Die alte Tante und der reiche Russe

Kurt Marti © ktm
Kurt Marti / 15. Feb 2018 - Ein russischer Milliardär füttert das NZZ-Filmfestival, aber von einer Beeinflussung will die NZZ nichts wissen.

Als die NZZ-Mediengruppe im August 2016 die Aktienmehrheit der «Zürich Film Festival AG» übernahm, warf die «Bilanz» medienpolitische Fragen zur journalistischen Unabhängigkeit auf.

Auch Seraina Rohrer, Leiterin der Solothurner Filmtage, sah die künstlerische Freiheit des «Zürich Film Festival» (ZFF) gefährdet und sie fragte gegenüber SRF: «Wie glaubwürdig ist die Festival-Berichterstattung der NZZ noch?»

Fragen zur journalistischen Unabhängigkeit der NZZ gibt es nicht nur in Bezug auf den Film-Journalismus, sondern auch im Hinblick auf einen jahrelangen Sponsor des ZFF, nämlich den russischen Multi-Milliardär Suleyman Kerimov beziehungsweise seiner «Suleyman Kerimov Foundation» (Kerimov-Stiftung) mit Sitz in Luzern.

Seit 2010 unterstützt die Kerimov-Stiftung das ZFF, beispielsweise im Jahr 2016 mit 500‘000 Dollar. Präsidiert wird die Kerimov-Stiftung vom Luzerner Treuhänder Alexander Studhalter, dessen Bruder Philipp Studhalter Präsident des FC Luzern ist und ebenfalls im Vorstand der Kerimov-Stiftung sitzt.

16 Zeilen über Kerimovs Verhaftung

Kerimov, dem Putin einen Verdienst-Orden verliehen hat, wurde im November 2017 in Südfrankreich wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und Geldwäscherei verhaftet, worauf der Kreml dessen sofortige Freilassung verlangte. Auf Kaution kam er frei. Er bestreitet die Vorwürfe der französischen Justiz.

Während die meisten Schweizer Print- und Online-Medien ausführlich über die Verhaftung des Oligarchen Kerimov berichteten, gab sich die Printausgabe der NZZ auffallend sparsam und begnügte sich mit einer dpa-Miniatur-Meldung von 16 Zeilen erst zwei Wochen nach Kerimovs Verhaftung. Knappe 20 Zeilen lieferte NZZ online direkt nach der Verhaftung.

Zwei Monate später wurde auch Kerimovs Freund und Geschäftspartner Alexander Studhalter in Südfrankreich festgenommen. Diese Verhaftung findet in der Printausgabe der NZZ keine Erwähnung. Nur NZZ online berichtete darüber mit einer dpa-Meldung. Wie Kerimov bestreitet auch Studhalter die Vorwürfe der französischen Justiz.

NZZ-Redaktion: «Reichlich bizarr» und «absurd»

Die Frage liegt auf der Hand: Hat die sparsame Berichterstattung der NZZ über Kerimov damit zu tun, dass die NZZ die Aktienmehrheit des Zürcher Filmfestivals erworben hat und dieses jährlich mit 500'000 Franken von der Kerimov-Stiftung unterstützt wird?

Das wollte Infosperber von der NZZ-Redaktion wissen. In seiner Antwort weist der NZZ-Auslandredaktor Andreas Rüesch eine solche Vermutung «in aller Form zurück». Das sei «reichlich bizarr».

Desgleichen der NZZ-Wirtschaftschef Peter A. Fischer. Er findet eine solche Vermutung «absurd» und fügt hinzu, «dass die Wirtschafts- und Auslandredaktion mit der Berichterstattung über einzelne Schritte in ausländischen Kriminalfällen generell zurückhaltend ist, sofern sich daran nicht wichtige politische oder ökonomische Entwicklungen festmachen lassen».

2016: Kein einziger NZZ-Artikel über Kerimov

Ein Blick ins NZZ-Archiv zeigt: So sparsam und zurückhaltend war die Berichterstattung der NZZ über den Oligarchen Kerimov nicht immer: In den Jahren von 2010 bis 2015 berichtete die Printausgabe der NZZ insgesamt 33-mal über Kerimovs finanzielle Aktivitäten. Allein im Jahr 2013 zwölfmal.

Was auffällt: Im Jahr 2016, als die NZZ das «Zürich Film Festival» kaufte, erschien kein einziger Artikel über Kerimov in der NZZ, weder print noch online. Das ist umso erstaunlicher, als Kerimov im Sommer 2016 prominent in den Panama Papers auftauchte und dies zu ausführlicher Berichterstattung in Schweizer und internationalen Medien führte.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Kritik von Zeitungsartikeln

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.