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Sprachlupe: Nehmt den Männern das Maskulinum weg!

Daniel Goldstein / 15. Dez 2018 - Wenn der Raucher «Rauchender» heisst, gewinnt die Raucherin nichts. Wohl aber dann, wenn «der Raucher» kein Maskulinum mehr ist.

Wenn Bahnperrons weitgehend rauchfrei werden, bedeutet das laut einem Radiobericht: «Der Rauchende kann sich also nicht gleich eine Zigarette anzünden.» Der Rauchende? Raucht doch schon! Hat also schon im Zug das Rauchverbot missachtet und will sich als Kettenraucher beim Aussteigen gerade den nächsten Glimmstängel anstecken. Wer da am Radio redete, meinte aber vermutlich nicht diese Situation, sondern einen gehorsamen Raucher, der bald einmal auf dem Perron die Rauchzone suchen muss.

Ob der Raucher ein Mann oder eine Frau ist und ob man das überhaupt merkt, spielt hier keine Rolle. Wer aber «der Raucher» sagt, beschwört das Bild eines möglicherweise störenden Mannes herauf und muss «der Raucher oder die Raucherin» sagen, um den Verdacht geschlechtsneutral zu verbreiten. Je häufiger solche Doppelnennungen vorkommen, desto stärker wird die Vermutung, wer das grammatische Maskulinum verwende, meine unbedingt einen biologischen Mann.

Wenn Studierende Allotria treiben

Wer die umständliche Verdoppelung vermeiden will, kann auf die Mehrzahl des Partizips Präsens ausweichen, also hier von «den Rauchenden» reden, die den Perron betreten. Bei «den Studierenden» stört es kaum noch, dass sie auch dann so bezeichnet werden, wenn sie gerade nicht studieren, sondern sich etwa eine Rauchpause gönnen oder gar eine Party. Man kann «Studierende» für die ganze Lebensphase gelten lassen, die vom Studium geprägt ist, auch wenn dieses nicht pausenlos betrieben wird. Aber wenn von Rauchenden die Rede ist, sieht man schon den Qualm aufsteigen.

Die Radioansage folgte offenbar der Gewohnheit, mit dem Partizip die Festlegung auf ein Geschlecht zu vermeiden, aber das funktioniert nur im Plural. Wenn «der Rauchende» auch eine Frau sein kann, dann ist diese so wenig sichtbar wie bei «der Raucher». Genau deshalb bekämpft ja der Sprachfeminismus dieses «generische Maskulinum», bei dem das grammatische Geschlecht nichts über das biologische aussagen soll. Bei Berufsbezeichnungen und Ähnlichem (wie eben «Raucher») kann generisch geradeso gut eine Frau gemeint sein – «mitgemeint», sagen die Kritiker(innen), wollen das nicht gelten lassen und machen es mit «gerechtem» Sprachgebrauch zunehmend unwirksam.

Sexus als Ballast des Genus

Dabei war es nach neuerer Sprachforschung nicht immer so, dass die Genera, also die grammatischen Geschlechter, an die natürlichen gebunden waren. Im aktuellen «Sprachspiegel» nennt der frühere Gymnasiallehrer Felix Sachs die älteren Funktionen «Perspektiven»: Jenes Genus, das heute Maskulinum heisst, bezeichnet demnach Individuen (Lebewesen oder Dinge), das Femininum Kollektive oder Abstrakta, das Neutrum Tätigkeiten oder deren Ergebnisse. Allerdings hat im heutigen Deutsch nicht jedes Wort das Genus, das dieser Einteilung entspricht. Sind Einzelne gemeint, so steht «die Frau» ja genauso für ein Individuum wie «der Mann» oder «das Kind». Aber der Artikel gibt auch das natürliche Geschlecht manchmal falsch an, eben bei «Kind» oder wenn «die Geisel» ein Mann ist. Oder dann, wenn «der Raucher», generisch verwendet, auch eine Frau sein kann.

Sachs plädiert nicht fürs generische Maskulinum, vielmehr dafür, das Genus mit dem Artikel «der» gar nicht Maskulinum zu nennen, sondern Singulativ oder Konkretiv. Mit der Zeit, so meint er, verschwände dann auch die Vorstellung, solche Wörter bedeuteten nur Männer. Frauen will er anders sichtbar machen als mit der Endung «-in», die das Geschlecht unnötig betone. Stattdessen soll das natürliche Geschlecht «so selten wie möglich» kenntlich sein – wenn aber doch, dann mit «gerechter Präsenz von Männern und Frauen» im jeweiligen Kontext. Nicht gerade abgezählt, wohl aber ausgewogen soll die Beachtung sein. Ausser dem Verzicht auf «-in» wären keine Eingriffe in die Sprache nötig – wenn es nur gelänge, das biologische Verständnis der Genera aus den Köpfen zu verbannen.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

--- darin: Typografische Tricks …

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Weiterführende Informationen

Felix Sachs: Das Context-Ideal
«Sprachspiegel»-Ausgabe zum Thema, gratis
Weiteres von Daniel Goldstein zum Thema

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3 Meinungen

Sorry, lieber Daniel Goldstein, dieser Vorschlag ist veraltet. Wenn schon braucht's ein generisches Femininum, nach den vielen Jahrhunderten, in denen die Frauen stets mit gemeint waren - da hat schon Luise F. Pusch in den 80ern gefordert. Der Vorschlag wurde nie umgesetzt, da er scheint's zur Verwirrung führe. Offenbar bevorzugt man lieber eine Verwirrung zulasten der Frauen als umgekehrt?

Ich bin für kreative Lösungen, wie sie auch schon seit den 80er auf dem Tisch liegen - etwa indem man bei Berufsaufzählungen gegen die Stereotypen anschreibt, zB. Ärztinnen und Krankenpfleger, Mathematikerinnen und Primarschullehrer, etc. Das ist auch verwirrend? Ja, das soll es durchaus sein, für jene, die noch immer in den Rollenklischees stecken ;-)
Catherine Duttweiler, am 15. Dezember 2018 um 17:52 Uhr
Es geht gerade nicht darum, die gesellschaftlich veraltete Gleichung «männlich=allgemeingültig» sprachlich wieder einzusetzen. Vielmehr will der Autor Felix Sachs die deutsche Sprache von der Last befreien, in vielen Fällen das Geschlecht einer Person angeben zu müssen, auch wenn es gar keine Rolle spielt. Ich finde das Anliegen sympathisch, wenngleich utopisch, und habe es mit dem Titel zugespitzt.
Dass viele Personenbezeichnungen Maskulina sind, kommt von der individuell-konkreten Grundierung dieses Genus. Feminina (abstrakten Ursprungs) dienen durchaus auch als Bezeichnungen für Individuen, so «Person», «Koryphäe» oder «Kapazität». Denken Sie, liebe Catherine Duttweiler, dabei automatisch an eine Frau? Und sind Sie verwirrt, wenn ein Mann als «eine Wucht» bezeichnet wird? Ihr Beispiel für eine «kreative Lösung» mit abwechselnden Beispielen entspricht exakt der «gerechten Präsenz» gemäss dem «Context-Ideal» von Felix Sachs, nachzulesen mit dem angegebenen Link.
Für generische Verwendung eignen sich abgeleitete Formen wie «Lehrerin» allerdings nicht: Sie wurden ja gerade zu dem Zweck geprägt, z. B. eine Fachperson als Frau zu kennzeichnen. Dem Anhängsel «-in» diese Funktion zu nehmen, es aber zwecks Gerechtigkeit allen Leuten zu verpassen – diese Idee erinnert mich ans Signet der Kindersendung «Zambo»: «Soo, jetz sind miir draa!»
Daniel Goldstein, am 15. Dezember 2018 um 21:46 Uhr
Liebe Catherine Duttweiler
Ihre Einwände und Vorschläge kenne ich sehr gut. Mit Luise F. Pusch habe ich sogar freundschaftlichen Kontakt. Es ist mir auch sehr bewusst, wie schwierig es ist, zwischen den verfeindeten Lagern - Rettern der deutschen Sprache und feministischen Sprachkritikern (auf beiden Seiten gibt es übrigens Frauen und Männer) - selbst mit wissenschaftlich untermauerten Fakten einen neuen Vorschlag einzubringen. Beide Seiten gehen von den gleichen widerlegten Voraussetzungen aus. Seltsamerweise wird das Englische mit seinem geschlechtsneutralen Genussystem als Ideal angesehen, gleichzeitig aber wird verlangt, die deutschen Genera noch intensiver zu sexualisieren, als sie es vor vier Jahrzehnten waren. Luise F. Pusch selbst schreibt in «Gerecht und Geschlecht» (Wallstein, 2014, S. 63): «Was eigentlich gebraucht wird, ist eine Desexualisierung der Personenbezeichnungen, wie wir sie im Englischen und in anderen Sprachen ohne grammatisches Genus vorfinden.» Natürlich können wir im Deutschen die Genera nicht abschaffen wie das Englische zu Beginn des 2. Jahrtausends, das würde einen ungeahnten Umbau der deutschen Grammatik voraussetzen und dem Deutschen einen wertvollen Schatz rauben. Aber wir können - und sollen aus linguistischen Gründen - sie so neu bezeichnen, wie es ihren Funktionen entspricht. Das beschreibe ich in einem andern Text, der in Bälde auch auf Linguistik online publiziert werden soll. Vorher wirkt mein Vorschlag tatsächlich utopisch.
Felix Sachs, am 16. Dezember 2018 um 15:19 Uhr

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