kontertext: «Ich möchte meinen Namen nicht im Radio hören»

Linda Stibler © cc
Linda Stibler / 04. Aug 2020 - Wie Medien im digitalen Zeitalter mit dem Dilemma zwischen Verletzung der Privatsphäre und dem Schutz der Anonymität umgehen.

Immer häufiger werden in Zeitungen, aber auch im öffentlichen Rundfunk Namen von Befragten anonymisiert. Das mag nachvollziehbar sein, wenn es um die Aufdeckung eines Unrechts oder gar eines Skandals geht und sich eine beteiligte oder betroffene Person mit ihren Aussagen einer existenzbedrohenden Gefahr aussetzt. Da gilt natürlich vorrangig der Schutz der Informanten; er muss gewährleistet sein. Das war schon immer eine ethische Verpflichtung für Medienschaffende. Neuerdings begegnet man jedoch öfter dem Satz: Diese Person möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen oder am Radio hören. Und dies, obwohl es nicht um eine brisante Aussage, sondern zum Beispiel um die Kritik an einer Politikerin geht, die einen Konflikt mit einer Amtsstelle oder deren Amtsträger hat. Am Rande Beteiligte äussern sich darüber gerne gegenüber der Lokalzeitung oder in einem Radiointerview, aber möglichst anonymisiert. Sie suggerieren damit, dass die kritisierte Person sich rächen könnte oder sie ihre Zusammenarbeit mit anderen PolitikerInnen befürchten müssten. Aber dürfen Medienschaffende einem solchen Begehren einfach stattgeben? Der Informationsgehalt wird dadurch fragwürdig und die Geschichte bewegt sich auf dem Feld von Gerüchten.

Reden, ohne erkannt zu werden

Natürlich gehört Klatsch seit je zur Medienwelt, wenn auch eher ins Boulevardblatt als in seriöse Zeitungen. Leider sind auch diese davor nicht gefeit, wie der jüngste Ausrutscher des anspruchsvollen Internetmediums «Republik» mit einem wenig schmeichelhaften Porträt des NZZ-Chefredaktors zeigte: Kollegen hatten sich mehrheitlich anonym über ihn geäussert.

Auch wenn es um sogenannte gesellschaftliche Tabus geht, die zurzeit wieder gross in Mode sind – aussergewöhnliche Beziehungen oder freizügiger Austausch über sexuelle Praktiken zum Beispiel – sind die Hemmschwellen gross; die Leute geben gerne, aber nur in anonymer Form Auskunft. Eigentlich absurd, denn wenn ein intimes privates Problem zum gesellschaftlichen Thema wird, müsste man offen darüber diskutieren können, andernfalls wäre es im Privaten zu belassen. Aber selbstverständlich ist auch da die Verführung im Journalismus gross, denn «Sex and Crime» verspricht Publikum.

Zweifelhafte Publikumsmeinungen

Viel fragwürdiger, aber auch subtiler sind Irrläufer bei der Berichterstattung über die Tagespolitik. Da werden oft sogenannte Publikums- oder Passantenmeinungen einbezogen. Unbestreitbar machen solche Aussagen das Bild eines Berichtes farbiger, sie wecken auch die Illusion von Meinungsvielfalt. Ob dieser aber Rechnung getragen wird, ist nicht immer glaubhaft. Es kommt auf die Auswahl an, und auch auf den Willen zur Vielfalt. Fragwürdig wird es dort, wo entsprechende Äusserungen nicht von Radio- oder Zeitungskorrespondenten selbst erfragt werden, sondern – zum Beispiel in der Auslandberichterstattung – von Agenturen übernommen werden, respektive in den meisten Fällen von Associated Press, die immer auch die US-amerikanische Sicht der Dinge vermittelt.

Schleichende Veränderung in allen Medien

Es geht in allen hier aufgeführten Fällen nicht um gravierende oder gar empörende Missgriffe, jedoch zeigen sie in steigender Zahl den Wandel auf, der sich in den letzten Jahrzehnten im gesamten Medienbereich vollzogen hat. Und das hat nicht primär mit schlechteren Leistungen von Medienschaffenden zu tun, sondern ist weitgehend die Folge der beinahe total digitalisierten Kommunikation und den damit zusammenhängenden Liberalisierungen auf politischer Ebene. Die rasche Verbreitung des Internets und die rasante Zunahme des Mailverkehrs haben ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Auf digitalen Plattformen kann sich jedermann und jedefrau öffentlich äussern, ohne dass Zeitungsverlage oder Radiosender den Zugang kontrollieren. Hoffnungen auf eine breite Meinungsäusserungsfreiheit wurden so erfüllt und vermittelten das Gefühl einer neuen Freiheit des Wortes. Aber es kamen auch die unsäglichen Lügen und Hasstiraden in die Öffentlichkeit, oft anonym geäussert oder mit falschen Namen – im Normalfall kaum zu identifizieren.

Damit aber nicht genug; mit der grundsätzlichen Neuordnung der elektronischen Medien und der Liberalisierung im Telefon- und Fernmeldeverkehr wuchs auch die Zahl der Akteure – Internetvermittler, Telefonanbieter etc. –, die sich an keine engen gesetzlichen Regeln mehr halten mussten. Ganz einschneidend war dabei in der Schweiz das Aufbrechen des sogenannten staatlichen Monopols der PTT am Anfang der Neunzigerjahre. Die Internetgiganten konnten ihre beherrschende Stellung sichern.

Verschwundene Identitäten

Das wirkte sich auch auf den Telefonverkehr aus, der durch neue digitale Möglichkeiten erweitert wurde. Wer einen Anschluss besitzt, ist weltweit verbunden: Alle können praktisch mit allen kommunizieren, doch Personen oder Gruppen können sich im digitalen Raum verbergen, wenn sie das wollen. Sinnbild dafür ist das ständig schrumpfende Telefonverzeichnis. Die Teilnahme ist freiwillig. Interessierte können sich mit Adresse, Telefonnummer aber auch Mailadresse gratis eintragen, Swisscom führt ihre Festnetzkunden zwar noch immer automatisch in diesem Verzeichnis auf; man kann aber auch freiwillig darauf verzichten. Die Einträge können nicht verifiziert werden, ausser mit einer Strafanzeige bei einem Betrugsfall. Das mag nun als willkommener Schutz der Privatsphäre begrüsst werden, anderseits ist diese Art der Verfremdung für eine offene Gesellschaftlich auch bedenklich. Wo eine Person nicht mehr auffindbar oder ein Anruf nicht mehr identifizierbar ist, wächst Unsicherheit und Misstrauen. Und wo anderseits eine Mailschreiberin oder ein Mailschreiber seiner Anonymität sicher ist, wächst die Verführung zu Boshaftigkeit, Lüge oder gar Betrug. Inzwischen gibt es versierte Spezialisten, die sich den Zugang zu privaten Daten von andern verschaffen können. Oft sind diese Praktiken datenschutzwidrig oder illegal.

Das ist inzwischen unser aller Alltag und wir haben uns daran gewöhnt, nehmen die Nachteile angesichts der vielen Vorteile in Kauf und denken nicht gerne darüber nach.

Eine veränderte Tonalität in allen Medien

Die vielfältigen neuen Möglichkeiten wirken sich natürlich auf die tägliche Medienarbeit der Journalistinnen und Journalisten aus; Recherchen werden erleichtert, der Einbezug von Meinungsäusserungen der Medienkonsumenten gehört dazu. Andererseits schwappt die Tonalität der sozialen Medien in den professionellen Medienbereich über – sowohl die Grobheiten wie auch die kumpelhafte Anbiederung. Beides führt nicht zur besseren Information, sondern zu Oberflächlichkeit und Ungenauigkeit. Zudem ist der Zeitaufwand für Verifizierung und Überprüfung der Fakten ungleich grösser geworden, es steigt auch die Gefahr, einer Falschmeldung oder einer Lüge aufzusitzen – dies alles in der ohnehin angespannten finanziellen Situation, in denen sich die Medien zur Zeit befinden. Hektik, Zeitdruck und Konkurrenz drohen die unglaublichen Vorteile der neuen Technologien zunichte zu machen. Da hilft es wenig, wenn immer noch mehr zusätzliche digitale Formen angewandt werden, mit Hinweisen und Klicks auf andere Medien, was Seriosität verspricht, aber meistens nur das immer Gleiche wiederholt. Zudem wird das Publikum oft überfordert, weil auch Zeitungsleser und Radiohörerinnen nur beschränkte Zeit haben.

Von Journalistinnen und Journalisten darf nach wie vor erwartet werden, dass sie sich selbst einen möglichst umfassenden Blick auf das behandelte Thema verschaffen, die Dinge einordnen und in verständlicher und möglichst ansprechender Form präsentieren. Das wäre eigentlich die Hauptsache.

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  • DOSSIER: kontertext: Alle Beiträge
  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Die Journalistin und Autorin Linda Stibler war über 40 Jahre in verschiedenen Medien tätig, unter anderem in der damaligen National-Zeitung, in der Basler AZ und bei Radio DRS (heute SRF).

      Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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    2 Meinungen

    Es ist wichtig die Probleme der (impliziten) Meinungsführung -- hier US-Optik der AP -- offenzulegen.

    Die Fernsehfeuilletons tragen ebenfalls viel zur Verbreitung solcher Clichés bei und besetzen unnötigerweise die Ideenwelt und Konzepte der Hörer. Vor jahren gab es an der RTS solche Feuilletons aus Brasilien, mit erfrischend anders orientierter Sichtweise.

    Leider sind wir in jüngster Zeit wieder voll in der US-Meinungsmache eingetaucht und die implizite Gehirnwäsche betrifft nicht nur das übliche Konsumverhalten.

    Die US-PR-Leute und Politiker sind Experten in der Welt der Meinungsmache und die Briten übernehmen solche Clichés gerne, von wo auch der «alte» Kontinent immer stärker «infiziert» wird. Das Vokabular zu Corona&co kann das - als jüngstes Beispiel - illustrieren. Das «China-Bashing» ebenfalls.
    Josef Hunkeler, am 04. August 2020 um 10:05 Uhr
    China-Bashing : da ist ein grosses Problem. Einerseits die Wirtschaft, die um ihre guten Geschäfte besorgt ist und andererseits die Gefahr, dass wir viel zuviel gerade deswegen hinnehmen und uns einreden, das eine habe mit dem anderen ja nichts zu tun. Aber sind all die Meldungen über Hong Kong und die Unterdrückung der Uiguren deswegen nicht ernstzunehmen ? Vielleicht ist es doch gescheiter, dem Reich der Mitte gegenüber ein bisschen Vorsicht zu bewahren ?
    Gerold Wunderle, am 11. August 2020 um 11:34 Uhr

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