Sprachlust: Rufst du, mein Abendland?

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 10. Jan 2015 - Pegida schreibt sich das Abendland auf die Flagge, die Gegenbewegung Tegida dito. Was für ein Abendland macht da Front gegen Osten?

Die einen gehen gegen seine «Islamisierung» auf die Strasse, die andern neuerdings gegen seine «Idiotisierung»: Das Abendland wird in Deutschland für politische Zwecke beansprucht. Das Wort bietet sich dazu an, für Frontbildungen eingespannt zu werden, denn wo ein Abendland ist, muss auch ein Morgenland sein. Und nicht alle halten es mit Goethe: «Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.»

Als die drei Weisen, auch als heilige drei Könige bekannt, aus dem Morgenland kamen, muss Bethlehem noch im Abendland gelegen haben. Später wurde der Gegensatz innerhalb des Christentums verwendet, nach der Spaltung in Ost- und Westkirche. Jedenfalls steht in Herders Theologischem Lexikon: «Mit dem Untergang von Byzanz verliert der Begriff Abendland im durchschnittlichen Sprachgebrauch seinen Gegenbegriff und geht so in den Begriff ‹Europa› über.» Dem lateinischen «occidens» (für die untergehende Sonne) kam also damals der ebenfalls christliche «oriens» abhanden, aber noch bevor die Muslime 1453 Byzanz eroberten, waren sie der neue orientalische Gegner.

Europa minus Missliebiges

Auf deutsch ist «Abendland» laut Wikipedia erstmals 1529 nachgewiesen. War der Begriff je deckungsgleich mit «Europa», so blieb er es nicht über die Aufklärung hinaus. Das Theologische Lexikon (zitiert nach Wiktionary) fährt fort: «Heute soll Abendland begrifflich oft die … christlich-religiöse Kultureinheit des Mittelalters und ihre Fortwirkung abheben von der säkularisierten Geschichte des späteren Europas». Den «Untergang des Abendlandes» stellte der Kulturphilosoph Oswald Spengler 1918 als so unvermeidlich dar wie das Ende jeder früheren Hochkultur.

Doch zumindest der Begriff ist noch nicht untergegangen. Er erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland sogar eine neue Blüte, namentlich bei den tonangebenden Christlichdemokraten. Zusammen mit Gesinnungsfreunden in Frankreich, in Italien und im Benelux gaben sie auch der künftigen Europäischen Union ein abendländisches Gepräge. Die Frontstellung galt dem sowjetischen Totalitarismus, erlaubte aber rückblickend auch die Distanzierung von jenem der Nationalsozialisten. In dieser Logik «vollbrachte Hitler eine ‹asiatische› Tat» (Ernst Nolte, Historiker). Was den Nazi-Führer freilich nicht daran gehindert hatte, seine Wehrmacht nach der Niederlage bei Stalingrad 1943 zum Kampf für die «Rettung des Abendlandes» aufzurufen, «bis zum letzten Soldaten».

Mit Juden und Orthodoxen

In der deutschen Nachkriegsoptik machte es sich besonders gut, nun vom «christlich-jüdischen Abendland» zu reden. Gewiss fusst das Christentum auf dem Judentum, aber hinter der begrifflichen Vereinnahmung scheint etwas anderes zu stecken. Der Kolumnist Harald Martenstein sagt es so: «Durch die Hereinnahme des Wortes ‹jüdisch› wird das Abendland sofort kuscheliger und defensiver, als es je war.» Und: «Vor allem dem Islam wird die Fahne der christlich-jüdischen Tradition gerne entgegengehalten.»

Gerade in dieser Frontstellung gegen den Islam wird das Abendland auch mit Mahnungen eingedeckt, wieder «christlicher» zu werden. Dass die Säkularisierung zum Untergang des Abendlands beitrage, glaubte auch Spengler; für ihn war die nächste Hochkultur eine russische. Und siehe da: Heute wird für manche Abendland-Vorkämpfer Putins Reich ein willkommener Bündnispartner. Dieses beruft sich ja auf die christliche Orthodoxie mit Moskau als «drittem Rom» und damit Erben von Byzanz. Zugleich hält dieses Russland dem «dekadenten» Westen eine «eurasische Identität» entgegen, die mit einer eigenwilligen Auffassung von Demokratie einhergeht. Wer sich nach all diesen Begriffsverwirrungen auf das Abendland beruft, sollte zumindest klarstellen, ob auch Humanität, Menschenrechte und der weltliche, demokratische Rechtsstaat dazugehören.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

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6 Meinungen

Die Auseinandersetzung darüber ist doch nur, ob es, und in welcher Form, überhaupt möglich sei, in Ländern zwei, in sehr fundamentalen Fragen divergierende Kulturen, die sich, wenn überhaupt, doch fast nur am Arbeitsplatz persönlich begegnen, trotzdem aber zusammen, in teils gleichen Häusern und Quartieren leben und ihre Kinder aufziehen, - friedfertig, gleichberechtigt, und ohne Probleme gemeinsam existieren zu lassen, ohne eine der beiden gesellschaftlich dominierenden 'Kultur-Gruppen' dabei in irgend einer Form zu benachteiligen, eigene, teils bezahlte, Feiertage zu akzeptieren, Schulen, Synagogen, Lehrstühle...., Einfach so, wie Andere auch.

Wer die beste und praktikabelste Antwort auf diese Frage findet, wird wohl aich entscheidend dazu beitragen, dass es, bei uns zumindest, vielleicht ohne Tote und Verletzte abgehen wird. Entscheiden wird sich die Sache sowieso, und sollte es noch 100 Jahre dauern, bis Nachkommen von minimum 250-jährigen Eidgenossen sowieso nur noch, vereinzelt, als begehrter Selfie-Hintergrund in Zoo's und auf Kilbi's anzutreffen sind. Hosen oben, versteht sich.

Angst war immer schon das beste Argument, das zu behalten, was man kennt und hat. Auch wenn's doch längst nicht ist, was man gern hätte. Aber trotzdem immer noch besser, als Alles offen und nur noch Polizei, die dafür zu sorgen hat, dass man es wenigstens noch einigermassen im Griff hat.

An Lösungen hat man ja nie gedacht, oder gar geredet, wer wollte denn schon als rassistisch gelten ?!
Ernst Jacob, am 10. Januar 2015 um 06:28 Uhr
Herr Goldstein, das ist doch grober Unfug. Ohne den Islam zum Okzident zu zählen (wie es zum Beispiel Johan Galtung tut, der ja gewiss einiges von Zivilisationen versteht - siehe als neuerstes A Theory of Civilization, 2014), haben Sie eine Lücke von tausend Jahren in Ihrem «Westen». Zwischen Mitte 7. Jhrt als das Byzantinische Reich zusammenschrumpft und 1648 (Ende 80-jähriger Krieg Spanien-Niederlande) wären da gemessen an der Mesopotamisch-Persisch-Hellenisch-Römischen Zeit nur Zerfallsprodukte zu sehen. Eine Zivilisation mit 1000 Jahren Wachkoma? Oder wollen Sie den Westen erst mit dem Kapitalistischen Weltsystem beginnen lassen, das die HolländerInnen nach 1648 übernehmen?

Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 11. Januar 2015 um 01:41 Uhr
Herr Meyer, Unfug beiseite: Ich habe mich selber darüber gewundert, dass das Theologische Lexikon als Gegenbegriff zum Abendland nur Byzanz nennt. Daran schliesse ich mit dem Halbsatz an: »...aber noch bevor die Muslime 1453 Byzanz eroberten, waren sie der neue orientalische Gegner.» Ich nehme an, dass sich die Kreuzfahrer durchaus als «Okzidentalen» verstanden; als deutscher Begriff kam das «Abendland» vermutlich damals noch nicht vor. Weitere Belege zur Begriffsgeschichte wären mit willkommen.
Daniel Goldstein, am 11. Januar 2015 um 10:43 Uhr
Lieber Herr Goldstein,

Was halten Sie von Europa als Land der Finsternis (daher auch ABENDLAND) aus Akkadischer Sicht?
"
Another theory suggests that it is based on a Semitic word such as the Akkadian erebu meaning «to go down, set"[30] (in reference to the sun), cognate to Phoenician 'ereb «evening; west» and Arabic Maghreb, Hebrew ma'arav (see also Erebus, PIE *h1regʷos, «darkness"). However, Martin Litchfield West states that «phonologically, the match between Europa's name and any form of the Semitic word is very poor».[31]
"
[WIKIPEDIA E]
Diese Herleitung ist jedenfalls auch Johan Galtung geläufig.

mfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 12. Januar 2015 um 15:54 Uhr
Zur Etymologie kann ich nichts sagen, aber die Gleichung Abendland=Finsternis leuchtet (!) mir nicht ein: Die Finsternis kriecht ja nicht von dort herauf, wo die Sonne untergeht, sondern von gegenüber, also aus dem Morgenland, während es auf den Morgen wartet.
Daniel Goldstein, am 13. Januar 2015 um 20:36 Uhr
PS. Zu dieser Debatte: eur bzw. euros/europa hat etymologisch mit «dunkel» zu tun. Heute gilt der östliche Teil Deutschlands als «Dunkeldeutschland».
Pirmin Meier, am 12. November 2016 um 23:21 Uhr

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