Warum Doping nicht auszurotten ist

Walter Aeschimann © cc
Walter Aeschimann / 07. Feb 2016 - Der Kampf gegen Doping ist heuchlerisch und verlogen. Er soll ablenken von korrupten Machenschaften innerhalb der Funktionärselite.

Sechs Dopingfälle bei 2667 Proben. Ein Zirkular des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) zum Abschluss der Winterspiele von Sotschi 2014 wertet diese Zahlen als Erfolg des Kontroll- und Testsystems, gar als Erfolg der Anti-Doping-Politik. Die Organisatoren der Tour de France vermelden 2015 nur einen Dopingfall. Angesichts der konstant negativen Datenflut scheinen diese Zahlen kühn. Man gewöhnt sich jedoch an die zweifelhafte Wirklichkeit und vergisst sie bald.

Zweifelhaft und schon bald vergessen sind auch die Berichte um den Internationalen Leichtathletikverband (IAAF), veröffentlicht vor gut drei Wochen. Es geht um Systemdoping, Korruption und die fachmännische Verschleierung durch den IAAF. Aufgelistet ist dies im so genannt «unabhängigen» Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Der ehemalige Präsident Lamine Diack wird für das Versagen des Verbandes ausgemacht. Das ist nicht besonders mutig. Diack war zuvor schon aus dem Verkehr gezogen worden. Gleichzeitig stärkt die Wada den jetzigen Präsidenten, Diacks langjährigen Stellvertreter Sebastian Coe. Dieser habe von Korruption, Doping und Vertuschung nichts gewusst. Damit scheint der Fall für IAAF und Wada abgeschlossen.

Subversive Realitäten

Drei Beispiele einer systeminternen Logik. Es gibt andere Realitäten als jene, die nationale und internationale Sportbetriebe inserieren. Man könnte aus dem Bericht auch folgern, dass Sebastian Coe einen miserablen Job macht, dafür befördert und jetzt gelobt wurde. Denn es scheint undenkbar, dass ein Mann mit seinem Hintergrund als Spitzenfunktionär keine Kenntnis von den Machenschaften hatte.

Über Korruption und systemisches Doping zu debattieren wird trotzdem vage bleiben, solange keine Transparenz vorhanden ist, der öffentliche Diskurs geregelt, kontrolliert und die Wahrheit in staatliche und parastaatliche Kanäle sickert. Man kann sich allenfalls empören. Und sich fragen, wie diese subversiven Realitäten entstanden sind.

Ein willkürliches Konstrukt

Fragen wir am Beispiel Doping. Die Kurzantworten lauten: Mythos und Selbstjustiz. Doping wird nach derzeitiger Sprachregelung als Problem betrachtet. Das scheint trivial, ist aber weder offensichtlich noch selbsterklärend. Denn im Grunde hat das Label Doping einen völlig anderen Sinn erhalten.

Zwar lassen Elitesportler weltweit ihre Leistung mit Drogen und Methoden steigern, etwa mit Muskelpillen oder Bluttransfusionen. Zweifellos ist dies nicht gesund, es ist in höchstem Masse schädlich und ethisch zweifelhaft. Das Gebilde Doping – Delinquenz, Berufsverbot, Kontrollsystem – ist hingegen mit Bedacht und willkürlich konstruiert. Selbst dies muss nicht unrecht sein. Aber warum greift der Ansatz nur im Sport und nicht in anderen Berufen?

Jimi Hendrix – ein Dopingsünder?

Begründet wird der Sonderfall üblicherweise mit den Formeln Fairness, Chancengleichheit und Vorbildfunktion für die Jugend. Der Sport soll allen die gleiche Perspektive bieten und nicht zum Einstieg in den Konsum von Drogen animieren. Das allein erklärt die Ausnahme nicht, wie eine andere Sparte der Unterhaltungsindustrie, die U-Musik, zeigt.

Niemand wird ernsthaft widersprechen, dass Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain oder Amy Winehouse weniger jugendliche Verehrer hatten als Sport-Ikonen, wahrscheinlich mehr. Und keiner wird auf den Gedanken kommen, dass es unfair gegenüber den Berufskollegen ist, wenn sie Medikamente nehmen, damit die Gitarrensoli virtuoser rüberkommen und die Stimme noch dunkler klingt. Die Gesellschaft sieht gar zu, wenn sie ihre Arbeit mit Drogen unterstützten, sich körperlich zu Grunde richten und verenden in jungen Jahren. Keine Instanz kontrolliert bei Konzerten oder verlangt im Proberaum, dass Musiker Wasser lassen oder Blut hergeben. Dieses Szenario wäre denkbar und vor allem angebracht, wenn die Idee auch hier Chancengleichheit und Vorbildfunktion sein soll.

Kollateralschaden am menschlichen Material

Dieser kleine Umweg entlarvt Doping als Retorte. Erschaffen wurde sie vor rund hundert Jahren, als der moderne Sport noch stärker von Gedanken der Hygiene und Gesundheit durchdrungen und der Beruf des Sportlers erst in Ansätzen erkennbar war. Das Prinzip des Wettkampfs und der Leistungsmessung existierte jedoch schon. Das qualifizierte Sportler als perfekte Versuchspersonen für die Hygienewissenschaft, der Arbeitsmedizin und jene anverwandten Disziplinen, die mit Fortschritt vorab eine Steigerung der Leistung verknüpfen wollten.

Eine pharmakologische Manipulation des Athleten-Körpers, zwecks systematischer sportlicher Leistungssteigerung, stand noch nicht im Vordergrund. Aber dieser Zusatznutzen wurde bald erkannt und aus der Arbeits- entwickelte sich eine spezialisierte Sportmedizin. Eine Disziplin, die sich in den Dienst fundamentaler Kategorien des Sportes stellte: Rekord, Sieg und Leistung um jeden Preis. Das bedeutete, auch kollaterale Schäden am menschlichen Material für einen vermeintlich höheren Zweck bewusst in Kauf zu nehmen.

Die Täter überwachen sich selbst

Unbestritten war das nicht. Deshalb berieten Ärzte, Funktionäre und Politiker ab der ersten Pille, wie deren Einsatz bei Sportathleten zu begründen ist. Historisch betrachtet hat sich eine Strategie in drei Etappen herausgebildet. Erst zerdehnten sie die ethischen Anstandsnormen mit der gewagten Trennung von medizinisch erlaubter und unerlaubter Leistungssteigerung. Der Wettkampfsport sei dem Kriegseinsatz ähnlich und deshalb alles legitim. Das war bei führenden – auch Schweizer – Sportmedizinern in der Zwischenkriegszeit eine gängige Argumentation.

Nach dem zweiten Weltkrieg konstruierten sie Regeln, Sonderregeln, Traktate, wissenschaftliche Extrakte und Verbandsgesetze, um das Tun pseudorechtlich abzustützen. Schliesslich blenden sie die Öffentlichkeit mit Präventionspolitik, mit Kontrollsystemen, Anti-Doping-Agenturen und dergleichen.

Das Wesentliche dabei ist: Die Täter überwachen sich immer selbst. Und das Risiko trägt der Sportler.

Anti-Doping-Politik kaschiert marode Strukturen

Doping ist heute weniger ein Problem der Sportler, sondern vielmehr ein Symbol für den Umgang der Gesellschaft mit dem Risiko. Anti-Doping-Politik ist weniger eine Präventionskampagne, viel eher eine hochkomplexe Vertuschungsmaschinerie, deren eigentliches Ziel es ist, mit spektakulären Aktionen gegen Aussen marode innere Strukturen zu kaschieren.

Jene Entscheidungsträger der Gesellschaft, die den Einsatz von Pharmaka und Methoden im Spitzensport wissentlich gestatten oder praktizieren, senden seit Jahrzehnten die vage Botschaft aus, das Problem zu lösen. Zum Beispiel indem man geheime russische Labors «enttarnt» oder Lance Armstrong als exklusiven, besonders verkommenen Betrüger «überführt».

Noch gelingt es mit dieser Taktik Eifer und Erfolge vorzutäuschen und von der eigentlichen Problematik abzulenken. Noch wundert sich die breite Öffentlichkeit nicht, warum Millionen an Investitionen in die Anti-Doping-Politik – auch in die angeblich «schonungslose Verfolgung» von Korruption und Schmiergeldzahlung im Weltfussball – seit Jahrzehnten keine substantiellen Fortschritte bringt.

Spirale aus Täuschung und Betrug

Würde sie sich sich ernsthaft fragen, müsste die Antwort lauten: Die Sportelite will die Probleme nicht lösen. Die Einsicht, eine nachhaltige Revision anzustreben, wie das jüngste Beispiel um den IAAF-Skandal zeigt, ist nicht vorhanden. Doping ist ein Marketinginstrument, das ihre Machenschaften legitimiert und zugleich deckt. Aber die Spirale aus Täuschung und Betrug wird sich weiter drehen. Und der Aufwand, den Mythos Doping zu erhalten, wird zugleich grösser.

In dieser Doping-Falle ist die Funktionärselite gefangen. Soll dieses System durchbrochen werden, braucht es permanenten Druck von aussen, einer Justiz beispielsweise, die diesen Namen auch verdient. Langfristig braucht es einen neuen Blick auf den organisierten Sport und muss sich eine andere Realität etablieren, als jene der offiziellen Heuchler und Schwadroneure.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Walter Aeschimann ist Sporthistoriker und freier Journalist. Er war Redaktor bei Tamedia AG und beim Schweizer Fernsehen.

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2 Meinungen

Wenn konsequent dafür gesorgt würde, dass keine Steuergelder mehr für die Spitzensportförderung und für die Subventionierung von Spitzensport-Veranstaltungen (Olympiaden, Weltmeisterschaften usw.) verschwendet werden, könnte uns Bürgern die ganze Dopingproblematik egal sein. Den Spitzensportlern sollten wir Selbstverantwortung und Urteilsvermögen zutrauen. In bibelnahen Worten ausgedrückt: «Warum soll ich denn meines Bruders Hüter sein?"
Hans R. Moning, am 08. Februar 2016 um 12:22 Uhr
Eigentlich spielt es doch gar keine Rolle, ob gedopt wird oder nicht, wir leben nunmal in einer Welt, wo sich Alles doch nur um Gewinner dreht.

Und wer da auch noch glaubt, Ewig-Zweite würden sich einfach damit zufriedengeben, immer nur im Schatten der Ersten stehen zu müssen, hat offenbar einfach noch nicht begriffen, wie das System funktioniert.

Es ist genau so wie im realen Leben, zuhause, im Geschäft, überall gibt es Zweite, und Dritte, und es gab schon die grössten Kriege, und Intrigen, um die Ersten von ihrem Platz zu verdrängen, sowas fängt bei den eigenen Kindern schon an, und zieht sich so das ganze Leben lang hin.

Auch die Brüder Grimm schrieben schon darüber, und schon Kain hat doch Abel nur totgeschlagen, weil er eifersüchtig war. Aber im Sport soll das Alles nicht gelten, dort existieren nur saubere und wirklich die Besten, vor Allem, weil es im Sport um Millionen geht.

Wir aber fördern all das, mit beträchtlichen Mitteln, indem wir mit ein TV finanzieren, dass mit riesigen Beträgen den Veranstaltern hilft, das Riesengeschäft am Leben zu erhalten, und wer als Guter Schweizer Sportler nicht Werbung für irgend Etwas macht, hat sowieso Etwas verpasst.

Es wäre ja alles vertretbar, wenn WIR nicht dafür auch noch STEUERN und ABGABEN leisten müssten. Durch Gesetze, von Denen gemacht, die natürlich auch von diesem Zustand profitieren, und sei es nur mit Jahreskarte und Logenplatz! Aber so dumm wie wir sind, wird es wohl auch so bleiben...

nehme ich wenigstens an.
Ernst Jacob, am 09. Februar 2016 um 01:08 Uhr

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