kontertext: «Keine Angst vor rassistischen Philosophen!»

Martina Süess © cc
Martina Süess / 07. Okt 2020 - ... findet Barbara Bleisch. Warum sie fast recht hat, was sie vergisst und wo sie irrt.

Wie gehen wir heute damit um, dass grosse Denker wie «Kant, Voltaire, Hegel und Co.» Schriften verfasst haben, die «gespickt sind mit sexistischem, rassistischem oder antisemitischem Gedankengut»?, fragt die Philosophin Barbara Bleisch in ihrer Kolumne im Tagesanzeiger. Ihre Überlegungen regen zum Nachdenken an. Und zum Ergänzen. Und zum Widerspruch.

Rassismus als Abfallprodukt der Aufklärung

Die erste Frage, die Bleisch stellt, ist rhetorischer Art: Sollen die Texte vom Lehrplan gestrichen werden? Nein, findet Bleisch, denn sie enthalten auch jene Ideen, «die für die Verteidigung von Gleichheit, Menschlichkeit und Toleranz prägend sind und waren». Das stimmt. Doch sollen wir historische Texte nur lesen, wenn sie unsere heutigen Werte propagieren? Bestimmt nicht. Die Widersprüchlichkeit dieser Texte ist bezeichnend für die Ideen der Aufklärung. Gerade deshalb müssen wir sie ergründen. Misogynie, Rassismus und Antisemitismus sind keine zufälligen Entgleisungen dieser Autoren, sondern blühen im Licht der Aufklärung erst richtig auf. Sie sind Produkt – oder Abfallprodukt – jener Erzählung, die vom «Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit» berichtet, wie es Kant in seiner Abhandlung «Was ist Aufklärung?» von 1784 formuliert.

Kants Text gilt bis heute als Grundlage des aufgeklärten Denkens. Auch Bleisch beruft sich darauf, wenn sie uns heute dazu ermahnt, selbst zu denken, anstatt «gedankenlos mitzutrotten»: «Selbstverschuldete Unmündigkeit hat – und da zitiert man dann doch gern den alten Kant – ihren Grund nicht in einem Mangel an Verstand oder Wissen, sondern in der Angst davor, frei zu denken ohne Verweis auf Autoritäten.» Ohne Zweifel: Es ist absolut erstrebenswert, frei und mutig zu denken, als mündige Persönlichkeiten selbstbestimmt zu leben und Autoritäten zu hinterfragen. Doch wir müssen verstehen, wie das Postulat der Aufklärung in den kolonialen Kontext seiner Entstehungszeit eingebettet ist und welche problematischen Denkmuster es in unsere Gegenwart einschmuggelt.

Die gespaltene Menschheit

Die Idee der europäischen Aufklärung ist im eigentlichen Sinn ein «Narrativ» mit einer Dramaturgie: Aufklärung heisst, dass die Menschheit eine dramatische Veränderung erfährt und von einem Zustand in einen anderen Zustand übergeht. Der Mensch um 1784 befindet sich laut Kant genau an diesem Wendepunkt. Genauer: Die Menschheit spaltet sich. Die einen haben diese Schwelle gerade überschritten und eine höhere Stufe menschlicher Reife erreicht. Die anderen verharren noch im unterentwickelten Zustand. Laut Kant sind das nicht wenige: «Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben.»

Das Narrativ der Aufklärung führt also zu einer Differenz zwischen den Aufgeklärten und den (noch) nicht Aufgeklärten, denn es muss ja auch die Ausgangslage beschreiben, die überwunden werden soll. Es ist wenig überraschend, wie diese zwei Gruppen ausgemalt werden: Das «wir» ist männlich und europäisch. Das «sie» hingegen wird zur Projektionsfläche für alles, was als vormodern und somit als «wild», «irrational», «kindisch» und «animalisch» etikettiert wird. Genau hier entstehen jene Ungeheuer, die uns heute plagen, wenn wir die Ideen der Aufklärung – Toleranz, Gleichheit, Vernunft – tatsächlich umsetzen wollen.

Barbaren und Kannibalen

Ein gutes Beispiel für einen Text, der ohne hetzerische Absicht rassistische Denkmuster hervorbringt, ist die Streitschrift «Aufklärung ist ein Bedürfnis des menschlichen Verstandes» von Andreas Riem, einem Zeitgenossen von Kant. Auch er träumt von einer aufgeklärten Menschheit. Allerdings zeigt er uns etwas genauer, wie man sich jene, die noch im Zustand der selbstverschuldeten Unmündigkeit verharren, vorzustellen hat: «Wenn der Irokese den Huronen an einem Pfahle bei langsamem Feuer bratet, die Weiber ihm die Länge nach und langsam Striemen von Fleisch aus dem Leibe schneiden, die Nägel an Händen und Füssen mit langsamen Martern abreissen, und wenn sie ihn tagelang gequält haben, sich Vorwürfe machen, dass er zu früh ihren Martern unterlag: – was würde man dem wilden barbarischen Volk Besseres wünschen können als – Aufklärung?»

Andere Szenarien erzählen von «barbarischen Haufen» an den «Küsten von Afrika». Sie werden hier nicht zitiert, weil sie so blutig und rassistisch sind, dass sie aus heutiger Sicht lächerlich wirken. Diese Szenen sollte man im Kontext des gesamten Textes lesen. Dann wird ersichtlich, dass Riem kein stumpfsinniger Rassist ist, sondern die «Rechte der Menschheit» propagiert. Dass er dabei ein Weltbild mitbegründet, das es für uns spätere Generationen so schwierig macht, die Idee der Menschenrechte zu verwirklichen, ist die traurige Paradoxie der europäischen Aufklärung. Das Hauptproblem ist nicht, dass die Aufklärung zutiefst eurozentrisch angelegt ist, sondern «dass man in der Aufklärung die Idee einer universellen Menschheit nicht zu denken vermochte, ohne zugleich seine Exklusionsfigur – den Barbaren, den Kannibalen – ins Spiel zu bringen», wie der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke schreibt.

Lästige Heimsuchung

Diese Exklusionsfigur sucht uns heute heim. Nicht nur dort, wo rassistische, sexistische und antisemitische Ressentiments gepflegt werden. Auch immer dann, wenn eine Differenz gezogen wird zwischen «uns», die wir selber denken, und «ihnen», die sich von fragwürdigen Autoritäten und dummen Ideen blenden lassen. Die Unterscheidung zeigt sich häufig in der Wortwahl der Politik und der Presse: Während «wir» uns als mündige, vernünftige Bürgerinnen und Bürger von guten Argumenten überzeugen lassen, werden «sie» von willkürlichen Behauptungen manipuliert.

Laut NZZ begründete Verteidigungsministerin Viola Amherd einen Tag nach der Abstimmung die extrem knappe Annahme der Kampfjet-Vorlage damit, dass sie «die Wichtigkeit der Vorlage nicht genug erklärt» habe. In derselben Zeitung las man an anderer Stelle, es sei eben nicht gelungen, durch gute Argumente «die Behauptungen des politischen Gegners zu überstrahlen». Auch im Kampf gegen rechte Gewalt wird oft argumentiert, die Leute liessen sich aufhetzen, weil sie zu wenig informiert seien. Man setzt auf Aufklärung und Bildung und vergisst, dass Politik ein Kampf unterschiedlicher Interessensgruppen ist, deren Differenzen nicht in jedem Fall durch Aufklärung überwunden werden können. (Was nicht bedeutet, dass die Interessen in jeden Fall legitim sind.)

«Kinder ihrer Zeit»

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der bedacht werden muss: Narrative entwickeln sich gewöhnlich in eine Richtung und führen auf ein bestimmtes Ende hin. Dieses Ende ist im Anfang einer Geschichte bereits angelegt. In der Erzähltheorie spricht man von «Transformation»: Wir empfinden eine Erzählung als abgeschlossen, wenn eine bestimmte Art von Veränderung stattgefunden hat. Nicht irgendetwas muss sich ändern, sondern das, was in der Anfangssequenz als Problem, als Defizit oder als Aufgabe formuliert wurde, muss aufgelöst werden. Dieser Fluchtpunkt organisiert die Erzählung. Auch das Narrativ der Aufklärung zielt auf eine Transformation hin. Das Happy End heisst: Erkenntnis. Die Aufklärer haben sich selbst und ihre Leser bereits an diesem privilegierten Ort vorgestellt: Sie haben den Überblick und bewerten vom Ende her den Rest der Menschheit.

Interessanterweise wiederholt Bleisch diese erzählerische Logik: Auch sie setzt sich – und uns – ans Ende der Geschichte. Ihre zweite Frage lautet: Wie gehen wir mit den Autoren dieser Texte um? Sollen wir ihre Denkmäler stürzen? Oder sind sie unschuldig, weil sie «Kinder ihrer Zeit» waren? Dabei geht es Bleisch nicht um die Beurteilung der Philosophen, sondern um einen moralischen Appell an uns. Ihre Pointe: «Die Ausrede, wir seien Kinder unserer Zeit gewesen, wird uns die nachfolgende Generation im Rückblick nicht durchgehen lassen. Mag sie für verflossene Denker punktuell noch gelten – für uns sicher nicht mehr.»

Klüger als Kant?

Sind wir heute wirklich klüger als Kant? Können wir unser eigenes Denken besser kritisch hinterfragen? Sind wir auf einer höheren Stufe der Erkenntnis angelangt? Wohl kaum. Mag sein, dass wir in einer Zeit leben, in der «vieles gewusst und sehenden Auges hingenommen wird», einer Zeit, in der «eine Vielfalt an Autoritäten spricht und wir sorglos selber denken dürfen.» Doch zu glauben, dass das, was wir heute wissen, der Weisheit letzter Schluss ist, ist falsch. Auch wir sind Kinder unserer Zeit. Auch unser Denken ist begrenzt.

Um sich der blinden Flecken der eigenen historischen Position bewusst zu werden, reicht es nicht aus, «den Zeitgeist – oder neudeutsch: Mainstream – zu hinterfragen», wie Bleisch vorschlägt. Es braucht auch ein Bewusstsein für die eigene unlösbare Verstrickung in diesen Zeitgeist. Und es braucht eine sorgfältige, kritische Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe, aus dem wir unsere heutigen Werte schöpfen. Das heisst: Wir müssen uns damit auseinandersetzen, warum gerade die Aufklärung diese Ungeheuer hervorbringt. Nur dann können wir Diversität, Inklusion und Gleichstellung in unserer Gesellschaft tatsächlich fördern. Deshalb ist die kritische Auseinandersetzung auch mit rassistischen Frauenverachtern unbedingt zu empfehlen!

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    Martina Süess ist Literaturwissenschaftlerin und Autorin des Buches „Führernatur und Fiktion. Charismatische Herrschaft als Phantasie einer Epoche". Sie arbeitet als Dozentin und Journalistin.

      • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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    12 Meinungen

    Frau Süess legt nur ungenügend dar, warum «gerade die Aufklärung diese Ungeheuer hervorbringt.» War es im Mittelalter wirklich besser? War das Bild von den Arabern, mit welchem man die Kreuzzüge rechtfertigte, edler und differenzierter? Haben nicht schon die alten Griechen den Begriff des Barbaren erfunden?
    Ausserdem frage ich mich manchmal, warum so selten thematisiert wird, dass auch Karl Marx ein Rassist und Judenhasser war.
    Daniel Heierli, am 07. Oktober 2020 um 12:30 Uhr
    Vielen dank für diese interessanten Gedanken.

    Aus meiner Sicht ist die Aufklärung etwas anderes, als sie vorgibt zu sein. Die Aufklärung versachlichte den vorherigen, beseelten Menschen. Aus göttlichen Wesen wurde Haut und Knochen. Der Mensch, ja das Leben an sich, zum determinierbaren Objekt. Erst diese Versachlichung vom Leben, gab die moralische Legitimation für das industrielle Ausbeuten eben jenes. Darwinismus, Rationalität (welcher in diesem Zusammenhang eigentlich ein Euphemismus für Opportunität ist) und Marktradikalität zersetzte die Familien, Dörfer und Sippen in abhängige und leicht zu kontrollierende Individuen. Weiter erlaubte sie, die westliche Zivilisation als die einzig richtige, weil rational und human, anzuerkennen wonach es folgerichtig und sogar moralisch notwendig ist, andere Kulturen zu zerstören um nach dem Prinzip tabula-rasa die nun entfremdeten Menschen einzuverleiben in das Prinzip der westlichen Wertegemeinschaft. Es ist nicht so, dass Kant und Co dem damaligen, chauvinistischen Zeitgeist unterlagen, sie bildeten ihn wesentlich mit und er hat bis heute bestand. Im Alltag lässt sich dieses Denkmuster leicht erkennen an Intellektuellen, die vom kategorischen Imperativ philosophieren, währen sie gleichzeitig abschätzig über Leute reden, die «niedere» Arbeit vollbringen. Oder an Menschen, die Menschenrechte fordern, es aber völlig in Ordnung finden, wenn Familien vor Europa unter wiedrigsten Umständen regelrecht in Lager gehalten werden.
    Stöckli Marc, am 07. Oktober 2020 um 17:52 Uhr
    Das Konzept, Leute auszusortieren weil sie alte weiße Männer oder Rassisten oder sonstwas schlimmes sind hat mehrere Vorteile. Man kann sich ohne viel Eigenleistung als moralisch überlegen positionieren, widmet sich nur Zielen die sich nicht groß wehren, hantiert nur mit Wörtern und Bildern aber nicht groß mit Taten - das wichtigste aus Sicht der Obrigkeiten: man stört nicht beim Tagesgeschäft. Formulierungen werden angeprangert die frauenfeindlich, rassistisch oder nicht korrekt gegendert sind …während eine Ecke weiter Frauen (und andere) ungestört bombardiert oder ausgehungert werden können. Nichts wird gerechter, wenn man es nur anders benennt. Eine Wahrheit wird nicht schlechter, wenn daneben eine Lüge steht. Solange ihr eins vom andern unterscheiden könnt.
    Frans Stummer, am 08. Oktober 2020 um 08:41 Uhr
    Dank Ihrem kontertext werden mir Frau Bleischs Ausführungen erst richtig klar. Sie schreiben fast tröstend: »Auch wir sind Kinder unserer Zeit. Auch unser Denken ist begrenzt.« Ist demnach der Begriff »Black Lives Matter« ein ebenso moralischer Apell, der unseren Zeitgeist spiegelt? Ich kann den Begriff und die Bewegung, die dahinter steht, voll und ganz verstehen, das ist nicht die Frage. Aber müsste es nicht heissen: »Black Lives Matter As Well«? Oder noch besser: »All Lives Matter«?
    Gabriel Anwander, am 08. Oktober 2020 um 14:33 Uhr
    Personen mit einer Libertären Gesinnung sin die Feinde der Aufklärung. Genauer der Fertiigkeit, sich selbst ein zutreffendes Bild über die Welt zu machen, in Selbstaufklärung.
    Ludwig Pirkl, am 08. Oktober 2020 um 16:49 Uhr
    @Heierli, der schreibt: «Ausserdem frage ich mich manchmal, warum so selten thematisiert wird, dass auch Karl Marx ein Rassist und Judenhasser war."

    Vielleicht weil wir uns alle gewiss sein können, dass Herr Heierli uns ohnehin bei jeder möglichen und vor allem auch unmöglichen Gelegenheit wieder daran erinnern wird ...

    Dass ihn dabei nicht die Sorge um Rassismus oder Judenhass umtreibt, sondern er einfach keine Gelegenheit auslassen möchte, bei der er eine Bühne für sein Steckenpferd respektive seinen ganz anderswo gelagerten Hass bekommt, ist offensichtlich und betrüblich ...

    PS: Vielleicht ist der Rassismus und Judenhass von Marx auch für viele keiner Erwähnung wert, weil dieser Herr von 99% der Bevölkerung ohnehin schon als der «grösste Dummkopf der letzten Jahrhunderte» erachtet wird und von einem solchen daher auch nichts anderes erwartet werden darf: Neben Rassist und Judenhasser selbstverständlich auch noch ein elender Patriarch/Frauenhasser, Atheist/Christenhasser, Homophob ... Fehlt noch was, Herr Heierli? Es gibt also noch andere Artikel, in denen Sie Karl Marx künftig «thematisieren» können.
    Stephan Kühne, am 08. Oktober 2020 um 22:11 Uhr
    Immer wieder ein Brüller wenn sich Leute auseinandersetzen die in Wegelagererdisziplinen studiert haben, Literatur und Philosophie. Frau Bleisch setzt Fragezeichen bei den alten weissen Philosophen, Kant, Voltaire, Hegel und Co., Männer des 18. Jahrhundert. Dafür schwärmt sie immer noch wie eine Teenager von Platon, geboren 428 v.Chr, manchmal lässt sie auch noch Sokrates gelten. Frau Süss schreibt süss: «Kants Text gilt bis heute als Grundlage des aufgeklärten Denkens». Sie fragt aber nicht für wenn die Grundlagen gelten? Sie gelten nur für wenige, eben den rückwärtsgewandten PhilosophenInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen. BLM, Diversität, Sorge vor Frauenverachtung, Gleichstellung, alles entwickelt sich ohne die alten weissen Männer auch Griechenland, Frankreich oder Deutschland. Sie helfen nur denen die immer in den Rückspiegel das Lebens, der Ereignisse, schauen, die dann versuchen etwas kompliziert zu deuten und erklären. Das beste Beispiel dass Philosophen nichts bewirken ist Deutschland, das Land der Dichter und Denker, aber eben auch der Henker! Alle gescheiten deutschen Philosophen konnten Hitler nicht verhindern.
    Victor Brunner, am 09. Oktober 2020 um 10:14 Uhr
    Danke Herr Kühne, die meisten die, sich über Marx äussern, haben wahrscheinlich nie etwas von ihm gelesen.

    Die Welt wird keinen Fliegenschiss besser, wenn wir Begriffe austauschen oder wenn wir anfangen die Weltliteratur umzuschreiben.

    Die wenigen schwarzhäutigen Menschen die ich kenne haben nur ein müdes Lächeln über unsere Aufregung um das Wort «Neger». Sie haben ganz andere Probleme: zum Beispiel Schikanen, faule Sprüche und diskrimierende Aeusserungen bei Behörden und Polizei.
    Bernhard Ramp, am 09. Oktober 2020 um 11:00 Uhr
    Die Frage scheint Herrn Kühne ziemlich in Wallungen gebracht zu haben, und verführt ihn zu so unsinnigen Behauptungen wie jener, dass 99% der Bevölkerung Karl Marx sowieso für den grössten Dummkopf hielten.
    Ich persönlich halte Karl Marx übrigens keineswegs für einen Dummkopf. Der Mann war intelligent, und er hatte interessante Ideen. Einige dieser Ideen sollte man heute durchaus weiterverfolgen. Andere hingegen lieber nicht.
    Die Frage ist mir wieder einmal in den Sinn gekommen, weil Martina Süess extensiv über die rassistischen Fantasien eines gewissen Andreas Riem herzieht, von dem geschätzte 99% der Bevölkerung noch nie etwas gehört haben. Wieso gräbt man Geschichten aus über Personen, die, im Gegensatz zu Karl Marx, in der heutigen Diskussion gar keine Rolle mehr spielen? Und wieso nehmen die zumeist linken Protagonisten ihren eigenen Säulenheiligen von dieser Art der Vergangenheitsbewältigung so gerne aus?
    Daniel Heierli, am 09. Oktober 2020 um 16:44 Uhr
    @Heierli:
    Man muss nicht viel von/über Marx lesen, um festzustellen, dass mit «Judenhasser» bei ihm eine gehörige Portion Vorsicht angebracht wäre. Schon Wikipedia könnte da einem auf die Sprünge helfen:

    "Als Karl Marx zwei oder drei Jahre alt war, konvertierte sein Vater vom jüdischen Glauben zum protestantischen Christentum, da er als Jude nicht den Beruf eines Rechtsanwalts ausüben durfte. Beide Großväter waren Rabbiner ... viele andere Vorfahren auch. ... Die jüdische Abstammung war auch seinen Zeitgenossen bewusst, weshalb einige von ihnen auf seine ehemalige Glaubenszugehörigkeit verwiesen und ihn teilweise sehr direkt antisemitisch anfeindeten, ... obwohl Marx sich von jeder Religiosität abwandte und diese fundamental kritisierte."

    Wer dann noch - nur rudimentäre - Marx' Kenntnisse aufweist, wird bemerkt haben, dass es Marx nicht um dieses diffuse Ding «Kapitalismus» geht, sondern um den Menschen (also ein zutiefst humanistisches Anliegen):
    Der Mitmensch, die Beziehung zu ihm und damit letztlich eben auch die Beziehung zu sich selbst. Wir dürfen andere und uns selbst nicht zum Objekt von Ausbeutung/Gewinnstreben machen. Marx wendete sich damit gegen das was wir heute vielleicht als «Kommerzialisierung/Kommodifizierung» bezeichnen würden: Die Wahrnehmung von allem ("Planet") und jedem (Menschen) als eine Quelle der Geldvermögensmehrung.
    Stephan Kühne, am 11. Oktober 2020 um 22:45 Uhr
    2. Teil:
    Da den Juden so ziemlich alles ausser Handel/Finanzen (die Sinnbilder für «Kommerz") verboten war, «versteht» mach Unbedarfter seine Texte auch schnell einmal als ein Angriff auf Menschen jüdischen Glaubens. Humbug! Marx kämpfte - eher ungeschickt - gegen unsere gegenseitige Kommerzialisierung/Kommodifizierung, Ausbeutung und damit auch Entfremdung. Das hat nichts mit dem Menschen jüdischen Glaubens zu tun, sondern betrifft unsere - zunehmend alle Sphären durchdringende und beherrschende - Haltung/"Werte» resp. unser Selbstverständnis (des Menschseins).

    PS: Und das schreibt einer, der mit Marx und seinem Werk - aus verschiedenen Gründen - herzlich wenig anfangen kann. Meine «Säulenheiligen» (im Bereich Wirtschaft) sind daher auch Heiner Flassbeck und - was mich sehr freut - Frauen, die unheimlich viel drauf haben: Stephanie Kelton, Mariana Mazzucato, Fredericke Spiecker.
    Alles klar?
    Stephan Kühne, am 11. Oktober 2020 um 22:55 Uhr
    An jeder Ecke trifft man Menschen, die glauben, sie könnten etwas zu Marx sagen, wenn sie diesen «Wissensfundus» anzapfen: Die seit der Kindheit eingeträufelten schlechten Nachrichten über die Sowjetunion. Also stillschweigend von dieser Gleichstellung «Marxismus = Kommunismus = Sowjetunion» ausgehen.

    Schwer vorstellbar scheint ihnen Folgendes zu sein: Allein an Herrschaft/Gewinn interessierte Menschen erachten es als für sie vorteilhaft, einen in der Bevölkerung mit Hoffnung besetzten Namen oder Begriff (z.B. Marx, Kommunismus) als Monstranz vor sich herzutragen - ohne mit diesem effektiv irgendwas am Hut zu haben.

    "Marx/Kommunismus» fett auf die Fahnen zu schreiben, verhalf damals die Macht an sich zu reissen (und zu erhalten). Ist solches an anderer Stelle auch zu beobachten? ... So wie es der (katholischen) Kirche gelang ihre Schreckensherrschaft auf- und auszubauen, indem sie «Jesus Christus» auf die Fahnen schrieb.

    Wer daher die Verbrechen in der UdSSR auf Marx zurückgeführt haben will, wird wohl bei Jesus und der christlichen Verbrechensgeschichte gleich scharf zu schliessen/urteilen wissen ... oder?

    Auch der Westen hat seine Fahne: Demokratie, Freiheit, Menschenrechte. Und was geht da bei einem Konflikt mit Gewinn/Herrschaft zum Fenster raus? Siehe Arbenz in Guatemala, Mossadeq im Iran, Allende in Chile, Lumumba im Kongo, Irak usw. usf.
    Stephan Kühne, am 12. Oktober 2020 um 12:37 Uhr

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