Die traditionellen Medien brechen weg

Heinz Moser © hm
Heinz Moser / 25. Okt 2018 - Die Tagesschau findet unter Ausschluss der Jungen statt. Was das für herkömmliche Medien bedeutet, diskutierte der SRF-Medienclub.

Bedauernd und ratlos wurde im SRF-Medienclub vom 16. Oktober die Frage diskutiert, wie Fernsehen und der traditionelle Journalismus noch an die heutige Generation der Jugendlichen herangebracht werden kann. Hier lautet der Dreiklang der von ihnen genutzten Medien: Facebook, Instagram und Snapchat.

Das Desaster der Tagesschau

Vorbei sind also die Zeiten, als sich die Familien um halb acht vor dem TV versammelten und Jugendliche damit fast automatisch mit News umzugehen lernten. Aber auch viele Ideen, mit denen man in der Zwischenzeit Jugendliche zum Lesen von News animieren wollte, sind von der Zeit überrollt worden. Noch vor ein paar Jahren hatte die Tamedia mit der Übernahme von 20 Minuten scheinbar das grosse Los gezogen. Wer am Morgen nach Zürich pendelte, stand vor leeren Zeitungsboxen, in den Zügen stapelten sich die gelesenen und weggeworfenen Exemplare. Heute ist das passé: Zwar wird nach wie vor im Zug gelesen, aber nicht mehr in Zeitungen, sondern im Smartphone, wobei man alles andere um sich herum vergisst.

Wie die Experten in der Sendung erklärten, ist das lineare Fernsehen generell bei den Jungen nicht mehr gefragt. Sie schauen Sendungen auf den sozialen Medien, auf Facebook oder Instagram – doch der herkömmliche Programmnutzer verschwindet immer mehr. Vielleicht schaut er sich gerne einmal einen Spielfilm auf dem grossen Screen an. Das ist aber schon fast alles.

Die Jüngsten und Alten tragen das traditionelle Fernsehen noch

Allerdings ist dies etwas einseitig gesehen. Bei Kleinkindern funktioniert das Fernsehen mit den bekannten Kinderserien noch am besten, und die Senioren können dem traditionellen Fernsehen noch am meisten abgewinnen. Doch es steht zu befürchten, dass auch dies ein Auslaufmodell ist. Auch wir älteren Erwachsenen ertappen uns oft dabei, dass wir Informationen von YouTube oder Facebook beziehen – oder News mit Google im Internet suchen.

Der Service public braucht das Internet als Vermittlungsmedium

Mit diesen neuen Gewohnheiten der Jugendlichen stellt sich aber auch die Frage des Service Public nochmals neu. Vor wenigen Jahren wollten ja die privaten Verleger möglichst verhindern, dass SRF auch breite Internetangebote aufbaut. Stattdessen sollte sich SRF auf die «Kernaufgaben» des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beschränken. Das wird kaum mehr möglich sein, wenn die jungen Generationen kaum mehr Fernsehen schauen, sondern alle Inhalte über das Netz und die sozialen Medien beziehen. Ohne eine starke Internetpräsenz wird kaum möglich sein, was die neue Fernsehkonzession fordert – nämlich Inhalte, Formate und Technik so aufzubereiten und zu verbreiten, wie es den Mediennutzungsgewohnheiten der jungen Zielgruppen entspricht.

Neue Aufgaben der Medienpädagogik

Aus dieser Perspektive blieb der Medienclub ratlos und wenig erhellend. Die Sendung machte lediglich deutlich, dass die alten Mittel der Medienverbreitung nicht mehr weiterführen. Auch die Frage, wie die starken visuellen Bedürfnisse der Jungen mit hochwertigen Qualitätsmedien zu vermitteln seien, blieb weitgehend im Nebel stecken. Gesponserte Werbesendungen, «Paid Post» und «objektive» News noch auseinanderzuhalten wird deshalb eine der wichtigsten Aufgaben einer zukünftigen Medienpädagogik sein.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war Professor für Medienpädagogik an der Uni Kassel und an der PH Zürich.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Medien: Trends und Abhängigkeiten

4 Meinungen

Ich habe ein gewisses Verständnis für die Jungen - sie (und inzwischen halt auch sehr viele meiner älteren Generation) haben ihr Smartphone bei sich und gehen über die Quellen, mit denen sie bereits bestens vertraut sind. Ich kann mich auch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal die Tagesschau angeschaut habe. Persönlich *lese* ich meine Nachrichten lieber als dass ich sie sehe und höre. Daraus folgt, dass ich sie kaum am Fernsehen verfolge, eher noch im Radio.
Ich mag meine Online-Zeitungen. Dafür bin ich auch bereit, ein Abo zu lösen, denn bei einem Monats-Abo-Preis von unter 10 Franken kann ich mir das mehrerer Zeitungen leisten. Ein Papier-Abo kostet mich zu viel, um dann noch andere kaufen zu können.
Für mich liegt die Zukunft ganz klar in den elektronischen Medien. Einfach zu handhaben, vielfältig, durchaus nicht alles dieser konforme Brei, den einem Zeitungen hier in der Schweiz zum grossen Teil vorlegen.
Marianne Mäder, am 25. Oktober 2018 um 11:46 Uhr
Sorry aber ich habe nach einem 12h Tag keine Lust mir in 5 min ein Thema über zum Beispiel den Syrienkrieg anzuschauen. Am nächsten Tag weiss ich sowieso nichts mehr davon und verstanden habe ich nach 5 min ganz sicher nichts.Tagesschau ist für Menschen die nicht selber nach Fakten suchen möchten sondern einfach das glauben was ihnen vorgetischt wird.

Um mich über den Syrien Krieg zu informieren habe ich mehrere Stunden Artikel von komplett verschiedenen Medien gelesen (Ja da liest man auch mal bei Russia Today nach oder anderen Medien die bei uns kaum vertreten sind)
, längere Interviews geschaut, Bücher lesen etc, etc. Wer sich wirklich seine eigene Meinung bilden will der muss sich mit dem Thema intensiv beschäftigen. Alles andere ist einfach nur Glaube an das was aus der viereckigen Box kommt.
Philipp Schüpbach, am 25. Oktober 2018 um 15:55 Uhr
Immer wieder witzig wenn Medienclub oder Club diskutieren. Da wimmelt es von ExpertenInnen, nur die «Besprochenen» sind nicht vertreten. Club kürzlich, 1 Jahr #MeToo, die üblichen «Verdächtigen anwesend, M. Binswanger, Thementrittbrettfahrerin, Esther Girsberger, verkärpert die reife und bedächtige Frau, Melanie Winiger, ehemalige Miss Schweiz, Jürg Acklin, sogar nach 1 Jahr #MeToo noch befreiter und ein Singlecoach, hilfreicher Engel für frustrierte Männer. Nur, eine, oder ein/e Betroffene/r war nicht anwesend. Auch der Medienclub, «Zielgruppe» nicht anwesend. Diese Diskussionen ohne Zielgruppen sind Glashaus-Geplapper und wenig hilfreich. Aber das ist das grosse Problem des Journalismus, vielfach werden die Zielgruppen nicht mehr erreicht, vielleicht noch durch bezahlte Influencer oder überschätzte Blogger!
Victor Brunner, am 26. Oktober 2018 um 10:11 Uhr
Leider haben die öffentlich-rechtlichen Medien durch ihre Unterordnung unter Agenda-Politik von Lobbyorganisationen, transatlantische Netzwerke und Nato-Exzellenzzentren, als angepasster Boulevardjournalismus, auch alle moralische Autorität verloren. Von der Euro-Krise, die durch Aufkaufen sich unverantwortlich spekulierender Banken zur Staatenkrise wurde und das Prinzip privater Profite und öffentlicher Risiken durchsetzte, über das soziale Elend nach neoliberalem Kahlschlag im Süden und Osten Europas, aggressive Nato-Osterweiterung und Verwandlung der EU in ein Vehikel der Nato, die Rolle der USA bei dem Staatsstreich in der Ukraine und die US-orchestrierte Konfrontationspolitik gegen Russland, US-Drohnenmorde, völkerrechtswidrige Angriffe der USA und Nato in Syrien - überall statt sachlicher Recherche und Berichterstattung die Propagierung nur eines hegemonialen und bruchstückhaften Narrativs.

Pluralismus? Fehlanzeige. Zweifel, die demokratische Kerntugend, wird wieder unisono verschrien. Eine Politik, die unsere Gesellschaften innen, auf EU-Ebene und im Verhältnis zu Russland gespalten und in kriegerische Spannung getrieben hat, wird nach wie vor als «alternativlos» propagiert.

Was kümmert es da, ob die Jugendlichen Tagesschau anschauen oder nur läppische Youtube-Videos? Was schadet denn mehr?

Die Demokratie stirbt in Euopa. Und die Medien? Sie werben vergeblich um die subalterne Haltung des «Vertrauens». Adorno war gestern; heute wirbt man für subalternes «Vertrauen».
Anja Böttcher, am 30. Oktober 2018 um 21:22 Uhr

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