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Die wichtigsten Fakten über Migration werden von der Politk ignoriert, sagen Wissenschaftler.

Mauern werden niemanden aufhalten

Red. / 18. Jul 2018 - «Redet in der Migrationspolitik endlich über Fakten!» fordern mehrere hundert Wissenschaftler in einem offenen Brief.

Migration ist ein stark gefühlsbeladenes Thema. Die einen reden von Heimat, die anderen von Mitmenschlichkeit, die einen von Integration, die anderen von Identität. Gerade auch in der Politik, die entscheiden sollte, wie damit umzugehen ist. «Redet endlich über Fakten!», sagen nun hunderte Wissenschaftler.

500 Akademiker, darunter Thomas Piketty, haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie fordern, Migrationspolitik endlich faktenbasiert zu betreiben. In dem Brief, der im britischen «Guardian» veröffentlicht wurde, fordern die Wissenschaftler ein Ende der kurzfristigen Lösungen, die zu humanitären und politischen Krisen geführt hätten.

Bisherige Lösungsversuche zu aktuellen Migrationsbewegungen seien unzureichend oder fehlgeschlagen. Selbst in integrierten, kooperativen Gemeinschaften wie der EU hätten die jüngsten Fluchtbewegungen aus Syrien zu teuren und ungünstigen politischen Entscheidungen geführt. Migration sei eine Herausforderung, der man sowohl lokal wie international begegnen müsse.

Eine gemeinsame Anstrengung von Bürgern wie Wissenschaftlern, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Aktivisten und Politikern, sei nötig, um Migration besser zu verstehen. Die Unterzeichner fordern eine «radikale Änderung der Paradigmen im Umgang mit Migration und Asyl» und sprechen sich für die Einrichtung eines internationalen Panels aus. Die Angelegenheit sei dringend, denn:

  • Die Migrations- und Asylpolitik in Europa und Nordamerika sowie in anderen Ländern (Kenia, Saudi-Arabien usw.) habe beispiellose Angriffe auf individuelle Menschenrechte und die Asylrechte ausgelöst.
  • Die seit den 1990er-Jahren unternommenen Anstrengungen der Vereinten Nationen, der EU oder anderer regionaler Organisationen, Migration zu regulieren, seien weitestgehend gescheitert. Regeln seien zusammengebrochen, wenn es grosse Migrationsbewegungen gab. Als Bespiel führt der Brief die Konvention von 1990, das Dublin-Abkommen sowie aktuelle Entwicklungen im Iran, Südsudan und Burma an. Politische Krisen waren die Folge.
  • Mauern werden niemanden aufhalten. Sie würden weder die Ausreise von Migranten verhindern noch werden sie die Migration langfristig beeinflussen, was von Wissenschaftlern oft wiederholt werde und durch die jüngsten Erfahrungen bestätigt wurde.

Auch in der Wissenschaft werde das Thema kontrovers diskutiert, Panikmache und fehlendes Verständnis für die Auswirkungen von Migration führten jedoch zu schlechten Entscheidungen.

Es folgt eine Liste belegter Fakten:

  • Migration findet grösstenteils zwischen Regionen und nicht zwischen Kontinenten statt. Migranten sind hauptsächlich im globalen Süden zu finden, vor allem Flüchtlinge.
  • 246 Millionen Migranten stellen nur 3,4 Prozent der Weltbevölkerung dar. (Nach offiziellen Angaben der Vereinten Nationen gab es im Jahr 2017 geschätzt 258 Millionen Migranten weltweit). Das ist sehr viel weniger, als es im 19. Jahrhundert der Fall war.
  • Je schwieriger der Zugang zu einem Land ist, desto länger bleiben Migranten dort. Zugewanderte Arbeitskräfte bleiben, statt in ihr Heimatland zurückzukehren oder in ein anderes weiterzuwandern. Die Unmöglichkeit, aus einem Ursprungs- oder Transitland einzuwandern, fördert Kriminalität und Schlepperei.
  • Grenzschliessungen behindern nicht nur die Mobilität von Menschen, sondern auch die Mobilität von Geld, Know-How und den Austausch von Ideen über Grenzen hinweg.
  • Schneller Zugang zu Wohnung, Bildung und zum Arbeitsmarkt fördert die Eingliederung von Migranten und Asylbewerbern in die Aufnahmegesellschaften. Ungleichheiten und Entrechtung werden weiter verringert.
  • Die demografischen Auswirkungen von Migration sind kurzlebig, da sich die Fruchtbarkeit der Einwanderer schnell an die der Aufnahmeländer angleicht.
  • Entwicklungshilfe kann Emigration fördern, denn die Ursachen für Migrationsprozesse sind komplexer, als es von der Politik gerne dargestellt wird.
  • Der Effekt von Migration auf den Arbeitsmarkt und das nationale Wachstum ist unter dem Strich neutral oder positiv, was ausserdem von weiteren Faktoren wie den wirtschaftlichen Bedingungen, der möglichen Mobilität und der Arbeitsgesetzgebung abhängt.

Zum selben Sachverhalt äusserte sich auch das Magazin «brand eins» («Was wäre, wenn alle Grenzen offen wären») mit Bezug auf vier wirtschaftswissenschaftliche Studien, in denen beispielsweise belegt wird, dass das Lohnniveau durch Einwanderung nicht sinkt. Generell werde überschätzt, wie viele sich auf den Weg machen, schreibt das Magazin. Seit mehr als 100 Jahren leben 97 Prozent der Weltbevölkerung in dem Land, in dem sie geboren wurden.

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Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts des «Guardian» und anderer Quellen erstellt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

«We need a paradigm shift in the way we think about migration», The Guardian
«Was wäre, wenn… alle Grenzen offen wären?» Brandeins
«International Migration Report 2017 (highlights)», Vereinte Nationen

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3 Meinungen

Der heutige Zustand mit einer Milliarde Menschen, die vorzeitig sterben, weil sie zu viel essen und einer Milliarde, die wegen Mangelernährung ihr Leben lassen müssen, ist nicht länger zu verantworten. Dass sich das weltweite Bruttosozialprodukt bei einer generellen Öffnung aller Grenzen gleich verdoppeln liesse, ist eine positive Zukunftsperspektive. Eigentlich einleuchtend: Auswanderer sind primär junge, tüchtige Leute, die sich etwas zutrauen. Im Zielland angekommen, werden sie einiges lernen, vielleicht später zurückkehren oder im Westen als Ambassadoren ihres Landes wirken und so Kontakte erleichtern. Mit Abschotten verbauen wir uns diese positive Entwicklung. Wird das eines Tages auch die SVP begreifen?
Martin A. Liechti, Maur (ZH)
Martin A. Liechti, am 18. Juli 2018 um 22:45 Uhr
Weshalb klammern die Wissenschafter die Waffenproduktion und den Waffenhandel aus? Sind sie vielleicht an diesem internationalen Waffengeschäft selber direkt oder indirekt beteiligt? Dabei gilt: Ohne Waffen keine (Bürger)Kriege, welche Hauptursache für Flucht sind. Bei Waffenentwicklung, -produktion und -handel gibt es leider unheilige Allianzen zwischen Wissenschaft, Gewerkschaften, Grosskapitalisten und politischen Machthabern. Kriegsvertriebene sind nicht primär junge, tüchtige Leute, die sich etwas zutrauen.
Victor Ruch, am 21. Juli 2018 um 14:23 Uhr
Ich finde faktenbasierende Lösungen auch erstrebenswerter wie gefühlsbetonte 'Lösungen'. Dass es Studien gibt die belegen, dass Einwanderung das Lohnniveau nicht senkt, betracht ich nicht als einen Beweis, dass es generell zutrifft, sondern dass die Umstände genau betrachtet werden müssen! Wenn beispielsweise der Markt sich vergrössert, dann kann Einwanderung durchaus positiv sein, auch auf das Lohnniveau (wie in der genannten Studie). Wenn aber alle Parameter stabil bleiben, dann wird Einwanderung immer das Lohnniveau senken, weil sich mehr um die gleiche Arbeit bewerben. Somit finde ich die Aussage 'Einwanderung senkt das Lohnniveau nicht' falsch! - Was im Beitrag fehlt: Wenn ein Land schon einen viel zu grossen Fussabdruck hat, dann erscheint mir Einwanderung als langfrisitg kontraproduktiv, weil der Fussabdruck, die Umweltverschutzung und die Auslandsabhängigkeit steigt. Die gezielte Unterstützung und Verhinderung von Ausbeutung erscheint mir viel zielführender, fairer und günstiger. (Konzernverantwortungsinitiative etc.)
Markus Ursprung, am 23. Juli 2018 um 14:56 Uhr

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