Bericht von zehn Tagen Zusammenleben mit IS-Kämpfern © Bertelsmann
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«Völlig verfehlte Politik gegen den IS-Terror»

Red. / 22. Mai 2015 - Der Journalist Jürgen Todenhöfer lebte zehn Tage mit der IS in Mossul. Der einzige Augenzeugenbericht weit und breit.

Jürgen Todenhöfer schlief mit IS-Kämpfern auf dem gleichen Boden und fuhr mit ihnen im gleichen Auto an die Front. Der Kalife Abu Bakr al-Baghdadi hatte ihm zuvor in einem «Schreiben» seine Sicherheit garantiert. Trotzdem stand er Ängste aus. Seinen Bericht über die zehn Tage in der IS-Hochburg Mossul im November 2014 hat er soeben im Buch «Inside IS – 10 Tage im 'Islamischen Staat' veröffentlicht.

Bombardierungen sind kontraproduktiv

Die intensiven Bombardierungen der irakischen Regierung und der USA hält Todenhöfer für falsch. In einer Stadt wie Mossul mit heute noch etwa zwei Millionen Einwohnern könne man unmöglich 5000 bis 10'000 IS-Kämpfer vernichten, die dezentral unter der Bevölkerung lebten. Umso grösser sei der Schaden: «Jeder zivile Einwohner und jede zivile Einwohnerin, die durch die Bomben getötet wird, macht hundert Bewohner zu Anhängern der IS», sagte Todenhöfer in einem Interview.

Zehn Tage lang reiste Jürgen Todenhöfer als erster westlicher Publizist in Begleitung schwer bewaffneter Jihadisten durch den «Islamischen Staat». Ein gefährliches Unternehmen mit ungewissem Ausgang. Doch nur so sei es möglich, das Leben der gefährlichsten Terroristen der Welt hautnah nachzuvollziehen, ihren Alltag, ihre Motive.

Bislang ist es niemandem gelungen, den IS so genau zu recherchieren. Todenhöfer: «Man muss dort gewesen sein, um das IS-Phänomen zu verstehen. Man muss seine Feinde kennen, wenn man sie besiegen will.» Im Internet nahm er Kontakt zu deutschen Jihadisten auf. Einer von ihnen war der deutsche Christian E., der sich jetzt Abu Quathàda nennt. Mit ihm, einem Presseoffizier des IS, handelte Todenhöfer eine zehntägige Reise durch das IS-Gebiet aus. Sein Sohn Frederic begleitete ihn als Filmer.

Sie reden über den grössten Völkermord

Die Ziele der IS seien radikal, unmenschlich und mit nichts zu rechtfertigen – vor allem nicht mit dem Islam. «Ich habe nicht nur Abu Quathàda gefragt, sondern auch andere: Ihr wollt alle Schiiten töten, weil sie keine richtigen Muslime seien. Aber es gibt allein 150 Millionen auf dieser Welt. Da hat er gesagt: Es ist mir egal, ob 300 Millionen oder 500 Millionen. Das heisst, die sprechen über den grössten Völkermord, den die Menschheit je gesehen hat.»

Die Terroristen würden nicht wahllos morden und schänden, sondern nach ihrer eigenen kruden Ideologie. Christen und Juden dürften ihre Religion ausüben, sofern sie die sogenannte Jizha, eine Schutzgeld-Steuer, zahlten. Dagegen würden alle Muslime, die nicht streng die Scharia befolgen, als Todfeinde behandelt. Das Gleiche gelte für alle Ungläubigen.

«Ohne den Krieg gegen den Irak keine IS»

Todenhöfer hält dem Westen aber vor Augen, dass es ohne den völkerrechtswidrigen Krieg der USA gegen das Regime von Saddam Hussein die IS höchstwahrscheinlich nicht gäbe: «Ohne den Krieg mit Bomben von George W. Bush gegen den Irak gäbe es den IS gar nicht. Der IS ist ein Baby von George W. Bush.»

Etliche US-Politiker geben Todenhöfer recht: Gegenüber mehreren Medien bezeichnete der demokratische Kongressabgeordnete von Connecticut, Jim Himes, den US-Krieg gegen Irak als «grössten strategischen Fehler des Jahrhunderts». Die IS habe sich nur wegen dieses Kriegs ausbreiten können.

Jürgen Todenhöfer empfiehlt dem Westen, alle Truppen und Militärbasen aus dem Irak und andern Ländern des Nahen und Mittleren Ostens komplett abzuziehen. Namentlich die Regierungen der USA hätten keine grossen Kenntnisse über die dortigen Verhältnisse. Länder wie der Irak oder Syrien müssten ihre internen Probleme selber lösen. Ein militärisches Eingreifen sei nur nötig, wenn Verbündete angegriffen würden.

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Siehe

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Jürgen Todenhöfer, 75, war Abrüstungsexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, berichtete als Journalist aus dem Chile Pinochets, aus Pakistan und dem von den Sowjets besetzten Afghanistan. Erst nach den Terroranschlägen vom 11.9.2001 in den USA ging er wieder in die Öffentlichkeit. Zum Afghanistankrieg und zu den amerikanischen Plänen einer Irak-Offensive meldete er sich kritisch zu Wort und sprach sich für diplomatische Lösungen aus. Buch hier für 26.90 CHF bestellen – Mit den Honoraren seiner Bücher finanziert Todenhöfer ein Heim für kriegsversehrte Kinder in Kabul sowie ein Ausbildungszentrum für Strassenkinder in Bagdad.

Weiterführende Informationen

Todenhöfer; EUR 1.99 gegen den Hass (auf Infosperber)
Freiheitskämpfer. Soldaten. Mörder. Unmenschen. (auf Infosperber)

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3 Meinungen

Todenhöfer empfiehlt dem Westen, sich militärisch aus dem Irak und aus Syrien komplett zurückzuziehen – und damit endlich die dummdreisten Fehler von Bush & Co mit den katastrophalen Folgen endlich zu korrigieren, ohne die der angeblich «islamische Staat» gar nicht entstanden wäre, und damit auch nicht der von ihm geplante Massenmord an Hunderten von Millionen Menschen, ein Vorhaben, das selbst das «Dritte Reich» in den Schatten stellt.
Aber Todenhöfer, der einzige westliche Journalist, der diesen Horrorstaat von innen gesehen hat, soll mundtot gemacht werden von einer wild gewordenen social-media-Herde, die nicht merkt, von wem sie dazu angestiftet wurde: Von Kreisen, die gar kein Interesse daran haben, mit dem militärischen Eingreifen im Nahen Osten aufzuhören. Verwirrte Menschen aus dem grün-link-friedlichen Lager vor dem Karren der übelsten Kriegstreiber…
Billo Heinzpeter Studer, am 23. Mai 2015 um 12:47 Uhr
was Todenhöfer leistet, indem er sich gefährlich nahe an die «Front» gegeben hat, ist zu bewundern. Er klärt auf, er war dort, er sprach mit den Terroristen. Und, was er in einer Talk-Sendung auch sagte war, dass er Gift in seiner Tasche hat, weil er sich nicht den Kopf abschlagen liesse. Wer mutig ist, wird oft kritisiert, wer wissen will, auch.
marianne erni-stiner, am 23. Mai 2015 um 15:40 Uhr
Neben regionalen Machtinteressen spielen bekanntlich die geostrategischen Interessen des Westens, vor allem der USA, und die Verfügungsgewacht des Westens über Erdöl und Erdgas die zentrale Rolle im Nahen und Mittleren Osten. Die Mittel derer man sich bedient um diese durchzusetzen sind heute bis zum Überdruss bekannt: Destabilisierungen, Regimechanges, ……….. . Dazu gründet und bedient man sich auch bewaffneter Organisationen/Banden wie es uns Hillary Clinton erklärt. Je nach Bedarf nennen unsere Medien diese dann „Freiheitskämpfer“, „Befreier“, „Terrororganisationen“ und anderes mehr.

Clinton: „al-Qaida von USA erfunden, ausgebildet und finanziert!“
https://www.youtube.com/watch?v=SDrD7AodTZw
Beat Wick, am 23. Mai 2015 um 20:23 Uhr

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