Planet der Seligen
Der FC St. Gallen ist bekanntlich der einzig relevante Fussballverein auf dem europäischen Festland, und bei diesem einzig relevanten Fussballverein, dem ältesten in Europa, wenn man Brexit-England mal ausblendet, war es lange Jahre einfach beschissen, beschissen, beschissen. Nicht pittoresk-beschissen, nicht romantisch-beschissen in der Art, wie englische Zweitligaclubs manchmal beschissen sind und dafür geliebt werden, nein, sondern existenziell, hoffnungslos, klinisch beschissen. Das damalige Präsidium sprach zwischen 2002 und 2008 mit Blick auf ein neues Stadion von Übergangssaison zu Übergangssaison zu Übergangssaison, als wäre Mittelmässigkeit kein Zustand sondern ein Versprechen, mit dem letzten Spiel im ehrwürdigen Stadion Espenmoos kam der Abstieg, mit dem Abstieg der Stadionkrawall und die Internetfahndung und die Stadionverbote, und dann folgte jenes seltene, kostbare Schweigen, das entsteht, wenn eine Vereinsführung und ihre Fans sich gegenseitig so tief verachten, dass jedes Wort zu kostbar wäre.
Lustig schon, aber…
Es gibt Vereine die Titel sammeln wie andere Leute Briefmarken. Der FC St. Gallen ist kein solcher Verein. Gegründet 1879, ältester Fussballclub der Schweiz, zweimal Meister, 1904 und 2000, einmal Cupsieger, 1969, vor mehr als fünfzig Jahren. Seither viermal im Final, viermal verloren. Die Zahlen lügen nicht. Sie erklären auch nicht alles, aber sie erklären einiges.
Wir betranken uns nach Cup-Niederlagen in Küsnacht am Rigi und prügelten uns an einem Montagabend am Bahnhof in Thun oder in Aarau mit irgendwelchen Nazis, weil auf Auswärtsfahrten damals nicht Hunderte mit dabei waren, sondern ein SBB-Wagen voll, man kannte sich, man wusste voneinander, man war zusammen dort und feierte Niederlagen, weil es nichts anderes zu feiern gab. Lustig schon, aber auch wahnsinnig deprimierend.
Der FC St. Gallen stieg auf, führte 2008/09 die Tabelle an, drohte gleichzeitig in den Konkurs zu fallen und tat das alles in einem nagelneuen Stadion, dann verliessen zahlreiche Spieler den Verein, das Stadion war pleite, Stadt und Kanton sagten nein, keine weiteren Gelder, sie liessen Marc Zellweger ziehen, 14 Saisons, über 500 Spiele, Fussballgott, seine Nummer 17 wird nie mehr vergeben, und dann stiegen sie wieder ab.
Ein anständiger Mensch
Ein paar Chaosjahre später kam Matthias Hüppi. Man muss das in seiner ganzen Unwahrscheinlichkeit würdigen, ein damals 59-jähriger SRF-Sportmoderator, 38 Jahre lang das Gesicht des Sportfernsehens und 32 Jahre lang des Sportpanoramas, quasi Nationalsymbol, der Mann der durch Skirennen und Fussballspiele und Tennissensationen moderierte und kommentierte während die halbe Schweiz auf dem Sofa sass und dachte, das ist der Hüppi – dieser Mann entschied nach dem allerletzten Sportpanorama-Abend lieber einen im Fall befindlichen Ostschweizer Fussballclub zu übernehmen als irgendetwas Vernünftiges mit dem Rest seines Lebens anzufangen. Das nennt man Berufung. Oder Wahnsinn. Beim FC St. Gallen ist beides dasselbe, weil dieser Verein so identitätsstiftend ist bis zur Irrationalität, dass nur jemand mit einem Schuss Wahnsinn dort aus Berufung arbeiten kann.
Hüppi ist im Fussball eine Anomalie, ein anständiger Mensch, kein Patron, kein Selfmade-Milliardär mit Geltungsdrang und Steuerwohnsitz in Freienbach, kein windiger Typ, der Fussball kauft wie andere Leute Uhren kaufen um etwas zu besitzen das grösser ist als sie, sondern ein Mensch, der wollte, dass es läuft, und es lief, ohne den einen grossen Geldgeber, der als Gegenleistung Trainer nach Laune entlässt, Transfers diktiert, Freunde im Verwaltungsrat installiert, Stadien nach seinem Geschmack baut und sich feiern lässt als wären Trophäen Inneneinrichtung.
Stattdessen 19’000 Publikumsaktionäre, regionale Verankerung, quasi soziale Bewegung, 45 Millionen Franken Umsatz, und die ganze Fussballschweiz schaute in den vergangenen Monaten nach St. Gallen und dachte das kann doch nicht wahr sein, wie läuft es denen so gut, Vizemeisterschaft, und dann am letzten Sonntag zum ersten Mal seit 1969 wieder der Schweizer Cup, im Wankdorf, 3:0, trotz einem Goalie der noch vor der Pause Rot sah. Fussball als Märchen. St. Gallen als Hauptstadt der Freude. Kurz war alles gut. Es dauerte 48 Stunden.
«SVP-Putsch»
Noch auf dem Platz, Cupkübel in der Hand, die Stimme fast nicht mehr seine, im Hintergrund Feuerwerk und Zehntausende die singen und die Goalies mitten in den Ultras, sagt Hüppi – ja was sagt er denn da? Hüppi sagt: «Es waren ultraharte Wochen für mich. Ich hatte extrem viele Bälle in der Luft. Beim FC St. Gallen ist nicht immer alles nur Planet der Seligen. Sondern bei uns wirken auch verschiedene Kräfte. Und es ist eine meiner Aufgaben, als Präsident von diesem Club, mit allem, was ich habe, hinzustehen, Kraft zu entwickeln, um Schaden vom Club fernzuhalten. Und es gibt im Moment Tendenzen, die wir in dieser Form nicht akzeptieren werden, und es ist unvorstellbar, dass in der besten Phase der Geschichte dieses Clubs nicht alle geschlossen hinter ihm stehen.»
Was dann herauskam: Ein Teil der Aktionäre teilte den Verwaltungsräten Benedikt Würth und Patrick Gründler Mitte März mit, dass sie nicht mehr erwünscht seien, ohne Gründe, ohne Erklärung, nicht ein Wort, und daraufhin entschieden alle vier Verwaltungsräte gemeinsam, auf dem Höhepunkt des sportlichen und wirtschaftlichen Erfolgs per Ende Juni zurückzutreten, solidarisch, als Block. Würth, Mitte-Ständerat, sagte im Interview mit dem «St. Galler Tagblatt», er wisse bis heute nicht warum, niemand habe es ihnen erklärt, und der Journalist fragte: Sie wissen nicht, was man Ihnen vorwirft? «Nein.» Sie kennen die Pläne des Aktionariats nicht? «Nein.» Sind Sie enttäuscht? «Ja, brutal. Es ist total konsternierend, was jetzt passiert.»
In den Fanforen und in den Kommentarspalten fiel der Begriff «SVP-Putsch», nicht ohne Grund (worauf sich die Kantonalpartei umgehend von solchen Plänen distanzierte und Alt-SP-Ständerat Paul Rechsteiner von einem «Machtrausch» sprach): Als Nachfolger war Stefan Kölliker vorgesehen, ehemaliger SVP-Regierungsrat, dazu Marwin Hitz als Verwaltungsrat, der Thurgauer Torhüter der in St. Gallen gross wurde, und Martina Wüthrich, Juristin aus Weinfelden, tätig in einer Kanzlei, in der mit Jakob Stark ein SVP-Ständerat Konsulent ist und mit Pascal Schmid ein SVP-Nationalrat Partner, und dahinter Roland Gutjahr, Thurgauer Unternehmer, Vater von SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, was in der Summe, wie die NZZ trocken festhielt, etwas viel SVP ist und etwas viel Thurgau, und was zu der Frage führte, mit wie viel Gespür der Club da gerade umgebaut werden sollte. Würth wurde darauf angesprochen, er sagte im Stadion zähle nur Grünweiss, Politik müsse draussen bleiben. Hüppi bekam von der SVP-Crew ein Verlängerungsangebot, aber liess es unbeantwortet verstreichen. Man hat ihm nicht gekündigt. Man hat einfach alles um ihn herum abgeräumt.

Winter is Coming
Die Fankurve zeigte nach dem Cupfinal ein Banner mit den Vornamen der vier abtretenden Verwaltungsräte und von Hüppi: «Hinter dem Triumph stehen die Richtigen.» Sponsoren drohten mit Abgang, erste Gespräche, erste Signale, und dann meldete sich der St. Galler Regierungsrat, der Kanton, die Regierung, wegen eines Fussballclubs, sie nahmen die Berichte «mit Besorgnis zur Kenntnis», Fans, Sponsoren, Kantonsregierung, alle gegen die Putschisten.
50’000 Menschen standen nach dem Cupsieg auf dem Marktplatz als die Mannschaft ankam, in einer Stadt mit 85’000 Einwohnern, Zürich feierte den Meistertitel mit 15’000, Basel das Double mit 25’000 und St. Gallen den Cup mit 50’000, weil der FC St. Gallen natürlich grösser ist als Fussball, er steht für eine mit Komplexen behaftete Region, die sich seit Jahrzehnten abgehängt fühlt und brain drain und was weiss ich alles, und die sich an diesen Verein klammert, ihn umarmt, ihn hegt und pflegt, diesen Leuchtturm, manchmal Stolz der Nation, manchmal Spott der Nation.
Und genau jetzt, genau in dem Moment, wo man wieder Leuchtturm war, sägen sie sich selbst den Ast ab, weil Fussball irrational ist, überall, immer, aber hier ganz besonders, und die SVP-Crew, die jetzt, zu diesem völlig bizarren Zeitpunkt, quasi feindselig den Thron übernehmen wollte, erinnerte an diese Serie, wo die einen immer «Winter is Coming» raunen und alle den eisernen Thron erklimmen wollen, und am Ende haben sich alle gegenseitig niedergemetzelt und sind tot und niemand hat etwas davon.
Die Mitte hat gehalten
Aber die Basis hat gehalten, hat getragen, wie so immer beim FC St. Gallen. Egal, wie viele Übergangssaisons man spielte: Die Leute strömten ins Stadion. Eine Basis, die es umso mehr schätzte, mit Hüppi endlich einen Präsidenten zu haben, der diese Basis wirklich versteht, und genau darüber stolperten nun die Unsympathisanten, Leute, die sich inszenieren wollten auf einem Gerüst, das nicht sie gebaut hatten, und deren Motive bis heute völlig unklar sind und an diese üblichen Luftschlösser erinnern, die man sich im Fussball halt so baut, bevor das Konkursamt oder die Challenge League oder der Staatsanwalt anklopft.
Und dann, am Mittwochmorgen, drei Tage nach dem Cupsieg, der plötzlich fast so weit weg schien wie der letzte Meistertitel, die Pressekonferenz im Kybunpark, Medienchef Remo Blumenthal sagte «so viele Leute waren wohl noch nie da», und dann kam Hüppi, und er bleibt, die Putschisten gehen, Roland Gutjahr und Patrick Thoma treten ihre Aktienpakete ab und Thoma sein erst kürzlich angetretenes Mandat im Verwaltungsrat, Kölliker, der sich im SRF-Interview schon als Präsident inszenierte, ist weg, bevor er angefangen hat, und der Verwaltungsrat bleibt nach Thomas Abgang quasi der Alte: Hüppi, Germann, Gründler, Hammer, Würth, alles wie vorher, als wäre nichts gewesen, ausser dass natürlich alles anders ist, ausser dass die Wunden bleiben, ausser, dass Hüppi selbst sagte «wie gross der Schaden ist, weiss ich nicht», und dann sagte er noch etwas, fast beiläufig, fast leise, über den Moment der alles ins Rollen gebracht und die feindliche Übernahme vereitelt hat: «Was mir rausrutschte nach dem Final, war nicht geplant. So clever bin ich nicht. Mir ist das rausgerutscht.»
57 Jahre auf den Pokal gewartet. 48 Stunden auf das Chaos. FC St. Gallen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
2007 publizierte Daniel Ryser gemeinsam mit Daniel Torgler und Matthias Frei im Appenzeller Verlag «Espenmoos: Fussball und Fankultur».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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