kontertext: Freie sind das Herz des Journalismus

Guy Krneta © Ayse Yavas
Guy Krneta / 08. Mär 2019 - Der Zustand des Journalismus ist prekär. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der Situation der Freien. Noch fehlen Untersuchungen.

Mitte März findet, organisiert von Syndicom, der «Tag der Freien 2019» statt. Eingeladen ist unter anderem Lukas Hässig, der aus seinem Alltag als freier Wirtschaftsjournalist und Herausgeber der Nachrichtenwebseite «Inside Paradeplatz» erzählt. Hässig ist das Vorzeigemodell eines Freien, dem es gelingt, mit einer eigenen werbefinanzierten Plattform schweizweite Wirkung zu erzeugen. Ähnliche Beispiele gibt’s sonst allenfalls im regionalen Bereich, wo sich Werbefinanzierung und politische Berichterstattung jedoch recht rasch ins Gehege kommen können. Und gefragt wird Hässig wohl auch am «Tag der Freien», wie er es (allenfalls) schafft, dass die Werbeeinnahmen nicht wie bei den grossen Medienhäusern rasant einbrechen.

Ich stelle mir meine Zeitung zusammen

Diskutiert wird auf jeden Fall die Frage, wie weit das Modell des Wirtschaftsspezialisten Hässig auch für andere journalistische Sparten taugt. Prinzipiell ist ja nun jede und jeder Medienschaffende in der Lage, sich direkt an sein Publikum zu wenden. Und die Vorstellung, dass ich als Leser mir aus einem Angebot an Hochkompetenten meine eigene Zeitung zusammenstelle, mir meine Journis abonniere, finde ich gar nicht so unreizvoll. Twitter gibt mir bereits heute eine Ahnung davon. Da wäre ich dann direkt mit meiner Afrika-Korrespondentin verbunden und meinem Balkan-Spezialisten, orientierte ich mich an meiner Bundeshausredaktorin und meinem Wissenschaftsjournalisten, da würden mir meine Buch-, Theater- und Filmkritiken direkt zugespielt. Und ihnen, meinen Favoriten, liesse ich gelegentliche kleine Spendenbeiträge zukommen oder bezahlte via Mikro-Pay-System direkt beim Lesen.

Die Realität sieht anders aus

So technisch einfach das Ganze scheint – angeregt, ich gebe es zu, von Hansi Voigts WePublish-Idee –, die Realität sieht krass anders aus. Bisher gibt es wenig Anzeichen, dass die Digitalisierung den Freien in die Hand spielen könnte, im Gegenteil. Nach wie vor geben die Verlage den Tarif durch. Und es scheint, dass zentrale Redaktionen wie jene von Tamedia und CH Media nicht nur die Vielfalt reduzieren, sondern auch die Qualität. Denn einerseits steht durch die Kopfblätter weniger Platz zur Verfügung, anderseits wird dieser von den auf Effizienz getrimmten Festangestellten beansprucht. Für Freie gibt’s da nicht mehr viel Bedarf.

«Warum ich dem Tages-Anzeiger ein Interview schenkte»

Anschaulich geschildert hat das letzthin Reto Hunziker in seinem Beitrag «Warum ich dem Tages-Anzeiger ein Interview schenkte» in der Medienwoche. Hunziker beschreibt, wie er mit Zusage der NZZ ein Interview mit einem populären Wissenschaftler führte. Als die NZZ das schriftliche Ergebnis ablehnte, bot es Hunziker Pontius und Pilatus an. Schliesslich erschien es, ohne Honorarabgeltung, im Tages-Anzeiger, im Bund und auf den jeweiligen Online-Plattformen. Hier stiess es, wie Hunziker schreibt, auf bemerkenswert grosses Interesse und stand im Klick-Ranking an der Spitze.

Für Freie gilt ein strengerer Massstab

Hunziker fragt sich, wie es komme, dass er als freier Medienschaffender einen Text, der offenbar bei Lesenden beliebt ist, bei Redaktionen nicht mehr unterbringe. Eine befreundete Kollegin erklärte es ihm so: «Die Festangestellten stehen unter Druck, müssen oft unterdotiert Zeitungsseiten abfüllen. Da kann es schnell passieren, dass Texte halbherzig geschrieben sind, fast nur aus Blabla bestehen oder sich zumindest nicht grandios lesen. Gleichzeitig haben Redaktionen für Freie kaum mehr Budget und überlegen es sich darum sehr gut, ob sie Geld in die Hand nehmen sollen und können. Kurz: Für Freie gilt ein strengerer Massstab.»

Eine interessante Analyse. Träfe sie zu, woran ich leider gar nicht zweifle, wünschte ich mir, die Massstäbe gälten gleichermassen auch für Festangestellte, oder ich wünschte mir in Zeitungen wieder mehr von Freien lesen zu können.

Sind Freie spezialisierter?

Nun werden die Freien kaum alle über einen Leisten zu schlagen sein. Viele werden einige Jahre in Redaktionen verbracht und sich dann aus bestimmten Gründen selbständig gemacht haben. Womöglich haben sie sich wie Lukas Hässig auf bestimmte Themenfelder spezialisiert – eine Eigenschaft, die in zentralen und konvergenten Redaktionen immer weniger gefragt ist. Fachredaktionen bei Zeitungen wurden abgebaut. Die Medienjournalist*innen sprangen über die Klinge, die Wissenschaftsjournalist*innen und vor nicht allzu langer Zeit die Kulturkorrespondent*innen der NZZ. Gebraucht werden, scheint’s, Allrounder. Und selbstverständlich kann die politische Korrespondentin vor Ort auch Opern besprechen, sollte ausnahmsweise mal Bedarf danach bestehen.

Was steht in Ihrem Buch?

Ich kenne die Situation als Kulturschaffender: Da erscheint ein neues Buch von mir. Statt einer Besprechung gibt’s (immerhin!) ein Porträt über mich. Doch die Journalistin oder der Journalist weiss nicht, was ich vor dem Buch geschrieben habe und hatte vielleicht nicht mal die Zeit, mein Buch ganz zu lesen. Also diktiere ich erst mal, was in dem Buch steht. Dann erzähle ich, was ich schon geschrieben habe, worum es mir bei meinem Schreiben geht und in welchem Verhältnis das neue Buch zu meinem bisher Geschriebenen steht. Wenn ich die Sätze gut ausformuliere, wird der Bericht anschliessend so sein, wie ich das möchte. Dann freuen wir uns beide. Im Kulturbereich könnte argumentiert werden, dass ja auch die Leserin oder der Leser in der Regel noch nichts von mir gelesen hat und froh ist über den unbefangenen Blick. Zumindest an anderer Stelle, in Bereichen der Politik oder der Wirtschaft, wird das Verfahren recht problematisch. – Und vielleicht hat ja der Erfolg von «Inside Paradeplatz» damit zu tun, dass die entsprechende Kompetenz in anderen Redaktionen mittlerweile fehlt.

Freie sind das Herz des Journalismus

Wenn heute über öffentliche und sogar direkte Medienförderung gesprochen wird, müsste an erster Stelle die Situation der Freien bedacht werden. Zu publizieren ist, wie oben erwähnt, einfach geworden. Es fehlt an Finanzierung und Aufmerksamkeit. Doch um politisch argumentieren zu können, bräuchte es Grundlagen: Wie steht es tatsächlich um die Freien? Wie hat sich ihre Situation in den letzten zwanzig Jahren verändert? Wie liesse sich ihre Position innerhalb des sich verändernden Mediensystems stärken? Was hiesse es, Journalismus direkt zu fördern, also die einzelne Journalistin, den einzelnen Journalisten, unabhängig vom publizierenden Medium?

Honorare und Konditionen von freien Medienschaffenden

Einen ersten Schritt in dieser Richtung hat nun der Verein «Junge Journalisten» unternommen. Mittels einer Online-Umfrage wurde versucht, Honorare und Konditionen von freien Medienschaffenden zusammenzustellen. 150 Einträge zu 47 Medien enthält die Datenbank derzeit und sie soll laufend erweitert werden. Schlüsse daraus ziehen lässt sich noch nicht wirklich. Die Unterschiedlichkeit der bezahlten Honorare ist gross, selbst innerhalb der Medienhäuser scheint es kaum verbindliche Ansätze zu geben. Zudem ist der geleistete Aufwand je Beitrag nicht leicht zu vergleichen. Zu erkennen ist immerhin, dass das empfohlene Mindesthonorar der Gewerkschaften (rund Fr. 500.- pro Tag) ganz selten bezahlt wird. Und wenn ich dann hochrechne, wie viele Texte jemand pro Monat schreiben und verkaufen müsste, um nur einigermassen über die Runden zu kommen, wird mir deutlich, dass das mit diesen Honoraren nicht geht. Dass Freie nur überleben können, wenn sie sich mit nicht-journalistischen Aufträgen querfinanzieren.

Der Ansatz der «Jungen Journalisten» müsste jetzt von Gewerkschaften und Medienwissenschaft aufgegriffen, vertieft und ausgewertet werden. Nichts gegen unablässige Selbstoptimierung der Freien, aber die Sache gehört aufs politische Parkett. Dazu braucht es Grundlagen und Argumentarium. Beides fehlt.

Ich wünschte mir, es würde am «Tag der Freien 2019» der Freien-Notstand ausgerufen. Weil Journalismus von Allroundern in Zentralredaktionen unserer föderalistischen, vielfältigen Gesellschaft nicht genügt.

«Tag der Freien 2019», 16. März 2019, Kulturhaus Helferei Zürich, 13:15 Uhr - 17:15 Uhr

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Er engagiert sich auch kultur- und medienpolitisch, ist Mitbegründer von Kunst+Politik und der Aktion Rettet-Basel.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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