzen. Ich jedenfalls rate meinen Kunden von solchen Aktionen, die sich mindestens im Graubereich bewegen. ab.

Ein ganz andere Kaliber erreichen da z.B. Burson-Marsteller, die schon mal dabei erwischt wurden, wie sie im Auftrag von Microsoft gezielt gegen Google gerichtete «redaktionelle Beiträge» in angesehen Medien platzierten (http://goo.gl/jlpeUt). Oder die Musikbranche (Rechteverwerter) in den USA, die neben etablierten Medien sogar die Justiz (Staatsanwaltschaft in Mississippi) einspannte, um konzertiert gegen Google vorzugehen (https://goo.gl/4Bvg8n).
Michael Gisiger, am 24. August 2015 um 10:48 Uhr
Als ehemaliger Journalist und Kommunikationsmitarbeiter einer öffentlichen Institution gehe ich davon aus, dass das Verhältnis zwischen PR-Fachleuten und Journalisten ist in der Schweiz garantiert höher als 5:1. Ich schätze es einmal auf 7:1. Rechnen Sie doch einmal nur kurz hoch, wie viele grössere Unternehmen mit eigener MarKom in Ihrem Kanton arbeiten. Jede MarKom-Abteilung bei Unternehmen unter 2000 Mitarbeitenden umfasst meist zwei bis drei Mitarbeiter. Und da sprechen wir noch nicht von Grossunternehmen wie Post, SBB, Swisscom, Novartis oder Unternehmen, die institutionalisierte Zusammenarbeiten mit einer der unzähligen Agenturen haben. Eine 20min-Redaktion wird da von der Swisscom-MarKom-Abteilung schnell einmal getoppt. Es ist die Tatsache: Immer weniger Journalisten publizieren immer mehr Informationen - das Verarbeiten bleibt oft auf der Strecke. Die Unternehmen freut's - dem Leser ist's egal. Hauptsache Bildli.
Stefan Moser, am 24. August 2015 um 13:58 Uhr
Neu ist, dass sich derlei Angebote nicht mehr auf das Territorium Schweiz beschränken. Unverschämte Angebote gab es immer. Deshalb gerade von Unterwanderung von Infosperber zu sprechen, ist eine Zuspitzung.
Die Kompetenz etwas zu publizieren, sollte immer bei der Redaktion liegen. Dass dem nicht mehr so ist, zeigt das lukrativste Produkt aus dem Hause Tamedia. Tragisch ist, dass die Leserschaft nicht immer über jene Kompetenz des Lesenden verfügt, die im Angesicht der Informationsüberflutung dringend nötig scheint. Stattdessen herrscht Ignoranz vor. Auch nicht unbedingt das was sich wache Demokraten von der Masse wünschen. Wir haben damit zu leben, dass sich in der Neuzeit Unternehmen und Institutionen zu eigenen Medien entwickeln, die eigene Geschichten schrieben, die auf eigenen Kanälen den Weg zum Publikum finden. In der Regel sind das kunstvollendete Infotainment-Produkte, geschrieben von Profis, nicht selten ausgebildet von Bildungsinstituten, die Journalismus auf ihre Fahnen geschrieben haben. Es kommt sogar vor, dass «seriöse» Medien solche Geschichten in ihren Gefässen weiterschreiben. Nachrecherchiert, angereichert, kritisiert. Auch das wäre dann Aufklärung.
Wir alle müssen damit zu Recht kommen, dass die Zeiten ändern. Und vielleicht ändern sie sich gar nicht so sehr wie wir befürchten. Das VBS soll 200 Kommunikationsexperten beschäftigten. Trotzdem verliert das VBS Volksabstimmungen oder produziert «Conex 15"-Geschichten, die Menschen auf die Strassen treiben.
Bruno Bucher, am 24. August 2015 um 17:52 Uhr
Mein Englisch ist leider weit weg von gut, aber wenn mich Profis mit derart lausigem Englisch anschreiben würden, wäre mein Fazit schnell gezogen... (1. Bild)
Patrick Hafner, am 24. August 2015 um 21:37 Uhr
Die Schweizerische Depeschen Agentur sda, betreibt die Tochtergesellschaft newsaktuell.ch/ zur Verbreitung von PR.
Sehr oft werden PR-Texte in den Nachrichtenteil geschmuggelt und sogar mit sda unterzeichnet. Die Leserschaft soll blöd bleiben und wenn möglich noch blöder gemacht werden.
Eine «Studie» ergab in Bio-Koriander eine Belastung von Bisphenol A (BPA) mit Faktor 100 gegen konventionell produzierten Koriander....
Wer hat denn hier was «beweisen» wollen? Vermutlich wurde der Bio-Koriander «zielführend» verpackt, wie sonst könnte BPA in die Bioware kommen?
Verbreitet wurde die PR-Botschaft als Nachrichtentext der sda
Danke Urs P. Gasche für Ihre klare Haltung!
Urs Lachenmeier, am 24. August 2015 um 22:15 Uhr

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