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Mindestens zwei Milliarden Menschen leben weniger als 50 Kilometer von einer Küste entfernt. Dennoch gingen die Klimaschäden der Ozeane bisher nicht in Berechnungen ein. © ABC (Videoscreenshot)

Klima: Die Rechnung der Meere

Daniela Gschweng /  In der Klimabilanz wurden Billionen Dollar bisher schlicht ausgeblendet. Es fehlten die Schäden an den Ozeanen.

Die Klimakrise ist teurer als gedacht – weil bisher ein ganzer Planetenteil fehlte. Eine Studie des Scripps Institute of Oceanography in Kalifornien kommt zum Schluss, dass sich die gesellschaftlichen Kosten jeder zusätzlichen Tonne CO₂ fast verdoppeln, wenn die Schäden an den Meeren miteingerechnet werden.

Was grundsätzlich nicht weiter verwunderlich ist. Rund 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt. Sie schlucken bisher einen grossen Teil des menschengemachten Kohlendioxids und nehmen zusätzliche Wärme auf. In den wichtigsten ökonomischen Modellen fehlten trotzdem ihre Klimaschäden. Die im Fachjournal «Nature Climate Change» veröffentlichte Studie schliesst erstmals diese Lücke.

Die vollständige Rechnung ist doppelt so hoch

Die Arbeit legt nahe, dass die Rechnung für die Klimakrise von Anfang an unvollständig war und nun erheblich höher ausfällt. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Verluste durch geschädigte Meeresökosysteme und ozeanabhängige Infrastruktur gingen bisher nicht ein. Dazu gehören zum Beispiel Schäden an Korallenriffen und ihrem Ökosystem, Küstenschäden durch verschwindende Mangrovenwälder, klimabedingte Schäden an Häfen oder der Rückgang von Fischereieinkünften.

Die beteiligten Forschenden verschiedener Disziplinen nennen diese ozeanbasierten Klimakosten, die die Allgemeinheit tragen muss, «blaue soziale Kohlenstoffkosten» (blue Social Costs of Carbon, blueSCC). SCC fassen per Definition die allgemeinen wirtschaftlichen Kosten des Klimawandels oder im Fachbegriff Externalitäten zusammen. Werden die neu ermittelten blueSCC zur bisherigen Klimabilanz hinzugerechnet, verteuert sich eine zusätzliche Tonne CO₂ im gleichen Modell von 51 Dollar auf rund 97 Dollar pro Tonne – ihr Preis verdoppelt sich also fast.

Politisch brisante Zahlen

Politisch ist das brisant. Die erwarteten Kosten der Klimakrise sind wichtige Fakten für Entscheidungsträger. Behörden und Regierungen verwenden den Social Cost of Carbon (SCC) als Grundlage für politische Entscheidungen, führt beispielsweise das «Oceanographic Magazine» auf. Er dient als Referenz für CO₂-Preise und Regulierungen.

«Der SCC ist eines der effektivsten Instrumente, Klimaschäden in wirtschaftliche Entscheidungen einzubeziehen», sagt Amy Campbell, Klimaberaterin der Vereinten Nationen, gegenüber «Inside Climate News». Welche Schäden berücksichtigt werden, wird politisch heftig diskutiert. Die Studie basiert auf einem «Business-as-usual»-Szenario ohne unerwartete politische Kurswechsel.

Bislang konzentrierten sich Berechnungen vor allem auf Landwirtschaft, Gesundheit und Produktivität an Land. Die Ozeane wurden nicht einbezogen, obwohl sie für viele Gegebenheiten auf der Erde zentral sind.

Die Auswirkungen steigender Kohlendioxidwerte auf die Meere sind vielfältig. Wenn CO₂ und Wärme von den Ozeanen aufgenommen werden, ändert sich deren Zusammensetzung. Das Wasser wird wärmer, saurer, enthält weniger Sauerstoff und durchmischt sich schlechter. Die höhere Oberflächentemperatur hat dabei Einfluss auf das Wetter, die Durchmischung der Wasserschichten beeinflusst Meeresströmungen, und so weiter.

Klimaschutz ist rentabler als angenommen

Weil CO₂ jahrhundertelang in der Atmosphäre verbleibt, wirke es auch langfristig auf Gesellschaften, erklärt Mitautor Johannes Emmerling gegenüber dem Europa-Mittelmeer-Zentrum für Klimaänderungen (CMCC). Die Auswirkungen seien oft indirekt und würden deshalb eher übersehen.

Nach Schätzung der Forschenden blieben beispielsweise 2024 fast zwei Billionen Dollar an klimabedingten Ozeanschäden unbilanziert. Die bisher üblichen CO₂-Preise – in der EU derzeit etwa 60 bis 80 Euro pro Tonne – erscheinen vor diesem Hintergrund deutlich zu tief. Klimaschutz wiederum ist weit rentabler als bisher angenommen.


Fast die Hälfte der Schäden hängt an der Fischerei

Je stärker ein Land vom Meer abhängt, desto höher fällt der wirtschaftliche Schaden aus. Eines der wichtigsten Details: Fast die Hälfte des «Ozean-Aufschlags» entsteht durch den Rückgang der Fischerei. In vielen Ländern mit niedrigem Einkommen und in Inselstaaten ist Fisch eine zentrale Quelle für Protein und viele andere Nährstoffe. Schrumpfende Bestände verschlechtern die Ernährungssituation unmittelbar und damit Gesundheitskosten und Sterblichkeit.

An zweiter Stelle stehen Schäden an Korallenriffen und deren Folgen von Hunderttausenden oder sogar Millionen Dollar pro Hektar – wegen deren Ökosystemleistungen und Schäden an Fischerei, Tourismus, Küstenschutz und Artenvielfalt.


Neben direkten Marktverlusten berücksichtigte das Forschendenteam in Kalifornien auch schwerer messbare Werte: Freizeitnutzung, die kulturelle Bedeutung der Meere und den Eigenwert funktionierender Ökosysteme. Erstautor Bernardo Bastien-Olvera warnt dennoch vor einer Scheingenauigkeit. Der ästhetische Wert der Ozeane, das Wissen um die Lebewesen darin oder das Verschwinden ganzer Lebensräume liessen sich nur unvollständig in Geld übersetzen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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