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Sprachlupe: Wo das böse Wort im Schafspelz lauert

Daniel Goldstein / 14. Nov 2020 - Ob man’s nachplappert wie ein Papagei oder nach Löwenart gut brüllt: Wer Tierisches sagt, macht sich des Speziesismus verdächtig.

Finden Sie auch, Amerika sei auf den Hund gekommen? Weil es um die Wahlen so ein Affentheater macht? Oder gar, weil sein höchstes Tier bald kein bunter Hund mehr, sondern eine graue Maus sein wird? Oder weil auf keine Kuhhaut geht, was es an Kalbereien bietet? Und weil dort der Sender «Fuchsnachrichten» einen Schlangenfrass auftischt, alles für die Katz? Egal, ob Sie das affengeil oder saublöd finden: So hundskommun sollten Sie sich nicht ausdrücken. Denn die armen Schweine und all die anderen Sündenböcke können nichts dafür, was wir Menschen ihnen sprachlich anhängen.

Immerhin kommt auch die Abhilfe aus den USA – nicht weil der Esel als Maskottchen der Demokraten gegenüber dem Elefanten der Republikaner die Nase vorn hat, sondern weil dort die Tierschutzorganisation Peta schon 2018 eine Kampagne für «tierfreundliche Redensarten» ausrief. Auf Englisch gibt es wahrscheinlich eine noch reichere Auswahl an Ausdruckweisen, die «der Gewalt gegen Tiere das Wort reden und den Speziesismus festigen, eine Weltsicht menschlicher Überlegenheit». Um derlei zu meiden, schlägt Peta Abwandlungen vor, die sich zum Teil ins Deutsche übertragen lassen: Man solle etwa «Tornado in der Glas­fabrik» sagen statt «Elefant im Porzellanladen» oder statt «den Stier bei den Hörnern» packen «die Blume bei den Dornen» – was indes weder menschen- noch pflanzenfreundlich ist.

Auf der Abschussliste

Spätestens diesen Sommer ist die Kampagne auch in der Schweiz angekommen, genauer in Bern: Zuerst überklebten Aktivisten ein amtliches Plakat gegen Abfallsünder, sodass es lautete: «Lieber ein Tofu auf dem Grill als ein wilder Haufen drumrum». Auf den Winter hin zog die Stadtregierung das Plakat mit dem Schwein und der Saubande aus dem Verkehr. Der Tofu-Empfehlung mochte sich der Gemeinderat nicht anschliessen: Er «teilt die Meinung, dass ein Grillfest auch ohne Tierprodukte ‹möglich› und ‹lecker› sein kann. Er erachtet es jedoch nicht als seine Aufgabe, diesbezügliche Empfehlungen zum Essverhalten abzugeben». Gefragt, ob er anerkenne, «dass Speziesismus als Diskriminierungsform real und weit verbreitet ist», tat der Gemeinderat lediglich die Einschätzung kund, dass «die Aufmerksamkeit gegenüber dem Phänomen Speziesismus im Wachsen begriffen» sei.

Damit kommt wohl allerhand Getier auf die sprachliche Abschussliste, von Angsthasen bis Zicken – jedenfalls die kriegerischen, von denen ja sowieso nur noch Sexisten reden. «Mutig wie ein Löwe» wird man noch sagen dürfen, wenn man nicht vergisst, die Löwin nachzureichen. Zum Frass vorwerfen – pardon: zur Nahrungsaufnahme – sollte man beiden nur noch Rüebli oder noch besser etwas, das eine Pflanze freiwillig hergegeben hat. Weitere Ratschläge: weder das Kalb machen noch den Bock zum Gärtner, weder Maulaffen feilhalten noch auf dem Zebrastreifen herumtrampeln, weder Paradies- noch schräge Vögel scheel anschauen, geschweige denn sie in den Mund nehmen.

Lusche Flöhe in Kinderohren

Vorsicht ist sogar dann geboten, wenn Tiere in einer Redensart gut wegkommen: Von Vorurteilen geleitet ist ja auch, wer Schwein hat, Eulen nach Athen trägt oder Ameisenfleiss an den Tag legt. Von Fabeln lässt man besser die Finger, denn da werden Tiere in Verruf gebracht, ob sie den Kürzeren ziehen oder nicht – der Hase, der sich erfolglos abhetzt, ebenso wie der Igel mit seinem siegbringenden Doppelspiel. Und die wohlgenährte, aber geizige Ameise ebenso wie die flatterhafte Heuschrecke, der die Emsige nichts von ihren Vorräten abgibt. Sogar wenn in Kinder­büchern Tierlein die besseren Menschen sind, setzen sie den unschuldigen Köpfchen mit abwegiger Tierliebe Flöhe ins Ohr.

Da igle ich mich lieber ein und stecke erst noch den Kopf in den Sand, bis die Sprachpolizei die nächste Sau durchs Dorf treibt. Das ist dann vielleicht eine Mimose oder sonst eine Pflanze, die wir nicht mehr zur Schnecke machen sollen. Auch das werde ich tierisch ernst nehmen.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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4 Meinungen

Tierisch gut, dieser Artikel!
Vorsicht ist auch geboten, wenn man jemandem eine Laus in den Pelz (Pfui!) setzt oder ein Kuckucksei ins Nest legt. Mit jemandem ein Hühnchen rupfen - geht gar nicht! Und nicht alle Hunde sind faul oder krumm. (Und falsche Katzen - gibt's die wirklich?) Verdienstvoll hingegen ist's, die Kuh vom Eis zu holen. Höchst verdächtig hingegen der, der den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorzieht. Und dann die Rabeneltern - aber die Affenliebe ist ja auch nicht besser. Und dieser Sauglattismus überall! Und zeugt es wirklich von besserer Gesinnung, wenn man den Sack haut, wo doch der Esel gemeint ist ?
Franz Peter Dinter, am 14. November 2020 um 14:34 Uhr
Es ist doch saublöd, dass man bald nicht mehr gaxen darf was einem im Spatzenhirn abgeht. ..... oder so.
Friedrich Kuhn, am 15. November 2020 um 02:32 Uhr
Wenn wir es in einer Sprachlupe schon genau nehmen wollen: Es ist in der Fabel «La cigale et la fourmi» von Jean de La Fontaine keine «flatterhafte Heuschrecke» sondern eben eine Zikade. Nüüt für unguet, lieber Herr Goldstein.
Arnold Fröhlich, am 15. November 2020 um 21:08 Uhr
Schon gut, lieber Herr Fröhlich, nur war Aesop ein bisschen früher dran als La Fontaine, und zum fraglichen Tier meint Wikipedia: «Die „Heuschrecke“ in der englischen und deutschen Übertragung ist im Äsopschen Original, sowie in der lateinischen und den romanischen Übersetzungen, eine Zikade aus dem Mittelmeerraum.» Bei der lateinischen «cicada» trifft das sicher zu, zum griechischen κάνθαρος (kántharos) sagt mein dickes Wörterbuch nur: «eine Art Käfer».
Daniel Goldstein, am 15. November 2020 um 22:30 Uhr

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