Der korrupte Abgrund hinter dem Rückzug der Glyphosat-Studie
Die Studie aus dem Jahr 2000 galt als «Goldstandard» und damit als Beweis dafür, dass das umstrittene Monsanto-Herbizid «Roundup» mit dem Wirkstoff Glyphosat sicher ist, keinen Krebs erregt und für die Umwelt unbedenklich ist. Sie erschien im Fachjournal «Regulatory Toxicology and Pharmacology», auf dessen Studien sich die Behörden stützen, wenn es darum geht, ein Produkt zuzulassen und Grenzwerte festzulegen.
Im letzten Dezember musste das Journal die Studie zurückziehen. Interne Dokumente hatten gezeigt, dass die Studie von Monsanto-Mitarbeitern manipuliert wurde und Monsanto-Mitarbeiter sogar Ghostwriter waren. Folgen hat dies für Monsanto keine: Der umstrittene Konzern war 2018 für 63 Milliarden Dollar vom deutschen Chemiekonzern Bayer übernommen worden, der sich damit auch gleich Milliardenklagen einhandelte. Ein Zustand, der sich durch den Rückzug der Studie noch verschärfen wird.
Ein spezieller Ort für Sitzungen
Umweltschützer feiern den Rückzug der Studie als gewaltigen Erfolg. Für den Journalisten Paul D. Thacker, der sich auf seiner Internet-Plattform «Disinformation Chronicle» auf die Korruption in Wissenschaft, Medizin und Umweltpolitik spezialisiert hat, sind die «Monsanto-Papers», die das Mauscheln aufdeckten, höchstens eine Bestätigung für das, wogegen er seit Jahren kämpft.
Vor acht Jahren hat er die Studie, die jetzt zurückgezogen werden musste, eingehend untersucht und dabei festgestellt, «dass die Gesellschaft hinter der Zeitschrift von einem Tabakberater geleitet wurde und ihre Sitzungen in den Büros von Keller and Heckman, der führenden Anwaltskanzlei für die chemische Industrie in Washington, D.C., abhielt».
Tabakberater als Chefredaktor
Der Tabakberater, der bis 2019 Herausgeber und Chefredaktor von «Regulatory Toxicology and Pharmacology» war, heisst Gio Gori. Thacker schreibt von Dokumenten, die beweisen, dass Gori ein gut bezahlter Berater der Tabak-Lobbyisten des «Tobacco Institute» und von «Brown & Williamson» (Marken: Lucky Strike, Pall Mall) war. B&W stand im Mittelpunkt der Enthüllungen des berühmtesten Whistleblowers der Geschichte: Jeffrey Wigand, Forschungsleiter bei B&W, enthüllte, dass der Konzern wusste, wie süchtig Nikotin macht, und dass der Konzern die Wirkung durch Zusätze (wie Ammoniak) künstlich verstärkte, um die Abhängigkeit zu erhöhen. Die Geschichte wurde im Jahr 2000 verfilmt: «The Insider» mit Al Pacino erhielt acht Nominierungen, aber keinen Oscar.
Für 30’077 Dollar veröffentlichte Gori (nicht nur in seiner Zeitschrift ) unter dem Titel «Mainstream and environmental tobacco smoke» (Tabakrauch im Mainstream und in der Umgebungsluft) einen Artikel , in dem er die dokumentierten Gefahren des Passivrauchens herunterspielte. 2007 bezeichnete er in einem Kommentar in der «Washington Post» die wissenschaftlich nachgewiesenen Schäden des Passivrauchens als «falsch».
Thackers Fazit: «Ich verfolge die in «Regulatory Toxicology and Pharmacology» veröffentlichten Studien nun schon seit einigen Jahrzehnten, nicht weil ich der Wissenschaft vertraue, sondern weil ich weiss, dass die Industrie dort gerne Werbung platziert, die sie als Wissenschaft bezeichnet. Und ich möchte verstehen, welche Botschaften die Industrie der wissenschaftlichen Gemeinschaft verkauft. Denn diese helfen Unternehmen bei der Aufgabe, schmutzige Produkte zu verteidigen: Tabak, Pestizide, Chemikalien, Luftverschmutzung – was auch immer.»
Korruption auch in den National Academies
Die Käuflichkeit einer wissenschaftlichen Zeitschrift ist das eine – und schon fast unbedeutend im Vergleich zur Korruption in angesehenen öffentlichen Institutionen wie den «National Academies of Sciences, Engineering and Medicine» (NASEM), der höchsten wissenschaftlichen Instanz der USA. Auch, wenn es um die Zulassung unter anderem von Herbiziden und der Gentechnik geht.
2016 erfreute die NASEM die Gentech-Industrie, mit einer Studie, die zum Schluss kam, dass gentechnisch veränderte Pflanzen sicher verzehrt werden können, der Umwelt nicht schaden und die Agrarbiotechnologie viele nachgewiesene Vorteile für Landwirte, Verbraucher und die Umwelt hat.
In einer Zeit, als für die Wissenschaft noch nicht klar war, ob gentechnisch veränderte Pflanzen unbedenklich sind, schrillten bei der Umweltschutz-NGO «Food & Water Watch» die Alarmglocken. Sie fand heraus, dass Wissenschaftler, die hinter dem Bericht standen, enge Verbindungen zur Industrie hatten, dass sich ein Mitarbeiter der National Academies gleichzeitig um eine Stelle bei einem Biotechnologiekonzern bewarb und dass ein Monsanto-Manager den Mitarbeiter der National Academies für seine Arbeit lobte.
«Reg Tox Pharm» muss eingestellt werden
Das machte Paul Thacker hellhörig und er vertiefte sich in den Bericht der National Academies. Er kam zum Schluss: «Ein Mitarbeiter der National Academies, der einen Job in der Biotech-Industrie suchte, wählte Panelteilnehmer mit Verbindungen zu Biotech-Unternehmen aus, um einen einflussreichen Bericht zu verfassen, der behauptete, dass gentechnisch veränderte Landwirtschaft keine Schäden verursache … und dieser Bericht war zufällig gespickt mit Studien, die in «Regulatory Toxicology and Pharmacology» veröffentlicht worden waren – der Lieblingszeitschrift der Industrie.»
Thacker fordert die Einstellung von «Reg Tox Pharm», wie das Journal abgekürzt wird. Oder zumindest sollten die Bundesbehörden ihren Mitarbeitern verbieten, im Herausgeberrat mitzuwirken. «Der Schaden, den diese Zeitschrift angerichtet hat, geht weit über eine korrupte Studie hinaus, die behauptete, Glyphosat sei sicher, obwohl es das nie war. Die Einstellung dieser Zeitschrift würde ein starkes Signal senden, dass korrupte Forschung aus der amerikanischen Gesellschaft verbannt werden sollte.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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