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Sprachlupe: In der Schweiz «verhäbt» auch die Mundart

Daniel Goldstein / 08. Aug 2020 - Die Rede der Bundespräsidentin zum 1. August war nicht nur bundesfeierlich, sondern auch sprachlich lehrreich, so punkto Dialekt.

«Die Schweiz ‹verhäbt›», folgerte Simonetta Sommaruga am 1. August aus der Coronakrise. Die Bundespräsidentin zeigte damit nebenbei, dass auch Schweizerdeutsch «verhäbt», in diesem Fall sogar besser als Hochdeutsch, indem es den träferen Ausdruck bereithält. Die Rednerin deutschte ihn gleich selber aus:  «Das heisst: sie hält stand und sie hält zusammen.» Dass das Land «solid und geeint» sei, fügte sie auch auf Französisch und Italienisch an, da es für «verhäbe» keine genauen Übersetzungen gibt: «tient bon» bedeutet «hält stand», und «funziona» benötigte in der Satzmelodie hörbare Anführungszeichen.

«Verhäbt» lautet in meiner Mundart, 30 Kilometer nördlich von jener Sommarugas geprägt, «verhebt». Es bedeutet zunächst einmal, dass ein Behältnis oder Verschluss dichthält, oder aber, dass man selber dafür sorgt, etwa beim eigenen Körper. Etwas Leckfreies hat keine Schwachstellen, und in diesem Sinn kann auch ein Beweis oder ein Argument «verhäbe» – oder eben die Schweiz als staatliches und gesellschaftliches Konstrukt. Die engste, aber blassere hochdeutsche Entsprechung wäre wohl «belastbar» in dem übertragenen Sinn, der in jüngerer Zeit aufgekommen ist.

Haben, nicht heben

Das Idiotikon, das schweizerdeutsche Wörterbuch, kennt das übertragene «verhäbe» nicht, sondern intransitiv (ohne «verhäbtes» Objekt) nur «a) mit Sach-Subj[ekt], fest schliessen, luft- und wasserdicht sein, von Fenstern und Türen, von Gefässen – b) mit pers[önlichem] Subj. α) zögern, zaudern, zurückbleiben – β) sich abwehrend verhalten». Die letztgenannte Bedeutung wird mit einem Beispiel belegt, bei dem sich ein schwerfälliger Schwinger gegenüber einem gelenkigen aufs «Verha» verlegt.

Der entsprechende Idiotikon-Band stammt von 1885, als es offenbar noch keine Beispiele für etwas Abstraktes gab, das «verhäbt». Man findet für dieses Verb gar keinen eigenen Eintrag; erst die in unserem Jahrhundert eingerichtete elektronische Suche auf idiotikon.ch führt einen unter «haben» zu «verhabe(n)», mit den Nebenformen «verha(n)/verheben». Somit wird auch klar, dass das schweizer­deutsche «hebe» für «halten» keine abweichende Bedeutung des hoch­deutschen «heben» ist, das wir mit «lupfe» ausdrücken. Freilich haben «haben» und «heben» gemäss dem Digitalen Wörterbuch dwds.de eine gemeinsame indoeuropä­ische Wurzel: kap- ‹fassen›. Dass «verhäbt» zum «haben»-Zweig gehört, wird beim berndeutschen «verhet» deutlich.

Kann ein Mann Präsidentin sein?

Die drei Sprachversionen der präsidialen Ansprache zu vergleichen, lohnt sich auch wegen des Umgangs mit den Geschlechtern: «Es gab Orte, da hat die Gemeindepräsidentin jeden älteren Einwohner persönlich angerufen.» Ob auch Gemeindepräsidenten das taten, bleibt offen, denn auf Deutsch «verhäbt» das Mitmeinen in diesem Fall nur anders herum (allerdings infolge Sprachfeminismus weniger zuverlässig als auch schon). Auf Fran­zösisch aber formulierte die Bundespräsidentin den Satz in der Mehrzahl: «maires ou syndics» (je nach Kanton). Darin ist «le» und «la maire» enthalten, «la syndique» aber nur implizit.

In ihrem perfekten Italienisch sagte Sommaruga «il sindaco»; dass das Amt auch von Frauen ausgeübt wird, durfte sie als bekannt voraussetzen. In der Römer Presse wird Virginia Raggi meist mit dem jüngeren Femininum «la sindaca» genannt. In der Wikipedia ist sie (noch) «il sindaco», auf der offiziellen Website Roms aber «la prima Sindaca donna della Capitale». Die erste männliche Stadtpräsidentin kann die Ewige Stadt nur dann feiern, wenn die Wege des «umgekehrten Mitmeinens» auch dorthin führen. Übereifrige Gleichberechtiger praktizieren es hierzulande schon. Laut Tamedia-Blättern hat wiederholt eine Firma «eine Chefin» gesucht, doch war keine Präferenz für Frauen gemeint.

Zurück zu «verheben»: Erst seit Kurzem weiss ich, dass es auch im Hochdeutschen vorkommt. «Sich verheben» entspricht dem schweizerdeutschen «si(ch) überlupfe» oder «sech überlüpfe». Mundart-Synonym im Idiotikon: si(ch) verhabe(n)/verhebe(n)!

Zur Ansprache von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in Deutsch, hier anklicken.

Zur Ansprache von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in Italienisch, hier anklicken.

Zur Ansprache von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in Französisch, hier anklicken.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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