Marine-Soldat während der Schlacht um Marjah

Ein US-Marinesoldat während der Schlacht um Marjah 2012 in Afghanistan © BI

«Ich habe sechs Menschen getötet» – für nichts

upg. /  Ein ehemaliger US-Soldat besuchte in Kabul einen Taliban-Kommandanten, gegen den er im Jahr 2010 gekämpft hatte.

In der afghanischen Provinz Helmand eroberte das US-Militär erfolgreich den Ort Marjah mit fast 80’000 Einwohnern. Die Stadt lag an einer Nachschub-Route und war damals einer der grössten Taliban-Stützpunkte. In einem wochenlangen Einsatz kämpften etwa 15’000 verbündete Soldaten und Sicherheitskräfte.

Als 22-jähriger war Thomas Gibbons-Neff Anführer eines siebenköpfigen Scharfschützenteams. «Es ist ein komisches Gefühl, mindestens sechs Menschen getötet zu haben in einem Konflikt, der zwanzig Jahre lang dauern sollte und verloren ging.»

Der Krieg kostete etwa 200’000 Menschen das Leben, darunter rund 70’000 Zivilisten. 

Im Krieg heisse es häufig, entweder sterben wir oder die anderen. «Wir starrten durch leistungsstarke Zielfernrohre, um Absichten und Verhaltensweisen unserer Feinde zu entschlüsseln. Das Töten hing von unseren Instinkten und Ängsten ab: Wenn wir zögerten, wären unsere Kameraden wegen unseres Zögerns gestorben?» Es sei zudem so gewesen, dass man sich mit dem Töten in der Truppe Respekt verschaffte: «Also töteten wir Menschen. Ich tötete Menschen. Das Betätigen des Abzugs war unser Beitrag an eine Strategie, die schon vor unserem Einsatz zum Scheitern verurteilt war.»

Nach seiner Rückkehr arbeitete Gibbons-Neff für die «New York Times» und berichtete viele Jahre lang unter anderem über Afghanistan. Heute bilanziert er ernüchtert: «Die vielen Verluste an Menschenleben und alle diese Traumata haben Afghanistan im Zustand hinterlassen, wie er im Jahr 2001 bestand, bevor die US-Truppen dort Fuss fassten.» 

Thomas Gibbons-Neff wollte als 22-Jähriger die Freiheit der USA verteidigen.
Thomas Gibbons-Neff wollte als damals 22-Jähriger die Freiheit der USA verteidigen.

In diesem Frühjahr gab Gibbons-Neff seinen Beruf als Journalist auf, um als Lehrer zu arbeiten. Ein letztes Mal reiste er für die «New York Times» nach Afghanistan, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Unter dem Titel «Warum ich einen Taliban-Kommandanten aufsuchte, gegen den ich gekämpft hatte» berichtete er Ende Juli ausführlich darüber.

Gibbons-Neff sprach in Kabul mit Mullah Rahim Gulab, gegen den er vor sechszehn Jahren im Februar 2010 in Marjah gekämpft hatte. Bereits im Jahr 2021, nur wenige Monate nach dem Sieg der Taliban, hatte er ihn zufällig in Kabul getroffen und darüber berichtet: «Als wir uns zum ersten Mal in Marjah begegneten, waren wir beide etwa 22 Jahren alt. Er versuchte, mich zu töten und ich versuchte, ihn zu töten. Wir überlebten. Unterdessen ist Gulab ein hochrangiger Kommandant. Gibbons-Neff erinnerte sich: ‹Der Himmel über Marjah war voll von Helikoptern, die amerikanische Soldaten an verstreuten Orten absetzten. Dann wurde heftig geschossen.› Das zweistöckige Gebäude, in dem unsere Befehlszentrale untergebracht war, und in dem meine beiden Freunde Matt Tooker und Matt Bostrom getötet wurden, ist heute ein Zentrum für Schwangere.» 

Gulab hatte sich den Taliban angeschlossen, weil seine zwei Brüder im Kampf umgekommen waren. Gibbons-Neff war den US-Marines beigetreten, weil er sich gegenüber seinem Vater beweisen wollte, der ein Vietnam-Veteran war. In Afghanistan sollte er für die Freiheit der USA kämpfen, während Gulab seinen Glauben und die Unabhängigkeit seines Landes verteidigen wollte.

«Warum begehen so viele amerikanische Soldaten Suizid?»

Bei der jetzigen Begegnung in Kabul habe Gulab gefragt: «Warum begehen so viele amerikanische Soldaten, die in Afghanistan gekämpft haben und zurückgekehrt sind, Suizid?» Gibbons-Neff versuchte, es zu erklären: «Wir dachten, etwas zu tun, auf das wir stolz sein konnten. Aber unsere Vorgesetzten konnten nie klar darlegen, wie unsere Einsätze, unsere ausgeübte Gewalt und unsere erlittenen Verluste irgendjemanden in den Vereinigten Staaten sicherer machten.»

Die Vorgesetzten hätten nach ihrer Rückkehr lukrative Posten bei Rüstungsunternehmen erhalten oder mit Vorträgen hohe Honorare kassiert. Manche zurückgekehrte Soldaten seien damit nicht fertig geworden.

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Bei den kämpfenden Taliban sei dies anders gewesen, meinte Gulab. «Wir führten den Dschihad im Namen Allahs und hatten keine Angst, getötet oder verwundet zu werden. Wir sind auch nicht traurig über unsere Freunde, die getötet oder verwundet wurden, denn wir alle wünschten uns, auf dem Weg des Dschihad den Märtyrertod zu sterben oder verwundet zu werden.» 

Unter den Kriegsbedingungen seien oft Zivilisten getötet oder verwundet worden. Diese würden den ausländischen Streitkräften wahrscheinlich nicht vergeben. «Aber», fügte Gulab hinzu, «ich habe euch vergeben.»

Gibbons-Neff schloss seinen letzten Bericht für die «New York Times»: «Herr Gulab und ich waren zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben zwei Menschen – damals kaum schon Männer –, die aus völlig unterschiedlichen Gründen kämpften. Vielleicht reicht es für die Aufarbeitung der Vergangenheit schon aus, dass ich ihn nun auf eine etwas seltsame Art eher als Freund denn als meinen Feind sah.»

Kurz nach seiner Rückkehr in die USA, als er in einer schwülen Nacht in New England mit seinem Hund spazieren ging, habe sein Handy vibriert. Herr Gulab schickte ihm eine SMS auf Paschtu: «Bist du zu Hause angekommen?», fragte er.

Gibbons-Neff antwortete, dass er gut angekommen sei.

«Es ist gut zu hören, dass du sicher angekommen bist», simste Gulab zurück.


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Von 2001 bis 2021 führte die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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