Der Interessenverband der KMU versinkt unter der gegenwärtigen Führung in die politische Bedeutungslosigkeit.
Die Geschichte könnte beginnen wie ein Märchen. Es war einmal eine Legende: Otto Fischer, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes SGV von 1962 bis 1980, war buchstäblich noch jedem Kind bekannt. Unter der Führung des volksnahe Politikers und brillanten Rhetorikers entwickelte sich der SGV in dieser Zeit zu einer der schlagkräftigsten politischen Institutionen des Landes, die sich namentlich für eine klare Ordnungspolitik des Bundes und eine tie-fere Steuerquote für das Gewerbe engagierte.
Auch Pierre Triponnez, der den SGV von 1990 bis 2008 leitete, zählte in Bundes-Bern noch zu den politischen Schwergewichten. «Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Präsidenten und/oder Direktoren dieses Verbandes echte politische Autoritäten. Wenn sie etwas sagten, hörte man im Volk und in der Politik auf sie», erklärten Po-litbeobachter von damals beeindruckt.
Unsichtbare Führung ohne Profil
Tempi passati. Von Triponnez’ Nachfolger Hans-Ulrich Bigler, SGV-Direktor seit fast 3 Jahren, weiss die Öffentlichkeit trotz gelegentlichen Auftritten in der «Arena» und in Leserbrief-Spalten so gut wie nichts. Spötter bezeichnen ihn bereits als Mr. Unsichtbar. Und von SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger, der das SGV-Präsidium vor einem Jahr übernommen hat, waren bisher mehrheitlich nur Verlautbarungen zu hören. «Mein Ziel ist es, den mitgliederstärksten Wirtschaftsdachverband auch zur stärksten wirtschaftspolitischen Kraft im Land zu machen», verkündete er in seiner Antrittsrede lauthals. Der Gewerbeverband müsse endlich wieder zu alter Stärke zurückfinden. So wie zu Otto Fischers Zeiten eben. Davon ist die Dachorganisation der KMU, der nicht weniger als 280 Branchenverbände und 26 kantonale Verbände mit rund 300 000 Mitgliedern angehören, jedoch noch Welten entfernt. In den öffentlichen politischen Debatten wird der Gewerbeverband weiterhin kaum wahrgenom-men.
Glänzender Auftritt mit fehlendem Inhalt
Als Megaflop dürfte sich sodann der teure Relaunch der Gewerbezeitung herausstellen. Zwar hat die vor rund einem Jahr neu gestaltete Verbands-Postille seither ein deutlich ansehnlicheres Layout und wird nun gratis in einer Grossauflage von 150'000 Exemplaren übers ganze Land verteilt. Wegen der enorm hohen Kosten dieser Neulancierung reichte das Geld dann aber nicht mehr für einen entsprechenden Ausbau der Redaktion. Hier wird seither gespart bis zum Geht-nicht-mehr. Zwar verfügt das Blatt über einen Chefredaktor und einen stellvertretenden Chefredaktor, die einen einzigen Redaktor zu führen haben. Aber zum Recherchieren und Schreiben fehlt den drei Herren ganz offensichtlich die Zeit. Gut die Hälfte der Beiträge werden jeweils aus dem Internet abgekupfert, sind reine PR-Beiträge oder Publireportagen.
Mit Publigroupe zum Einbruch in der Werbung
«Unser neues Printprodukt kommt nun ganz direkt und ohne Streuverluste bei den wichtigsten Playern an», behauptete dagegen SGV-Direktor Hans-Ulrich Bigler bei der Neulancierung des Blattes. Die Gewerbezeitung sei dadurch zu einer gewichtigen Werbezeitung geworden. «Unsere Inserenten sprechen mit durchschnittlich etwas über zwei Leserkontakten direkt die Mehrheit aller Entschei-dungsträger in Produktion, Handel und Dienstleistungen an», gab sich Bigler vor einem Jahr noch voller Zuversicht. Zu dumm nur, dass der Werbemarkt das bisher nicht bemerkt hat. Vom erwarteten, deutlich steigenden Inseratevolumen kann man bisher nämlich nichts feststellen. Ganz im Gegenteil. Im Vergleich zu früher ist dieses Volumen markant zurückgegangen. Dies nicht zuletzt wegen eines nicht nachvollziehbaren Fehlgriffes des neuen SGV-Direktors. Er übertrug die Inserateakquisition für die Gewerbezeitung vor einem Jahr neu der Publicitas Publimag AG, einer Tochtergesell-schaft des Inserateriesens Publigroupe. Und dies obschon das Berner KMU-Unternehmen Inmedia Services AG, an dem der SGV zudem zu 50 Prozent beteiligt war, während mehr als zehn Jahren höchst erfolgreich für die Inserateeinnahmen der Gewerbezeitung gesorgt hatte. Ausgerechnet die grösste Schweizer KMU-Organisation hat also ein KMU durch ein Grossunternehmen ersetzt und dies erst noch ganz und gar erfolglos. Hans-Ulrich Bigler hat also grossen Erklärungsbedarf.
Keine
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