Fällander Tagebuch 31 © cc

Fällander Tagebuch 31

No risk, no fun oder rebellieren statt reisen

Jürgmeier / 19. Jul 2019 - Eine Frau glaubt nicht an «das Gute im Menschen». Verlierer müssen ihr Trikot ausziehen. Reisemuffel stellen Welten auf den Kopf.

25. April 2019

In Bayern ist eine Frau aus dem Koma erwacht. 27 Jahre nachdem sie, 1991, in Al-Ain (Abu Dhabi) «bei einem Verkehrsunfall schwere Hirnverletzungen erlitten» und «seither bewusstlos» gewesen. Das meldet der Blick heute1. Nicht nur der Blick. Der behandelnde Arzt, Friedemann Müller, präzisiert im Interview mit dem Spiegel (24.4.2019), es sei falsch, sich vorzustellen, «dass die Patientin wie nach einem langen Schlaf plötzlich» aufwache wie die meisten von uns jeden Morgen. «Treffend wäre folgende Beschreibung: Der körperliche und geistige Zustand der Patientin hat sich über die Zeit von wenigen Wochen enorm verbessert. Sie kann inzwischen bewusst mit ihrer Umwelt interagieren und wieder am Familienleben teilnehmen.»

Erkennt die Frau – die in dem Jahr, in dem Caster Semenya geboren wurde, die Sowjetunion in Teilstaaten zerfiel, die mit 32 in eine Art schwarzes Loch abtauchte und sich jetzt, als 59-Jährige, in einer Welt mit Donald Trump wiederfindet – ihren damals vierjährigen Sohn, den sie mit ihren Armen erfolgreich beschützte? Oder ist ihr der erwachsene Mann, der an ihrem Bett sitzt, gänzlich fremd? Hat sie vergessen, dass sie einen Sohn hat? Wundert sie sich, dass sie in den Augen der anderen alt geworden? 27 Jahre – verlorene Jahre? Wo war sie in dieser Zeit?

In der die Europäische Union gegründet wurde. Der Arabische Frühling Hoffnungen weckte – und enttäuschte. 9/11 Tausende durch Terroristenhand tötete und Hunderttausende dafür bestrafte. Ein Tsunami in IndienSriLankaMalaysiaThailandIndonesien 230'000 Menschen nie mehr erwachen liess. Deutschland zwei Mal Fussballweltmeister wurde. Roger Federer in die fünfte Klasse kam, acht Mal Wimbledon und insgesamt 20 Grand-Slam-Turniere gewann. Caster Semenya zwei Mal an Olympia, zwei Mal an Weltmeisterschaften auf dem obersten Treppchen stand und immer wieder bezweifelt wurde, ob «diese Lady»2 mit ihren «männlichen» Testosteronwerten eine Frau sei. Islamistische Anschläge in ParisBerlinBrüssel mit Kriegserklärungen beantwortet wurden. Ein Atomkraftwerkunfall im japanischen Fukushima das Atomzeitalter in Deutschland und der Schweiz beendete.

Was hat sie verpasst? Was blieb ihr erspart? 

9. Mai 2019

Auf die Frage von Markus Lanz bei Markus Lanz (Talkshow ZDF), ob sie – wie Anne Frank, noch kurz vor ihrem Tod, in ihrem berühmten Tagebuch – immer noch an «das Gute im Menschen» glaube, antwortet die Holocaust-Überlebende Laureen Nussbaum trocken mit «Nein. Leider nicht.» Der Schauspieler Joachim Król reagiert betroffen: «Das ist das vielleicht Erschütterndste, was ich jemals gehört habe.» Vermutlich, weil Laureen Nussbaum mit ihrem Nein jeden Trost verweigert. Wenn Menschen, die das grosse Morden überlebt haben, uns den Gefallen tun, zu beteuern, sie glaubten, trotz allem, an «das Gute im Menschen», dann ist die Welt noch nicht verloren. Aber wenn sie, wie Laureen Nussbaum, unerbittlich an ihrem «Nein» festhalten– «Ich würde gerne etwas anderes sagen.» –, bleibt die Vernichtung das Menschenmögliche. Jederzeit. Dann sind wir im gemütlichsten Frieden nicht sicher. Nicht einmal vor uns selbst.

14. Mai 2019

Die Szene beim abgebrochenen Spiel Grasshoppers gegen Luzern – in dem der Abstieg des Rekordmeisters aus Zürich besiegelt wird – hat etwas Beklemmendes. Fans, Hooligans bauen sich drohend vor Spielern sowie Mannschaftsleitung auf und fordern: Leibchen, Hosen ausziehen, abgeben und raus. Der Präsident von GC handelt die Aufgebrachten auf das Shirt runter. Die Hosen bleiben den Spielern. Der Blick nennt es einen Kniefall, die GC-Verantwortlichen Deeskalation. Und natürlich werden einmal mehr Massnahmen, härtere, gefordert. Ohne zu fragen, ob sich hier das System Fussball nicht in seiner letzten Konsequenz zeigt. Der Wettkampf teilt die Welt generell in Sieger*innen und Verlierer*innen. Die einen werden für ihren «Killerinstinkt» gefeiert, die anderen «geschlagen» oder gar «vernichtet». Im Kontext lokaler und nationaler Identifikationen wird das Spiel zum Kampf, zum Krieg.

Das Bild der Grasshoppers-Spieler ohne Club-Leibchen macht klar: Als Verlierer gehört ihr nicht mehr in unsere Mannschaft. Die Mannschaft im Kopf der Fans ist eine Siegerin. Wenn das reale Team verliert, müssen die Versager das Leibchen abgeben, werden, symbolisch, aus der fantasierten Mannschaft ausgeschlossen. Was die GC-Fans mit den Spielern «ihrer» Mannschaft machen, ist der auf die Spitze getriebene Umgang unserer Gesellschaft mit Verlierer*innen. Wer enttäuscht, verliert, den geltenden Normen nicht genügt, wird ausgeschlossen. Du bist nicht mehr mein Sohn. Nicht mehr meine Tochter. Du Opfer. Das ist unschweizerisch. Unchristlich. Unmenschlich.

Die Abspaltung und Ausgrenzung schwacher beziehungsweise dunkler Seiten ist ein konstituierendes Element vieler Kulturen. Das inzwischen verhängte Stadionverbot gegen einzelne der Hooligans mit erpresstem GC-Leibchen mag berechtigt sein, aber es gehorcht derselben Logik: Solche wie du gehören nicht mehr zu uns. Obwohl alle dasselbe Ziel haben. Die einen wollen den Sieg mit Gewalt erzwingen, die anderen die Rückkehr in die Champions League, die Liga der Sieger, mit viel Geld erkaufen.

13. Juli 2019

Ferienzeit. Reisezeit. Zeit für die Flucht derer, die im besseren Leben zu Hause sind und Länder fressen wie andere kiffensaufenkoksen. Ferien sind ein Privileg derer, die in der Gemütlichkeit leben. Auch wenn sie diese Auszeit nur auf dem Balkon einer Zürcher Genossenschaftswohnung oder am End der Welt im Berner Jura verbringen. Vom wirklichen Elend – KriegArmutKrankheitHungerGewaltVerzweiflungLiebeskummer – gibt es keinen Urlaub. Da hilft kein ArbeitsgesetzGesamtarbeitsvertragReisebüro.

Ferienzeit: «Die schönsten Tage im Jahr»3. Was ist an allen anderen Tagen? Reisezeit: «Den Alltag hinter sich lassen»3. Warum verlassen Sie ein Leben, Ihr eigenes, nach dem andere sich sehnen würden? Zeit für die Flucht derer, die im besseren Leben zu Hause sind: «Raus aus dem Alltag und rein ins Paradies»3. In «eine Welt, die sich nur um Sie dreht»3. Warum kommen wir nach ein paar Wochen allealle zurück – aus diesem oder jenem Eldorado? Um uns nur ein paar Monate oder Wochen später den nächsten Reiseschuss zu geben?

Reisen erscheint vielen – nicht nur jenen, die bis 1989 auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs lebten – als die grösste aller Freiheiten. Möglichst oft. Möglichst weit. Möglichst exotisch. Wirkliches Reisen wäre ein Ausflug ins Unbekannte und Ungewisse. Aber die meisten reisen vom Vertrauten ins Versicherte und steigen nicht einmal am Weissenstein über einen Feldweg ins Tal, wenn kein Wegweiser angibt, wo der endet – Im Jura oder im Kanton Bern. Echte Reisende tauchen in ein anderes Leben ein. Steigen in Züge, ohne zu wissen, wohin sie fahren. Einfach. Aber die Flucht der Reichen – und das sind wir im Auge des grössten Teils der Weltbevölkerung fast alle – ändert nichts an ihren SelbsterkenntnissenVorurteilenNeurosen, und sie endet (meist) an einem Samstag. Wir reisen und wissen – wir kommen pünktlich zurück. Die Wohnung ist bezahlt, Lohn oder Renten wurden während unserer Abwesenheit zuverlässig überwiesen, und am Donnerstag danach ist der nächste Termin bei der Dentalhygiene des Hundes. Flüchtende reisen mit wenig Geld in der Tasche, zweidrei Fotoalben oder einer Bildergalerie auf dem Handy, einem Koffer voller Kleider und Erinnerungen, vielleicht mit, vielleicht ohne Pass. Wo sie ankommen, ist ihnen das Meiste fremd und alle Fragen offen.

Warum in die Ferne schweifen, wenn wir im Freibad Wil oder in der Autonomen Schule Zürich haufenweise Menschen aus fremden Kulturen treffen könnten? Wer wissen will, wie es ist, im Krieg zu leben, kann an einem Apéro von NCBI Schweiz (National Coalition Building Institute) mit einer syrischen oder afghanischen Familie reden. Wir reisen mit KuoniBaumelerGlobetrotter in exotischste Städte und entlegenste Wüsten, aber wenn «die Fremden» zu uns kommen und womöglich bleiben wollen, hält sich die Freude in Grenzen. Obwohl es uns ermöglichte, andere Menschen und Kulturen hautnah (zu nah?) kennenzulernen. Ohne schlechtes Klimagewissen, ohne die Mühsal des Reisens und die Angst vor dem Fliegen. Allerdings mit dem Risiko, dass wir auf tatsächlich fremde Menschen träfen, die in ganz anderen sozioökonomischen und -kulturellen Verhältnissen leben, andere Gedanken und Gefühle, Traditionen und Visionen haben. (Was allerdings, je nach Blickwinkel, auch für die Muotathaler Germanistin oder den Zürcher Eisenleger gilt.) Solche Fremdheit bleibt uns in den potemkinschen Dörfern4 des globalen Tourismus erspart, in denen wir uns weltweit zu Hause fühlen sollen. Dank Internet, Boxspringbetten, Minibar, Bettmümpfeli und Wasserklosett – womöglich von Geberit, Jona-Rapperswil. Und dank der guten Geister, den zwar armen, aber – so erzählen es Weitgereiste gerne – warmherzigen und fröhlichen Bediensteten.

Das Interessante ist nicht, wohin Menschen reisen, sondern was diese «unechten Flüchtlinge» hinter sich lassen wollen, wenn sie ihren Alltag fliehen. Reisen ist, auch, ein Zeichen für enttäuschte Sehnsüchte, uneingelöste Utopien und verdrängte Ängste. Rentner*innen reisen, um nicht mit der Leere und dem Tod konfrontiert zu werden. Erwerbstätige, um wenigstens für ein paar Wochen im Jahr «sich selbst zu sein» (wer sind sie an allen anderen Tagen?), über die eigene Zeit verfügen und vielleicht sogar ein wenig König*in spielen zu können.

Flüchtenden wird gerne vorgehalten, sie würden sich, gleich Fahnenflüchtigen, davonmachen, statt sich in «ihrem» Heimatland für FriedenFreiheitGerechtigkeitDemokratieWohlstand zu engagieren. Was würde, andersherum, geschehen, wenn sich jene Vaterlandsverräter*innen, die für die «schönsten Tage im Jahr» ihre alltägliche Gemütlichkeit fliehen, nicht mehr mit dreivierfünf Wochen Urlaubswelt – «die sich nur um Sie dreht» – zufriedengäben? Wenn sie allealle zu Hause blieben, diese Schein-Reisenden. Ihre Seelen und Körper nicht mehr in der Südsee oder am Nordkap baumeln liessen, sondern eine Normalität einforderten, die Träume wahr macht. Eine Welt, in der sie täglich im Zentrum stehen. Die Rebellion im ganz gewöhnlichen Leben – gegen das Diktat von EffizienzMehrwertWachstum, das, tüchtigtüchtig, die Zerstörung mondialer Lebensgrundlagen vorantreibt – wäre das grössere Abenteuer als jede Kreuzfahrt.

Wo sich Menschen – statt den eigenen Alltag mit Ferien und Reisen erträglich zu machen – ein anderes Leben auszumalen und es zu leben beginnen, stellen sie Welten auf den Kopf. Reisejunkies würden «clean», heimisch in ihrem eigenen Leben – und das nicht nur bis nächsten Samstag. Das hätte Folgen. Radikale. Für die Badi in Wil. Die Reisebranche. Die Organisation des Alltags. Das Klima. Die Ökonomie des Wachstums. Allerdings, ob sich die Lebenskünstler*innen dann noch die Dentalhygiene des Hundes leisten könnten, ist alles andere als sicher. Und womöglich wird es den Verwöhnten – die immer auf den nächsten Kick aus sind – am Ende im grössten aller Paradiese noch langweilig. No risk, no fun.

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1 Eigentlich kam sie schon im Mai 2018 wieder zu Bewusstsein, aber die Familie hat das erst jetzt öffentlich gemacht.

2 «...es gebe Zweifel, ‹ob diese Lady eine Frau ist› ...» (Pierre Weiss, Generalsekretär des Weltverbands IAAF Pierre Weiss, 2009, als Caster Semenya mit 18 an den Weltmeisterschaften in Berlin Gold holte. Zitiert im Spiegel vom 1.5.2019)

3 Aus Reiseprospekten von Kuoni

4 «etw. Vorgetäuschtes, in Wirklichkeit gar nicht Existierendes; nach dem Fürsten Potemkin, der der Kaiserin Katharina II. bei einem Besuch auf der Krim durch Errichtung von Fassaden Dörfer vorgetäuscht haben soll, um den wahren Zustand dieses Gebietes zu verdecken» (Duden – Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim: Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2007)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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