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Anstatt den Iran zu brechen, verändert der Krieg das Land. © Depositphotos

«Der Krieg hat einen neuen Iran hervorgebracht»

/  Wie die neu gestaltete Islamische Republik Iran den Nahen Osten umgestaltet.

(Red.) Der Krieg gegen den Iran hat keinen «Regime change» hervorgebracht, wie es sich die USA und Israel gewünscht hatten. Doch er hat im Iran einen bislang wenig beachteten Wandel ausgelöst, den die Nahost-Expertin Narges Bajoghli und der Nahost-Experte Vali Nasr von der John Hopkins University in der neusten Ausgabe der US-amerikanischen Strategie-Publikation «Foreign Affairs» unter dem Titel «Iran’s New Grand Strategy» beschreiben und analysieren. Der neue Iran werde auch den Mittleren Osten umgestalten, sind Bajoghli und Nasr überzeugt. Infosperber publiziert zentrale Aussagen des Artikels. 

Wie bluffte doch US-Präsident Donald Trump. Zum Beispiel in den ersten Tagen des Krieges: «Wir haben ihr gesamtes böses Imperium zerschlagen.» Und ein paar Wochen später: «Wir haben den totalen und vollständigen Sieg verkündet.»

Inzwischen ist es offensichtlich: Donald Trump hat sich verrechnet. Narges Bajoghli und Vali Nasr stellen fest:  

«Anstatt den Iran zu brechen, hat die Feuerprobe des Krieges ihn auf unerwartete Weise verändert. Um zu überleben und neue strategische Vorteile zu erlangen, musste sich die Islamische Republik anpassen und innovativ sein und dabei ihre Art der Kriegsführung, der Staatsführung und der Gesellschaftssteuerung neu gestalten. Und dies musste sie mit beispielloser Geschwindigkeit tun. Teheran ist nun zuversichtlich hinsichtlich dessen, was es erreicht hat, und entschlossen, diese Errungenschaften im In- und Ausland zu festigen. Der Krieg hat einen neuen Iran hervorgebracht, der den Nahen Osten umgestalten und den Verlauf der Geopolitik auf Jahre hinaus beeinflussen wird.»

Eine neue Generation an der Macht

«Eine ruhige Machtübernahme» durch eine neue Generation hat laut der Expertin und des Experten der John Hopkins University stattgefunden:  

«Die neue Generation hat die Revolution von der Staatskunst getrennt. Im In- und Ausland vertritt diese weder revolutionäre Grossspurigkeit noch revolutionären Aktivismus. Die neuen Führer sind Akteure des Establishments: pragmatische, abgebrühte Nationalisten, die mit einer nüchternen Einschätzung der Fähigkeiten und Schwachstellen des Iran agieren. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern sind sie in der Lage, strategische Geduld zu üben und entschlossen zu handeln. Sie sprechen die Schwächen des Iran häufig und öffentlich an – etwas, wozu die Gründergeneration aus Unsicherheit nicht fähig war.»

Der Wandel im Iran habe nach dem 12-Tage-Krieg vom Juni 2025 eingesetzt:

«In diesen acht Monaten fanden mehr institutionelle Veränderungen statt als in den vorangegangenen zehn Jahren insgesamt. Viele Entscheidungen der Exekutive in den Bereichen Handel, Landwirtschaft sowie Verwaltung wirtschaftlicher und sozialer Dienstleistungen wurden von Teheran auf die Provinzhauptstädte dezentralisiert.»

Auch militärisch stellte sich der Iran neu auf:

«Die iranischen Streitkräfte wurden zu einem Netzwerk operativer Kommandos umstrukturiert, das eher einer Guerillatruppe als einer konventionellen Armee ähnelt.»

Neue Machtverhältnisse in der Golf-Region

Die Strategie des Iran habe Erfolg:

«Der Staat hat die Enthauptung überstanden. Er hat den vernichtenden Bombardements der USA und Israels standgehalten, die Kontrolle über die Strasse von Hormus behauptet und einer Seeblockade der USA die Stirn geboten. Dabei hat er das Schlachtfeld auf den Persischen Golf ausgeweitet, 16 US-Stützpunkte schwer beschädigt und mehrere davon ausser Gefecht gesetzt.»

Über den Iran hinaus habe sich in der Region ein neues Kräfteverhältnis herausgebildet:

«Die iranischen Angriffe lösten eine Vertrauenskrise unter den Golfstaaten aus. Die Vereinigten Staaten brachten den Krieg in ihre Städte und auf ihre lebenswichtige Infrastruktur und haben es versäumt, sie zu schützen. Ihre Volkswirtschaften erlitten Kollateralschäden. Der Vertrauensbruch zwischen den Hauptstädten der Golfstaaten und Washington wird den aktuellen Konflikt überdauern.»

Die Besetzung der Strasse von Hormus durch den Iran sehen die «Foreign Affairs»-Autorin und der -Autor als weitere bedeutende Entwicklung. In Teheran sei lange darüber diskutiert worden. Washington habe die Blockade nicht vorausgesehen, sei davon ausgegangen, dass der Iran sie nicht durchführe, weil er sich so zugleich die eigenen Exportwege verbaue. Es kam bekanntlich anders:

Die Blockade steht für «eine fundamentale Neuorientierung der iranischen Wirtschaftsstrategie», nämlich «weg vom Bestreben nach einer Wiedereingliederung in das von den westlichen Mächten dominierte Finanzsystem, das die neue Generation als unerreichbar ansieht, hin zur Nutzung der strategisch wichtigen geografischen Lage des Iran».

Auch wirtschaftlich neue Ausrichtung

Die iranische Führung ziehe Lehren aus den landesweiten Protesten von Anfang Jahr, die nicht zuletzt auch durch die wirtschaftliche Misere motiviert gewesen seien. Sie stufe sie jetzt als die grösste Bedrohung für die politische Stabilität ein:

«Kaum war im April der Waffenstillstand verkündet worden, brachte die Regierung ein Wirtschaftsreformpaket auf den Weg, mit dem eine Reihe von Subventionen und politisch geschützten Programmen abgeschafft wurden – ein Schritt, den die Führung als notwendig rechtfertigte, um die wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu bewältigen. Die Eile, mit der Infrastruktur-Wiederaufbauprojekte – Brücken, Eisenbahnen, Krankenhäuser – bekannt gemacht wurden, deutet darauf hin, dass die Regierung auf einen neuen Gesellschaftsvertrag zusteuert, der eher auf nachgewiesener Kompetenz als auf Ideologie beruhen wird.»

Die Trauer, die Frustration und der über Jahrzehnte hinweg aufgestaute Groll aufgrund von Misswirtschaft und Unterdrückung seien nach wie vor vorhanden, meinen die Iran-Expertin und der Iran-Experte. Doch geändert habe sich «das politische Umfeld, in dem diese Gefühle zum Ausdruck kommen. Der Widerstand richtet sich nun in einem nationalen Kampf gegen einen ausländischen Feind, den die Iraner mit Alexander dem Grossen vergleichen, der im vierten Jahrhundert v. Chr. das Persische Reich eroberte, mit den arabischen Armeen, die im siebten Jahrhundert nach Christus einfielen, und den Mongolen, die sechs Jahrhunderte später kamen».

Durch den Krieg entsteht eine neue Identität

«Je länger der Krieg dauert, desto weniger scheint sich das Regime durch öffentliche Aufstände bedroht zu fühlen. Die iranische Gesellschaft mobilisiere sich nicht gegen den Staat, sondern an seiner Seite: Sie veranstaltete täglich Kundgebungen im ganzen Land, bildete Menschenketten zum Schutz von Kraftwerken und versammelte sich auf den von Trump bedrohten Brücken. Die scharfe Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, die den Iran im Januar geprägt hatte, verschwamm – nicht durch Überzeugungsarbeit oder Unterdrückung, sondern durch die gemeinsame Erfahrung, die Bombardements zu durchleben und deren Zerstörung mitanzusehen.»

Bajoghli und Nasr zitieren den iranischen Philosophen und Dissidenten Mohammad Mehdi als Zeugen:

«Derzeit sind die Islamische Republik und der Iran ein und dasselbe. Wenn die Islamische Republik fällt, fällt auch der Iran.»

Und sie zitieren einen Universitätsprofessor, der meinte:

«Das Land befindet sich in einem nationalen Krieg, und eine neue Identität ist im Entstehen.»

Und sie folgern:

«Was nun angeboten wird, ist ein nationalistisch-technokratischer Kompromiss, bei dem die Legitimität des Staates auf der nachgewiesenen Fähigkeit beruht, das Land zu verteidigen und wieder aufzubauen. Die Rahmenbedingungen sind nationaler, nicht islamischer Natur. Die staatlichen Medien produzieren Inhalte, die Bilder von Frauen mit und ohne Hidschab nebeneinander als normal darstellen, die iranische Identität eher als kulturell denn als rein religiös verstehen und auf jene Teile der Gesellschaft abzielen, die die Islamische Republik am stärksten abgelehnt hatten, wie etwa die Jugend und die städtische Mittelschicht.»

Das bedeute nicht Liberalisierung des Staates, aber «der Staat erkennt mittlerweile an, dass er eine gesellschaftliche Basis benötigt, die weit über das hinausgeht, was die islamische Ideologie allein bieten kann. Die Islamische Republik gleicht zunehmend weniger einer Theokratie als vielmehr einem rechtsnationalistischen autoritären Staat. Die islamische Ideologie besteht zwar fort, ist jedoch dem Gebot des nationalen Zusammenhalts untergeordnet. Der Massstab für politische Loyalität lautet nicht mehr ‹Bist du islamisch genug?›, sondern ‹Bist du iranisch genug?›»

«Eine neue islamische Republik»

Es gehe jetzt um einen Nationalismus, in dessen Mittelpunkt die Bewahrung der iranischen Zivilisation und die Würdigung des Überlebens in Würde angesichts überwältigender Gewalt stehe. Narges Bajoghli und Vali Nasr stellen abschliessend fest:

«Die aus den Kriegen der USA und Israels hervorgegangene Republik ist weniger durch Ideologie als durch Nationalismus geprägt, weniger durch Revolution als durch Staatskunst, weniger durch das Charisma geistlicher Führer als durch das Selbstbewusstsein und das technokratische Ethos einer neuen Offiziersklasse.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Ko-Autorin Narges Bajoghli und der Ko-Autor Vali Nasr lehren an der John Hopkins University in Baltimore, Maryland, über den Nahen Osten und speziell zu den Entwicklungen im Iran.  
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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US-Politik unter Donald Trump

Weichenstellungen: An seinen Entscheiden ist Trump zu messen, nicht an seinen widersprüchlichen Aussagen.

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