Viele krankmachende Bakterien sind gegen Antibiotika resistent © Amaviael/Dreamstime

Viele krankmachende Bakterien sind gegen Antibiotika resistent

Über achtzig Todesfälle pro Jahr – bald noch mehr

Urs P. Gasche / 28. Mai 2011 - Wegen Keimen, die gegen Antibiotika resistent sind, müssen sich Zehntausende Patienten in Spitälern länger behandeln lassen.

Gegenwärtig machen EHEC-Bakterien Schlagzeilen. Viele dieser Keime sind bereits resistent gegen die meisten Antibiotika. Doch die Erkrankten haben Glück: Denn für ihre Behandlung braucht es keine Antibiotika, so dass es egal ist, wenn die Antibiotika nur wenig oder gar nicht wirksam wären.

Kommen diese Patienten allerdings aus irgendwelchen Gründen in ein Spital, so besteht die Gefahr, dass sich diese EHEC-Bakterien im Spital verbreiten und bei Operationen oder Wundbehandlungen in den Körper gelangen und dort Infektionen auslösen. Diese Infektionen kann man nur mit Antibiotika wirksam bekämpfen, doch fast alle Antibiotika bleiben bei diesen resistenten Keimen weitgehend wirkungslos.

Vorbeugen gegen solche gefährliche Infektionen in einem Spital lässt sich nur mit ständigem Desinfizieren, strikter Hygiene und mit der Isolation der Patienten, welche solche resistente Keime in sich tragen.

«Äusserst beunruhigend»

Spital-Infektionen wegen Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, nehmen stark zu und führen in der Schweiz zu über achtzig Todesfällen pro Jahr. Das sei eine «konservative Schätzung», sagt Professorin Kathrin Mühlemann, Co-Leiterin des Instituts für Infektionskrankheiten der Universität Bern. In den nächsten Jahren werde die Zahl der Todesfälle weiter steigen. Professor Andreas Widmer, Leiter der Spitalhygiene am Universitätsspital Basel, nennt die Entwicklung der Resistenzen «äusserst beunruhigend». Vom Tod bedroht sind vor allem Patienten, deren Immunsystem schon vor dem Ausbruch der Infektion geschwächt war.

Einige verlieren Arme und Beine

Für Zehntausende von andern Patientinnen und Patienten bedeuten Infektionen durch Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, dass sich ihr Spitalaufenthalt kompliziert und verlängert. Einige Patienten verlieren sogar Arme oder Beine, weil sich die Infektion so rasch ausbreitet, dass nur noch eine Amputation ihr Leben retten kann. Über die Zahl der betroffenen Patienten geben die Spitäler keine Auskunft.

Hauptverantwortlich sind Fäkalbakterien

An zwei Dritteln dieser Todes- und Krankheitsfälle sind ESBL-Bakterien schuld. Das sind hauptsächlich Fäkalbakterien im Darm, die gegen fast alle Antibiotika resistent sind. Noch vor zwanzig Jahren gab es kaum resistente Fäkalbakterien. Doch die anhaltend breite Antibiotika-Abgabe an Menschen, Rinder, Schweine und Hühner hat dazu beigetragen, dass sich resistente Keime stark verbreiten konnten.

Weil ESBL-Bakterien nicht nur in Menschen, sondern auch in Tieren und Gewässern leben, sind sie «schwer unter Kontrolle zu halten», erklärt Professorin Mühlemann. Sorgfältiges Händewaschen genüge wahrscheinlich nicht. Eine neue Klasse von Antibiotika, welche ESBL-Bakterien wirksam tötet, ist in den nächsten Jahren nicht in Sicht. Deshalb holt man alt bekannte Antibiotika wieder hervor, manchmal leicht abgeändert, jedoch mit nur beschränktem Erfolg. Unterdessen machen bereits neue resistente Keimarten Schlagzeilen, die allerdings noch selten sind.

Ein Drittel der MRSA-Infektionen wäre vermeidbar

Schon länger bekannt und verbreitet sind die MRSA-Bakterien «Staphylokokken aureus», die etwa ein Drittel der Todes- und Krankheitsfälle verursachen. Diese resistenten Keime leben hauptsächlich auf der Haut, namentlich in der Nase. Sie können Wundinfektionen, Lungenentzündung und andere Infektionen verursachen. Damit sie ein Träger in einem Spital nicht auf andere Patienten übertragen kann, genügen eigentlich strikte Hygieneregeln, vor allem eine korrekte Desinfektion der Hände.

Doch insbesondere bei Personalmangel ist dies leichter gesagt als getan. Wer die Hygiene nicht einhält, muss keine Sanktionen befürchten. Leidtragende sind die Patienten. Laut Fachzeitschrift Swiss-Noso, welche die Gesellschaft für Spitalhygiene herausgibt, wäre jede dritte Spitalinfektion vermeidbar, wenn die Hygieneregeln strikt eingehalten würden.

Im Spital gelangen Keime in die Wunden

Meistens erkranken Menschen in Spitälern, weil dort die ESBL- oder MRSA-Bakterien bei Operationen oder Katheteruntersuchungen in Wunden gelangen und dann Infektionen in Wunden, Lungen oder im Harnweg auslösen können. In Pflegeheimen sind Erkrankungen ebenfalls häufig. Zu Hause ist dieses Risiko klein.

Für die meisten der rund 70'000 Schweizerinnen und Schweizer, die zum Beispiel Magenkrämpfe, Durchfall oder Fieber bekommen, weil sie wegen verseuchtem rohem Poulet Campylobacter erwischt haben, merken nichts davon, dass ein immer grösserer Teil dieser Krankheitserreger gegen Antibiotika resistent sind. Gefährlich kann es nur werden, wenn diese bei Wunden eine Infektion auslösen. In Holland machte kürzlich eine 85-jährige Frau Schlagzeilen, die wegen resistenten Campylobactern gestorben ist.

Wer nach Indien oder Griechenland in die Ferien geht, wird häufig ungewollt und unbemerkt Träger resistenter Keime, weil diese dort wegen des viel höheren Antibiotika-Konsums stark verbreitet sind. Nach Angaben des Infektionsspezialisten Wolfgang Graninger, Professor an der Universität Wien, schlucken die Griechen fünfmal mehr Antibiotika pro Kopf als die Schweden und nach Angaben Mühlemanns dreimal mehr als die Schweizer.

Mehr als doppelt so hohes Risiko in der Westschweiz

Das Risiko, an resistenten Keimen zu erkranken, ist von Spital zu Spital und von Gegend zu Gegend sehr unterschiedlich. In der Westschweiz ist das Erkrankungs- und Todesrisiko mindestens doppelt so hoch wie in der deutschen Schweiz. Professorin Mühlemann nennt dafür in erster Linie zwei Gründe: Erstens sind in der Westschweiz mehr Menschen Träger resistenter Bakterien, was mit der Nähe zu Frankreich und Italien zu tun haben könnte. Zweitens verschreiben Ärzte in der Westschweiz viel häufiger Antibiotika. Es gilt die Regel: Je mehr Antibiotika verschrieben und geschluckt werden, desto schneller verbreiten sich Krankheitskeime mit Resistenzen.

Aus Zahlen der Krankenkassen geht hervor, dass die Westschweizer nicht zu beneiden sind: Sie lassen sich 40 Prozent mehr Medikamente verschreiben als die Deutschschweizer, darunter viel häufiger Antibiotika, und handeln sich vor allem Nachteile ein: Mehr Infektionen mit resistenten Keimen, mehr Todesfälle und erst noch höhere Krankenkassen-Prämien.

Auch die deutsche Schweiz nicht Spitze

In Deutschschweizer Spitälern sind sechs bis sieben Prozent der «Staphylokokken aureus» gegen fast alle Antibiotika resistent. Das ist einiges besser als in Deutschland, wo die Resistenzrate über zwanzig Prozent erreicht, aber es sind immer noch drei- oder viermal so viele wie in Holland. Hollands Erfolg hat mehrere Gründe:

• In keinem andern Land Europas verschreiben Ärzte den Patienten so wenig Antibiotika, erklärt Professor Widmer.

• In Intensivstationen wechselt das Personal selten von einem Patienten zum andern, weil pro Patient fast doppelt so viel Personal vorhanden ist.

• Beim Eintritt ins Spital werden alle Patienten auf resistente Keime untersucht, während dies in der Schweiz längst nicht überall der Fall ist.

• In Holland gibt es viel weniger Spitäler und Spitalbetten als in der Schweiz. Die Patienten werden weniger häufig (unnötig) operiert und bleiben weniger lang im Spital liegen. Beides reduziert das Ansteckungsrisiko beträchtlich.

• Im Gegensatz zur Schweiz sind in den Niederlanden alle Labors gesetzlich gezwungen, Resistenzen zu melden.

Träger resistenter Keime werden in Holland konsequent in Quarantäne gesetzt. Patienten, die aus einem deutschen Spital über der Grenze ins niederländische Spital Groningen verlegt werden, kommen sogar schon vor der Laboruntersuchung in ein Isolierzimmer. Bei der Visite tragen Ärzte und Pfleger Schutzmasken und Gummihandschuhe. «Diese Deutschen betrachten die Holländer als ein Hygienerisiko», sagt der deutsche Arzt Alex Friedrich, der als Hygieniker am Spital Groningen arbeitet. Friedrich ist sensibilisiert, weil er in Bayern zusehen musste, wie Patienten an Blutvergiftungen starben oder ihnen Beine amputiert werden mussten. «Mit ein bisschen mehr Händewaschen lässt sich das Problem nicht lösen», warnt er.

In der Schweiz verpflichtet das Bundesamt für Gesundheit BAG die Labors nicht, entdeckte resistente Keime zu melden. «Es ist nicht sicher, ob eine Meldepflicht die Prävention notwendigerweise verbessert», lässt BAG-Sprecher Jean-Louis Zurcher ausrichten. Die Verbreitung resistenter Keime könne man hochrechnen aus den Daten, welche 22 Labors freiwillig melden. Eine Meldepflicht fehlt auch für Arm- und Beinoperationen, die wegen resistenten Keimen nötig wurden. Deshalb bleibt die Zahl der Opfer unbekannt.

Schwachstellen sind schon längst bekannt

Den grössten Handlungsbedarf sieht Professorin Kathrin Mühlemann in der Schweiz darin, Antibiotika künftig noch korrekter einzusetzen: Jeweils nur die geeignetsten, schmalsten Antibiotika wählen, sie richtig dosieren und in der richtigen Dauer abgeben. Zudem müssten wir mehr wissen über die Epidemiologie der ESBL-Keime, um deren Verbreitung eindämmen zu können. Professor Andreas Widmer ortet dieselben Schwachpunkte: Zu häufige und falsche Verschreibung von Antibiotika vor allem in Spitälern und in der Tiermast sowie «fehlendes Screening von Risikopatienten und fehlende Isolation von Trägern resistenter Erreger».

Diese Schwachstellen sind seit langem bekannt. Nur beruht in der Schweiz Vieles auf Freiwilligkeit. Nicht einmal unverbindliche Empfehlungen hat das BAG erlassen. Das Gesetz erlaube dies nicht, behauptet das Bundesamt.

Erika Ziltener vom Dachverband der Patientenstellen, die sich auf Spitalinfektionen spezialisiert hat, fordert schon lange «obligatorische Vorschriften mit Sanktionsmöglichkeiten». Ein härteres Durchgreifen würde nicht nur etliche der über achtzig Todesfälle wegen resistenter Keime verhindern, sondern weitere Todesfälle, die andere Infektionen in Spitälern verursachen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Eine Meinung

Tja, so ist das eben in einer «Laisser faire"-Gesellschaft.

Es ist darum nur eine Frage der Zeit (und der Ereignisse), bis sich der Grossteil der Menschen bewusst werden wird, dass eben nur RADIKALITÄT im Guten [!]) ... Besserungen bringen wird!
Heinrich Meier, am 30. Mai 2011 um 02:51 Uhr

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