Tibetanisches Kloster: Basislager am Mount Everest © csearl/wikipedia/cc

Tibetanisches Kloster: Basislager am Mount Everest

Wahnsinn am Gipfel, Vernunft im Basislager

Kurt Marti / 01. Jun 2012 - Das morbide Treiben am Mount Everest ist eine Metapher für das heutige Europa und seinen Machtkampf zwischen Basislager und Gipfel.

In den Basislagern Europas rumort es gewaltig. Die Menschen sind nicht mehr bereit, zur Rettung einer Minderheit von Gipfelstürmern ihre letzten Sauerstoffflaschen zu opfern. Gross ist auch die Empörung über die Wagenladungen von Sauerstoff, welche zur Rettung der Banken zum Gipfel hochgekarrt werden.

Am Wegrand liegen Tote und Halbtote

Zielgerichtet ziehen die Gipfelstürmer an den Toten vorbei, die am Wegrand zum Mount Everest herumliegen. Halbtote verbergen das Gesicht im Schnee und warten auf den Tod. Die Stirnlampen brennen noch in der Morgendämmerung. Andere halluzinieren und werfen ihre Handschuhe und Mützen einfach weg. Wie Zombies starren sie ins Leere und strecken ihre Hände gegen den Himmel. Kopfüber stolpern sie in die festgefrorenen Exkremente ihrer Vorgänger. Der Nihilismus bekommt am Everest wieder ein Gesicht.

Ein deutscher Arzt wollte die Sünde seiner Everest-Tour mit einer Busshandlung kompensieren. Mit seiner Eco-Putztruppe sammelte er 50 Kilogramm Müll am Everest zusammen. Schätzungsweise 50 Tonnen bleiben immer noch oben. Nicht eingerechnet schätzungsweise 300 Leichen. Auf dem Abstieg stirbt der 61-jährige Arzt an einem Ödem. Für ein paar Kilogramm Zivilisationsmüll war er bereit, sein Leben zu opfern.

Kurz zuvor versuchten auch nepalesische Sherpas am Everest aufzuräumen. Dabei fanden sie die Leiche eines Tessiner Bergsteigers, der vor drei Jahren beim Abstieg tot umgefallen war. Unter dem Druck der Kameras des Schweizer Fernsehens hatte er sich etwas zu viel zugemutet. Nachdem seine Leiche von Sherpas mit Steinen zugedeckt wurde, lieferte das Schweizer Fernsehen die Bilder des Steingrabes in alle Schweizer Stuben. Die Bergung einer Leiche kostet 30 000 Franken, eine Everest-Besteigung mindestens 40 000 Franken. Wahnsinn und Sterben im Himalaya sind teuer.

«Ich lehre euch den Übermenschen»

Beim Philosophen Friedrich Nietzsche triumphiert der Gipfel über das Basislager. Zarathustra lässt die gewöhnlichen Menschen - Nietzsche nennt sie verächtlich «die letzten Menschen» - im Basislager zurück und steigt tollkühn zum Gipfel hoch. Als Prophet kehrt er zurück und spricht zum Volk: «Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll.»

Auch der Philosoph Peter Sloterdijk wandert auf Zarathustras Spuren. Der einstige Anhänger des Sektengurus Bhagwan leitete während zehn Jahren das «Philosophische Quartett» im ZDF und warf nebenbei medienwirksam seine «Molotows» ins Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen (FAZ). Letztmals mit dem Beitrag «Die Revolution der gebenden Hand», mit dem er den europäischen Sozialstaat als «geldsaugendes Ungeheuer» bezeichnete, welches die Reichen durch progressive Steuern zwangsenteigne. Als Alternative propagierte er das Modell der Steuerbefreiung der Reichen und der freiwilligen Zuwendung an das Gemeinwesen. Zur Freude der Gipfelstürmer, zum Leidwesen im Basislager.

Ungeheuerliche Umwertung aller Verantwortung

Die Basis solcher Irritationen hatte Sloterdijk in seinem Buch «Du musst dein Leben ändern» geliefert, das die meisten Feuilletonisten angesichts der grandiosen Vernebelungsaktionen ehrfürchtig bestaunten. Mit Bezug auf Nietzsche umschrieb Sloterdijk das «Basislager-Problem» als die angeblich irrtümliche Meinung, «Basislager und Gipfel seien dasselbe» und «der Aufenthalt im Basislager und dessen Prolongation mache jede Art von Gipfelexpedition überflüssig». Zur Freude der Privilegierten degradierte Sloterdijk das Basislager als «die Endstation des Werdens», wo die Umverteilung mittels sozialpolitischer Programme vorherrsche.

Als prototypischen Denker des Basislagers bezeichnet Sloterdijk den französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Dieser Intellektuelle, dessen Vater ein einfacher Bauer war, hatte sich zeitlebens für die sozial Benachteiligten eingesetzt und den Egoismus der Eliten hart attackiert. Deshalb wirft ihm Sloterdijk vor, er habe sich von «jedem Gedanken an Gipfelexpeditionen» abgewandt. Suffisant bezeichnete er ihn als «Soziologe des definitiven Basislagers».

Andererseits rühmt Sloterdijk die Denker «der Vertikalen» Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, deren Theorien bei den Faschisten auf fruchtbaren Boden stiessen. Sloterdijk nimmt den Nazi-Sympathisanten Heidegger sogar in Schutz, weil dieser damals leider noch nicht verstanden habe, dass die nationale Revolution «nichts anderes war als ein wildgewordenes Basislager». Eine ungeheuerliche Umwertung aller Verantwortung.

Gipfel-Zone jenseits von Gut und Böse

Das moralische Blickfeld des Gipfelstürmers reduziert sich, je höher er steigt. Hilfsbedürftige und Sterbende werden am Wegrand liegen und sterben gelassen. Man steigt über Leichen. Ein Schweizer Expeditionsleiter entschuldigt dieses unsoziale Verhalten ganz plausibel: «Selbst wenn man möchte, man kann einfach nicht mehr helfen!» Die Umstände in Gipfelnähe lassen keinen Spielraum für moralisches Handeln. Es ist die Zone «jenseits von Gut und Böse». Hier oben werden alle Werte pulverisiert.

Es ist die Zone jenseits des Basislagers, wo Banker und Manager von den Dividendenerwartungen der Aktionäre und von der eigenen Gier getrieben werden. Dort wo die Politiker bei ihren Entscheidungen hilflos auf die Sachzwänge verweisen. Nahe am Gipfel benehmen sie sich wie Zombies und animieren die Zurückgebliebenen im Basislager, ebenfalls aufzusteigen und den Ruhm und die dünne Luft zu geniessen. Zurück im Basislager predigen sie die Vorzüge der Gipfelzone, wo es keine lästigen Steuerämter und Gewerkschaften gibt.

ZDF stellt Gipfel-Philosophen den Sauerstoff ab

Es ist höchste Zeit, dass die Gipfelstürmer ins Basislager zurückkehren und Vernunft annehmen. Selbst beim ZDF ist diese Maxime mittlerweile durchgedrungen. Sloterdijks «Philosophisches Quartett» wird nach zehn Jahren abgesetzt. Das ZDF setzte die beiden Moderatoren Sloterdijk und Safranski endlich an die frische Luft. Dabei musste Sloterdijk offenbar auch seine Sauerstoff-Reserve abgeben. Nicht anders ist seine wirre Reaktion auf die Absetzung der Sendung zu erklären. Getrieben vom Ressentiment des Gipfeldenkers ging er instinktiv auf seinen Nachfolger Richard David Precht los und verortete dessen Leserschaft abschätzig bei den «Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung».

Nicht ganz zu unrecht lokalisiert Sloterdijk seinen Nachfolger im Basislager. Denn Precht versteht es, philosophische Inhalte in der Sprache des Basislagers zu vermitteln und er vergisst auch nicht, die Gipfelstürmer an ihre soziale und ökologische Verantwortung zu erinnern. Ganz im Gegensatz zu Sloterdijk, dessen besondere Gabe es ist, aus Banalitäten wahre Satzungeheuer zu schaffen, an denen er sich - nach Sauerstoff ringend - jeweils fast verschluckt.

Walser rät Sloterdijk zwei Hemdknöpfe zu öffnen

Die Schmach des Hinauswurfs versuchte Sloterdijk mit der letzten Sendung von Mitte Mai unter dem Titel «Die Kunst des Aufhörens» abzufedern. Krankheitshalber war sein Sherpa Safranski nicht anwesend, so dass Sloterdijk zusammen mit seinem Gast, dem Schriftsteller Martin Walser, gegen den Gipfel taumelte. Walser verweigerte sich allerdings dem abgehobenen Metadiskurs, den Sloterdijk hochtrabend anpeilte, und redete geradeheraus gegen die unverschämte Absetzung Sloterdijks durch das ZDF. In Anspielung auf Precht riet er Sloterdijk ganz kollegial, er solle doch in Zukunft auch «den zweiten Hemdknopf öffnen». Als ob das in dieser «Höhe» noch etwas nützen würde. Hoch lebe das Basislager!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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