Paraguays Ex-Präsident Fernando Lugo vor seiner Prostata-Operation © cnn
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Medizinisch unerklärlich viele Operationen

Urs P. Gasche / 14. Sep 2014 - Bei gleichen Diagnosen werden Patienten je nach Ort bis zu achtmal (!) häufiger an Prostata, Blinddarm oder Mandeln operiert.

In der Schweiz werden Patientinnen und Patienten bei gleichen Diagnosen in einigen Kantonen doppelt so häufig operiert wie in andern. Das hängt unter anderem von der Zahl der Chirurgen ab, die in einem Kanton tätig sind. Am Dienstag, 16. September, wird eine im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG gemachte Studie im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der OECD und der deutschen Bertelsmann Stiftung veröffentlicht. Sie ist der Schweizer Beitrag zum OECD-Projekt «Geographic variations in health care: What do we know and what can be done to improve health system performance?».

Bereits am 12. September wurden einige Resultate für Deutschland bekannt. In unserem Nachbarland sind die unterschiedlichen Operations-Häufigkeiten sehr gross: Bei vergleichbaren Diagnosen werden Männer in einigen Gegenden achtmal häufiger an der Prostata operiert als in andern. Mit verantwortlich sind die PSA-Tests und andere Methoden zur «Früherkennung»: Sie ergeben häufig Hinweise auf Krebszellen, die den Betroffenen während des ganzen Lebens nie irgendwelche Probleme gemacht hätten. Die meisten der Betroffenen werden operiert.

Ähnlich gross sind die Unterschiede bei Mandel-Operationen von Kindern und bei Blinddarm-Operationen. Bei letzteren stellt sich häufig heraus, dass der Blinddarm in Ordnung war.

Bei künstlichen Kniegelenken, Kaiserschnitten oder Entfernungen der Gebärmutter unterscheiden sich die Operationshäufigkeiten von Gegend zu Gegend um das Zwei- bis Dreifache – eine medizinische Begründung dafür gibt es nicht.

«Medizinisch sind diese Unterschiede nicht zu erklären», heisst es im OECD-Bericht für Deutschland, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet: «Grosse regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung sind ein klares Zeichen für Qualitäts-, Effizienz- und Gerechtigkeitsprobleme», erklärte OECD-Direktor Mark Pearson.

Die Studienautoren betonen, dass die medizinisch nicht erklärbaren Unterschiede nicht etwa davon abhängen, ob in einer Region besonders viele ältere Menschen leben oder nicht: : «Medizinisch sind derart hohe Abweichungen ebenso wenig zu erklären wie durch Alters- oder Geschlechtsstrukturen

In der Schweiz ergebe der OECD-Bericht Unterschiede von Operationshäufigkeiten in der Grössenordnund von 1 zu 2. Im einen Kanton wird also doppelt so häufig operiert wie in einem andern. Das sei «im internationalen Vergleich relativ gering», schreibt das Schweizer Gesundheitsobservatorium Obsan in einer Vorabinformation und spielt damit das Problem schon vor der Veröffentlichung herunter.

Allerdings sind stark unterschiedliche Eingriffs-Häufigkeiten in der Schweiz spätestens seit Veröffentlichungen von Gianfranco Domenighetti in den Neunzigerjahren bekannt. Doch bisher haben weder die FMH noch die medizinischen Fachgesellschaften noch das Bundesamt für Gesundheit versucht herauszufinden, ob viele Patientinnen und Patienten in gewissen Kantonen und Gegenden unnötig und zu deren Schaden operiert werden. Einwohner der Kantone Bern und Waadt zum Beispiel werden deutlich mehr operiert und in Spitäler eingewiesen als etwa Einwohner des Kantons St. Gallen. Die Gesundheitsdirektorin des Kantons St. Gallen hatte in der Vergangenheit mehrmals betont, dass im Kanton St. Gallen keine Unterversorgung herrsche. Die Gesundheitsdirektionen der Kantone Bern und Waadt haben nie versucht herauszufinden, ob ihre Kantonsbewohnerinnen und -bewohner an einer Überversorgung leiden. Unnötige Eingriffe führen zu unnötigen Komplikationen, Gesundheitsschäden und auch Todesfällen.

Praktisch alle, die am Multimilliarden-Geschäft mit der Gesundheit verdienen, werden nicht müde, der Bevölkerung vorzugaukeln, die Gesundheitsversorgung in der Schweiz sei die beste der Welt, oder wenigstens eine der besten.

Unsere Behörden stimmen in diesen Chor ein, anstatt die Schwachstellen aufzudecken und anzupacken.

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Siehe

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Keine

Weiterführende Informationen

Bertelsmann Stiftung Communiqué

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6 Meinungen

Der Bericht von Urs P. Gasche erinnert an ein Buch von Kurt G. Blüchel mit dem Titel : » Heilen verboten , töten erlaubt » . - - Ob nun auch der Untertitel auf die souveräne Schweiz anzuwenden ist , entzieht sich meiner Kenntnis. - Er lautet ( Zitat ): Organisierte Kriminalität im Gesundheitswesen ( Ende d. Zitates)
Gustav - Adolf Siebrasse, am 14. September 2014 um 22:36 Uhr
Beim Sprung aus dem Tram zog ich mir eine Miniskus Verletzung zu.
Bei einer Sportklinik in BS, bekam ich sofort eine OP-Termin. Kosten ca. 5'000 Fr. Bei meinem TCM Therapeuten, erhielt ich eine simple Beinübung, gratis die ich sitzend während der Arbeit unter meinem Bürotisch machen konnte. Nach 6 Tagen war ich geheilt. Und das seit 5 Jahren. Keinen Arbeitsausfall, keine Stöcke und und.....
Wir finanzieren ein KRANKENSYSTEM, da zocken sie uns alle so richtig ab. Auch die Politiker als Verwaltungsräte (Gutzwiler und Co.)
Bruno Denger, am 15. September 2014 um 12:15 Uhr
@Bruno Denger
Dieser Vorgang in die BRD übertragen gewährleistet außerdem , der Gefahr einer Infektion mit multiresistenten Keimen , die nur in Kliniken vorkommen, auszuweichen .
Der Kabarettist Volker Pispers hat bereits vor etlichen Jahren eine Handwaschprämie für Mediziner angeregt .
Gustav - Adolf Siebrasse, am 15. September 2014 um 13:26 Uhr
Bedeutende Erfindungen im Gesundheistwesen sind die Krankheiten selbst...
Buch «die Krankheitserfinder"
Urs Lachenmeier, am 15. September 2014 um 14:09 Uhr
Tote kosten den Krankenkassen nichts, schlecht operierte schon. Das ist einer der Unterschiede zur Suva.

Wir arbeiten an den relevanten Statistiken. Die Geheimniskrämerei der zuständigen Behörden erleichtert aber diese Arbeit in keiner Weise.

"On va les torturer les statistiques, jusqu'à ce qu'elles avouent». Diese Devise eines meiner ehemaligen Chefs ist auch für mich immer noch aktuell. Es wird aber noch etwas Zeit brauchen, bis wir auf der Basis der aktuellen Qualitätsindikatoren-Statistik vernünftige Resultate distillieren können.

Bei der «Fichen-Affaire» waren die ausgeschwärzten Partien wesentlich weniger zahlreich als bei den aktuellen offiziellen Qualitätsstatistiken.

Aber, wir bleiben am Ball.
Josef Hunkeler, am 15. September 2014 um 14:25 Uhr
Vor etwa 7 Jahren habe ich den Befund bekommen, dass mein PSA zu hoch sei und eine OP eventuell notwendig werde. Ich merkte schon, dass es mit Harnlassen nicht mehr so wie früher war, habe aber in eine OP nicht eingewilligt und auch keine PSA Tests mehr gemacht.
Da ich erfahren hatte, dass gegen Prostata-Krebs Broccoli Sprossen sehr gut sind, habe ich das angefangen und jeden Tag einen Suppenlöffel voll Sprossen, nicht länger als 3 cm, welche ich selber mache, gegessen. Es gibt Sprossenapparate, welche die ganze Züchterei einfach und automatisch machen.
Nach ein paar Monaten wurde es immer besser und etwa 1 Jahr danach war alles wieder bestens in dieser Angelegenheit. Ich habe vor einigen Monaten einen PSA Test machen lassen und natürlich kam das Resultat, dass mein PSA zu hoch sei und eine OP notwendig sein werde.
Leider reagieren die Männer, an welchen ich das erzähle meistens ungläubig und glauben den Weisskittel bedingungslos alles was sie erzählen.
Typ für Frauen Übrigens helfen Broccoli sprossen auch gegen Brustkrebs. Dazu ist es keine Finanzielle Belastung und es gibt auch keine Nebenwirkungen.
Ruedi Brunner, am 08. Juli 2015 um 18:59 Uhr

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