Arif Husain, Chefökonom des UN-Welternährungsprogramms: Hungertod als Folge von Corona. © OCP

Nach der Pandemie droht der Hunger

Christa Dettwiler / 27. Apr 2020 - Das Welternährungsprogramm rechnet damit, dass sich die Zahl hungernder Menschen bis Ende des Jahres fast verdoppeln könnte.

Die Corona-Krise trifft, einmal mehr, die Ärmsten am härtesten. Nach der Angst vor Ansteckung droht nun der Hunger. Im grössten Slum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi gab es bei einem Ansturm auf Mehl und Speiseöl viele Verletzte und zwei Tote, berichtet die «New York Times». In Indien stellen sich tagtäglich Tausende Menschen für Brot und gebratenes Gemüse an. Und in Kolumbien hängen Haushalte rote Kleider oder Flaggen in ihre Fenster, um anzuzeigen, dass sie hungern.

Geschlossene Läden, unterbrochene Lieferketten, Ausgangssperren und Verlust von Arbeitsplätzen und Einkommen haben das Problem massiv verschärft. «Man nannte das Corona-Virus den grossen Gleichmacher, weil er arm und reich befällt. Aber das stimmt nicht», sagte Asha Jaffer zur «New York Times», eine Freiwillige, die im Elendsviertel Kibera in Nairobi Essen verteilt. «Es ist vielmehr der grosse Aufdecker, der den Klassenunterschied in unserem Land blossstellt.»

Und Arif Husain, Chefökonom des Welternährungsprogramms der Uno, doppelt nach: Schon vor der Krise hätten 135 Millionen Menschen an Nahrungsmangel gelitten, nun könnten weitere 130 Millionen dazukommen. Insgesamt könnten bis Ende des Jahres 265 Millionen an den Rand des Hungertodes gedrängt werden.

Die aktuellen Hungerkrise wird von Faktoren verschärft, die alle mit der Pandemie zu tun haben:

  • Einkommensverlust für Millionen Menschen, die von der Hand in den Mund leben;
  • der Zerfall des Ölpreises in Staaten, die von Ölexporten abhängig sind;
  • der Mangel an harter Währung, weil der Tourismus eingebrochen ist;
  • Angehörige in Übersee, die kein Einkommen mehr nach Hause schicken können;
  • geschlossene Schulen für mehr als 368 Millionen Kinder und damit auch keine Schulmahlzeiten.

Auch in Venezuela sieht die Lage düster aus. Der wirtschaftliche Kollaps, der das Land schon vor der Corona-Krise durchschüttelte, verschärft sich zusehends. Die von der Regierung bereitgestellten Rationen sind längst verteilt. Auch in Indien ist für Tagelöhner der Hunger die grössere Bedrohung als das Virus.

Am schlimmsten aber trifft es Flüchtlinge und Menschen in Konfliktgebieten. Ausgangssperren und eingeschränkte Bewegungsfreiheit vernichten die mageren Einkommen von Vertriebenen in Uganda und Äthiopien. Die Auslieferung von Saatgut und Landwirtschaftsgeräten im Süd-Sudan und die Verteilung von Nahrungsmitteln in der Zentralafrikanischen Republik sind unterbrochen. Eindämmungsmassnahmen in Niger, wo gegen 60'000 Flüchtlinge aus Mali leben, haben zu Kostenexplosionen bei Nahrungsmitteln geführt. Die Pandemie verlangsamt auch die Anstrengungen, die historische Heuschreckenplage im Osten und am Horn von Afrika zu bekämpfen. Weil Flughäfen geschlossen und Lieferketten unterbrochen sind, gelangen keine Pestizide mehr ins Land, um die Weiden und Nahrungspflanzen zu schützen.

Der zunehmende Hunger, so die Befürchtung von UN-Experten, könnte die sozialen Unruhen in armen Ländern noch verschärfen. Bereits haben in Kolumbien Menschen Strassen blockiert, um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. In Südafrika wurden Lebensmittelläden überfallen. Selbst Hilfsmassnahmen sind zu einer Gefahr geworden: Wenn, wie in Nairobis Elendsviertel Kibera, grosse Gedränge bei der Nahrungsmittelverteilung entstehen, steigt die Gefahr einer Ansteckung mit dem Sars-Cov-2.

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4 Meinungen

Pestizide um Pflanzen und Weiden vor Heuschrecken zu schützen ist den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Diese Aussage, so es denn eine war, müsste von der Redaktion des Infosperbers differenzierter betrachtet werden!
Karina Rey, am 27. April 2020 um 12:39 Uhr
Wahrscheinlich nur ein Tropfen auf heissen Stein, aber doch:
1. sollen wir essen, was bei uns wächst, damit in den betroffenen Länder der Boden für Produkte für die eigene Bevölkerung da ist.
2. Wenn wir endlich die Wegwerfmendalität aufgeben, und beim Verfalldatum das «Hirni» einstellen anstatt werfen
3.Aufhören dort (und hier) die Böden mit Gift, und schwersten Geräten zu zerstören.
4. Die Spezialisten unterstützen,, die mit viel Wissen und Einsatz und Geduld solche
Schäden zu reparieren, auch Insekten können sehr hilfreich sein (Herr Herren aus der Schweiz) und so weiter
5. und dort das Wasser nicht abzupumpen, das zum Trinken und bewässern dringend
benötigt wird
Elisabeth Schmidlin, am 27. April 2020 um 13:37 Uhr
SARS-CoV-2 hat in den meisten Drittweltländern temperaturbedingt und aufgrund des tieferen Durchschnittsalters nur geringe Bedeutung. Die hohe Präsenz von Chinesen in Afrika müsste so zuallererst dort zu einer eklatanten Katastrophe geführt haben. Trotzdem verordnen die Industrienationen den Drittweltländern einen Corona-Lockdown. Wie Christian Lengeler - Epidemiologe Schweizerisches Tropeninstitut - alarmiert, blockiert der Lockdown die Medikamenten-Lieferkette für HIV-, Malaria- und weitere Tropenkrankheiten mit fatalen Folgen {Tagesschau, 27.4. 03:20}. Die Hochstilisierung von Corona zur ultimativen Gefahr führt in den Drittweltländern zu Ausgrenzung und Hetzjagd auf SARS-CoV-2 Infizierte und sozialer Unruhe.
Weiter behindert die Streichung von geplanten Umweltinvestitionen eine nachhaltige Eindämmung von Viren-Epdemien:
https://www.tagesanzeiger.ch/wie-umweltzerstoerung-neue-epidemien-beguenstigt-633956751547
THOMAS OETTLI, am 27. April 2020 um 22:49 Uhr
Das Problem Hunger wird zum Treiber der Zunahme von Wirtschaftsflüchtlingen nach Europa, d.h. auch zu uns.
Das Asylgesetz muss dringend mit der Entwicklungshilfe verknüpft werden, mit dem Ziel den Herkunftsändern direkt zu helfen statt aufgrund des veralteten Asylgesetz ("Asylanten» = meistens Wirtschaftsflüchtlinge) aufzunehmen.
Eigentlich eine Tragödie, dass diese einfache Logik in der Praxis sowie hier wie in D nicht funktioniert. Vermutlich wollen die Bilderberger das ganz bewusst so steuern, um eine Multikultgesellschaft mit einer Weltregierung zu schaffen.
Robert Mosimann, am 02. Mai 2020 um 06:33 Uhr

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