De Scheppers selektive Bibelexegese

Kurt Marti © ktm
Kurt Marti / 15. Aug 2014 - Werner de Schepper, der designierte Chef des «Katholischen Medienzentrums», probt die selektive Bibelauslegung.

SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal forderte auf 20 Minuten: «Als christliches Land wäre es unsere Pflicht, christliche Asylbewerber, die in ihrem Heimatland an Leib und Leben bedroht sind, bevorzugt zu behandeln.» Unter dem Titel «Asyl-Vorrang für Christen?» verurteilt der studierte Theologe und Journalist Werner de Schepper in der Aargauer Zeitung diese selektive Haltung und verweist dafür auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter in der Bibel (siehe Link unten). Diese Geschichte lasse «keine Zweifel offen, wie der Kern der christlichen Botschaft - die Nächstenliebe - gelebt werden soll: Egal, wer am Boden liegt, egal, ob man ihn kennt oder nicht, egal, was für eine Herkunft oder Religion das Opfer hat, entscheidend ist nur, ob man hilft oder nicht. Auch die Religion desjenigen, der hilft oder helfen sollte, spielt keine Rolle».

Wer auch immer Erich von Siebenthal «den Floh ins Ohr gesetzt» habe, dass es Christenpflicht sei, zuerst Christen zu helfen, eines ist für de Schepper klar: «In allen in der Bibel erzählten Geschichten von Jesus Christus steht genau das nicht.» Ganz offensichtlich will sich de Schepper mit dieser Bibelexegese bei seinem neuen Arbeitgeber beliebt machen. Er übernimmt nämlich auf den 1. Januar 2015 die Redaktionsleitung des «Katholischen Medienzentrums der Deutschschweiz». De Schepper war von 2003 bis 2007 Chefredaktor des «Blick» und zuletzt Chefredaktor von «TeleBärn».

De Scheppers Bibelexegese ist sehr selektiv, denn in der Bibel findet man auch Stellen, wo Jesus die gnadenlose Ausgrenzung, ja sogar die Vernichtung von Ungläubigen beziehungsweise von Nicht-Christen predigt und auf die sich SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal berufen kann:

«Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.» (Mk 16,16)

«Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde, bringt her und macht sie vor mir nieder.» (Lk 19,27)

«Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.» (Mt 15,24)

«Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.» (Mt 25,41)

«Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestossen werden.» (Mt 11,23)

«Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.» (Mt 13,41-42)

«Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.» (Mt 18,6)

Fazit: Mit der Bibel lässt sich alles begründen und auch das Gegenteil davon. Wieso nicht einfach zum Mittel der Aufklärung greifen, nämlich der Vernunft?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti ist Journalist und wohnt in Brig-Glis. Er ist mit dem Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti nicht verwandt.

Weiterführende Informationen

Werner de Schepper: «Asyl-Vorrang für Christen?»

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6 Meinungen

Was Kurt Marti hier betreibt ist aber auch keine Auseinandersetzung oder Auslagung der biblischen Texte, sondern eine selektive und unreflektierte Aneinanderreihung von Zitaten. Das dient weder seinem Argument noch wird es den Bibeltexten gerecht. Kurt Marti schreibt nicht vernünftig, er ist schlicht polemisch. Schade.
Markus Studer, am 15. August 2014 um 08:32 Uhr
@ Studer Markus: Was heisst denn im Zusammenhang mit Glaube «vernünftig"? Und was sollte an Kurt Martis Artikel polemisch sein? Etwa der Auszug: «Da sagte er denen zur Linken ....;-)) Herr de Schepper selbst teilt übrigens ganz anders aus, als ecopop-IK Mitglied bin ich da sensibilisiert, siehe AZ «Initiative der Landfresser". Eins muss man ihm lassen, flexibel ist de Schepper geblieben, vom Blick zu den katholischen Medien, das macht ihm so schnell keiner nach. Die gute Nachricht: man muss nicht mehr brav verheiratet sein, um im katholischen Imperium zu einer Schlüsselposition zu kommen...
Wirth Sabine, am 15. August 2014 um 12:31 Uhr
Schweiz-Auslegung nach Belieben (Erich von Siebenthal), Zurechtweisung nach beliebigen Bibeltexten (Werner de Schepper), beides kann nicht stimmig sein. Herr Marti hat dazu den passenden Text verfasst.
Andreas Mathys, am 15. August 2014 um 12:32 Uhr
Habe Kurt Marti-Wallis oft kritisiert und ziehe als Theologen Kurt Marti-Bern vor. Aber diesmal muss ich KM etwas «in Schutz» nehmen. Man soll nicht nur aus dem Koran unangenehme Zitate bringen; desgleichen aus der Bibel, wiewohl @Markus Studer recht hat, dass diese Stellen interpretationsbedürftig sind. Aber man muss nicht so tun, als stünden sie nicht da.

Ich nehme Marti, der es zwar nicht nötig hat, «in Schutz", weil ich die Religionskritik von Robert Mächler, Walserbiograph, und K. Deschner, fundamentaler Christentumskritiker (der zwar den Islam unverhältnismässig schonte), ernst nehme Auch die Christentumskritik von Nietzsche, noch ein paar Nummern grösser, darf ernst genommen werden. Dabei geht es Nietzsche heute an den Unis ähnlich wie der Bibel bei kirchensteuergefütterten Theologen: das Unpässliche, also Nietzsches Evangelium der Unmenschlichkeit, von Albert Schweitzer mit Recht kritisiert, wird zugunsten des unzweifelhaft positiven Gehalts seiner Schriften lieber ausgeklammert. So geht es bezüglich Bibel, dem Alten Testament noch mehr als dem NT, auch zu. Jesus hat sich aber nie als der liebe «Bruder» seiner sog. Apostel «verkauft". Es gibt viel an ihm, woran man sich stossen kann, und es ist nicht immer möglich, in der Art der Bibelkritiker, das Stossende nur als nachträgliche Verfälschung hinzustellen oder es gar «wegzuübersetzen". Dabei trat Jesus mutmasslich schlichter auf als oft biblisch suggeriert.

Für viele bietet Sokrates eine Rückzugsmöglichkeit.
Pirmin Meier, am 15. August 2014 um 13:02 Uhr
Herr Marti geht es nicht um die thematische Auseinandersetzung zwischen den Herren von Siebenthal und de Schepper. Ihm dient dies nur als Steilpass, um sich über die Bibel zu mockieren und sie abzuwerten oder für aufgeklärte Zeitgenossen als vorvorgestrig darzustellen. Wahrscheinlich hat er aus einer Website ("64 unmenschliche Jesuszitate» etc.) diese Bibeltexte kopiert und in seinen Artikel eingefügt. Ob diese nun zur Thematik passen oder nicht, ob aus dem Zusammenhang gerissen oder nicht - ist ihm offensichtlich egal. Wer bezüglich seiner Kritik an der Bibel ernst genommen werden will, sollte nicht in dieser oberflächlichen Weise mit Texten umgehen, die rund 2000 Jahre alt sind. Ein Journalist schon gar nicht.
Marti widerspricht sich mit dieser unaufgeklärten Argumentationsweise und seinem Fazit, dem abschliessenden Aufruf nach Aufklärung und Vernunft, selbst.
Herbert Bodenmann, am 15. August 2014 um 16:53 Uhr
@Bodenmann. Die Bibel muss weder abgewertet noch verteidigt werden. Sie ist, trotz Theologen, ein bis jetzt in der Menschheit nicht eingeholter Text, auch wenn Homer im Original wohl besser geschrieben ist und über den Menschen fast so lehrrreich.

Im Vergleich zur Explosion der Ausgaben für die sog. Bildung strebt die durchschnittliche Bibelkenntnis der Jugend, bezogen auf die Zeit seit der Reformation, mutmasslich einen Minusrekord an. Die Kenntnis der Bibel macht zwar leider keinen besseren Menschen. Deren Unkenntnis ist aber in Sachen Ethik und Allgemeinbildung, auch musikalisch, kunstgeschichtlich und literarisch, in unserer Zivilisation fast so etwas wie ein Verdummungsfaktor.

In der Schweiz und in Deutschland darf man sich in diesem Zusammenhang vor allem um den Protestantismus Sorgen machen. Als Bildungsimpuls vermochte er fast alles, was am Bürgertum gut war und vielleicht noch ist, zu prägen. Auch das Linksbürgertum, die Sozialdemokratie, verdankt der protestantisch vermittelten Bibel viel, nicht nur via Karl Barth, fast Enormes über Leonhard Ragaz. Dessen Andenken wird z.B. in der links-christlichen Zeitschrift «Neue Wege", die ich seit zwei Jahren Nummer für Nummer lese, oft auf Niveau gepflegt. Wenn gelegentlicher Übereifer nicht wäre, auch ein bisschen politische Naivität, wäre dies eine prima Zeitschrift für nicht bürgerlich sein wollende Christen. Im Einzelfall besser als de Schepper, u.a. redigiert v. Monika Stocker. Marti könnte so was mal rezensieren!
Pirmin Meier, am 15. August 2014 um 19:03 Uhr

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