Präsident Erdoğan liess hervorragend ausgebildete Diplomaten verhaften © cc

Präsident Erdoğan liess hervorragend ausgebildete Diplomaten verhaften

Ex-Diplomaten in der Türkei verhaftet und gefoltert

Red. / 05. Jun 2019 - Exil-Diplomat erhebt schwere Vorwürfe. Die Polizei hat Ende Mai 249 entlassene Diplomaten verhaftet. Rache an Ahmet Davutoğlu?

Red. Dieser Brief des türkischen Ex-Diplomaten Bahadir Gülle vom 3. Juni 2016 ist im «Washington Examiner» veröffentlicht worden.

Erdoğan hat Drittel aller Diplomaten entlassen

Ich arbeitete im türkischen Aussenministerium. Dieses war bekannt für seine strikte Hierarchie, stolz auf seine 200jährige Tradition und auf seinen makellosen Ruf.

Aber die massiven Säuberungen nach dem Putschversuch von 2016 haben in praktisch allen staatlichen Institutionen ein Vakuum hinterlassen, auch im Aussenministerium. Mehr als ein Drittel der Diplomaten wurden als Terroristen gebrandmarkt und entlassen.

Wie Hannah Arendt vor sieben Jahrzehnten sagte: Der schlimmste Ein-Parteien-Staat ersetzt ausnahmslos alle erstklassigen Talente – ungeachtet ihrer Sympathien – mit jenen Spinnern und Dummköpfen, deren Mangel an Intelligenz und Kreativität nach wie vor die beste Garantie ihrer Loyalität ist.

In der Türkei wurden die fähigsten und vielversprechendsten türkischen Diplomaten von Internet-Trollen ersetzt und anderen, die bereit sind, sich in Szene zu setzen und die Gesetze ihrer Gastländer zu verletzen. Es ist völlig normal geworden, dass Menschen in türkischen Konsulaten geschlagen werden. Die respektable diplomatische Tradition ist zusammengebrochen.

Die entlassenen Diplomaten waren im Ausland in Einsatz, als die Säuberungen begannen. Mit ihren Diplomatenpässen konnten sie sich frei bewegen. Nach dem Putschversuch wurden sie zurückgerufen. Sie wurden entlassen, ihre Pässe und die ihrer Ehepartner eingezogen, damit sie sich kein Leben im Ausland aufbauen konnten.

Verhaftungen nach drei Jahren

Selbst heute, nach drei Jahren, haben die Behörden keine Beweise für die Beteiligung dieser Diplomaten am Putsch vorgelegt. Und niemand hat sie über die Gründe für ihre Entlassung informiert.

Trotzdem wurden am 27. Mai 249 entlassene Diplomaten verhaftet. Über 100 wurden im Polizeipräsidium der Provinz Ankara festgehalten. Analysten behaupten, die Verhaftungswelle sei eine warnende Botschaft an den früheren Premierminister Ahmet Davutoğlu, der von 2009 bis 2014 das Amt des Aussenministers innehatte. Die Mehrzahl der entlassenen Diplomaten war während seiner Amtsperiode dem Dienst beigetreten.

Retourkutsche für Kritik Davutoğlu an Wahlwiederholung in Istanbul?

Warum gerade jetzt? Nach den kürzlichen Wahlen in Istanbul kritisierte Davutoğlu Recep Tayyip Erdoğan öffentlich. Er deutete an, eine neue Gegenpartei zu Erdoğan gründen zu wollen. Als Reaktion darauf bezeichnete Erdoğan die Diplomaten, die unter Davutoğlu in den Dienst getreten waren, als Gülenisten. Im aktuellen Kontext bedeutet das: Sie sind Verräter.

Die zuständigen Staatsanwälte verhalten sich selbst nach türkischen Massstäben surreal. Ihr Vorwurf: Die Diplomaten hätten bei ihren Examen betrogen, ihr Englisch sei nicht gut genug. Diese Vorwürfe gegen Davutoğlu sind aus der Luft gegriffen. Der Examens-Marathon war so aufgebaut, dass es praktisch unmöglich war, durch Betrug zu bestehen. Die Staatsanwälte werden grosse Kreativität an den Tag legen müssen, um die Plausibilität eines derart grossflächigen Betrugs zu belegen. Zumal er offenbar niemandem aufgefallen war.

Alle Kandidaten werden im letzten Schritt während einer Stunde von einem Dutzend Botschafter auf Englisch interviewt. Wären die Vorwürfe glaubhaft, hätten die Botschafter als erste befragt werden müssen, denn sie müssten ja am Betrug beteiligt gewesen sein. Aber die Botschafter haben ihre wichtigen Ämter behalten – ihre Rolle in diesem Fall bleibt unerwähnt.

Überdies lobte Erdoğans stellvertretender Minister damals auf seinem Blog den akademischen Hintergrund und die Qualitäten der Diplomaten, denen jetzt Betrug vorgeworfen wird. Viele haben Abschlüsse der besten türkischen Universitäten und wurden meist in Englisch unterrichtet. Andere studierten an bekannten Universitäten der USA. Der Blog, der diese Diplomaten lobt, ist immer noch online.

Vorwürfe von Folterungen

Die Dinge kippten vom Lächerlichen ins Bösartige, als ein Mitglied der Opposition, Ömer Faruk Gergerlioglu, am 26. Mai via Twitter bekanntgab, mehr als 100 Diplomaten seien in Polizeigewahrsam systematisch gefoltert worden und sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen. Nach Gergerlioglus Tweet setzte die Anwaltskammer in Ankara ein Team von Juristen ein, um die Vorwürfe zu prüfen. Sie deckten schlimme Folter in Polizeigewahrsam auf. Diplomaten wurden nackt verhört, geschlagen, mussten in Stresspositionen kriechen, wurden vergewaltigt. Ihre Rechtsvertreter dürfen sie nicht sehen. Als ein Diplomat das Bewusstsein verlor, wurde er ins Spital gebracht. Die Ärzte weigerten sich, einen Bericht über die Folter herauszugeben. Als die Diplomaten vor Gericht aussagten, sie seien gefoltert worden, weigerte sich der Richter, ihre Aussagen zu Protokoll zu nehmen.

Im Aussenministerium gab es fünf Diplomaten mit einem Abschluss von Harvard – mich eingeschlossen. Alle fünf landeten im Gefängnis oder flohen aus dem Land.

Am 27. Mai durchsuchte die Polizei das Haus meiner Familie. Wäre ich in der Türkei geblieben, würde ich ebenfalls gefoltert und gezwungen zuzugeben, dass ich kaum Englisch spreche – so wie meine Freunde, die Abschlüsse machten an der Columbia, Johns Hopkins, Georgetown, Tufts und anderen renommierten Universitäten der USA.

Beim Überfall auf das türkische Konsulat in Mosul im Jahr 2014 waren türkische Diplomaten vom IS als Geiseln genommen worden. Sie wurden nach drei Monaten Gefangenschaft freigelassen. Sie waren nicht gefoltert worden. Die türkischen Machthaber zögern jedoch nicht, für einen minimalen politischen Gewinn ihren vielversprechendsten Diplomaten das anzutun, was der IS nicht wagte.

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Übersetzung aus dem Englischen von Christa Dettwiler

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Infosperber-DOSSIER:
Türkei: Innen- und Aussenpolitik

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Autor Bahadir Gülle ist ein türkischer Ex-Diplomat und Gastdozent an der Universität Köln.

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