Goldy Parin-Matthèy und Paul Parin, Niger 1960 © Fritz Morgenthaler

Die Politisierung der Psychotherapie

Walter Aeschimann / 02. Jun 2019 - Wilhelm Reich, das «Kränzli» um Paul Parin und das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ).

Wilhelm Reich war ein Schüler von Sigmund Freud. Doch mehr als Freud war der österreichisch-US-amerikanische Arzt, Psychiater, Psychoanalytiker und Sexualforscher auch ein politisch radikaler Mensch. Reich war in den 1920er-Jahren der kommunistischen Partei Österreichs beigetreten und entwickelte Freuds Libidotheorie zur Orgasmustheorie. Darin untersuchte und beschrieb er die «vollständige orgastische Potenz». Dabei richtete er den Blick auf körperliche Vorgänge und entfernte er sich vom klassischen Vorbild Freuds. Anders als dieser lehrte Reich nicht die seelische Verarbeitung, nicht die Sublimierung sexueller Triebe, sondern ihr ungehemmtes Ausleben. In der orgastischen Potenz sah Reich den Schlüssel für einen erfolgreichen Kampf gegen die Neurose. Dazu sollte auch der von ihm in Berlin gegründete Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol, dienen, in dessen Arbeit Psychoanalyse und Marxismus kurzgeschlossen werden sollten.

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Denn Reich vertrat inzwischen die Überzeugung, dass die Befreiung der genitalen Sexualität von allen Einschränkungen und Tabus die beste Voraussetzung dafür sei, Individuen für den Kampf gegen politische Repression, gegen die bürgerliche Gesellschaft zu befähigen. Er war einer der ersten, der Psychoanalyse mit den sozialpolitischen Theorien von Karl Marx verknüpfte. Aber seine politische und psychotherapeutische Radikalität führten auch zum Bruch mit Sigmund Freud und zum Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Das hinderte Reich nicht daran, den aufkommenden Nationalsozialismus psychoanalytisch zu deuten. Sein Buch «Massenpsychologie des Faschismus» publizierte er 1933. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die im Jahr von Hitlers Machtergreifung in Deutschland erschien, führten auch zum Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und aus der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Als Jude, Kommunist und Psychoanalytiker nun dreifach gefährdet, musste er 1933 Deutschland verlassen. Die Schrift erreichte damals nur interessierte Kreise und wurde erst ab den 1960er-Jahren von einem breiteren, linksintellektuellen Publikum entdeckt. In diesem Buch beschrieb Reich grundlegende Zusammenhänge zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie.

Bis heute verbinden sich mit dem Namen des Arztes und Psychoanalytikers Wilhelm Reich sehr gegensätzliche Urteile zwischen Genialität und Scharlatanerie. Mit allen Formen der modernen Sexual- und Körpertherapie in der westlichen Welt bleibt er jedoch untrennbar verbunden. Wilhelm Reich starb am 3. November 1957 mit 60 Jahren in seiner Gefängniszelle in Lewisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania an plötzlichem Herztod. Ein amerikanisches Gericht hatte ihn zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte sich dem Verbot widersetzt, ein von ihm selbst entwickeltes medizinisches Gerät zu vertreiben.

Eine wesentliche Politisierung der Psychotherapie geschah jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Kriegsgräuel der Nationalsozialisten, deren traumatische Nachwirkungen und die Bewältigungsstrategien der Gesellschaft beeinflussten nun eine breitere Diskussionen in der Psychotherapie. Die Diskurse waren nicht mehr beschränkt auf Methoden und Theorien, sondern um eine gesellschaftspolitische Dimension erweitert. Martin Heidegger war dem Denken der Nationalsozialisten bedenklich nah gerückt. Carl Gustav Jung sah im Nationalsozialismus gar eine «mächtige Eruption» des kollektiven Unbewussten, den Aufstand der germanischen Seele gegen den «areligiösen Rationalismus». Das brachte Schulen, die sich zuvor auf Heidegger oder Jung bezogen hatten, in Erklärungsnot und machte sie angreifbar. Und es stärkte die klassische Psychoanalyse.

Vom privaten «Kränzli» zum Ausbildungsinstitut

In der Schweiz mag das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ) exemplarisch dafür stehen. Es ging zurück auf das sogenannte «Kränzli», einen privaten Freundeskreis, dem Fritz Morgenthaler, Paul Parin, Goldy Parin-Matthèy und Jacques Berna angehörten. Sie trafen sich seit Anfang der 1950er-Jahre regelmässig am Mittwochabend und pflegten auf einem hohen Niveau das Interesse an der Psychoanalyse. Ihr Vorbild war die Mittwochsgesellschaft um Sigmund Freud in Wien. Parin und Morgenthaler waren auch prägende Akteure in der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse (SPGsa) und zudem im Zweiten Weltkrieg als Ärzte bei den Partisanen in Jugoslawien aktiv gewesen. Eine derart wirkungsmächtige politische und intellektuelle Aura zog Psychoanalytiker*innen der nachfolgenden Generationen an. Sie wollten ins «Kränzli» aufgenommen werden. Dies hingegen sprengte den privaten Charakter. So gründete man 1958 in Zürich das Psychoanalytische Seminar für Kandidaten (PSZ). Dessen Lehrprogramm bestand in den Jahren 1958 bis 1965 aus vier bis sieben Kursen, an denen insgesamt rund 40 Personen teilnahmen.

Das PSZ in Zürich war zunächst ein Ausbildungsinstitut der SPGsa, neben dem Centre d'Enseignement Romand in Genf und Lausanne. Die Gesellschaft unterstützte die Bemühungen des Seminars um die Förderung der Freudschen Psychoanalyse gemäss den Richtlinien der International Psychoanalytic Association (IPA). De Facto wurde das Seminarprogramm aber zunehmend von einer politisierten Teilgruppe des PSZ dominiert. Im Jahr 1968 begannen die Spannungen, als junge Kandidat*innen (Schülerinnen) eine Mitsprache in der Gestaltung des Lehrprogramms forderten. Die für das Seminar verantwortlichen «Kränzli»-Mitglieder standen den antiautoritären Begehren reserviert gegenüber. Das wiederum reizte die Aufmüpfigen zu radikaleren Methoden. Sie organisierten eine erste Vollversammlung der Kandidat*innen. Ein solches Treffen war damals ein Novum, das national und international wahrgenommen wurde. Im Sommersemester 1969 setzte sich erstmals gar eine Kandidatin als Referentin auf das Unterrichtsprogramm.

Ideologische Streitereien

Bereits im Wintersemester 1968/69 hatte sich im Rahmen eines Seminars ausserhalb des offiziellen Lehrprogramms eine Arbeitsgruppe gebildet, die über «Psychoanalyse und Gesellschaft» diskutierte. Im Zentrum stand vorab die Kritik an der Institutionalisierung der Psychoanalyse. Einige miteinander befreundete Mitglieder dieser Gruppe, darunter Berthold Rothschild, Marianna Bolko, Irene Brogle, Pedro Grosz, Emilio Modena und Ilka von Zeppelin, schufen später die sogenannte Plattform, eine Art revolutionärer Gegenentwurf zum «Kränzli». Die von den Plattform-Aktivisten dominierten Grundsatzdiskussionen am PSZ führten schliesslich zum Bruch mit dem «Kränzli» und der Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse.

Aber das PSZ selbst wurde zunehmend Schauplatz ideologischer Streitereien, zwischen gemässigten und radikalen Gruppen. Um die Stimmung der politisch orientierten Psychotherapie Mitte der 1970er-Jahre zu verdeutlichen, sei aus einem Papier zitiert, welches eine Studiengruppe um Ursula Hauser und Emilio Modena über «Möglichkeiten psychoanalytischer Forschung aus marxistischer Sicht» verfasste:

«Der konkrete gesellschaftliche Bezugsrahmen für eine psychoanalytische Forschungsgruppe ist das Psychoanalytische Seminar Zürich, weil es nur hier eine organisierte Bewegung von Psychoanalytikern gibt, welche die Konfrontation verschiedener Tendenzen innerhalb der Freud'schen Psychoanalyse garantiert. Die politische Situation am Seminar ist gekennzeichnet durch den erfolgreichen Abschluss einer Kampfphase von kleinbürgerlich-radikal-demokratischen gegen bürgerlich-autoritäre Kräfte, was zu einer formalen Demokratisierung der Seminarstrukturen geführt hat. Der Kampf zwischen bürgerlichen, kleinbürgerlichen und proletarischen Tendenzen und Ideen dehnt sich infolgedessen heute auf das Gebiet der Lehrinhalte und der psychoanalytischen Konzeptualisierung aus. Laut einem Plattform-Beschluss vom Frühjahr 1975 geht es längerfristig um den Aufbau eines 'sozialistischen Institutes'».

Im Jahr 1977 schloss die «Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse» das PSZ vom Verband aus. Ein Teil der ehemaligen Mitglieder führte unter dem traditionellen Namen «Psychoanalytisches Seminar Zürich» die kultur- und gesellschaftskritisch ausgerichtete politische Tradition weiter. Die der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse zugewandte Gruppe arbeitete unter dem Namen «Ausbildungszentrum der SGPsa» und später am Freud-Institut Zürich weiter. Das PSZ ist heute ein Ausbildungsinstitut für freudsche Psychoanalyse und national und international anerkannt. Es ist ein Verein und in demokratischer Selbstverwaltung organisiert.

Auf Grund seiner Geschichte ist die Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse am PSZ nicht allein auf ihre klinischen Aspekte konzentriert. Das PSZ setzt sich auch mit der Vermittlung und Verbindung von kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen und Disziplinen auseinander. So wurde in seinem Umfeld die Ethnopsychoanalyse begründet und von Mario Erdheim, Maya Nadig, Florence Weiss und anderen weitergeführt.

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Serie zur Entwicklung der Psychotherapie

In mehreren Folgen beleuchtet Infosperber die Geschichte der Psychotherapie. Alle Beiträge finden Sie im

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Walter Aeschimann ist freischaffender Historiker und Publizist. Er hat im Auftrag der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) zu deren 40jährigem Jubiläum eine historische Schrift zur Geschichte der Psychotherapie in der Schweiz verfasst. Walter Aeschimann. Psychotherapie in der Schweiz. Vom Ringen um die Anerkennung eines Berufsstandes. Jubiläumsschrift 40 Jahre ASP. Zürich 2019.

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3 Meinungen

Was Jung betrifft, muss man etwas klar sehen: ihm war der National-Sozialismus alles andere als sympathisch - ein Greuel nachdem Hitler die Macht ergriffen hatte- aber er war tatsächlich am Anfang der Bewegung wissenschaftlich interessiert, Leute, die nach ihm von Archetypen gesteuert wurden ("Wotan") , durch die Strassen Deutschlands ziehen zu sehen. Dass er die politische Bedeutung dieses Phänomens nicht sofort erkannt hat, hat er rasch bedauert und sich sehr früh (lange vor dem Holokaust) für jüdische KollegInnen eingesetzt. Während dem Krieg war er übrigens Informant der CIA ….Die «mächtige Eruption» des Kollektiven Unbewusste zu Nazi-Zeit wurde also von Jung als zuerst als Phänomen gesehen und auch dann schon nicht positiv bewertet wie es hier der Artikel ihm subtil unterstellt. Klar wäre dieser Verdacht nicht aufgekommen wenn er sich, gleich am Anfang, wie Karl Barth es getan hat, explicit und scharf gegen die «Bewegung» ausgedrückt hätte. Aber im Gegensatz zu Barth, der als Pfarrer einer Arbeiter-Gemeinde politisch engagiert war, war Jung ein introvertierter, von den Tiefen und Untiefen der Seele faszinierter , in seinem Wesen unpolitischer ! - Psychoanalytiker.
bernhard sartorius, am 02. Juni 2019 um 21:20 Uhr
Psychiater müssen sich mit kultur- und gesellschaftspolitischen Fragen und Disziplinen auseinandersetzen, wie dies diese Gruppe „Ethnopsychoanalyse“ in Zürich macht. Oft wurden die Psychiatrie und die Psychologie früher missbraucht, um Individuum oder Gruppen zu manipulieren, anzupassen an das «System». Krass war der Einsatz von Psychologen bei Folterungen in Guantánamo.

Der gehorsame Mensch wurde im Militär oft als „gesund“ eingestuft, der Ungehorsame als „krank“. Ein Soldat der sein Karabiner in der Kaserne Brugg wegwarf wurde vom Psychiater vom Militärdienst dispensiert. Nachdem die Kompanie schon fünfmal vom Kasernenhof in den fünften Stock rennen musste, um dort das Tenue zu wechseln, hatte er genug und schleuderte seine Knarre in eine Ecke .

Der Psychiater Carl Gustav Jung war weitgehend blind vor der Gefahr des Faschismus. 1933 verließ ihn die politische Vernunft buchstäblich. Er wurde 1933 Vorsitzender der «Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie», nachdem der Psychiater Ernst Kretschmer sein Amt als deren Vorsitzender nach der Machtergreifung Hitlers aus Protest niedergelegt hatte. Sieben Jahre lang amtete Jung in dieser Funktion. Was nach 1933 unter den Nazis in Deutschland passierte, war in der Schweiz bekannt. Die Presse informierte, Bücher erschienen.

Siehe auch:
1933 scheint die Vernunft den Psychologen C.G. Jung verlassen zu haben
Ausstellung zu seinem «Roten Buch“
Von Heinrich Frei
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16006
Heinrich Frei, am 04. Juni 2019 um 09:39 Uhr
Mit Freude habe ich gesehen, dass in diesem Artikel auch Wilhelm Reich gewürdigt wird, inklusive seiner zunehmend wieder brisant werdenden „Massenpsychologie des Faschismus“ von 1933. Eine solche Würdigung stellt leider eine Seltenheit dar. Innerhalb der Psychoanalyse überwiegen Totschweigen und Diffamieren, was Reich – und was politische Psychoanalyse – betrifft.
An einer Stelle möchte ich allerdings eine Korrektur anbringen: „Dazu sollte auch der von ihm in Berlin gegründete Reichsverband für proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol, dienen, in dessen Arbeit Psychoanalyse und Marxismus kurzgeschlossen werden sollten.“
Weder hat Reich diesen Verein gegründet, noch geschah die Gründung des ersten dieser Vereine – es waren mehrere – in Berlin. Reich hatte großen aber zugleich recht begrenzten Einfluss auf diese Vereine.
Mehr dazu hier:
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/die-einheitsverbaende-fuer-proletarische-sexualreform-und-mutterschutz-und-wilhelm-reichs-tatsaechliche-rolle-in-der-deutschen-sexpol/
https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/war-die-sex-pol-eine-bewegung/

Zu C.G Jungs Rassismus gibt es übrigens einen aktuellen offenen Brief jungianischer Therapeuten: https://andreas-peglau-psychoanalyse.de/offener-brief-zum-thema-c-g-jung-und-afrikaner/

Herzliche Grüße
Andreas Peglau, Berlin
Andreas Peglau, am 25. Juli 2019 um 12:05 Uhr

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