Sexualaufklärung "Youth to Youth" in Kenia der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung © DSW Jonathan Torgovnik

Man muss Frauen in Afrika vom Gebärzwang befreien

Necla Kelek / 17. Jan 2018 - Gilt auch in muslimischen Ländern: Mädchen, die mit 14 verheiratet und dann schwanger werden, bleiben ein Leben lang Sklavinnen.

Red. Necla Kelek ist eine deutsch-türkische Sozialwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin und Islamkritikerin. Dieser Beitrag erschien am 4.1.2018 in der NZZ.

Jedes Jahr werden 89 Millionen Frauen in den Entwicklungsländern ungewollt schwanger, 48 Millionen Mal wird abgetrieben. Da, wo sie leben, gibt es entweder keine Familienplanung und keine Verhütungsmittel, oder es herrscht Gebärzwang. Die Menschheit hat sich seit 1900 versiebenfacht, etwa 7,5 Milliarden Menschen bevölkern heute die Erde. Das Wachstum ist ungleichzeitig: Während in den reichen Ländern heute inzwischen knapp doppelt so viele Menschen wie 1950 leben, sind es in den armen Gegenden der Welt fünfmal so viele.

Die Bevölkerung Europas wuchs von 1950 bis 2015 um 35 Prozent, jene von Asien um 300 und jene von Afrika um 512 Prozent. Arme Gesellschaften wachsen rasend schnell, reiche dagegen kaum noch.

Mythos: Mehr Bildung und Wohlstand führen automatisch zu weniger Kindern

Die einen halten dieses Wachstum für die kommende Apokalypse oder für eine Gefahr für das Weltklima, andere sehen darin einen Mythos – es gehe nicht um zu viele Kinder, sondern nur um eine gerechte Verteilung der Ressourcen. Es gibt ernstzunehmende Stimmen, die behaupten, Bildung und Wohlstand würden automatisch – oder durch die Etablierung eines Sozialstaats wie in Europa – zu weniger Kindern führen. «Wir wissen: Mädchen, die länger zur Schule gehen, bekommen später und weniger Kinder – und diese Kinder haben die Chance auf ein besseres Leben», beschreibt der deutsche Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) diesen Ansatz, der wohl der europäischen Geschichte, aber nicht den aktuellen globalen Realitäten entspricht.

Denn in vielen Teilen der Welt sind Kinder immer noch die traditionelle Art der Altersversorgung. Oder es wird mit Kindern Krieg geführt. Palästinenser wetteifern mit orthodoxen Juden durch eine exorbitante Geburtenrate um die demografische Vorherrschaft in Jerusalem. Kurden versuchen in der Türkei mittels Geburtenpolitik Einfluss zu gewinnen, und der Kampf von Sunniten und Schiiten gegen Alawiten, Jesiden und Christen in Syrien wird auch im Kindbett ausgetragen.

Tragende Säule der Herrschaft des Islams

Der türkische Staatspräsident Erdogan erklärte es jüngst zur Pflicht einer Muslimin, mehrfach Mutter zu werden. Türken und Muslime in Europa sagen offen, sie betrieben Politik per Demografie. Unterstützt wird diese Politik durch die Familienstrukturen in der islamischen Gesellschaft, die mit dem Zwang zu Ehe, Frühverheiratung, Verwandtenehe sowie Geschlechter-Apartheid die Grossfamilie zur Grundlage der Herrschaft des Mannes über die Frauen und Kinder macht. Die Familie ist mit der Frauenunterdrückung die tragende Säule der Herrschaft des Islams, und Geburtenraten sind ein demografischer Hebel.

Eine verantwortungsvolle globale Bevölkerungspolitik sollte deshalb auch für europäische Politiker Priorität auf der entwicklungspolitischen Agenda haben. Sieht man sich aber den Politikansatz der amtierenden deutschen Regierung an, muss man feststellen, dass sie keine Rolle spielt. Im Sommer 2017 wurde zum Beispiel in einem «Marshall-Plan mit Afrika» eine «neue Partnerschaft für Entwicklung, Frieden und Zukunft» von Afrika und Europa auf den Weg gebracht. Die Schwerpunkte des Programms zur Entwicklung des afrikanischen Kontinents umfassen Wirtschaftsförderung, Bildungsinitiativen, Korruptionsbekämpfung.

Die Themen Familienplanung oder Bevölkerungspolitik kommen in dem über 32-seitigen Programm nur der Vollständigkeit halber vor. Konkrete Massnahmen stehen hintenan. Die deutsche Bundesregierung sieht die Bevölkerungsentwicklung eher positiv: «Afrika ist neben allen Konflikten und Problemen auch ein Kontinent der Chancen, der Dynamik und der Jugend. Von den 1,2 Milliarden Einwohnern ist derzeit die Hälfte jünger als 25 Jahre. Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050 verdoppeln. Das dynamische Bevölkerungswachstum ist dabei Herausforderung und Chance.»

Bundesentwicklungsminister Müller sieht die Lösung des Problems in mehr Beschäftigung und meint: «20 Millionen Jobs sind möglich.» Dass es einen Zusammenhang zwischen Arbeit und Fluchtursachen gibt, nämlich anders als beabsichtigt höherer Wohlstand zu mehr Migration führen wird, gibt der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft zu bedenken: «Die absoluten Zahlen der Flüchtlinge aus Afrika werden mit dem Wirtschaftswachstum steigen.» Denn mit mehr Familieneinkommen sei die Flucht eines jungen Mannes erst zu finanzieren.

Die Kosten für die Flucht sind faktisch ein Kredit für die späteren Überweisungen der Geflüchteten in ihre Heimatländer. Die Zahlungen von in Europa lebenden Migranten sind inzwischen für die Empfängerländer wichtiger und höher als die Entwicklungshilfe. Vor diesem Hintergrund erscheint das Interesse der Herkunftsländer, die Flucht der jungen Männer und Frauen zu verhindern, in einem anderen Licht.

Kinderehen, Frühverheiratung, Genitalverstümmelung...

Die idealistisch-romantische Vorstellung einer Europäisierung der Verhältnisse in Afrika mittels Bildung, Arbeit und guter Regierungsführung ignoriert zudem völlig die tatsächlichen lokalen Verhältnisse, die für Frauen von Kinderehen, Frühverheiratung, Genitalverstümmelung, Aids, Kinderarbeit und Kinderhandel geprägt sind. Sie sind die eigentliche Katastrophe Afrikas. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat dies erkannt. «Es gibt in Afrika viele Familien mit sieben, acht oder neun Kindern pro Frau. Sind Sie sicher, dass dies jedes Mal die Entscheidung der jungen Frauen war? Ich will, dass ein junges Mädchen darüber entscheiden darf, ob es mit 13 oder 14 heiratet und Kinder bekommt», sagte er am 28. November in einer Rede in Burkina Faso.

Hier liegt der Kern der explodierenden Demografie: die Lage der Frauen. Es muss darum gehen, Frauen- und Kinderrechte zu schützen, also gemeinsam Kinderehen zu verhindern, Sexualaufklärung, Alphabetisierungskampagnen zu initiieren. Ein Mädchen, das mit 14 verheiratet wird und das erste Mal schwanger wird, bleibt ein Leben lang Sklavin, weil es keine Chance hat, sich aus den Verhältnissen zu befreien. Und weil es Freiheit selbst nicht kennt, wird es auch seine Kinder nicht zur Freiheit erziehen können.

Das Elend in den Flüchtlingslagern in Libyen ist furchtbar, aber die Lage vieler Frauen in Afrika ist nicht besser. Wir müssen Afrikas Frauen befähigen, sich vom ökonomisch oder religiös bestimmten Gebärzwang und von der Herrschaft der Männer zu befreien. Das wäre ein wirksamer Plan, nicht nur für Afrika.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Necla Kelek, geboren in Istanbul, lebt als Sozialwissenschafterin und Publizistin in Berlin.

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4 Meinungen

All das Geschilderte mag ja weitgehend stimmen, bleibt jedoch bei der Fage stehen, was konkret zu tun wäre. Es ist meiner Ansicht nach nicht abzustreiten, dass Bildung und materielle Sicherheit es erst ermöglichen würden, auf die Zahl der Kinder als Überlebensversicherung zu verzichten. Aber wie ändert man religiös bestimmte Traditionen? Mir fehlt der Glaube, dass der aktuelle Kreuzzug gegen den Islam, den vor allem die USA betreiben, uns einer Lösung näher bringt, im Gegenteil. Vielleicht wäre ein sinnvoller Schritt zur Abwendung des Elends, wenn die alles bestimmenden westlichen Wirtschaftseliten damit aufhören würden mit den korrupten Diktatoren armer Ländern zu kollaborieren um ihre Gier nach billigen Rohstoffen zu befriedigen.
Hanspeter Gysin, am 17. Januar 2018 um 12:15 Uhr
Besten Dank für den Artikel. Schlecht finde ich die für mich auf IS erstmalige Einbettung eines Videos, einer Autoreklame noch mit Ton, das von selber startet und sich nicht einmal abstellen lässt. Somit muss ich meinen Werbeblocker wieder installieren. Wäre dies mein erster Besuch auf IS, wäre es auch mein letzter. Bitte verzichten Sie auf «inread-experience.teads.tv», eine wirklich perfide Form der Reklame. Auch wenn es nichts ist im Vergleich zum Schicksal der Frauen in Kenia.
Theo Schmidt, am 17. Januar 2018 um 14:29 Uhr
Frauen sollen selbst bestimmen können, wann und wen sie heiraten wollen, und sie sollen auch nicht gegen ihren Willen schwanger werden. Das ist doch eine absolut gerechtfertigte und vernünftige Forderung! Mir ist nicht ganz klar, was es da herumzumäkeln gibt.

Angesichts der Tatsache, dass viele Kinder in Afrika unterernährt sind, und noch viel mehr von ihnen keine guten Schulen besuchen können, finde ich es schon sehr seltsam, wenn das «dynamische Bevölkerungswachstum» von gewissen Leuten durch die rosa Brille gesehen und schöngeredet wird.

Man kann schon sagen, dass eine Frau, die eine richtige Ausbildung macht, kaum mit 13 schwanger wird. Die umgekehrte Argumentation, nämlich dass eine Frau nicht schon mit 13 schwanger werden darf, damit sie überhaupt eine gute Ausbildung machen kann, kommt der Realität in vielen Regionen Afrikas wohl näher.

Und nein: Es geht hier nicht exklusiv gegen den Islam! Wenn ich mich nicht irre, haben auch schon Päpste gegen die Familienplanung gepredigt, und dies in Gebieten, wo so etwas eigentlich strafbar sein sollte.
Daniel Heierli, am 18. Januar 2018 um 21:58 Uhr
Natürlich wäre es schön, wenn wir die «bestimmenden westlichen Wirtschaftseliten» dazu bringen könnten, nicht mehr mit den korrupten Diktatoren armer Länder zu kollaborieren ... aber wir sollten wir mit diesen Eliten ins Gespräch kommen? Man kann auch konkret etwas tun, auf bescheidenerem Niveau, aber wirksam: Es gibt z.B. eine schweizerische, kleine Organisation, die einen Schweizer Arzt nach Westafrika (Gambia und Benin) schickt, der der Aufklärung über die Fruchtbarkeitszyklen betreibt - mit gutem Erfolg: Im betreffenden Gebiet nimmt die Kinderzahl ab, und die Frauen, die da mitmachen, verbreiten die Kenntnis dieser Zyklen weiter. Das Programm heisst «maternité désirée», die Adresse lautet «www.aimer-agir.ch». Hier kann man mit relativ kleinen Beiträgen etwas bewirken.
Kurt Schwob, am 22. Januar 2018 um 19:29 Uhr

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