Unispital Zürich: Auch in Spitälern gibt es viele falsche Anreize © usz

«Das Gesundheitssystem braucht radikale Reform»

Urs P. Gasche / 26. Okt 2013 - Spitäler, Ärzte und Apotheken verteidigen ihre Pfründe und Privilegien. Die Politiker versagen. Das sagte er vor 30 Jahren voraus.

«Er» ist Jürg H. Sommer, Professor für Gesundheitsökonomie am wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel. Vor dreissig Jahren warnte er in seinem Buch «Das Malaise im Gesundheitswesen: Diagnose und Therapie» vor dem heutigen Kranken- und Unfallversicherungsgesetz KVG. Seine Prognosen sind fast alle eingetroffen.

Mit Preis von Interessenvertretern ausgezeichnet

Am Freitag erhielt Sommer den mit 6000 Franken dotierten MSD-Gesundheitsökonomiepreis der «Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsökonomie». Diese wird getragen vom Pharmakonzern MSD, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen «Interpharm», den Krankenkassen Visana und Sanitas und der Versandapotheke «Mediservice».

Schon vor dreissig Jahren ortete der Gesundheitsökonom Anzeichen einer Überversorgung, grosse Anreize zum Abwälzen von Kosten auf Dritte, eine zunehmende Selektion der Krankenkassen von Patienten mit günstigen Risiken und schwere Fehlanreize bei den Ärzten, zu viel zu diagnostizieren und zu therapieren.

Mit falschen Versprechen das KVG schmackhaft gemacht

In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre machten Bundesrat und Parlament das neue KVG vor allem mit dem Argument schmackhaft, es würde die Kostenexplosion im Gesundheitswesen unter anderem durch etwas mehr Wettbewerb endlich zum Verschwinden bringen. Heute gibt kein Land Europas pro Kopf der Bevölkerung so wie Geld für das Gesundheitssystem aus wie die Schweiz – sogar kaufkraftbereinigt.

Vergeblich hatte Professor Sommer vor der Illusion einer Kostendämpfung gewarnt, weil das Gesetz «nur Symptombekämpfung» betreibe und die in seinem Buch aufgezählten Systemfehler nicht korrigiere. Die «schweren Konstruktionsfehler» im Gesundheitssystem seien bis heute nicht korrigiert worden, sagte Professor Sommer am Freitag nach der Übergabe des Preises, weil die Politik versage und die Leistungserbringer ihre Pfründen und Privilegien verteidigen würden. Deshalb hätten auch die beiden Bundesräte Couchepin und Burkhalter während ihrer Zeit als Gesundheitsminister trotz freisinnigem Bekenntnis zum Wettbewerb keine radikalen Reformen vorgeschlagen – wohl im Wissen, dass auch der bürgerliche Mehrheit im Parlament Pfründen und Privilegien wichtiger waren und sind als ihr Bekenntnis zum Wettbewerb. Politiker verhielten sich eben wie Tauben: «Wenn sie unten sind, fressen sie Dir aus der Hand, wenn sie oben sind, scheissen sie Dir auf den Kopf».

Planwirtschaft oder Wettbewerb

Für den Gesundheitsökonomen gibt es nur zwei Strategien, um die negativen Kosten- und Gesundheitsfolgen der heutigen Fehlkonstruktion zu überwinden: Entweder eine Planwirtschaft, welche für Spitäler, Medikamente oder Alterspflege Maximalbudgets vorschreibt und durchsetzt, oder aber einen kontrollierter Wettbewerb zwischen Spitälern, Praxisärzten, Pharmaindustrie, Krankenkassen usw. Die Bürgerinnen und Bürger hätten dann die Wahl ganz unterschiedlicher Versicherungsangebote und Leistungserbringer. Die einzelnen Kassen könnten die Tarife mit Ärzten, Spitälern und Pharmafirmen bzw. Apotheken frei aushandeln, wie dies heute schon weitgehend in Holland der Fall ist. Die Qualität der Leistungen würde unabhängig geprüft und veröffentlicht.

Sommer befürwortet bereits seit Jahrzehnten diese «Managed Competition», also einen kontrollierten Wettbewerb.

Am Freitag plädierte er einmal mehr für Krankenkassenprämien, die mit höherem Alter steigen. Mit der heutigen Einheitsprämie würden die Jungen die Betagten mit über drei Milliarden Franken subventionieren. Dabei könnten sich die meisten Seniorinnen und Senioren hohe Prämien viel eher leisten als junge Frauen und Männer.

Zum Schluss warnte Sommer die Gegner einer Einheits-Krankenkasse: «Das blosse Verteidigen des IST-Zustands mit den Pfründen und Privilegien reicht nicht aus, um eine Entwicklung in Richtung Planwirtschaft zu verhindern.»

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3 Meinungen

Es ist wichtig sich zu informieren über die aktuellen wissenschaftlichen Sozialstudien. Bitte keine Informationen einholen bei irgend einer Partei, Zeitung oder Organisation, welche an irgendwelche Interessen wirtschaftlicher oder politischer Natur gebunden sind. ...Erst dann werden Sie erst zu den so objektiv wie möglichen Resultaten kommen. Nämlich dass ein Mindestmass an Gerechtigkeit die Bedingung für ein gesundes soziales Leben und einer gesunden Wirtschaft ist. Sie werden auch zu dem Resultat kommen, dass der Kapitalismus sowie der komplett freie Wettbewerb versagt haben, denn sie erzeugen Vetternwirtschat, Korruption, Bestechlichkeit, eine Schere zwischen Reich und Arm, verbunden mit einem Machtgefälle, dazu jeden Tag 15'000 Kinder welche Weltweit verhungern, und Menschen welche sich in Drogen und Kriminelle Energie flüchten müssen, welche dann wieder genau von diesem Raubtierkapitalismus-System bewirtschaftet werden. Und entgegen aller Behauptungen erkennt man dann, das der marxistische Kommunismus nicht versagt haben kann, denn er wurde noch nie realisiert. Ausser damals vor 2000 Jahren, als eine Gruppe von Nazarener freiwillig marxistisch Kommunistisch lebte, und zeigte dass es funktionieren kann, und dann nicht nur ihr Anführer Joshua an das Kreuz genagelt wurde. Was wird nun geschehen? Die sozialen Regelsysteme der Länder werden sich weiter entwickeln müssen, denn so wie es jetzt ist, diese Regentschaft der 300 reichsten Firmen, welche sich in den Händen von 13 bis 15 Familiendynastien befinden, von Rothschild bis Rockefeller, entsprechen nicht dem Geiste der schweizerischen Demokratie, welche mal als Basis von Brüderlichkeit, Freiheit und guten Werten existierte. Wir müssen nicht marxistische Kommunisten werden, das Pendel muss jetzt nicht auf das andere Extrem ausschlagen, sondern es gilt eine neue politische Form sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zu finden. 1 zu 12 ist eine mögliche Antwort unserer Zeit, und die 1 zu 12 hat gute Chancen, zumindest wird sie so viele Stimmen holen, dass der Bundesrat den Volkswillen zu mehr Gerechtigkeit und mehr Demokratie statt Oligarchie nicht mehr ignorieren kann. Ich habe diesem Land alles gegeben was es brauchte, habe früher als Gut-Verdiener immense Steuern gezahlt, habe meinen Militärdienst gemacht, sogar in einer speziellen Einheit, und heute wo ich mit einer seltenen Krankheit und nur einer Grundversicherung dastehe, muss ich mich mit 54 Jahren schon mit dem Sterben befassen. Denn mit nur einer Grundversicherung, welche heute eigentlich eine abgespeckte Version der früheren Normalversicherung ist, werde ich 20 Jahre weniger lang leben als jemand welcher Zusatz oder Halbprivat versichert ist. Und wenn sie an einer Krankheit leiden, nimmt sie keine Versicherung mehr auf in eine höhere Klasse. Schon der berühmte Psychiater Marshall Rosenberg aus den Usa, nun in der Schweiz im Ruhestand, schrieb in etwa in seinem Buch «Die gewaltfreie Kommunikation, eine Sprache des Lebens» folgendes:....Wer eine gute soziale Entwicklung zu Kooperation und sozialer Gerechtigkeit andauernd aufhält, braucht sich nicht zu wundern, wenn es eines Tages zu einer Eskalation der Gewalt kommen wird. Die Geschichte lehrt es uns, dass es in der Schweiz lange dauert, bis so etwas geschieht. Aber wenn es dann geschieht, bleibt kein Auge trocken. Ob eine solche Eskalation der sozialen Gewalt, resultierend aus dem unbefriedeten Bedürfnis nach sozialer Gerechtigkeit, auch im Gesundheitswesen, noch aufgehalten werden kann, ist fraglich. Ich hoffe es zumindest, dass endlich auf Regierungsebene eingelenkt wird, bevor es definitiv zu spät ist. Beatus Gubler, Gründer und Leiter Projekte www.streetwork.ch Basel sowie deren Tochterprojekte, für soziale Gewalt und Drogenprävention.
Beatus Gubler, am 26. Oktober 2013 um 21:07 Uhr
Man sollte Ökonomen nicht über das Gesundheitswesen reden lassen - denn Gesundheit funktioniert nicht nach den Regeln der Wirtschaft - niemand wählt sich seine Krankheit aus. Von Wettbewerb zu reden in einem System, welches über Zwangsabgaben finanziert wird, ist ein Hohn! Den sogenannten Wettbewerb haben wir bereits mit über 70 Krankenkassen und 350 Kliniken und einer Ärztedichte, die weltweit Vergleiche sucht. Noch mehr Wettbewerb, noch mehr Player, die um Kunden buhlen, machen das System nicht transparenter geschweige denn günstiger. Warum sind Ärzte gegen die Einheitskasse? Weil die Kassen der internen Konkurrenz wegen den Ärzten nicht genug auf die Finger schauen können. Warum sind Kantone gegen Spitalschliessungen? Weil es einen Politiker aus Amt und Würden fegt. Warum weigert sich der Bund den Lead zu übernehmen? Weil er Angst hat, die Pharmabranche würde abwandern. Das Gesundheitswesen krankt an zuvielen Partikularinteressen. Linderung brächte die Reduktion der Spitäler, das Rosinenpicken der Privatkliniken (die notabene trotzdem auf kantonalen Spitallisten stehen), die Beschränkung der exorbitanten Gehälter einzelner Spezialisten und das Vorschreiben einer Preisspanne bei der Pharmazie. Aber wer traut sich? PS: Ökonomen mögen im Alter ja ihre Schäfchen im Trockenen haben, was den Altersreichtum betrifft - die Mehrheit betrifft dies jedoch nicht. Und von einem Haus lässt sich nun mal nicht monatlich ein Scheibchen abschneiden und an die Krankenkasse als Prämienbezahlung schicken.
Stefan Moser, am 28. Oktober 2013 um 08:59 Uhr
Höhere Krankenkassenprämien für ältere Personen?
Der Vorschlag, die Krankenkassenprämien für ältere Personen entsprechend den altersbedingten Kosten zu erhöhen, ist unsolidarisch und kurzsichtig. Er will den solidarischen Ist-Zustand von gleichen Prämien für jung und alt aufbrechen und den älteren Personen höhere Prämien aufhalsen. Dabei wird geflissentlich verschwiegen, dass diese älteren Personen ein Leben lang solidarisch die höheren Kosten der früheren älteren Generation mitgetragen haben! Auch tragen nicht alle älteren Personen für die in diesem Lebensabschnitt höheren Gesundheitskosten bei.
Profitiert hatte bei der Einführung des Krankenkassenobligatoriums ein Teil der damals älteren Generation, welcher ohne Solidaritätsleistungen in den Genuss von günstigen Prämien kam.
Übrigens profitiert die jüngere Generation von enormen infrastrukturellen und kulturellen Leistungen der früheren Generationen, ohne welche der heutige Lebensstil nicht möglich wäre. Dazu gehört auch ein guter Teil des medizinischen Wissens.
An den allgemeinen Gesundheitskosten sollte sich dagegen die Arbeitnehmerseite vermehrt beteiligen. Viele Gesundheitsbeeinträchtigungen wie berufsassoziierte Krankheiten, Burnaut, Stress etc. sind beruflich mitbedingt und deren Kosten müssten, wie in vielen anderen Ländern, von den Arbeitgebern mitgetragen werden.
Bei unserem vergänglichen Leben hat jede aktive Bevölkerung solidarisch für zwei Lebensabschnitte aufzukommen: für die „Aufzucht der Jungen“ sowie für ein würdiges Alter. Ohne ganzheitliches Denken – dazu gehört auch die Solidarität – zerfällt eine Gesellschaft in egoistische Partialinteressen.
Jürg Schiffer, am 29. Oktober 2013 um 10:42 Uhr

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