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Kein Konjunktiv, keine Fragezeichen: So verkaufte der «Spiegel» eine Geschichte, die es wohl nie gab: Bewaffnete Millionäre, wehrlose Kinder, Scharfschützen-Touristen. © Screenshot

Die Menschensafari, die es vermutlich nicht gegeben hat

Daniel Ryser /  Reiche sollen im belagerten Sarajevo Menschen erschossen haben: Die grosse Balkan-Story der letzten Jahre ist wohl eine Erfindung.

Seit einem Jahr diskutiere ich immer wieder mit einer Zürcher Anwältin mit italienischen Wurzeln, die diese Geschichte – sie hatte in Italien ihren Anfang genommen – minutiös verfolgte. Ihr Fazit blieb immer dasselbe: Die Quellenlage erschliesse sich ihr nicht. Die Schlagzeilen aber, sie waren eindeutig: RTL titelte «Menschen-Safari in Europa – Touristen haben Schwangere und Kinder gegen Bezahlung erschossen». Der «Spiegel» schrieb im März 2026 von «reichen Europäern, die zur Menschenjagd nach Sarajevo reisten»: «Sie kamen übers Wochenende, schossen bevorzugt auf Frauen und Kinder, dann kehrten sie in ihr bürgerliches Leben zurück». Kurz darauf meldete das Blatt «immer mehr Verdächtige». Die «Zeit» schickte eine Reporterin nach Sarajevo, und obwohl die Journalistin keinen Beleg für die These findet, lautete der Titel: «50’000 Euro, um ein Kind zu erschiessen». Keine Fragezeichen, nirgendwo. «SRF» nannte die Vorwürfe zum «Sniper-Tourismus» «plausibel». Der «Tages-Anzeiger» titelte im März 2026: «Ja, bei der Menschen­jagd waren auch Schweizer dabei».

Währen die Serben zwischen 1992 und 1995 Sarajevo belagerten, sollen Hunderte reiche Westeuropäer, organisiert von einer Art Reisebüro, viel Geld dafür bezahlt haben, um von serbischen Stellungen aus zum Vergnügen Zivilisten in der Stadt zu erschiessen. Frauen und Kinder zuerst. Die waren am teuersten. Eine Geschichte, die den Redaktionen einfach zu gut erschien, um nicht wahr zu sein. Sie musste einfach stimmen, egal, wie nebulös, wie unverschämt dünn die Quellenlage von Anfang an war.

Jetzt, ein paar Monate später, scheint es, dass sich diese Horrorstory als Ente entpuppt (und die lauten Medien sind leise geworden).

Anonyme Schattenrisse als Kronzeugen

Wie diese Geschichte entstand, wie gross sie werden konnte und dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach ein dunkles Märchen ist, haben zwei Journalisten im Juli, in den Wochen des Sommerlochs, aufgedröselt: Krsto Lazarević, der mit Danijel Majić den Podcast «Ballaballa-Balkan» betreibt und für Übermedien schreibt, und dessen Text zur Angelegenheit man hier nachlesen kann, sowie Michael Martens, «FAZ»-Korrespondent für Südosteuropa, dessen Recherchen vor Ort entscheidend dafür waren, die Widersprüche der Geschichte offenzulegen.

Der «Ballaballa-Balkan» Podcast vom 24. Juli, wo Lazarević, Majić und Martens die «Sarajevo-Safari» auseinandernehmen, ist ein Lehrstück darüber, wie sich Geschichten verselbstständigen können.

Ihren Ursprung hat die Story 1995. Damals tauchte sie erstmals in italienischen Zeitungen auf. Es gab keine Belege für all das, es war alles Hörensagen. 2022 erschien dann der slowenische Film «Sarajevo Safari» von Miran Zupanič, der sich weitgehend auf einen einzigen anonymen Zeugen stützt. Es ist ein Mann, der von hinten gefilmt wird. Mit verfremdeter Stimme. Und der behauptet, für einen ausländischen Geheimdienst gearbeitet zu haben und deshalb von serbischen Einheiten zu den reichen Schützen geführt worden zu sein.

Eine anonyme Quelle – und daraus wurden dann Schlagzeilen, die um die Welt gingen. Aus dem Film wurde ein Buch, das im März 2026 erschienen ist: «I cecchini del weekend» («Die Wochenendschützen») des Mailänder Krimiautors Ezio Gavazzeni, der nie in Bosnien war und sein Büro laut «Ballaballa-Balkan» in einem Einkaufszentrum hat.

Seine Beweisführung besteht aus Gesprächen mit durchweg anonymen Quellen, Leute mit Namen, die aus einem Kriminalroman stammen könnten: «Der Franzose». «Der Legionär». Herr X und Herr Y, und so weiter. «Der Franzose» behauptet, 230 Italiener hätten an den mörderischen Safaris teilgenommen, dazu ähnlich viele Franzosen und Belgier sowie «einige Schweizer und Österreicher», also insgesamt rund 500 Menschen, und auf dieses Buch stützen sich die Medien in ihrer Quellenarbeit. Wie die Journalisten Martens, Lazarević und Majić in Artikeln und ihrem Podcast darlegen, entpuppen sich praktisch alle überprüfbaren Details als falsch.

Ein Flughafen, der gar nicht offen war

Lazarević sagt im Podcast: «Wollen wir uns mal die Quellenlage anschauen? Das sollten wir tun, denn die ist ziemlich niederschmetternd.» Und dann zerfällt die grosse Balkan-Story der letzten Jahre vor unseren Augen.

Zum Beispiel: Die reichen Mörder sollen freitags von Triest nach Belgrad geflogen sein. Michael Martens: «Da konnte man nicht hinfliegen, der Flughafen war von 1992 bis Oktober 1994 gesperrt. Das heisst, dieser Gedanke, du setzt dich am Freitagnachmittag in Triest in den Flieger und fliegst nach Belgrad, der stimmt schon mal nicht.» Die sibirische Stadt Norilsk wird in «Die Wochenendschützen» kurzerhand auf den Balkan verlegt. Und der «Legionär» erzählt beiläufig, der serbische Kriegsverbrecher Arkan lebe heute auf Zypern – dabei war Arkan im Jahr 2000 in einer Belgrader Hotellobby erschossen worden. Safarimässig geschossen worden sein soll laut Krimiautor Gavazzeni zudem auch in Tuzla, wo die Frontlinie aber 16 Kilometer von der Stadt entfernt verlief, also ziemlich weit für jedes Scharfschützengewehr. Von den wenigen namentlich genannten Zeugen im Buch haben sich zwei distanziert: Ex-Geheimdienstler Edin Subašić bezweifelt die genannten Zahlen, der italienische Ex-Diplomat Michael Giffoni sagt, er sei zwar zitiert worden, aber erstens falsch und zudem sei er vom Autor gar nie kontaktiert worden.

Der König ohne Namen

Buchautor Gavazzeni ist nicht der Einzige, der die Legende der Mörder-Safaris verbreitet hat. Einen Monat nach der Veröffentlichung von «Die Wochenendschützen», stellte der Kroate Domagoj Margetić im April 2026 sein eigenes Buch vor mit dem Titel «Plati i pucaj – Tajne sarajevskih ljudskih safarija» («Zahl und schiess – die Geheimnisse der Sarajevoer Menschensafaris»). Margetić bezeichnet sich selbst als «Investigativjournalist», arbeitet aber laut «Ballaballa-Balkan» seit Jahren für keine seriöse kroatische Redaktion mehr. Der Kroate behauptet, der heutige serbische Präsident Aleksandar Vučić habe als junger Mann Schützen betreut und deren Taten auf VHS gefilmt, um sie später zu erpressen.

Spendenbalken rot

Unter den Schützen, so Margetić, sei sogar ein europäischer König gewesen, der dann zwischen den Einsätzen Frauen vergewaltigte. Nach dem Ausschlussprinzip – Belgien, Schweden oder Spanien – bliebe nur Juan Carlos übrig. Seine Hauptquellen wiederum sind tot und können nicht widersprechen, und konkrete Hinweise für seine Behauptungen finden sich nicht.

Als Martens kritisch über Margetić berichtete, behauptete dieser in einem Video, die «FAZ» sowie die CDU und ein früherer deutscher Geheimdienstkoordinator hätten sich verschworen, um die Geschichte zu vertuschen. Diesen Wirrwarr hat Kein seriöses Medium aufgegriffen. Seine unbelegten Vučić-Vorwürfe dagegen schon. Die wurden ungeprüft durch halb Europa zitiert, von El País bis zur «Bild». Der «Spiegel» kassierte dafür im Mai 2026 eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburg wegen Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht.

«So realistisch wie King Kong»

Martens, der für ein kritisches Interview mit dem serbischen Präsidenten Vučić mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde und wie die Macher von «Ballaballa-Balkan» kein Freund des serbischen Präsidenten ist, verortet beispielsweise die Behauptung, der serbische Präsident sei als junger Mann an den Safaris beteiligt gewesen, im Bereich der Verschwörungstheorie, wie letztlich die ganze Safari-Geschichte

«Ich halte davon überhaupt nichts», sagt der «FAZ»-Korrespondent für Südeuropa im Podcast «Ballaballa-Balkan». In seinem im Juli in der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» (FAS) erschienen Text «Das Märchen von der Menschenjagd», in dem er der Geschichte vor Ort in Sarajevo nachging und sie dabei ins Reich des magischen Denkens verbannte, schrieb Martens: «Die FAS hat mit knapp einem Dutzend weiterer Personen gesprochen, die die Belagerung von Sarajevo überlebt oder sich mit dem Thema befasst haben. Das Ergebnis war immer das gleiche: Nicht nur gibt es keine Beweise für eine angebliche Menschenjagd durch reiche Ausländer in Sarajevo, es gibt nicht einmal plausible Indizien. Dafür aber viele Hinweise auf Widersprüche, Irrtümer und groteske Fehlurteile in dem Film und insbesondere in den beiden Büchern, die den ganzen Hype ausgelöst haben.»

Sein Fazit: «Die Geschichte von der bosnischen Menschenjagd durch Hunderte reicher Ausländer ist ungefähr so realistisch wie die Behauptung, King Kong sei während des Krieges aufgetaucht, um Sarajevo zu verteidigen. Mit einem Unterschied: Die Geschichte von King Kong als Retter Sarajevos ist so offenkundig erfunden, dass ausländische Medien sie nicht einfach nacherzählt hätten, als handele es sich dabei um eine Tatsache.»

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Verdachtsberichterstattung ohne Verdachtsmomente, dafür mit Dementi: Die «Bild» lässt Vučić bestreiten, was sie selbst nie belegen konnte.

«Wir wissen doch, was wir erlebt haben»

Vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sagten in 24 Jahren 4650 Zeugen aus. Ein amerikanischer Feuerwehrmann namens John Jordan erwähnte 2007 vage «Touristenschützen». Aber eine konkrete Aussage dazu gab es von keinem einzigen Zeugen, keiner einzigen Zeugin. Carla Del Ponte, von 1999 bis 2007 Chefanklägerin des Tribunals und notorisch furchtlos gegenüber Mafia und Oligarchen und vor allem auch gegenüber den serbischen Kriegsverbrechern, erwähne in ihren Memoiren «Im Namen der Anklage» die «Sarajevo Safari» mit keinem Wort, heisst es bei «Ballaballa-Balkan». Für eine Stellungnahme sei sie nicht zu erreichen gewesen.

Krimiautor Gavazzeni behauptet in seinem Buch, die Franziskanermönche von Sarajevo hätten von der ganzen Sache gewusst: Ein anonymer Zeuge namens «AC» will während des Kriegs einen namenlosen Mönch kennengelernt haben, der ihm mehrfach gesagt habe, er habe Italiener gesehen, «die die Arbeit von Scharfschützen machten». Fra Mirko Majdandžić, einer jener 28 Franziskaner, die die Belagerung tatsächlich in Sarajevo verbrachten, wies diese Behauptung gegenüber Michael Martens in der «FAS» zurück: Kein Mitbruder habe je von italienischen Menschenjägern gehört: «Wir wissen doch, was wir erlebt haben», sagte Majdandžić.

Rund 350 Zivilistinnen und Zivilisten wurden in Sarajevo nachweislich von Scharfschützen getötet. Bis heute wurde niemand dafür verurteilt. Die Täter, mehrheitlich serbische Freiwillige, erfährt man bei «Ballaballa-Balkan», laufen nach wie vor unbehelligt herum, in Bosnien, in Serbien, in der Diaspora. Der kroatische Schriftsteller Milenko Jergović, der die Belagerung selbst überlebte, wird bei «Ballaballa-Balkan» zitiert: Die Legende von Touristen-Scharfschützen sei «eine Missachtung der echten Opfer». Vučić, gegen den die unbelegten Vorwürfe besonders wild wucherten, könne das Ganze am Ende nützen: Würden die Ermittlungen in Italien, Belgien und Österreich, die inzwischen wegen der Medienberichte aufgenommen wurden, im Sand verlaufen – was zu erwarten sei –, könne er sich als Opfer einer feindseligen Weltpresse inszenieren und echte Vorwürfe als «nur eine weitere Sarajevo-Safari-Geschichte» abtun.


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