Kontertext: Boulevard der Scheinheiligkeit

Matthias Zehnder © mz
Matthias Zehnder / 20. Nov 2019 - Wie an der Story weitergedreht wird.

Letzte Woche hat der «Blick» mal wieder richtig auf die Pauke gehauen: «Mann stirbt in Sendung von Mona Vetsch», titelte das Boulevard-Blatt. Nach der Schlagzeile liefen die Drähte im Internet heiss. «SRF zeigt Mann beim Sterben – scharfe Kritik» titelte «Bluewin.ch», die «bzBasel» titelte: «Heftiges Reality-TV in Basel: Mann stirbt bei Dreharbeiten von SRF». So eine Meldung verspricht Boulevard vom Feinsten: Ein Toter, das Fernsehen, eine Fernsehprominente – was will man mehr. Der «Blick» jubelte: «Hautnah dabei beim Todeskampf»!

Entsprechend heftig drehte sich die Kommentar- und Meinungsspirale in der Schweiz und sogar darüber hinaus. Die «Aargauer Zeitung» hob den Zeigefinger: «Man darf niemanden beim Sterben zeigen». Sie liess dabei Maz-Chef Diego Yanez zu Wort kommen – allerdings nicht als Maz-Chef: «Ex-SRF-Chef übt scharfe Kritik am Fernsehen» liest sich natürlich viel besser. Der «Tages-Anzeiger» gab sich etwas zurückhaltender: «Medienethiker kritisieren SRF für Sterbeszene», schrieb der «Tagi» – und mit ihm die übrigen Tamedia-Blätter. Auch «Watson», sonst nicht zimperlich, war sich sicher: «Der Tote hätte nicht gezeigt werden dürfen». Und selbst das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus» fragte: «Darf man das? Schweizer Fernsehen zeigt Toten in Reality-Doku – das sagen Experten» – offenbar war ein Toter auch den Deutschen etwas zu viel Realität im Reality-TV.

All den Kommentaren war allerdings gemeinsam, dass sie geschrieben wurden, bevor die «Sterbeszene» ausgestrahlt wurde. Im Fernsehen nahm sich das Ganze deutlich harmloser aus, als es die Schlagzeilen vermuten liessen. Mona Vetsch hatte die Basler Berufsfeuerwehr bei einem Einsatz begleitet. Die Feuerwehrleute mussten einen Mann aus einer WC-Kabine befreien. Der Mann hatte einen Herzstillstand und konnte nicht mehr reanimiert werden. Zu sehen war der Mann auf dem Sender nie. Wenn er ins Bild kam, wurde er verpixelt. Zu sehen waren vor allem die Reaktionen von Mona Vetsch und der Feuerwehrmänner. Selbst die nüchterne «NZZ» befand, das sei ein «gangbarer Weg», um das Thema zu bearbeiten: «Der Körper des Mannes ist nicht sichtbar, ebenso wenig sein Sterben. Zudem erhält das Publikum keine Informationen zur Identität des Opfers. Zur Sprache kommt aber, wie die Journalistin und die Feuerwehrleute mit Todesfällen umgehen», konstatiert die «NZZ».

Warum dann die ganze Aufregung? Ganz einfach: weil es sich lohnt. Die allermeisten Medien sind online heute werbefinanziert. Das bedeutet: Sie brauchen Reichweite auf Teufel komm raus. Klicks und Views, noch besser viele Kommentare, das bringt lange Verweilzeiten. Mit anderen Worten: Die allermeisten Medien setzen heute online auf Boulevard auf Teufel komm raus.

Was ist Boulevard? Die einfachste Definition lautet: Inhalte, die einen nach Luft schnappen lassen, weil sie so empörend/unglaublich/entsetzlich sind. Boulevard funktioniert damit noch genau so, wie damals, als er erfunden wurde. Im deutschsprachigen Raum war das 1904: Damals überarbeitete Louis-Ferdinand Ullstein, der Sohn des Verlagsgründers, das Konzept der «Berliner Zeitung», die seit 1878 im Ullstein Verlag erschien. Nach dem Vorbild US-amerikanischer Zeitungen machte Ullstein Junior aus der «Berliner Zeitung», die wie jede vernünftige Abo-Zeitung bis dahin am Morgen und am Abend erschienen war, eine Kaufzeitung, die nur noch einmal am Tag erschien: am Mittag. Sie nannte sich deshalb «B.Z. am Mittag». Die Mittagszeitung wurde ausschliesslich von Zeitungsjungen im Strassenverkauf abgesetzt. Rund 2000 Jungen verkauften das Blatt jeden Tag. Sie schrien «Bezett!» und riefen einzelne Schlagzeilen aus. Passanten mussten in Sekunden, nach einem Blick auf die Frontseite, entscheiden, ob sie das Blatt kaufen wollten. Der Erfolg der Zeitung hing also davon ab, dass jeden Tag ein, zwei Geschichten auf der Frontseite standen, die einen Passanten dazu brachten, die Geldbörse zu zücken. Die «B.Z. am Mittag» setzte deshalb auf Sensationen, die die Passanten dazu brachten, scharf Luft zu holen und zum Geld zu greifen. Weil die Zeitungen übrigens in Berlin vor allem auf jenen Strassen verkauft wurden, auf denen es am meisten Menschen hatte und weil das in Berlin die grossen Boulevards waren, kamen die Strassenzeitungen zu ihrem Namen: Boulevardzeitungen.

Heute muss niemand mehr die Geldbörse zücken, wenn er wissen will, was hinter der Schlagzeile in der «Strassenzeitung» steckt: Man muss nur noch klicken. Das ist aber auch der einzige Unterschied. Inhaltlich funktioniert die Sache immer noch genau gleich: Skandal, Empörung, scharf Luft holen – und kaufen/klicken. Der grosse Unterschied zu 1904 ist: Heute funktionieren fast alle Zeitungen so.

Dass der «Blick» Boulevard macht – geschenkt. Der «Blick» ist eine Boulevardzeitung und will nichts anderes sein. Dass aber «Tages-Anzeiger», «Aargauer Zeitung» und mit ihnen alle Zeitungen aus dem Tamedia- und dem CH-Media-Verbund ebenfalls auf die Boulevard-Pauke hauen, das ist die reine Scheinheiligkeit. Die Zeitungen schreien «Skandal», weil das Fernsehen Quote mit einem Toten machen wolle – und versuchen auf diese Weise, mit ebendiesem Toten Klicks zu machen. Es ist scheinheilig, weil die scheinbar ach so moralische Empörung (Stichwort: Medienethiker) über den Fall nur deshalb so breit ausgewalzt wird, weil die Empörung Klicks bringt. Die Onlinezeitungen konterkarieren damit die hehren journalistischen Absichten, welche ihre Verleger immer wieder äussern. Dieselben Verleger, die hüben auf die Boulevard-Pauke hauen, machen drüben nämlich die hohle Hand und wollen für ihren demokratiepolitisch wertvollen Einsatz jetzt doch Subventionen.

Statt dem «Blick» in Sachen Boulevard hinterherzuhöselen, würden sich die Zeitungen gescheiter um mehr Substanz in ihrer Berichterstattung kümmern. Das Original holen die Zeitungen von Tamedia und CH-Media sowieso nicht ein. Denn Boulevard ist, wenn man die Story immer weiterdreht. Nach den medienethischen Vorwürfen ans Fernsehen machte der «Blick» nämlich publik, dass es sich bei dem Toten um einen C-Promi handelt, der auch schon auf SRF zu sehen war. Die Zeitung veröffentlichte Namen und Foto des Verstorbenen («Das ist der Tote aus der SRF-Sendung») – natürlich nur, um dessen Schwester zu Wort kommen zu lassen: «Es macht mich sprachlos, dass SRF so etwas zeigt.» Erfolg: Die beiden Artikel waren am Montag die Nummer 1 und 3 auf der «Blick»-Liste der meistgelesenen Artikel. Boulevard funktioniert. Scheinheilig ist es trotzdem.

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    Matthias Zehnder ist freier Publizist, Medienwissenschaftler und Berater (Medienkonzeption) in Basel. Er ist Vorstandsmitglied der SRG Region Basel und betreibt unter www.matthiaszehnder.ch einen Medienblog.

      Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Robert Ruoff, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Matthias Zehnder.

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    3 Meinungen

    Auf der Jagd nach dem totalen Profit unserer Zeit wird alles zum Boulevard. Viel Lärm vor selten Qualität. Die Architektur der neu erstellten Blocksiedlungen in der Agglomeration und im Zentrum der Städte ist frei vom gestalterischen Entwurf. An Hässlichkeit kaum zu überbieten. Die Behörden lobpreisen dafür die gelungene Verdichtung. Sie wollen gehört werden. Klick. Wie die Wissenschaft. Klick. Mal fördern die Tomaten den Krebs, dann wieder nicht. Mal ist Cholesterin schlecht, dann wieder eher weniger. In der Pädagogik das Gleiche. Schulleiter brüsten sich mit Jahrgangs übergreifenden Klassen. Einen Mehrwert des Lernens haben sie nicht. Lokalpolitikerinnen posaunen den «Fortschritt» trotzdem in die Gemeinde weil «innovativ». Und wegem Klick. Das WEF in Davos inszeniert sich vordergründig als Weltenretter auf allen Kanälen, lädt aber kritische Journalisten aus (WoZ). Blufft mit seinen hochkarätigen Gästen, die in den letzten 50 Jahren wegem Profit das Klima und die Umwelt beschädigten. Das WEF will seine kontrollierten Klicks. Seit vier Jahren bin ich Rentner. So lebt sichs nun ziemlich klicklos. Nur die Nachhaltigkeit ist am Schwinden.
    Ruedi Beglinger, am 20. November 2019 um 12:28 Uhr
    Am 2. November publizierte NZZ-Wirtschaftsredaktor Thomas Fuster mit Rückgriff auf den Ultraliberalen Milton Friedman einen Leitartikel unter dem Titel «Im Morast der Moral». Das Management von Unternehmen solle keine anderen Ziele verfolgen, als den Eigentümernutzen zu steigern. Nur dieses Ziel ist messbar. Andere Ziele z.B. im Sinne der Corporate Social Responsibility sind nicht messbar und führen demzufolge in den Morast. In derselben Ausgabe vom 2.11.2019 dann der Kommentar des Medienredaktors Rainer Stadler zum Fall «Carlos», dessen tragische Negativspirale mit einem Film im Fernsehen SRF und dann erst recht der Stimmungsmache im «Blick» begann. Stadler: «Diesen Film hätte man nicht zeigen sollen». Hat das Management von SRF und Blick also Fehler gemacht? Nein, sie haben Einschaltquoten und Leserzahlen nachhaltig (wirksam noch nach 6 Jahren!) gesteigert, das Beste, was die Eigentümer dieser Medien erwarten dürfen. Das Management ist dem Morast entkommen. Dort gelandet ist «Carlos». Kollateralschaden halt. Dass nicht nur Blick und Fernsehen sich rein Einschaltquoten- und Klickzahlen-roentiert verhalten, sondern auch die mehr oder weniger «gehobene» Presse, zeigt Matthias Zehnder sehr schön. (Übrigens: mein diesbezüglicher Leserbrief wurde von der NZZ nicht abgedruckt.)
    Matthias Wiesmann, am 20. November 2019 um 15:44 Uhr
    Nachdem ich die Sendung gesehen habe ist für mich klar: Da wurde aus einer Mücke ein Riesen-Elefant gemacht. Als Zuschauer sah man einfach Hosenbeine am Boden. Keine Rede davon, dass man einem Mann beim Sterben zusehen konnte. Das war sauberer Journalismus. Nicht aber der Umstand, dass der Blick dann noch ein öffentliches Interesse an der Namensnennung erfunden hat. Nur weil Schweiz Aktuell einmal vor vielen Jahren über diesen Mann berichtet hatte ist noch lange kein Promi – weder ein C- noch ein Z-Promi. Er wurde damals einfach wegen seiner aussergewöhnlichen Lebensweise als Einsiedler im Wald porträtiert. Ich kann mich zwar noch an diesen Beitrag aber keinesfalls mehr an den Mann erinnern.
    Ueli Custer, am 20. November 2019 um 17:07 Uhr

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