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Sprachlupe: Wenn aus Wutbürgern Votebürger werden

Daniel Goldstein / 14. Jul 2018 - E-Voting soll die Demokratie fördern, weil dann mehr Leute abstimmen. Rasch ein Kreuz anklicken ist «in», aber nicht staatstragend.

Haben Sie heute schon gevotet? Wenn ja, dann wissen Sie sicher, dass man das «gevo-utet» ausspricht. Wenn nein, wissen Sie das wohl auch, aber Sie sollten das Voting noch üben, denn es soll nach dem Willen des Bundesrats zur staatsbürgerlichen Tugend werden, genauer gesagt zur möglichen Form, das Stimmrecht auszuüben. Es nennt sich dann E-Voting, aber eine andere Form als die elektronische gibt es beim Voting gar nicht, denn es ist etwas anderes als das Abstimmen. Hierzulande bedeutet abstimmen, sich zu einer Frage eine Meinung zu bilden (oder sie jemandem abzuschauen) und sie durch Handerheben oder eine handschriftliche Antwort auf dem Stimmzettel zu bezeugen.

Und Voting? Es mag im Prinzip dasselbe sein, einfach durch einen Klick in einem elektronischen Gerät. Aber in der Praxis derjenigen, die es schon tun, ist es meistens die flüchtige Bekundung einer Laune, Daumen-Rauf oder -Runter zu einem Facebook-Eintrag, rasch hingeklickt zwischen einem Snapchat-Schnappschuss und sonst einem Chat, der auch eher ein Geschnappe als ein Gespräch ist. Oder es ist die unverbindliche Teilnahme an einer Blitzumfrage, wie sie Bildschirmmedien oder ihre gedruckten Ableger gern anbieten: Soll der Trainer den XY von Anfang an einsetzen; magst du lieber Vanille oder Erdbeer?

Englisch als Signal

Voting reiht sich würdig ein in all die andern englischen Wörter, die zusammen mit den modernen Kommunikationsformen zu uns gekommen sind. Sie alle haben im Deutschen den Vorteil, dass dann gleich klar ist, welche Tätigkeit gemeint ist: die elektronische eben. Auf Englisch muss man klarmachen, ob man «by mail» etwas aus Papier oder etwas auf dem Bildschirm will. Und eine Abstimmung ist immer «a vote», wenn nötig mit Zusatz über die Methode; «a voting» ist ungebräuchlich. Firmen, die ihren Aktionären elektronische Stimmabgabe ermöglichen, reden dabei ganz seriös von Abstimmung, nicht etwa von Voting.

Über die Kommunikation hinaus haben englische Wörter bei uns oft die Signalwirkung, dass Kommerz im Spiel ist. Ein Sale ist nicht einfach ein Verkauf, sondern ein forcierter; wenn Kids Fun haben, ist damit mehr Geld zu verdienen, als wenn Kinder sich vergnügen. Wenn sie oder Erwachsene gamen (für Ungeübte: sprich «ge-imen»), zahlen sie dafür zwar möglicherweise kein Geld, aber wahrscheinlich etwas in der Währung des Internet-Zeitalters: Information – und sei es nur die, dass sie dieses Spiel abgerufen haben. Wer schon heute votet, zahlt ebenso. Wer es künftig in Staatsangelegenheiten tut, soll davor geschützt werden, dass Unbefugte seine Stimme zählen und registrieren können, und gar niemand soll erfahren, wie jemandes individuelle Stimme gelautet hat.

Klickrate als Gütesiegel

Die Gefahr, dass es trotzdem jemand erfährt, ist dabei nicht einmal die grösste, die E-Voting mit sich bringt; sie lässt sich mit üblichem Computerschutz einigermassen bannen. Dass statt des eigenen Computers jener bei der Wahlbehörde gehackt («gehäckt») wird, sollte ja auch nicht passieren – und doch kommt derlei immer wieder vor. Beim E-Voting hat die Bezeichnung zwar keinen Einfluss auf die Sicherheit, aber sie erinnert daran, dass elektronischen System nicht restlos zu trauen ist. Das Vertrauen indessen, dass bei Wahlen und Abstimmungen alles mit rechten Dingen zugeht, ist für die Demokratie zentral: Dann wird das Resultat allgemein anerkannt, auch wenn man es für noch so schlecht hält.

Diese Legitimität ist auch wichtiger als die Stimmbeteiligung. Ein beliebtes Argument für E-Voting lautet, es entspreche der Art, wie «die Jungen» heute kommunizierten und sich informierten, und daher werde es die Stimmbeteiligung erhöhen. Die Schwelle vom Bildschirm zum Stimmzettel ist aber ohnehin minim, und wer nur deshalb abstimmt, weil ihm Griffel und Briefeinwurf erspart bleiben, hat sich wahrscheinlich auch nicht die Mühe genommen, die Vorlage recht anzuschauen. Stimmbeteiligung in Ehren, aber wenn sie zur Klickrate verkommt, ist damit der Demokratie nicht gedient. E-Voting könnte politischen Rattenfängern dazu verhelfen, dass angestachelte Wutbürger als Votebürger die andern überstimmen.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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3 Meinungen

Danke Herr Goldstein, sachlich habe ich dem nichts beizufügen. Aber bezüglich der wünschbaren Wirkung schon:
Publizieren genügt nicht. Diese Information müsste allen Verantwortlichen in der Politik als Pflichtlektüre zur Stellungnahme unterbreitet werden und diese Stellungnahmen müssten veröffentlicht werden. Die Medien, angeblich 4. Gewalt in der Demokratie, müssen noch eine Lösung finden, wie man vom Reden und Schreiben zu Handlung und Wirkung kommt. Wie mediale Daumen-Rauf oder -Runter-Demokratie funktioniert, lernen wir ja gegenwärtig in Europa und in den USA.
Walter Schenk, am 14. Juli 2018 um 12:39 Uhr
Gewiss soll man, wie schon Marx sagte, die Welt nicht nur interpretieren, sondern auch verändern. Aber das politische Handeln sehe ich nicht als Aufgabe der Medien an – dazu gibt es Parteien und zivilgesellschaftliche Aktivisten(gruppen). Manche Journalisten zählen sich ebenfalls dazu; für mich besteht der journalistische Aktivismus allein darin, Themen auszuwählen und Informationen zu finden, die für gesellschaftliches Handeln relevant sind.
Daniel Goldstein, am 14. Juli 2018 um 13:52 Uhr
Vielleicht würde es politischen «Ratten"-fängern, dank elektronischen Abstimmungen, noch leichter fallen Menschen an der Nase herumzuführen.
Ich habe eher grosse Sicherheitsbedenken (Erinnerungen an die NSA/Snowden Geschichte).

Allerdings wäre eVoting eine Grundvoraussetzung für etwas was mir sehr am Herzen liegt, eine Abstimmungspflicht.
Ich verstehe einfach nicht warum man ausgerechnet aus diesem Recht keine Pflicht macht. Es braucht nur neben ja/nein ein «egal» Feld (entspräche einem ungültigen Wahlzettel). Und wenn man schon dabei ist Wahlgesetze zu verändern, wäre es auch endlich an der Zeit dort wählen zu dürfen wo man Steuern bezahlt, unabhänig von der Nationalität, nach dem Motto wer bezahlt bestimmt (mit).
Das würde dann jeweils die echte Einwohnermeinung wiederspiegeln und der sogenannten Arbeiterklasse endlich wieder eine Wahlbeteiligung ermöglichen.

P.S.: Das Papierwähler mehrheitlich sämtliche Abstimmungsunterlagen durchlesen wage ich übrigens stark zu bezweifeln.
Alex Bötschi, am 17. Juli 2018 um 03:03 Uhr

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