Urin-Dopingproben A und B © wdr/sreenshot

Urin-Dopingproben A und B

Anti-Doping-Politik ist ein einziger, grosser Witz

Walter Aeschimann / 02. Nov 2017 - In Ganterschwil traf sich die Welt-Elite der Anti-Doping-Politik. Sie diskutierte über die Zulassung Russlands bei Olympia.

Ganterschwil ist ein kleiner Ort im Toggenburg, einer schmucken Region am östlichen Rand der Schweiz. Das regionale Seniorenheim zählt zu den grössten Arbeitgebern, bäuerliche Betriebe prägen das Landschaftsbild. Verliefe nicht die Hauptstrasse 16 durch die Gegend, das Idyll wäre fast nicht auszuhalten. Aber das Ambiente ist ideal für jene, die gerne unauffällig wirken.

So versammelten sich in Ganterschwil vom 30. auf den 31. Oktober 2017 diskret die Leader der Welt-Anti-Doping-Politik. Gastgeberin war die Berlinger Group, ein Unternehmen, das weltweit führend in der Produktion von international standardisierten Dopingkontrollsystemen ist: manipulationssichere Fläschchen für Urin- und Blutproben, sowie die Sets zum Transport und für die Tests im Labor. Eingeladen hatte der Vorstand des Instituts iNADO, ein weltweiter Zusammenschluss der nationalen Anti-Doping-Organisationen (NADO’s). Das Gremium mit Sitz in Bonn wurde im Mai 2012 mit dem Zweck gegründet, die Kommunikation der offiziellen Welt-Anti-Doping-Politik zu bündeln und noch besser zu kontrollieren.

Unabhängige Journalisten nicht zugelassen

Kein Wunder also, dass ein unabhängiger Berichterstatter nicht eingelassen wurde, «aus organisatorischen Gründen» und «wegen des straffen Programms», wie mir die Presseabteilung beschied. Zugelassen waren hingegen 35 Direktoren der NADO, systemtreue Anti-Doping-Experten und über 85 einstige und gegenwärtige Spitzensportler. Offizielles Thema des Symposiums war: «Anti-Doping besser machen.» Das Programm diente weitgehend zur Zierde der eigentlichen Angelegenheit. Denn angereist war auch Yuriy Ganus, der neue Generaldirektor der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada). Mit ihm sollten ausgewählte CEO’s zwischen Kuchen und Kaffee über eine Zulassung Russlands zu den XXIII. Olympischen Winterspiele im Februar 2018 in Pyeongchang/Südkorea reden.

Bekanntlich hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) die russische Doping-Kontrollbehörde im November 2015 für nicht regelkonform («non-complaint») erklärt und suspendiert. Zu dieser Stegreifdarbietung war der Weltsport genötigt worden, weil Julia Stepanowa und Witali Stepanow im Dezember 2014 via ARD-Dokumentation «Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht» an die Öffentlichkeit gegangen sind. Darin berichten die Ex-Leichtathletin und ihr Mann, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur, über Dopingpraktiken in der russischen Leichtathletik und den Korruptions-Sumpf im Internationalen Leichtathletikverband. Die beiden hatten sich zuerst an die Welt-Anti-Doping-Agentur gewandt. Diese informierte den russischen Verband: Es hätten sich querulierende Athleten gemeldet, die behaupten würden, dass russische Leichtathleten systematisch dopen. Offizielle Stellen in Russland dementierten. Die Wada verfolgte die Angelegenheit nicht weiter.

Der Weltsport durfte Entschlossenheit heucheln

Erst nach dem ARD-Bericht und dem öffentlichen Druck konnte der Weltsport nicht mehr anders handeln. Er musste eine Untersuchungskommission lancieren. Der so genannte McLaren-Report bestätigte wie erwartet den Befund der TV-Dokumentation und legte ein System von staatlich geförderten Dopingpraktiken im russischen Hochleistungssport offen. Eine wesentliche Zahl von russischen Athleten wurden daraufhin von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen. Den russischen Behindertensportlern wurde die Teilnahme an den Paralympics komplett verwehrt. Der Weltsport skandalisierte unter gütiger Mithilfe der Medien die Angelegenheit und durfte einmal mehr Entschlossenheit im Anti-Doping-Kampf heucheln.

Mit der Causa Russland war dem Weltsport die Kontrolle über die Doping-Kommunikation kurz entglitten. Im Grunde wussten alle beteiligten Akteure, dass in ihren Ländern, würde man genauer hinsehen, gleichfalls Dopingpraktiken angewendet werden. Deshalb wurde hinter den Kulissen eilig daran gearbeitet, die alte Ordnung wiederherzustellen und Russland zu integrieren. Bereits im Mai 2017 gewährte die Wada der russischen Anti-Doping-Agentur, die unterdessen das Personal ausgewechselt hatte, eine Teilzulassung. Demnach ist es der Rusada erlaubt, unter der Kontrolle internationaler Experten und der britischen Anti-Doping-Agentur UKAD Dopingtests zu koordinieren und durchzuführen. Wenn im November die Rusada eine definitive Zulassung erhält, steht auch einer Teilnahme der Russischen Sportler bei Olympia nichts mehr im Weg. Der kurzzeitig gestörte Frieden wird mit grosser Wahrscheinlichkeit Anfang 2018 wiederhergestellt.

Anti-Doping-Gremien sind alles, nur nicht unabhängig

Die Eintracht vermag jedoch nicht zu retuschieren, dass die nationale und internationale Anti-Doping-Politik ein einziger, grosser Witz ist. Sämtliche Anti-Doping-Gremien sind Teil des Weltsportsystems. Sie sind alles, nur nicht unabhängig. Anti-Doping ist vorab ein gigantisch teures PR-Label. Es ist keine Institution, die bisher ernsthaft und nachhaltig Dopingpraktiken im Hochleistungssport bekämpft. Sie will nicht viel mehr bewirken, als die Kommunikation über Doping zu kontrollieren. «Es ist verwerflich, wenn man da noch mitmacht», sagte Perikles Simon, einer der kompetentesten, unabhängigen Anti-Doping-Forscher der letzten Jahre, jüngst gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ. Simon hat sich im September 2017 in einem öffentlichen Brief resigniert und ernüchtert aus der Anti-Doping-Forschung zurückgezogen.

Untermittelbarer Anlass für diesen Schritt war eine Studie, bei der er mitgearbeitet hat. Auftraggeberin war die Welt-Anti-Doping-Agentur. Die Universität Tübingen und die Harvard Medical School untersuchten die Leichtathletik-WM 2011 in Daegu/Südkorea. Die Studie kam zum «konservativen» Schluss, dass mehr als 40 Prozent der Sportler unter «Dopingeinfluss» standen. Bei den Pan-Arabischen Spielen im selben Jahr lag der Wert gar bei 57 Prozent. Die Abhandlung wurde in unabhängigen Fachkreisen sehr gelobt und als wissenschaftlich «sehr sorgfältige Arbeit» eingestuft. Nicht aber bei der Wada und dem Internationalen Leichtathletikverband (IAAF). In einer konzertierten Aktion versuchen sie mit aller Macht, die Veröffentlichung der Ergebnisse zu verhindern. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit wurden schliesslich Teilergebnisse in einer Fachzeitschrift publiziert. Die involvierten Wissenschaftler wollen heute nicht mehr über die Details sprechen.

Das interne Netzwerk funktioniert bestens

Für Perikles Simon, Professor für Molekularbiologie und Leiter der Abteilung für Sportmedizin an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, wäre dies – und eine effiziente Anti-Doping-Politik – aber bitter nötig, wie er gegenüber der FAZ weiter ausführte: «Athleten experimentieren mit ihrem Körper in einer Weise, die wir vor zwanzig Jahren noch für unmöglich gehalten hätten.» Im gegenwärtigen Sportsystem fühle er aber eine «Ohnmacht, Doping zu bekämpfen». Die offizielle Vorgehensweise auf die immer wieder «aufkochenden Skandale» würden sich in «sporttypischen Abwehrreflexen» widerholen. Sie gehe vor allem zu Lasten der Athleten. «Ihnen werden alle Verbindlichkeiten und Beschwerlichkeiten auf die Schultern geladen, während das Verbandssystem, Sportpolitik und die Handlungen Aussenstehender reingewaschen werden. (...) Wir müssen erkennen, auf welch unterirdischem Niveau wir uns im Anti-Doping-Kampf bewegen.»

Das «unterirdische Niveau» betrifft vorab die Strukturen. Die nationalen Anti-Doping-Einrichtungen, meist von Steuergeldern finanziert, sind ins Sportsystem integriert und überwachen sämtliche Prozesse: von der Doping-Kontrolle über die Analytik, die Kommunikation bis hin zur Prävention, selbst die sportabhängige Wissenschaft. Wäre der Weltsport ernsthaft an einer wirksamen Anti-Doping-Politik interessiert, müsste er zulassen, dass Agenturen nur für Doping-Kontrollen verantwortlich sind und von Sport und Staat völlig entkoppelt werden. So aber funktioniert das interne Netzwerk bestens. Zwischen Anti-Doping-Gremien, CEO’s der Sport-Weltverbände, Spitzensportlern, Politikern und Forschungseliten findet ein reger Informationsfluss statt. Wenn beispielsweise ein Anti-Doping-Labor für Olympische Spiele eingerichtet wird, werden unter der Hand die Informationen ausgetauscht: was wie getestet wird, welche Testverfahren zum Einsatz kommen und welche nicht. Das ist längstens kein Geheimnis mehr.

Deshalb findet es kaum einer seltsam, dass Sportfunktionäre, Wissenschaftler und Spitzensportler zusammen nach Ganterschwil eingeladen wurden. Sie erhielten gemeinsam Einblicke in die Anti-Doping-Politik. Sie durften den neuen Rusada-Chef kennenlernen und ihm Fragen stellen. Sie konnten sich im geschützten Rahmen über neuste Testmethoden in der Dopinganalytik informieren und zu Hause davon berichten. Damit sie für kommende Wettkämpfe gerüstet sind. Nur wird das von der iNADO nicht so kommuniziert. Ein «Media Release», der das «Symposium zusammenfassen» sollte, war für den 31. Oktober, 15 Uhr, versprochen worden. Er ist nicht eingetroffen. Auf die explizite Nachfrage erhielt ich bis zum 2. November, 09 Uhr, keine Antwort. Stattdessen verbreitete das Internationale Olympische Komitee am Mittwochnachmittag die Nachricht, dass zwei russische Langläufer lebenslang von Olympischen Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Der Entscheid wurde sicherlich in Ganterschwil mit Rusada-Chef Ganus erörtert und löste in den Medien leichte Verwirrung aus. Dabei sind es im Sportpolitikgeschacher lediglich zwei Bauernopfer. Russland gibt die beiden her. Im Gegenzug wird das Land wieder in den Weltsport aufgenommen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Walter Aeschimann ist Historiker und Publizist und forscht zum Thema Doping. Er war Redaktor bei der Tamedia AG und beim Schweizer Fernsehen.

Weiterführende Informationen

Die Legalisierung von Doping ist bedenkenswert
Warum Doping nicht auszurotten ist

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4 Meinungen

Ich schreibe gerade selbst an einem Thema, das mit Doping zu tun hat. Wie finde ich für obige Aussagen englischsprachige Belege?

Ist die «Igit"-Reaktion auf Doping am ehesten deshalb, weil es für die Athlethen gefährlich sein kann, oder weil es einen versteckten Vorteil darstellt und als unfair gilt, oder dient die Empörung gerade zur Verschleierung von dem, was tatsächlich stattfindet?
Theo Schmidt, am 02. November 2017 um 16:59 Uhr
Welcher Anfänger dopt heute noch ?

http://www.spiegel.de/sport/sonst/doping-wie-sich-us-sportler-zugang-zu-verbotenen-medikamenten-verschaffen-a-1123934.html

» Ausnahmeregelung Wie sich US-Sportler die Einnahme verbotener Medikamente genehmigen lassen

Kurz vor den Olympischen Spielen haben US-Athleten zahlreiche Ausnahmegenehmigungen für Medikamente beantragt, die sonst auf der Dopingliste stehen. Das zeigen Dokumente der Hackergruppe «Fancy Bears», die dem SPIEGEL exklusiv vorliegen."

oder

http://www.spiegel.de/spiegel/warum-sind-so-viele-spitzensportler-asthmatiker-a-1119070.html

"Legales Doping im Spitzensport Spritzen, schlucken, salben

Ob Asthma, ADHS oder Allergien: Viele Spitzensportler nehmen permanent Medikamente ein. Und viele haben eine Genehmigung für Dopingmittel."


Aufgrund Anstrengungs Asthma verschrieb mir der Lungenarzt Salbutamol.
Ohne Einnahme laufe ich 9,4 km in ca. 50 Minuten.
Mit Einnahme etwa 43 Minuten.
Dieter Gabriel, am 02. November 2017 um 19:38 Uhr
Doping, wenn ich das höre fällt mir die Story mit Lance Armstrong immer ein.
Da wurde vor vielen Jahren von dem «armen Lance» berichtet wie er den Krebs besiegte.
Es siegte dann auch bei grossen Radrennen und so dachte ich mir, der hat bestimmt «Medikamente» bekommen damit der Krebs nicht wieder ausbricht!
Das ist doch alles nur verlogenes, abgekartetes System um dem Volk die Freude am Spitzensport und den Drahtziehern das grosse Geldgeschäft nicht zu verderben.
Albert Deucher, am 03. November 2017 um 20:11 Uhr
Swiss Olympic erhebt mit seinem Moto „cool and clean“ den Anspruch Präventionsarbeit zu leisten ...
Zur Olympiade nach Peking reiste über ein Drittel der Schweizer Athletinnen und Athleten mit einem Attest. Mit einem Attest, das die Dopingeinnahme legalisiert! Ist das „cool and clean“ wie vom SOC propagiert?
Der damalige Schweizer Olympiaarzt meinte in einem 10vor10-Beitrag aus Peking, dass die Grauzonen des Dopingreglements auszunutzen seien.

Dies passt zum Artikel von Walter Aeschimann, der auf Praktiken bei der Pseudodopingbekämpfung hin weisst. Offiziell wird der Dopingmissbrauch vom SOC bekämpft und bei der Athletenbetreuung mit dem Ausstellen von Attesten die Dopingeinnahme gefördert.

Es wurde und wird „gemischelt“ was das Zeug hält. Sportverbände, die kaum Kontrollen machen, dann aber lauthals verkünden, bei ihnen bestehe kein Dopingproblem. Beim Radsport wurden sehr viele erwischt - es gab und gibt dort sehr viele Kontrollen. Von daher dürfte der Radsport heute wohl zu den saubereren Sportarten gehören.

Als grösstes Hindernis zur effektiven Dopingbekämpfung ist der Unwille in den Verbänden und die Einflussnahme durch Staaten (die der erwähnte Deal zwischen dem IOC und Russland) der Grund.
Es darf davon ausgegangen werden, dass prozentual in allen Sportarten im gleichen Stil betrogen wird.
Dass sich Staaten daran beteiligen, ist nicht verwunderlich. Die frühere DDR war ein Muster, wie Sporterfolge in Erfolge des Regimes umgedeutet wurden.
Urs Dietschi, am 04. November 2017 um 10:02 Uhr

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