Tausende Haitianer flüchten aus den USA nach Kanada © BBC
Haiti / Port-au-Prince Erdbeben 2010 © Common
Haiti Port-au-Prince Erdbeben 2010 © gk

Tausende flüchten aus den USA nach Kanada

Christian Müller / 11. Aug 2017 - Ein trauriges Kapitel USA-Geschichte: vom klassischen Einwanderungs- schon bald zum Auswanderungsland – aus Fremdenfeindlichkeit.

Wer hätte das gedacht: Jetzt musste Kanada das Militär aufbieten, um für die Flüchtlinge aus den USA in einem Stadion ein Auffanglager zu errichten. Die meisten kommen angereist über den US-Staat New York, der im Norden am St. Laurence River eine direkte Grenze zur kanadischen Provinz Quebec hat. Dort überschreiten die Flüchtlinge die Grenze zu Fuss – mit einem Koffer als einzigem Gepäck.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres, so berichtet BBC, waren es bereits weit über 3000 Flüchtlinge, die formell in Quebec einen Asylantrag gestellt haben oder stellen wollen – Tendenz steigend. Viele von ihnen sind ursprünglich aus Haiti, dem kleinen Insel-Staat in der Karibik mit der Hauptstadt Port-au-Prince, der nicht nur politisch und wirtschaftlich schon lange äusserst instabil ist, sondern durch eines der stärksten in der Geschichte bekannten Erdbeben im Jahr 2010 dramatisch zu Schaden kam. Bei rund 10 Millionen Einwohnern Haitis haben damals über 300'000 Menschen ihr Leben verloren.

Port-au-Prince nach dem Erdbeben im Jahr 2010

Fluchtursache: Angst vor der Abschiebung

Während sich die grossen Medien vor allem um die hässlichen Querelen und internen Konflikte im Weissen Haus kümmerten und Donald Trumps kaum nachvollziehbare Personalentscheidungen beobachteten und kommentierten, sind, medial deutlich weniger beobachtet, seit der offiziellen Amtseinsetzung Trumps am 20. Januar 2017 im Bereich Migration die Bedingungen für die Betroffenen bereits massiv verschärft worden. Wie die US-Zeitung The Nation kürzlich berichtete, hat der von Donald Trump zuerst als Minister für Innere Sicherheit – Department of Homeland Security Secretary – eingesetzte ehemalige General John F. Kelly in seinem Zuständigkeitsbereich schon richtiggehend zugeschlagen. «In just six month Kelly turned DHS (Department of Homeland Security) in a deportation machine», steht im Vorspann der Analyse in The Nation: «In nur sechs Monaten hat Kelly das Departement für Innere Sicherheit in eine Deportationsmaschine umgebaut.»

«A tru star of my Administration»

«John hat im Departement für Innere Sicherheit einen spektakulär guten Job gemacht», tweetete Trump. «Er war ein echter Star in meiner Administration». Dazu The Nation: «Wie wahr! In den letzten sechs Monaten hat Kelly das DHS zu einer der produktivsten Abteilungen der Trump-Administration gemacht. Er hat es geschafft, Vieles von Trumps schamloser Anti-Migrations-Rhetorik in konkrete Politik umzusetzen. Falls Zahlen etwas aussagen, dann war Kelly wirklich erfolgreich: Die Verhaftungen seit Trumps Amtseinsetzung haben gegenüber dem letzten Jahr um 40 Prozent zugenommen.»

(«John has done a spectacular job at Homeland Security» Trump tweeted. «He has been a true star of my Administration.» – Indeed, in the last six months, Kelly has turned the DHS into one of the most productive arms of the Trump administration. Kelly managed to translate much of Trump’s brazen anti-immigrant campaign rhetoric into actual policy. And if the numbers are any indication, Kelly has certainly flourished. Arrests since Trump took office in February increased by 40 percent over the prior year.)

Für die Migranten eine Katastrophe

Trump mache bei den Immigranten vor allem keinen Unterschied mehr zwischen jenen Papierlosen, die bei kriminellen Machenschaften erwischt werden, und jenen, bei denen nichts Belastendes vorliegt, so The Nation in ihrer detailreichen Analyse. Auch die familiären Verhältnisse – Mutter von kleinen Kindern, minderjähriger Waise, was auch immer – seien bei den Abschiebungen kein Thema mehr.

Der Haudegen John Kelly ist jetzt nicht mehr nur «Secretary of Homeland Security», er ist Ende Juli von Trump zum «White House Chief of Staff», zum Kabinettschef befördert worden. Die Headline dazu in The Nation: «John Kelly's Promotion is a Disaster for Immigrants» (John Kellys Beförderung ist für die Einwanderer eine Katastrophe).

Eine Katastrophe nicht zuletzt für die Eingewanderten aus Haiti, denn nach Haiti zurückzukehren ist für sie keine Option. Ob Kanada bereit ist, da einfach zuzuschauen und die Opfer von Trumps und Kellys brachialer Flüchtlingspolitik – darunter die Ärmsten der Armen – einfach zu übernehmen? Schön wär's!

Port-au-Prince, die Hauptstadt von Haiti, nach dem Erdbeben im Jahr 2010 – mit über 300'000 Toten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Mit dem Todeszug in die USA (auf Infosperber)

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Eine Meinung

In wiefern dies real mit der Politik von Trump was zu tun hat, ist für mich fraglich.

Dazu hatte Anfang Jahr der Journalist Billy Six (ist sein echter Name) eine vor Ort Doku gedreht, die zwar technisch nicht so professionell wirkt, aber dafür halte ich ihn seit Jahren für nen vorbildlich ergebnisoffenen Journalisten;

Fazit daraus:
- Die Einreise in USA ist leichter als nach Kanada (zB mit TouristenVisa, oder illegal vom Süden her).
- die soziale Versorgung und die Möglichkeit eines positiven Flüchtlingsentscheids scheint wiederum in Kanada wahrscheinlicher.
- Die USA kontrollieren den illegalen Grenzübertritt nicht, Kanada seinerseits schon.

(Genauere Recherche wäre hier folglich angebracht.)

Vor Ort Bericht von der GrünenGrenze Kanada/USA: (zwi Minute 16:50 und 23:15)
https://youtu.be/7gX4CUH4dAU?t=16m49s

@Frey: Seit Anfang Jahr hat sich eben sehr viel verändert! (cm)
Florian Frey, am 11. August 2017 um 17:08 Uhr

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