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Auf der Schwelle, hinter der Mauer. «Bartleby der Schreiber» im Schiffbau, Schauspielhaus Zürich © schauspielhaus zürich

«Ich möchte lieber nicht»

Robert Ruoff /  Herman Melvilles Geschichte «Bartleby der Schreiber» wird im Schauspielhaus Zürich zum Gegenwartsstück.

Es ist eine dieser kleinen Geschichten, die man gelesen haben sollte. Besser: Gelesen haben müsste.

«I would prefer not to…ich möchte lieber nicht». Das ist der eine Satz von Bartleby, der Hauptfigur in «Bartleby der Schreiber». Mit diesem Satz treibt der Autor Herman Melville die ganze kleine Geschichte voran. Auf zwei oder drei Schauplätzen, die einander alle schrecklich ähnlich sind. Eine Geschichte fast ganz ohne äussere Action. Eine solche Geschichte kann man eher nicht auf die Bühne bringen.

Ein Stück für Erzähler, Chor und Musik

Die Regisseurin Mélanie Huber tut es trotzdem. Stephan Teuwissen hat die Erzählung in eine Stückfassung gebracht. Pascal Destraz und Fortunat Häfliger spielen als Trommler und Bläser die Musik und sind zugleich Teil der Bühnentruppe. Steffen Link, Ludwig Boettger und Ingo Ospelt geben Bartlebys Schreiber-Kollegen, jeder ein Typ. Fritz Fenne spielt sich zunehmend packend durch die Rolle des Notars und Ich-Erzählers. Es ist eine fazettenreiche Parforce-Leistung, inszeniert als Solo mit Chor und Orchester, im Zwiegespräch mit Instrumenten und Stimmen, grotesk, eruptiv, erzählerisch und am Ende so berührend, wie eine solche Geschichte nur sein kann.

Bartleby? – Er hat keinen Spieler. Aber er ist präsent wie keiner. Er ist, wie es auf der Rückseite des üblichen kleinen Programmhefts heisst: «Er. Ist. Immer. Da.» Wie so viele. Aber Bartleby möchte lieber nicht. Er sagt es immer wieder. Das zieht sich wie ein endloses Echo durch die Geschichte.

Die Geschichte beginnt an der Wall Street, und der Erzähler, also Bartlebys Boss, macht, wie Herman Melville 1853 schreibt, «recht einträglich Geschäfte mit den Wertpapieren und Pfandbriefen und Besitzurkunden reicher Leute». Die Wall Street liegt heute an dem Ort, wo Peter Stuyvesant vor 350 Jahren zum Schutz von Neu Amsterdam einen Wall aufschütten liess.

Die Sinnlosigkeit der Mauern

Es half nichts. Ein Dutzend Jahre nach der Aufschüttung des Walls eroberten die Briten die Stadt. Kampflos, weil die holländischen Bewohner sagten, «We rather would prefer not to… – wir möchten lieber nicht kämpfen», denn sie mochten den Peter Stuyvesant nicht und übergaben die Stadt. So vermieden sie Verluste und wurden als Untertanen des Herzogs von York, Jakob II. von England, Bürger der neu benannten Stadt New York.

Aber davon schreibt Herman Melville nicht, genau so wenig wie vom «Wall of Berlin», der Berliner Mauer, die im November 1989 nach 28 Jahren abgerissen wurde, nachdem die Mauerwächter um die hundert Menschen sinnlos erschossen hatten. Jetzt wollen andere 2000 Kilometer östlich von Berlin, an der Grenze der Ukraine zu Russland, eine Mauer bauen, die auch keinen Frieden bringen wird. Um Europa herum haben sie einen Wall aus Draht und Stacheldraht und Elektrizität gebaut, weil sie glauben, dass sie damit die Millionen fernhalten können, die vor Krieg und Hunger und Armut fliehen. Und die Mauer im «Nahen Osten» trennt den Staat Israel von palästinensischen Gebieten, als Mahnmal des Unrechts.

Aber am Tag, als sie in Zürich im Schiffbau in der Box die Première von «Bartleby der Schreiber» spielten, haben in Israel 43 Mitglieder des Militärgeheimdienstes der israelischen Armee einen Brief an den Premierminister Netanyahu veröffentlicht, in dem steht: «We would rather prefer not to…». Sie möchten nicht mehr an der Arbeit des Geheimdienstes mitwirken, weil sie «keine Instrumente der israelischen Besatzung» sein wollen.

Aber die Verweigerung garantiert nicht den Erfolg. Sie bringt noch nicht den Frieden.

In den Mauern der Macht

Bartleby ist eingemauert. Wie die anderen Schreiber. Und der Notar selber. Alle, die da an der Wall Street und in ihrer Sichtweite leben und arbeiten. Durch die Fenster der Office-Räume des Notars und Ich-Erzählers blickt man auf der einen Seite auf die weisse Wand eines Schachtes und auf der anderen Seite auf eine gerade mal drei Meter entfernte, hochragende Backsteinmauer. Sie erinnert wie das Bühnenbild im Schiffbau an Pink Floyds «Another Brick In The Wall», was nichts anderes ist als eine Variante der Rolling Stones: «We can’t get no satisfaction».

In dieser unentrinnbaren Enge kann der Fluch der Floskel wirksam werden: «I would rather prefer not to» – das Bühnenbild nimmt diese Enge mit, von einer Szene und von einem Schauplatz zum anderen. Es beginnt mit ersten, pikierten Überraschung im Wall Street-Office über Bartlebys erste Weigerung, beim pingeligen Textabgleichen mitzuspielen: «Ich möchte lieber nicht». Es folgt, mit unbedingter Logik, die Eskalation. Die Arbeitsverweigerung: «Ich möchte lieber nicht», dann die Ablehnung der Kündigung: «Ich möchte lieber nicht», und schliesslich die Verweigerung des Auszugs aus dem Büro, das nun als Wohnung dient: «Ich möchte lieber nicht».

Von der Macht zur Ohnmacht

Parallel vollzieht sich auf der Seite des Erzählers und Notars, in einem Gemisch von hysterischen Ausbrüchen und selbstbetrügerisch listigen Versuchen, den Verweigerer zur Kooperation zu bewegen, die Umwandlung von Macht in Ohnmacht, mit der Folge, dass der Boss selber weicht, zusammen mit all seinen anderen Schreibern.

Was den Verweigerer noch nicht zum Sieger macht, denn dazu müsste er mehr zu sagen haben als nur: «Ich möchte lieber nicht.»

Dem Mächtigen bleibt die Faszination, ja fast die Gier nach Widerstand im Angesicht der immer radikaleren, passiven Verweigerung des Schreibers. Und Bartleby seinerseits
bleibt eingesperrt in der Hoffnungslosigkeit seines Tuns.

Es gibt keine Kommunikation, keine Verständigung, kein Verstehen zwischen den beiden Seiten.

Verweigerung als Widerstand

Das Glück strebt zum Licht, aber «das Elend versteckt sich, und deshalb glauben wir, es gebe keins», notiert Melvilles Erzähler gegen Ende der Geschichte. Und Bartleby der Schreiber sieht als seine einzige Chance im Elend die totale Verweigerung gegenüber der undurchdringlichen Herrschaft einer absoluten Bürokratie – Hannah Arendt nannte das hundert Jahre später die Banalität des Bösen –, und sei es mit tödlichem Ausgang.

Denn in dieser Welt hat das «Politische» keine Chance mehr, also: das Eingreifen in das Geschehen, weil es immer schon Parteinahme ist für die eine oder andere Seite in dem globalen Machtspiel, das wir heute «Politik» nennen, mit einem Büro an der Wall Street und anderen Büros anderswo. So steht «Bartleby der Schreiber» für eine letzte, verbleibende Chance des Widerstands gegenüber einem scheinbar undurchdringlich geschlossenen politischen System. Er steht für die scheinbar unpolitische radikale Verweigerung, die dem System die Grundlage entzieht, und sei es um den Preis der Selbstaufgabe.

Die Schauspieler in der Geschichte, wir alle, wechseln im Verlauf dieses Spiels die Rollen, von Beobachterinnen, Reagierenden und Opfern zu Wärtern und am Ende, wenn wir uns identifizieren und den Schreiber aufnehmen in unseren Kreis, zu Betroffenen. Wir sind alle Bartleby.

Es gab, an der Premiere in der Box im Schiffbau in Zürich, einen Augenblick des Schweigens. Und dann langen, begeisterten Applaus.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

  • am 14.09.2014 um 13:33 Uhr
    Permalink

    Ich hielt die Textsorte Theaterbesprechung für ausgestorben, es sei denn, es handle sich um einen handfesten Skandal. Bekunde mich positiv überrascht. Die direkten politischen Aktualisierungen sind aber eine Versuchung, der man als Rezensent nicht erliegen sollte.

    0
  • am 15.09.2014 um 12:40 Uhr
    Permalink

    "Es ist eine dieser kleinen Geschichten, die man gelesen haben sollte. Besser: Gelesen haben müsste.» Richtig! Eben ist bei Jacoby & Stuart in Berlin eine von Stephane Poulin illustrierte deutschsprachige Ausgabe erschienen.

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