General Dufour (auf dem Schimmel) putschte 1847 gegen die Katholisch-Konservativen © wikipedia

Unsere «Muslim-Brüder» waren einst die Katholiken

Kurt Marti / 21. Jul 2013 - Die Religionen sind die grossen Bremser auf dem Weg zu einer offenen Gesellschaft. Heute in Ägypten, gestern in der Schweiz.

In Ägypten kämpfen säkulare, weltoffene Kräfte gegen religiös-konservative Schichten der Bevölkerung. Unter dem Druck der Strasse hat Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi die Muslim-Brüder aus der Regierung geputscht. Einmal mehr in der Geschichte der Menschheit demonstriert eine Religion ihre bremsende, destruktive Kraft auf dem Weg zu einer freiheitlichen Gesellschaft.

General Dufour putschte gegen die Katholisch-Konservativen

Der distanzierte Blick auf Ägypten lässt uns leicht vergessen, dass im Europa des 19. Jahrhunderts ähnliche Kämpfe ausgefochten wurden und dass die Installierung demokratischer Rechtsstaaten nicht in einem Jahr oder Jahrzehnt vollendet waren, sondern dass die Geburtswehen fast ein ganzes Jahrhundert dauerten, von der französischen Revolution bis Ende des 19. Jahrhunderts.

Im damaligen Staatenbund Schweiz putsche General Guillaume-Henri Dufour im Jahr 1847 die helvetischen «Muslim-Brüder» aus den Regierungen der katholischen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis, nachdem diese einen Sonderbund zur Verteidigung der katholischen Religion gegründet hatten. Dieser Sonderbundskrieg forderte rund 150 Tote* und 400 Verletzte. 1848 kam es zur Gründung der modernen Schweiz.

Politisches Chaos: Züri-Putsch, Freischaren-Züge und Bürgerkriege

Bedeutend mehr Tote forderten die Bürgerkriege im Jahrzehnt vor dem Sonderbundskrieg. Beispielsweise die beiden erfolglosen, antiklerikalen Freischaren-Züge gegen die Katholisch-Konservativen in Luzern (1844 und 1845) oder der Putsch konservativer Kreise gegen die liberale Regierung in Zürich (Züri-Putsch 1839). Besonders heftig tobte der Kampf zwischen liberalen und konservativen Kräften im Kanton Wallis.

Im Jahr 1840 brachte ein erster Bürgerkrieg die Liberalen an die Macht, vier Jahre später ein zweiter Bürgerkrieg wiederum die Katholisch-Konservativen, welche besonders hart gegen ihre Gegner vorgingen: Mehr als 600 Anhänger der Liberalen wurden verhaftet und zu Gefängnisstrafen bis zu 20 Jahren verurteilt. Wer die geringste öffentliche Kritik äusserte, wurde gefangen genommen und landete im Kerker. (siehe Link unten: Arthur Fibicher, Walliser Geschichte)

Der Vatikan lieferte das anti-demokratische Programm

Der Widerstand der Katholisch-Konservativen im Wallis entzündete sich immer wieder an religiösen und schulischen Fragen: Der Klerus befürchtete den Verlust seiner Vorherrschaft über das Schulwesen und stellte sich notorisch gegen die Säkularisierung der Bildung. Als die liberale Regierung dem Volk im Jahr 1841 ein fortschrittliches Schulgesetz vorlegte, wurde dieses von der Walliser Bevölkerung unter der Propaganda des Klerus abgelehnt. Haushoch abgelehnt wurde im Wallis auch die eidgenössische Bundesverfassung (1848) und deren Revision (1874) sowie das eidgenössische Gesetz über das Ehe- und Zivilstandswesen (1875). Immer unter dem Einfluss der katholischen Kirche.

Das ideologische Programm der Katholisch-Konservativen wurde im Vatikan vorgebacken, der sich gegen die Errungenschaften der Aufklärung, gegen Demokratie und die Menschenrechte sowie gegen Wissenschaft und Bildung stellte. Prägend für diese rückwärtsgewandte Haltung war Papst Pius IX., dessen Pontifikat von 1846 bis 1878 dauerte. Einerseits verkündete er die Dogmen der Unbefleckten Empfängnis und der päpstlichen Unfehlbarkeit, andererseits geisselte er Demokratie, Presse- und Glaubensfreiheit mit scharfen Worten. Den italienischen Katholiken verbot er 1874 sogar die Teilnahme an demokratischen Wahlen.

Der Geist der konservativen Bremser wirkt bis heute nach

Nach dem Sonderbundskrieg übernahmen im Wallis die Liberalen und Radikalen die Macht. In der neuen Regierung waren die Katholisch-Konservativen nicht mehr vertreten. Doch die Machtübernahme der Liberalen und Radikalen dauerte nur bis 1857. Dann drehte sich das Karussell erneut in die andere Richtung. Unter dem Diktat der katholischen Kirche holte die Walliser Bevölkerung die Katholisch-Konservativen wieder in die Regierung und ins Kantonsparlament zurück. Darauf folgte die katholisch-konservative Vorherrschaft, welche 156 Jahre dauerte. Erst im vergangenen Frühling verlor die CVP die Mehrheit im Kantonsparlament.

Während dieser Vorherrschaft hinterliessen die Katholisch-Konservativen und ihre politischen Erben im Wallis unübersehbar ihre Spuren bis heute: Vetternwirtschaft und Parteifilz sowie Obstruktionen gegen eidgenössische Gesetze. Noch im Jahr 2010 verlor der Sekundarlehrer Valentin Abgottspon fristlos seine Stelle, weil er das Kruzifix in seinem Klassenzimmer entfernte. Ironie der Geschichte: Der damalige FDP-Staatsrat Claude Roch segnete die Entlassung bereitwillig ab. Seine parteipolitischen Ahnen werden sich im Grab umgedreht haben.

Eine Frage von Jahrzehnten und Jahrhunderten

Auch 165 Jahre nach der Gründung der Schweiz verlangt das Walliser Unterrichtsgesetz immer noch die Erziehung der Schulkinder zu «Menschen und Christen», was im Widerspruch zur Glaubens- und Gewissensfreiheit in der Bundesverfassung ist und indirekt ein Berufsverbot für nicht-katholische Lehrpersonen darstellt. Und wenn letzthin der erste, einheitliche Lehrplan der Schweiz in die Vernehmlassung ging, dann ist das ebenfalls eine Spätwirkung des katholisch-konservativen Widerstandes gegen ein zentrales, säkulares Bildungswesen. Die Bremsklötze der Religionen sind enorm widerstandsfähig. Deshalb sind politische Veränderungen keine Frage von Jahren, sondern von Jahrzehnten und Jahrhunderten. Das wird auch in Ägypten nicht anders sein.

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* Nachträgliche Bemerkung: Die genaue Zahl der Toten lässt sich nicht mehr exakt eruieren. Die Zahlen im Internet variieren zwischen 86 und 200 Toten. Siehe dazu auch Daniel Osterwalder, Tote im Bundesarchiv

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Autor des Buches «Tal des Schweigens:Walliser Geschichten über Parteifilz, Kirche, Medien und Justiz»

Weiterführende Informationen

Arthur Fibicher, Walliser Geschichte, Die Neuzeit, Band 3.1
Dossier: Toleranz gegenüber Fundamentalisten?
Dossier: Der Vatikan und die Katholiken
Dossier: Arabellion: So geht es weiter

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16 Meinungen

Dass 1847 General Dufour die katholischen «Muslimbrüder» weggeputscht haben soll, ist historisch blanker Unsinn. Dufour wurde von der Tagsatzung beauftragt, den von den katholisch-konservativen Kantonen gegründeten Sonderbund, der eine Spaltung der Eidgenossenschaft zum Ziel hatte, aufzulösen, was zum Sonderbundskrieg führte. Richtig ist, dass die wegen der sich gegenseitig blockierenden Tagsatzung reformunfähige Eidgenossenschaft in einem revolutionären Akten 1848 gegründet wurde. Der Sonderbundskrieg hatte nicht 150 Tote zur Folge, sondern weniger als hundert, was der äusserst zurückhaltenden, «humanitären» Kriegführung von Dufour zu verdanken ist. Zum Vergleich: Der amerikanische Bürgerkrieg 15 Jahre später forderte 620'000 Tote.
Thomas Buomberger, am 19. Juli 2013 um 12:02 Uhr
Ich habe mich im Kanton Luzern ca. 40 Jahre mit dieser Thematik befasst; letztes Jahr 3 Jubiläumsveranstaltungen zu Ehren des Revolutionärs Jakob Robert Steiger veranlasst. Der Vergleich der Katholisch-Konservativen mit den Muslim-Brüdern steht für historische Ignoranz; wiewohl Wolf von Rippertschwand wie auch die Ruswiler Gebetsgesellschaften fundamentalistische Züge trugen. Die konservative Verfassung von 1841 war ein Schritt in die direkte Demokratie, Segesser, der bedeutendste Katholisch-Konservative, gebildeter als die liberale Konkurrenz: Er warnte vor dem Unfehlbarkeitsdogma von 1870 und war auch der bisher stärkste Kritiker nationalstaatlichen Denkens in der Schweiz, ein philosophischer Kopf, wie Ignaz Paul Vital Troxler, der Präger des Begriffs «radikal", katholischer Vordenker der Synthese von idealistischer Philosophie und Demokratie, was in Deutschland verpasst wurde. Troxler bedauerte die Klosteraufhebung im Aarau und wollte den mit religiösen Motiven missbrauchten Bürgerkrieg verhindern, ohne Erfolg; immerhin brachte er den Ständerat durch. Die 7 Jesuiten in Luzern haben nie politisch agitiert und stellten in keinem Augenblick eine Bedrohung dar: das entsprechende Feindbild war rein pathologisch; mit Ausnahme der verfassungswidrigen Entmachtung des Erziehungsrates, die sie forderten, welchem undemokratischen Blödsinn erst vor einigen Jahren im Rahmen der Machterweiterung des Bildungsdep. nachgelebt wurde. Voltaire u. Pascal waren Jesuitenschüler; in Fribourg gab es anstelle der vertriebenen Jesuiten dann die Uni; der erste Schweizer, der das Wort «Menschenrecht» brauchte, in seinem Tell-Drama, war 1780 der Luzerner Jesuit J.Ignaz Zimmermann. Jesuiten haben schon im 17. Jhd. in LU abergläubische Bräuche abgestellt; die religiöse Hetze gegen Protestanten beim 2. Villmergerkrieg erfolgte durch Kapuziner. Der kath.-konservative Lehrer J. Eutych Kopp hat in LU 1835 die Nichtexistenz Tells nachgewiesen u. die CH-Geschichtsschreibung revolutioniert. Er galt deswegen als Agent Metternichs. Seine Bücher wurden z.T. verbrannt; es folgten in der CH Generationen v. Geschichtsunterricht in Form v. Volksverdummung. Der General der Konservativen im Sonderbundskrieg war Bündner Protestant usw. Vgl. noch das Buch von René Roca über diese Epoche; 2012 v. mir im Aargau vorgestellt, ein Bestandteil historischer Demokratieforschung.
Pirmin Meier, am 19. Juli 2013 um 12:25 Uhr
Die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben dieselbe Gottesvorstellung. --- Die Unterdrückung des Menschen und der Diebstahl des Selbstbestimmungsrechts sind diesen Religionen immanent. --- Wissenschaft und Bildung befreien uns aus den Klauen der Religionen. --- Zitat aus dem Artikel: «Deshalb sind politische Veränderungen keine Frage von Jahren, sondern von Jahrzehnten und Jahrhunderten. Das wird auch in Ägypten nicht anders sein.» --- Die politischen Veränderungen in den islamischen Ländern werden innerhalb von wenigen Jahren stattfinden, da das Bildungsniveau durch die Medien schnell steigen wird. -- Joachim Datko - Physiker, Philosoph ---
Forum für eine faire, soziale Marktwirtschaft ---
http://www.monopole.de
Joachim Datko, am 19. Juli 2013 um 14:03 Uhr
Dass Dufour die «katholischen Muslimbrüder wegputschte» ist ja wohl nicht so ganz wörtlich zu nehmen, aber trotzdem eine anschauliche Formulierung. Und dass es 86 Tote waren statt 150 ist ja auch nicht so gravierend.

Die Geschichte der Schweiz in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts ist jedenfalls hochinteressant - und den wenigsten Schweizern bekannt (hallo, Schweizer Historiker: Warum eigentlich?), obwohl die moderne Schweiz daraus entstand: aus einem Bürgerkrieg und faktisch einer Revolution gegen die von Oesterreich-Habsburg gestützten Kräfte der fundamentalistisch-katholischen Reaktion.

Man kann Kurt Martis Faden ja weiter spinnen: Was wäre eigentlich geschehen, wenn die «Muslimbrüder» gesiegt hätten? Sie hätten sofort die Schweiz grundlegend und gewaltsam umgemodelt, um ihre Macht zu zementieren: Das Berner Oberland und das Simmental sollten Unterwalden und das Wallis bekommen. Der katholische Aargau wäre von Luzern geschluckt , Glarus unter Uri und Schwyz aufgeteilt worden. Zug wäre bis an Limmat und Albis auf Kosten Zürichs vergrössert worden und Puntrut wäre ein eigener Kanton geworden, um die katholische Mehrheit zu sichern (Quelle: Konstantin Siegwart-Müller, der Anführer der Reaktion in Luzern; er hätte letztlich weite Teil der Schweiz unter österreichisches Diktat gestellt).
Fred David, am 19. Juli 2013 um 19:47 Uhr
Das ist zu simpel!
Im Alten Testament werden ganz verschiedene Gottesvorstellungen geschildert.
Am besten gefällt mir die Antwort aus dem Dornbusch: «ich bin der (oder das) Ichbin".
Oder Hosea 6.6 «Barmherzigkeit will ich nicht Opfer, Liebe nicht Brandopfer..."
Wenn Patriarchen die Leute manipulieren wollen, dann engen sie die Beschreibungen des Unbegrenzten gerne ein, bis zu beängstigenden Bildern.
Ähnliche Verfälschungen geschehen auch in areligiösen Organisationen, man denke nur an die unmenschliche Umsetzung der kommunistischen Lehre! Auch Wissenschaften lassen sich für Gewinnsucht prostituieren. Oft werden wissenschaftliche Erkenntnisse dogmatisch als endgültig postuliert und Abweichler werden bekämpft. Und die Freidenker dürfen eigentlich auch nicht so frei denken wie sie vielleicht gerne möchten. Oder wollen sie gar nicht undogmatisch denken?
Man bastle sich ein Feindbild und orientiere sich daran....
Urs Lachenmeier, am 19. Juli 2013 um 19:59 Uhr
Fred David: das mit der fundamentalistisch-katholischen Reaktion betr. Siegwart -Müller ist historisches Biertisch-Geschwafel, berücksichtigt offensichtlich nicht die fast grenzenlose Verachtung, die der ehemalige Liberale und eingebürgerte Deutsche Siegwart Müller (was übrigens Steiger mit fremdenfeindlicher Polemik kommentierte) in wesentlichen Teilen auch des katholischen Establishments der Innerschweiz entgegenschlug; das könnte Herr David in den Aufzeichnungen Segessers nachlesen; die Spekulationen aus der Sicht historischer Feindbilder sind etwa so realistisch wie das Schreckgespenst einer leninistisch-stalinistischen Diktatur, die Robert Grimm mit dem Generalstreik angeblich anstrebte; die «Liebe» zu Habsburg-Österreich hielt sich in der Innerschweiz in Grenzen. Ich bin gerne bereit, den Herren David und Marti im Staatsarchiv LU ein paar Dokumente zu zeigen, etwa die rund 10 000 Unterschriften in der Petititon gegen die Hinrichtung Steigers, welches Urteil objektiv der grösste Fehler der katholisch-konservativen Regierung war. Die Unterschriften, darunter immerhin die Mehrheit der Geistlichen des Kantons LU, desavouierten die Regierung als Papiertiger. Andererseits war der 2. Freischarenzug vom 31. März, 1. u. 2. April 1845 für die liberale Sache ein totales Desaster und tatsächlich ein Putschversuch. Immerhin realisierte Ochsenbein, der von der eigenen, teilweise besoffenen Chaostruppe zum Teil nicht einmal erkannt wurde, dass man sich in Luzern nicht von ausserkantonalen Freischärlern «befreien» lassen wollte. Ich zeige den Herren Marti und David gerne mal ein paar Dokumente im Staatsarchiv LU, auch die Gräber von Steiger und Kasimir Pfyffer oberhalb der Hofkirche sowie die entsprechenden Einschusslöcher im Wirtshaus zum Klösterli in Malters, wo auch ein eindrucksvolles Grabmal der im Aargauer Grossrat als «Banditen", im eigenen Verständnis aber als Kämpfer für Recht und Freiheit gefallenen Freischärler von 1845 zu besichtigen ist. Die geistigen Hintergründe kennt man ohne gründliche Befassung mit Troxler, Segesser und Steiger nicht. Sehr empfehlenswert bleiben die Ochsenbein-Biographie von Rolf Hollenstein sowie die Publikationen des Aargauer Historikers René Roca, die für das Zentrum für Demokratie Aarau geschrieben wurden. Ich vermute, dass die falschen Opferzahlen in dem als Schülerarbeit nicht genügenden Artikel auf eine Zusammenzählung der Opfer des Sonderbundskrieges mit denjenigen des 2. Freischarenzuges zurückzuführen ist.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2013 um 06:12 Uhr
Korrektur: Das empfehlenswerte Buch über Ochsenbein ist von Rolf Holenstein, nicht Hollenstein, geschrieben; der Untertitel ist am wenigsten gut: «Erfinder der modernen Schweiz". Sie wie Klaus von Flüe die alte Schweiz nicht gerettet hat, hat Ochsenbein die moderne wohl noch weniger «erfunden". Auch 1992, bei der EWR-Abstimmung, ist die Schweiz nicht vom damals und heute bekanntesten Politiker im Alleingang «gerettet» worden. Und muss es heissen: die Verachtung, die d e m ehemaligen Liberalen und eingebürgerten Deutschen Siegwart-Müller entgegenschlug. Von seinen bekloppten politischen Vorstellungen war wenigstens der Kanton Jura keine Wahnidee; Fred David findet diese Epoche mit Recht hochinteressant. Malters, wo die Einschusslöcher von 1845 und 1847 tatsächlich erhalten blieben, wäre eine Reise wert.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2013 um 07:01 Uhr
@) Pirmin Meier: Ihr lokalpatriotischer Reflex in Ehren, aber der «eingebürgerte Deutsche» (schuld waren ja schon immer die Ausländer) Konstantin Siegwart-Müller war immerhin gewählter Regierungspräsident (Schultheiss) in Luzern und Präsident des Kriegsrats der «Muslimbrüder"; deren General war übrigens Johann Ulrich von Salis-Soglio.

Die Geschichte im Vorfeld des Bürgerkriegs schreit geradezu danach, en bisschen präziser aus zeitlicher und räumlicher Distanz aufgearbeitet zu werden, weil daran erkennbar wird, warumauch heute noch gewisse Dinge in der Schweiz so laufen wie sie laufen, und dass die «Bürgerkriegsfront» auch heute noch in manchen erscheinungen erkennbar ist.

Tatsache jedenfalls bleibt: Um die Reaktion zu besiegen und die moderne Schweiz überhaupt erst gründen zu können, brauchte es einen Bürgerkrieg, weil die Eidgenossenschaft von innen her nicht mehr reformfähig war.

1848 haben übrigens die Schwyz, Zug, Wallis, Uri, Tessin, Nidwalden, Obwalden, Appenzell Innerrhoden den Beitritt zur Schweiz abgelehnt. Die meisten Kantone haben das später korrigiert. Beim Wallis bin ich mir nicht ganz sicher, bei Appenzell Innerrhoden allerdings schon: Die Innerrhödler haben einem Beitritt zur Schweiz formal nie zugestimmt, bis heute nicht.
Fred David, am 20. Juli 2013 um 12:11 Uhr
Danke, Herr David. Auch Luzern hat die Bundesverfassung von 1848 nur angenommen, weil die Nichtstimmenden als Ja-Stimmen gezählt wurden; im Kanton Bern stammten die Nein-Stimmen hauptsächlich aus dem radikalen Stämpfli-Lager, welche den Ständerat und andere föderalistische Bremsen nicht akzeptieren wollten. Die historische Wahrheit, in Berlin, London, Paris, Moskau, Luzern usw., muss in der Regel vor Ort aufgestöbert werden. Theoretisch wäre 1848 - wie oft heute - eine unheilige Allianz zwischen Ultrakonservativen und Quasilinken möglich gewesen, nach Holenstein die vielleicht grösste reale Gefahr bei der Gründung des Bundesstaates, darum hat er Ochsenbein nicht zu Unrecht rehabilitiert und den in den letzten Jahren wohl besten Beitrag in der Forschungsrichtung, wie sie Herr David wünscht, geleistet. Die Bemerkungen von Herrn David betr. die heutige «Bürgerkriegsfront» sind auch deswegen klug, weil z.B. am 7. Juni 1970 die Schwarzenbachinitiative incl. dem Oberwallis von allen Sonderbundskantonen angenommen worden war. Es handelte sich also unter diesen Gesichtspunkten um eine «Identitätsabstimmung» und nicht, wie es oft dargestellt wird, um einen Test in Fremdenhass.
Pirmin Meier, am 20. Juli 2013 um 12:34 Uhr
@Pirmin Meier: Dass man in Luzern und wahrscheinlich auch anderswo die Abstimmung zum Beitritt zur Schweiz so leichthändig manipuliert hat, wusste ich nicht. Es zeigt aber eben, dass der Beginn einer Demokratie in der Realität halt etwas anders verläuft als im Lehrbuch und dass wir Schweizer keineswegs geborene Demokraten sind, sondern gelernte - nach einem mühsamen, langen und blutigen Lernprozess, der noch gar nicht so lange zurückliegt.
Fred David, am 20. Juli 2013 um 14:18 Uhr
Der Vergleich zwischen dem heutigen Islamismus und dem katholischen Konservatismus des 19. Jahrhunderts ist durchaus einleuchtend. Man könnte in diesem Zusammenhang übrigens auch noch einige sich auf den Katholizismus berufende Rechtsdiktaturen des 20. Jahrhunderts erwähnen, namentlich die Regimes in Portugal (1926-1974), Spanien (1939-1975) und Österreich (1933-1938).
Die historischen Irrtümer Kurt Martis sind dagegen weit weniger gravierend als einige Kommentatoren hier behaupten. Zwar ist die Bezeichnung des Sonderbundskriegs als „Putsch“ General Dufours tatsächlich ein störender Missgriff. Insgesamt zutreffend sind aber Martis Aussagen zu den Konfliktgegenständen und dem Vor- und Nachspiel des Sonderbundskriegs. Wichtig ist auch der Hinweis auf die weitgehend vergessenen Bürgerkriege im Wallis.
Bei der Zahl der Toten liegt Marti übrigens näher an der historischen Wahrheit als seine Kritiker meinen. Wie ein 1999 publizierter, auf die bisher kaum beachteten Aufzeichnungen des damaligen eidgenössischen Oberfeldarztes gestützter Aufsatz von Daniel Osterwalder zeigt, waren die Verluste nicht so gering, wie oft angenommen wird: Der Bürgerkrieg forderte mindestens 153, wahrscheinlich aber rund 200 Todesopfer. Der vollständige Aufsatz findet sich hier: http://dx.doi.org/10.5169/seals-16579.
Der von Thomas Buomberger angestellte Vergleich mit den absoluten Opferzahlen des Sezessionskriegs ist wenig aussagekräftig: Für einen sinnvollen Vergleich wäre auch die ganz unterschiedliche Dimension der beiden Konflikte (in Bezug auf die Dauer und die Zahl der Kombattanten) sowie die in der relativ kurzen Zeit zwischen den beiden Kriegen eingetretenen, sehr beachtlichen „Fortschritte“ der modernen Waffentechnik zu berücksichtigen.
Adrian Zimmermann, am 03. August 2013 um 17:51 Uhr
Adrian Zimmermann hat recht, insofern der Sonderbundskrieg von einer Siegergeschichtsschreibung wohl doch immer etwas zu rosig dargestellt wurde, wiewohl natürlich kein Vergleich etwa zum US-Bürgerkrieg oder gar zum spanischen Bürgerkrieg zu machen ist. Zimmermann leidet aber klar unter Feindbildgeschichtsschreibung, wenn der die katholisch-konservativen Demokratien des 19. Jahrhunderts mit katholisch-faschistischen Diktaturen vergleicht, das passt so wenig wie wenn man etwa Robert Grimm, über den ich dann meinerseits noch publizieren möchte, mit kommunistischen Mördern vergleicht. Wahr ist, dass die Katholisch-Konservativen sicher bei weitem noch nicht unseren heutigen Menschenrechtsstandard hatten und extrem föderalistisch dachten. So etwa der von mir mehrfach zitierte Segesser, der indes mindestens so human und humanistisch dache wie irgendein Schweizer Freisinniger: «Ohne den Kanton Luzern ist mir die Eidgenossenschaft die innere und äussere Tartarei.» Solche Aussagen haben natürlich auch mit der Hitze des politischen Tagesgefechts zu tun, sind aber trotzdem ziemlich charakteristisch.
Pirmin Meier, am 04. August 2013 um 10:48 Uhr
Es ist historisch eindeutig belegt, dass sich die organisierte katholische Kirche gegen die Einführung bürgerlicher Freiheitsrechte vehement gewehrt hat. Sie stellte sich gegen die Errungenschaften der Aufklärung, gegen demokratische Freiheiten und gegen Menschenrechte sowie gegen Wissenschaft und Bildung, wie es Kurt Marti geschrieben hat. Der Vergleich mit den Muslim-Brüdern ist deshalb nicht abwegig.
Urs P. Gasche, am 04. August 2013 um 11:29 Uhr
Die sogenannte historische katholische Kirche ist das eine, die Innerschweiz das andere. Schon 1469 hatte die Inquisition, die gegen Bruder Klaus vorgehen wollte, nichts zu bestellen, und schon im 17. und 18. Jahrhundert ging man bei uns von Sonderrechten aus, selbst in kirchlichen Angelegenheiten. Und die Verfassung Luzerns von 1841, die tatsächlich dem Papst Gregor XVI. vorgelegt wurde, erregte bei diesem Misstrauen, weil sie nun mal durch und durch demokratisch war. Und selbstverständlich ist auch Herr Gasche ein Feindbildgeschichtsschreiber, der bloss den Syllabus und andere reaktionäre Dokumente ins Feld führt, sich aber nicht näher mit der Geschichte der Menschenrechte befasst zu haben scheint. Sonst wüsste er einiges über die Dominikaner Franziskus de Vittoria und Bartolome de las Casas, deren Verdienste um die Geschichte der Menschenrechte eindrucksvoll sind. Es waren die Dominikaner, deren «Negativverdienste» um die Hexenverfolgung hier nicht geleugnet sein sollen, welche sich mit höchstem Nachdruck für die Menschenrechte der Indios stark gemacht haben. Francisco de Vittoria ist meines Wissens sogar der erste Weisse, der sich auch kritisch mit den katastrophalen Nebenfolgen des Verbotes der Indianersklaverei auseinandergesetzt hat und schon im 16. Jahrhundert wenigstens theoretisch die vollen Menschenrechte der Schwarzen nicht nur als denkbar, sondern aus der Sicht des Evangeliums als notwendig erklärt hat. Zur Menschenrechtsdiskussion der kath. Kirche muss man natürlich über den Begriff Naturrecht im klaren sein. Die kath. Kirche ging vom aristotelischen Naturrecht aus, wonach der Mensch von Natur aus ein Gemeinschaftswesen sei, während die modernen Menschenrechte seit der Westschweizer Schule der Menschenrechte, wie ich sie in meinem Buch über Micheli du Crest dargestellt habe sowie in meinen Artikeln über Rousseau, vom Einzelmenschen als Subjekt der Menschenrechte ausgingen. Ich bitte aber, die Muslimbrüder vom intellektuellen Niveau nicht z.B. mit den Jesuiten zu verwechseln. Jesuiten «gegen Wissenschaft und Bildung» , da kann ich Herrn Gasche fragen, ob er die 500 besten Leistungen von Jesuiten in der Wissenschaft annähernd kennt, z.B. im Thermometerbau, oder ob er irgendeine Leistung erbracht habe, mit denen er mit den besten wissenschaftlichen Leistungen von Mönchen konkurrieren könne, sei es Occams Messer oder die wichtigste Leistung in der westlichen Wissenschaft überhaupt, nämlich den Nominalismus, für Karl Popper weit wichtiger als die Reformation. Es bleibt freilich dabei, dass die bedeutendsten katholischen Gelehrten, anfänglich sogar der geniale Albertus Magnus, dessen riesiges Wissen man sich heute schlicht nicht vorstellen kann, stets dem Verdacht der Ketzerei ausgesetzt blieben, im 20. Jahrhundert der geniale Jesuit, Paläontologe und Kosmologe Teilhard de Chardin. Über rein ideologische und dogmatische Diskussionen sagte er: «Wer spricht in einer Million Jahren schon noch darüber?"
Pirmin Meier, am 05. August 2013 um 09:50 Uhr
Der Bericht von Kurt Marti ist m.E. etwas sehr einseitig. Ich sehe eher eine persönliche Abrechnung mit dem christlichen Kulturgut unseres Landes. Wir alle sind ja oft auf einem Auge blind und es gilt die Medienfreiheit. - Ich will nicht sagen, dass über diese Thematik keine Diskussion geführt werden soll. Aber zumindest sollte es eine faire Darlegung sein. Was meint denn K.M. zu all den Initiativen, die früher von den Kirchen gestartet wurden...?
Wolfgang Ackerknecht, am 05. August 2013 um 12:44 Uhr
Der Vergleich von Kurt Martin zwischen den Muslim-Brüdern und den Katholiken ist m. E. goldrichtig, nur ist die mitgelieferte negative Bewertung grundfalsch. Falsch, weil sie unreflektiert, strukturblind und deshalb chronozentrisch ist. Denn wie viele der relativ armen muslimischen Länder ist Ägypten tief gespalten in einen säkular-modernistischen und in einen islamisch-traditionalistischen Teil: im einen sind die Solidar- und Rechtsinstitutionen durchmonetarisiert, im anderen noch an vormonetär Regelungen orientiert. Ein ähnliches politökonomisches Strukturgefälle gab es auch in der Schweiz anfangs und Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei handelt es sich damals in der Schweiz wie heute in Ägypten um ein soziales Gefälle, das sich sowohl in die Bevölkerungs-struktur als auch in die Geographie des Landes einschreibt. In Ägyptens Städten und wirtschaftlichen Zentren sitzen die Ober- und Mittelschichten, inkl. das Militär auf der Sonnenseite. Und weil in Agypten Staat, Militär und Wirtschaft stark verbandelt sind, leben sie von den Erträgen ihrer Unternehmungen beim Staat und in der Wirtschaft ganz wunderbar. Mehr oder weniger gut bringen sich auf dieser Seite auch jene durch, die in der Wirtschaft oder beim Staat formell angestellt sind: Sie haben einen Lohn und kommen bei Erwerbsausfall in den Genuss von Sozialversicherungen. Alles in allem wurden jedoch Ägyptens Staatsgeschäfte zum Nachteil der Gesamtbevölkerung geführt, so dass es zu einer extremen sozialen Polarisierung gekommen ist. Auf der Schatten-seite finden sich vom modernen oder monetarisierten System Benachteiligten - ein Grossteil der Landbevölkerung, aber auch die Bewohner der städtischen Armenviertel: Sie überleben primär auf der Basis von gemeinschaftlichen Traditionen sowie – wie überall in islamischen Kontexten – vom religiösen Regeln und Einrichtungen. Die letzteren werden nicht immer, aber oft organisiert von den Muslimbrüdern.
Wichtig ist aber, dass alle Grossreligion für ihre Anhänger überfamiliale Solidareinrich-tun¬gen geschaffen, die galten, bis eintraf, was Marx und Hayek konstatiert haben:
Erst Geld mach frei! So ist der Islam unter den erwähnten wirtschaftlichen Bedingungen denn auch für jene, die nicht formell in die Geldzirkulation integriert sind, weit mehr als n u r eine Religion: Er ordnet die Wirtschaft, sorgt für Umverteilung und schafft verbindliches Recht. Und genau das galt früher auch fürs Christentum: Erst nachdem bei uns die Bevölkerungsmehrheit in die Erwerbsarbeit integriert war, konnten Religion und Staat getrennt und der Glaube privatisiert werden. Nur ist der Westen leider heute völlig blind für die Zusammenhänge wie sie zwischen der wirtschaftlichen Verfasstheit eines Landes einerseits und andererseits der säkularen bzw. religiösen Orientierung seiner Bevölkerung bestehen. Ein bisschen nüchterner nachdenken bringt viel!
Die Schweizer Demokratie wäre n i c h t, was sie heute ist, hätten die Katholisch-Konservativen und die Wirtschafts- und Ideenliberalen damals nicht zusammenspannen müssen: Power Sharing war die Lösung. Doch gerade d a s verhindern die Englischen Politikmodelle, bei denen der Wahlsieger alles und der Verlierer nichts erhält.
Verena Tobler Linder, am 05. August 2013 um 20:32 Uhr

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