Ausschnitt der Titelseite des Sonntags-Blick vom 26.6.2005 © ringier

Bestätigt: Weniger Spermien, dafür Hodenhochstände

Urs P. Gasche / 28. Jul 2017 - Infosperber hatte schon mehrmals darüber berichtet. Jetzt zeigt eine Übersichtsstudie: Zahl der Spermien seit 1973 halbiert.

Industriekonzerne und mit ihnen die Aufsichtsbehörden wollen es einfach nicht wahrhaben, so lange nicht ein «endgültiger», «zweifelsfreier» Beweis vorliegt, dass hormonaktive Stoffe in Produkten der Gesundheit schaden und verboten werden müssen.

Was schon im Jahr 2005 ziemlich klar war, hat jetzt eine Übersichts- oder Metastudie, welche die Fachzeitschrift «Human Reproduction Update» am 25. Juli veröffentlichte, noch einmal aufgezeigt: Die Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss ist seit 1973 um die Hälfte gesunken. Das gilt für die Männer in Industrieländern, (noch) nicht aber für Männer in Südamerika, Afrika und Asien.

Der Epidemiologe Hagai Levine der israelischen Hadassah-Hebrew University, der mit andern Forschern die Übersichtsstudie gemacht hat, kommentierte in «The Times of Israel»: «Abgesehen von den langfristigen Folgen auf die Fruchtbarkeit ist der Rückgang der Spermien ein Alarmzeichen für die allgemeine Gesundheit der Menschen».

Das Forscherteam um Hagai Levine hat über 7000 Studien angeschaut und 185 davon berücksichtigt, die methodisch einwandfrei durchgeführt wurden.

Der Epidemiologe Hagai Levine erklärt die Resultate der Studie (auf englisch)

Auch die Qualität der Spermien verschlechtert sich

Die neue Metastudie konzentrierte sich auf die Abnahme der Spermienzahl. Der Rückgang macht die Männer noch nicht unfruchtbar. Damit jeder zweite Mann in Industriestaaten gemäss Definition der Weltgesundheitsorganisation als unfruchtbar gilt, müsste die durchschnittliche Zahl der Spermien um weitere zwei Drittel abnehmen.

Doch von vorläufiger Entwarnung kann keine Rede sein: Nicht nur die Zahl der Spermien nimmt stark ab, sondern auch deren Qualität, wie andere Studien zeigten. Am 8. Juni 2017 berichtete Infosperber über «Spermien mit Anomalien wie zwei Köpfen statt einem»: Bereits 90 Prozent der Spermien junger Männer sind missgebildet, manchmal mit zwei Köpfen oder zwei Schwänzchen. Und sogar unter den restlichen gesunden Spermien können viele nicht mehr gut schwimmen und bewegen sich wie Betrunkene im Kreis herum. «Wir beobachten nicht nur einen Rückgang der Zahl der Spermien, sondern eine verschlechterte Qualität und eingeschränkte Bewegungsfähigkeiten, so dass viele nicht mehr ans Ziel gelangen», stellte Shanna Swan in der «New York Times» fest. Sie ist Epidemiologin und Reproduktionsmedizinerin an der «Icahn School of Medicine at Mount Sinai» in New York.

Andrea Gore, Professorin an der University of Texas und Herausgeberin des wissenschaftlichen Fachblatts «Endocrinology», warnte: «Mit der verschlechterten Spermien-Qualität sinkt die Fruchtbarkeit der Männer.»

Wichtige Ursache sind hormonaktive Stoffe

Endokrinologie ist die Lehre von den Hormonen. Es sind hormonaktive Stoffe wie Phthalate und andere Weichmacher, unter anderem in Kunststoffen, die den Männern ans Eingemachte gehen und deren Hormonhaushalt durcheinanderbringen. Bereits im Jahr 2005 ergaben Forschungsergebnisse einer US-Universität: «Je stärker Schwangere mit Phthalaten belastet sind, desto häufiger haben deren Buben degenerierte Genitalien: Hoden-Hochstände, kleinere Hoden und kürzere Penisse.» Der Autor hatte damals im «Sonntags-Blick» darüber berichtet (siehe Aufmacher-Bild).

Bisher vergebliche Warnung der Gynäkologie-Fachgesellschaften

Der Internationale Verband für Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) hatte im Oktober 2015 eine aussergewöhnliche Warnung veröffentlicht: «Der Kontakt mit weit verbreiteten toxischen Chemikalien in unserer Umwelt gefährdet die menschliche Fortpflanzung.» Anlass zur Sorge geben sogenannte hormonaktive Stoffe: Chemikalien, die menschliche Geschlechtshormone imitieren und dadurch den Hormonhaushalt der Menschen durcheinanderbringen. Unter anderem seien solche «endokrine Disruptoren», wie sie im Fachjargon heissen, nicht nur in Pestiziden, Flammschutzmitteln und Plastik zu finden, sondern ebenso in weitaus alltäglicheren Produkten wie Shampoos, Kosmetika, Farben, Lacken oder sogar auf gedruckten Kaufquittungen und Einfassungen von Konservendosen.

Über diesen Warnaufruf haben grosse Schweizer Medien bis heute kaum informiert. «Infosperber» hatte am 10. Februar 2016 berichtet: «Alarm: Hoden-Hochstände und weniger Spermien».

Karikaturist Nico im «Sonntags-Blick» vom 26.6.2005 (grösseres Format hier)

Hormonspezialisten doppeln nach

Der Internationale Verband der Gynäkologen ist nicht die einzige renommierte Organisation, die schon seit Längerem auf die latente Gefahr solcher Stoffe hinweist. Unlängst hat auch die Endocrine Society, ein internationaler Verband von Ärzten und Wissenschaftlern, die sich mit Hormonen befassen, eine ähnliche Warnung publiziert: Die Indizien würden sich verdichten, dass hormonaktive Stoffe die Ursache seien von weniger zeugungsfähigen Spermien bis zur Unfruchtbarkeit, Hoden-Hochständen und anderen Missbildungen der Fortpflanzungsorgane sowie von Krebserkrankungen der Prostata, Brust, Gebärmutter und Eierstöcken. Hormonaktive Stoffe würden auch zu den Zivilisationskrankheiten Diabetes und Übergewicht beitragen.

Am meisten gefährdet sind die Babys

Die Gefahr sei am grössten, wenn die Chemikalien auf ungeborene Kinder einwirken, erklärt die «Endocrine Society». Doch laut dem Gynäkologenverband FIGO ist der Kontakt mit hormonaktiven und andern toxischen Stoffen während Schwangerschaft und Stillzeit weit verbreitet. So könnten im Körper praktisch jeder Schwangeren der USA mindestens 43 chemische Schadstoffe nachgewiesen werden.

Das «National Cancer Institute» in den USA stellte fest: «Die Babies» kämen «in alarmierendem Ausmass mit Chemie vorbelastet zur Welt». Besonders heimtückisch ist gemäss FIGO, dass die Gesundheitsprobleme erst viele Jahre später im Erwachsenenalter auftreten. Rückwirkende Nachweise der Ursachen seien schwierig.

Über viele Wege in den Körper

Weichmacher wie Phthalate sind in den Kunststoffen chemisch nicht gebunden und können daher leicht entweichen. Sie gelangen in die Nahrung, ins Trinkwasser, in die Luft oder auf die Haut. Der Mensch nimmt die Phthalate nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit vorwiegend mit der Nahrung auf. Hormonaktive Stoffe können auch über Kosmetika, das Berühren von Chemikalien auf den Kaufquittungen oder durch regelmässige Einnahme von Medikamenten mit phthalathaltigen Kapseln in den Körper gelangen.

Hormonaktive Stoffe, die den Hormonhaushalt im Körper beeinflussen können (grössere Auflösung der Grafik hier).

Bürger als Versuchskaninchen der Chemiekonzerne

Der normale Bürger geht in der Regel davon aus, dass Schadstoffe staatlich reguliert und von den Behörden kontrolliert werden. Weit gefehlt, denn gemäss Tracey J. Woodruff, Professorin an der University of California in San Francisco, ist es «ein Mythos, dass die amerikanische Regierung sicherstellt, dass Chemikalien gesundheitlich unbedenklich sind, bevor sie auf den Markt kommen». Von den meisten nehme man einfach solange an, dass sie unschädlich seien, bis das Gegenteil bewiesen sei.

Nicholas Kristof, Kolumnist der «New York Times», schätzt die Zahl der Chemikalien, die weltweit zirkulieren, auf über 80'000. Nur ein winziger Teil davon sei rigoros auf ihre Sicherheit überprüft worden. Wird eine Substanz aus dem Verkehr gezogen, sei die Ersatzchemikalie oft genauso schädlich. Besonders stossend: Der Bevölkerung komme die Rolle als Versuchskaninchen zu.

Professorin Woodruff äusserte sich entsprechend frustriert, denn die gleiche Geschichte wiederhole sich ständig: «Tierversuche, Tests im Reagenzglas oder Frühstudien mit Menschen zeigen auf, dass Chemikalie ‚A‘ schädliche Folgen hat. Die Chemieindustrie sagt dann: ‚Das sind schlechte Studien, bringt uns den Nachweis am Menschen.‘ Aber der Nachweis am Menschen braucht Jahre und die Leute müssen dafür natürlich erst erkranken.»

Parallelen zur Tabakindustrie

Die Art und Weise wie die Chemieindustrie wissenschaftliche Evidenz herunterspiele und sich der Regulierung ihres Geschäfts widersetze, sodass arglose Bürgerinnen und Bürger grossen Schaden nehmen, gleiche frappant dem Verhalten der Tabakindustrie in den 1950er und 60er Jahren, argumentiert Kristof. Schon in den 1950er Jahren hätten Wissenschaftler herausgefunden, dass Zigaretten Krebs erzeugen. Doch die Tabaklobby konnte mit «Gegenstudien» und Lobbying die Behörden lahmlegen.

Während in Europa zur Regulierung hormonaktiver Substanzen erste, wenn auch bescheidene Schritte unternommen worden sind, existiere in den USA eine mächtige Chemielobby, die eine griffige Gesetzgebung in den beiden Kammern des US-Parlaments mit allen Mitteln zu verhindern suche: Ihre Ausgaben für Lobbying hätten im Jahr 2014 pro Parlamentsabgeordneter 121'000 US-Dollar betragen. Sarkastisch ergänzt Woodruff: «Wir müssen uns gefasst machen auf weiter hohe Quartalsgewinne der Chemiekonzerne, mehr Knaben mit Hoden-Hochständen und mehr Frauen mit Brustkrebs.»

Der beste Schutz sei nach wie vor der Eigenschutz: Biologische Produkte vorziehen (weniger Pestizide), weniger Plastik verbrauchen und weniger daraus trinken, den Kontakt mit Kaufquittungen meiden.

Am meisten sollten Frauen im gebärfähigen Alter darauf achten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Solange die universitäre Humantoxikologie de facto von der Pharmaindustrie kontrolliert wird und die Gesetzgebung sich dem Lobbying der Pharmabranche beugt, wird sich an der Situation nichts ändern.
Die Methodik der Beeinflussung ist exemplarisch im Buch «Merchans of Doubt» von Naomi Oreskes und Erik M. Conway dargestellt worden (Dt. erschienen unter dem Titel «Die Macciavellis der Wissenschaft, das Netzwerk des Leugnens"
Das Vorhandensein hormonell wirksamer Stoffe in Sonnencrèmes etc. ist seit mehr als 15 Jahren bekannt, entsprechende Forschungen wurden aber nicht oder nur halbherzig unterstützt.
Dr.med. Jacques Schiltknecht, Luzern
jacques schiltknecht, am 28. Juli 2017 um 11:58 Uhr
Leider fehlt in diesem Artikel ein sehr zentraler Aspekt, den jeder selbst beeinflussen kann: Sie schreiben zwar «Der Mensch nimmt die Phthalate nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit vorwiegend mit der Nahrung auf.» jedoch wird hier unterschlagen, das das BAG auch errechnet hat, dass 92% der Schadstoffe, die wir über die Nahrung aufnehmen, durch tierische Nahrungsmittel verursacht werden. Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass in den Industrienationen dass Problem am grössten ist, da dort auch am meisten tierische Produkte konsumiert werden.
Eine pflanzliche Ernährung würde somit den grössten Teil der Schadstoffbelastung verhindern.
Auf den Seiten von Swissveg finden sie nähere Informationen dazu:
http://www.swissveg.ch/giftstoffe
Renato Pichler, am 28. Juli 2017 um 14:06 Uhr

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