Strom ist Macht – zentral oder dezentral

Niklaus Ramseyer / 07. Jun 2011 - In der Energie-Debatte geht es vorab um die Kontrolle über die Energieproduktion. Die Freunde grosser AKWs sind in der Defensive.

Die Auseinandersetzung lief in der Schweiz längst vor der Atom-Katastrophe im japanischen Fukushima: Sollen weitere Duzende von Milliarden Franken in atomar betriebene Grosskraftwerke investiert – oder aber dezentrale Lösungen nahe bei den Energie-Konsumenten gefördert werden? So lautet die zentrale Frage. Eine erste Antwort gab die Bevölkerung des Kantons Bern am 12. Februar: 51 Prozent votierten für ein neues Kernkraftwerk in Mühleberg – 49 dagegen.

Mittelstand denkt dezentral

Dass das geplante neue AKW im mehrheitlich bürgerlichen Kanton Bern nur eine knappe Zustimmung fand, verwunderte politische und technische Fachleute damals schon. Nach der Atomkatastrophe in Japan käme der AKW-Neubau heute wohl kaum mehr auf 30 Prozent Ja-Stimmen.

Ein wesentlicher Grund für diese Anti-Atom-Stimmung weit über das links-grüne Lager hinaus liegt im politisch aktiven Schweizer Mittelstand, der die Einfamilienhaus-Siedlungen der Agglomerationen rund um die Städte bevölkert. Hier haben in den letzten Jahren mehr und mehr Familien praktische Erfahrungen mit dezentraler Energieproduktion gesammelt: Sie haben in solare Warmwasser und Stromproduktion investiert. Haben Wärmepumpen in ihren Kellern installiert, ihre Häuser isoliert – oder gar Vertikalsonden für die Nutzung der Erdwärme in ihre Vorgärten abgetieft. Dieser Mittelstand denkt und handelt energiepolitisch zusehends dezentral. Tausende von Gesuchen für solche Klein-Anlagen und entsprechende Subventionen sind hängig.

Klein- gegen Gross-Industrie

Parallel zu dieser Änderung des Konsumverhaltens ist eine rasch wachsende Klein-Industrie mit vor- und nachgelagertem Gewerbe entstanden, welche die entsprechenden Anlagen weiter entwickelt, produziert, liefert und installiert. Allein im Kanton Bern setzten nur schon die fünf grössten Solarfirmen mit Tausenden von Angestellten 2010 satte 1,3 Milliarden Franken um. In der Branche entstehen laufend neue hochqualifizierte Arbeitsplätze für Ingenieure und gewerbliche Zulieferbetriebe. Die Entwicklung beschleunigt sich rassig: Schon liefern erste Brennstoffzellen mit einem Wirkungsgrad von bis zu 80 Prozent in Pilotprojekten dezentral und günstig Strom und Wärme. Auf dem zukunftsträchtigen Gebiet, das inzwischen «Cleantech» genannt wird, arbeiten schweizweit bald mal 200 000 Fachleute – mit hoher gewerblicher Wertschöpfung im Inland.

Ganz anders die Grossfirmen, welche auch in Zukunft mit Milliarden-Investitionen grosse, zentral geführte Atom-Anlagen bauen und betreiben möchten: Wesentliche Teile dieser Gross-Kraftwerke müssten für Milliarden im Ausland eingekauft werden. Ob sich dafür ohne massive Staatshilfe überhaupt private Investoren finden würden, war schon länger fraglich – seit der Kernkraft-Katastrophe in Japan erst recht.

«Landwirt als Energiewirt der Zukunft»

Investiert haben die Grossfirmen nun nochmal massiv in eine breitangelegte Lobby-Kampagne für ihre Atomtechnologie rund um die Energiedebatten im Schweizer Parlament. Doch seit Fukuschima sind sie arg in der Defensive. Selbst in der SVP-Fraktion werden einige Abgeordnete für den geordneten Rückzug aus der Atomkraft votieren – vorab kluge Vertreter des Gewerbes und der Landwirtschaft.

Das wundert wenig: Im vergangenen Januar – noch vor der japanischen Katastrophe – hat die Zeitung «Schweizer Bauer» festgehalten: «Die Bauern haben mit Holz, Mist und Dachflächen beste Voraussetzungen, um wichtige Akteure im Energiemarkt zu werden.» Das Fach-Blatt sieht im dezentralen Markt den «Landwirt als Energiewirt der Zukunft». Schon Mitte 2010 hatte die seriöse Bank Sarasin in einer Studie gezeigt, dass «bis zu einem Drittel des Stroms und gegen die Hälfte der Wärme mit Sonnenenergie von den Dächern» dezentral erzeugt werden könnten. Ein Milliarden-Binnenmarkt: Die «Handels-Zeitung», welche darüber berichtete, schätzt nur schon die Kosten für Heizung und Warmwasser in der Schweiz auf jährlich 8 Milliarden Franken. N.R.

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