Wie ICE-Razzien die US-Gewerkschaften spalten sollen
Donald Trumps harte Abschiebepolitik zielt unter anderem darauf ab, US-amerikanische Beschäftigte gegen ihre migrantischen Kolleginnen und Kollegen auszuspielen. Menschen mit Migrationshintergrund sollen als deutlich anders wahrgenommen werden, ob sie ein Aufenthaltsrecht haben oder nicht. Jüngste Social-Media-Posts des US-Arbeitsministeriums gehen deutlich in Richtung «White Supremacy» und werden sogar als faschistisch kritisiert.
Die oft gewaltsamen Razzien der US-Behörde ICE, bei denen bereits mehrere Menschen ums Leben kamen, haben jedoch eher den gegenteiligen Effekt, berichtet «The Intercept». Sie führen zu einer neuen Geschlossenheit innerhalb der US-amerikanischen Arbeiter:innenbewegung.
Wendepunkt war Festnahme eines Gewerkschaftsführers
Einen Wendepunkt sieht das Medium in der Festnahme von David Huerta im Juni 2025. Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU California wurde festgenommen, weil er gegen eine Razzia in einem Baumarkt protestierte. Er wurde mit Tränengas attackiert, von ICE-Agenten zu Boden gedrückt und verbrachte drei Tage in Haft, bevor er gegen Kaution freikam.
Bilder der Festnahme lösten in den USA und auch international Proteste und Solidaritätsbekundungen aus. Der Fall mobilisierte US-Gewerkschaften wie SEIU, AFL-CIO und die Lehrergewerkschaft zu Demonstrationen, Klagen und politischem Engagement gegen Trumps Abschiebemaschinerie.
Grosser Teil der US-Arbeiterschaft sind Migranten
Die neue Geschlossenheit ist jedoch grundsätzlicher. Ein grosser Teil der US-Arbeiterschaft besteht inzwischen aus Migrantinnen und Migranten, die ICE-Razzien im unmittelbaren Umfeld erleben oder selbst betroffen sind. Viele sind gewerkschaftlich organisiert, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Die Trump-Administration habe diese Realität unterschätzt, sagt Huerta gegenüber dem «Intercept».
Die Haltung der US-Gewerkschaften zur Migration ist historisch wechselhaft und uneinheitlich. Rassismus ist ein wiederkehrendes Thema, ökonomische Ängste ebenso. Das stärkste Druckmittel organisierter Arbeit – dem Arbeitgeber kollektiv die Arbeitskraft zu entziehen – verliert an Wirkung, wenn viele Migranten gezwungen sind, Arbeit nahezu zu allen Bedingungen anzunehmen. Sans-Papiers konnten kaum streiken, weil sie günstig zu ersetzen waren und wurden lange als Streikbrecher diffamiert. Und natürlich auch ganz bewusst eingesetzt.
Arbeitgeber sind alles andere als begeistert
Innerhalb der Arbeiterschaft bestünden weiterhin Spannungen entlang von Herkunft und Aufenthaltsstatus, sagt Manny Pastreich, Vorsitzender der New Yorker SEIU-Ortsgruppe. Von konservativer Seite würden diese auch bewusst geschürt. Trumps Rhetorik mache es dabei nicht leichter. «Spaltung ist seit Trumps erstem Auftritt Teil seiner Agenda», sagt der Gewerkschaftsvertreter. Auch Arbeitgeber versuchten seit jeher, Beschäftigte nach ethnischer Zugehörigkeit, Einwanderungsstatus oder anderen Kriterien zu spalten.
Doch auch diese Front beginnt zu bröckeln. Textilhersteller, Krankenhäuser und landwirtschaftliche Betriebe sind oft alles andere als begeistert von den Kontrollen der maskierten Anti-Migrationshilfstruppen. Fast zwei Drittel der Beschäftigten im kalifornischen Agrarsektor sind beispielsweise Immigranten, ein Viertel ohne Aufenthaltsstatus. In einem der landwirtschaftlich bedeutendsten US-Staaten sind damit hunderttausende Menschen bei der Arbeit von ICE-Razzien bedroht. Oder hundertausende Arbeitskräfte.
Wenn Migration persönlich wird
Wer in betroffenen Betrieben oder Branchen arbeitet, spürt unmittelbar, was es bedeutet, wenn ein Teil der Belegschaft ausfällt oder aus Angst vor Razzien nicht zur Arbeit kommt. Es gibt Umsatzeinbussen, Planungsprobleme und Mehrarbeit für alle anderen.
Gewerkschaften waren oft als Erste zur Stelle, als das ICE die Städte mit Razzien überzog. Neben Demonstrationen unterstützen sie betroffene Beschäftigte durch Rechtsbeistand und «Know-your-rights»-Schulungen. Dort lernen Menschen, welche Rechte sie bei einer Razzia haben – auch wenn diese in der Praxis häufig missachtet werden. Gewerkschaften organisieren Frühwarnsysteme und Beobachtende, die Einsätze filmen, um Öffentlichkeit herzustellen und Beweise für Gerichtsverfahren zu sichern.
Abschiebung als Spektakel
Gewerkschaften beraten zudem Arbeitgeber, wie sie bei Razzien reagieren und ihre Angestellten schützen können – ganz praktisch etwa, indem ein Vorarbeiter in einem Agrarbetrieb seinen Pick-up so parkt, dass er die Zufahrt zum Gelände blockiert und den Arbeitenden so Zeit verschafft. Oder indem ein Textilhersteller die zu bearbeitende Ware nach Hause liefert. Und vor einem Fast-Food-Restaurant in Los Angeles hängt nun ein Schild «Privatgrundstück». Dafür bräuchte das ICE einen Durchsuchungsbefehl, hat die Betreiberin gelernt.
Auch die Stimmung in der Bevölkerung hat sich verändert. Trump, der Migranten oft als «illegal Aliens» bezeichnet, setzt auf Abschiebungen als Spektakel, das ICE liefert die Bilder. Doch das geht oft anders aus als beabsichtigt. Es ist eine Sache, wenn verurteilte Drogendealer abgeschoben werden. Eine andere, wenn der langjährige Nachbar von maskierten ICE-Gruppen abgeführt wird. Oder wenn die Babysitterin aus Angst vor einer Kontrolle nicht mehr zur Arbeit kommt, wenn die Autowaschanlage wegen Personalmangels schliesst oder während des Einkaufs im Supermarkt eine Razzia stattfindet.
Mehr als Solidarität aus Eigennutz
Möglich, dass Trumps Migrationsbehörde sich durch schiere Masse und Brutalität durchsetzt. Genauso möglich ist es aber auch, dass sie eine grössere Verschiebung in der Wahrnehmung von Migration ausgelöst hat, weil sie einige Effekte unterschätzt. Die Razzien treffen ganze Betriebe, Nachbarschaften und Branchen – das provoziert nicht nur Solidarität aus Eigennutz, sondern auch die Erkenntnis, dass Migration kein Randthema ist, sondern der Status Quo im ganzen Land, auf den die USA kaum verzichten können.
Wie es ausgehen kann, wenn Arbeitskräfte zunehmend fehlen, stellte man kürzlich ganz woanders fest: Entlang der Schweizer Grenze sei die Lebenserwartung messbar kürzer als im Rest Deutschlands, fand eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und des Ifo-Instituts heraus. Der Grund: Seit 2011 seien zwölf Prozent der in Deutschland beschäftigten Pflegekräfte in Arbeitsverhältnisse im Nachbarland gewechselt. Sie arbeiten wegen der höheren Löhne freiwillig dort. Dasselbe gilt aber auch, wenn sie aus anderen Gründen plötzlich fehlen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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