Volkswirtschaftliche Kosten des Atomstroms in Deutschland seit 1970: 190 Milliarden Euro © Bildmontage/ARD
«Das Geld der AKW-Betreiber reicht hinten und vorne nicht» © ARD
Henry Cordes, Vorsitzender Energiewerke Nord: «Gesellschaftspolitisch ist diese Technologie ein gigantischer Griff ins Klo» © ARD

Das Märchen vom billigen Atomstrom

Red. / 24. Aug 2016 - Eine ARD-Reportage entlarvt das Märchen vom billigen Atomstrom als dreiste Lüge. Die volkswirtschaftlichen Kosten sind immens.

Jahrzehntelang priesen Politiker im Chor mit der Atomlobby die Vorzüge des Atomstroms: Sauber, sicher und vor allem günstig sei der Strom aus Atomkraftwerken. Doch eine ARD-Dokumentation entlarvt das Märchen vom billigen Atomstrom als dreiste PR-Lüge. Nur weil ein Grossteil der realen Kosten auf die Allgemeinheit abgewälzt wird, können die Energiekonzerne «billigen» Atomstrom produzieren und Milliarden-Gewinne einfahren.

Schon immer war Atomstrom ein Geschäft, das nur mit staatlichen Zuschüssen funktioniert – zum Vorteil der Energiekonzerne und zum Nachteil der Gesellschaft. Seit Jahrzehnten erhält die Atomindustrie vom Deutschen Staat umfangreiche Finanzhilfen und Steuervergünstigungen. Wie viel genau, zeigt eine Studie des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS).

Demnach wurde Atomstrom in Deutschland seit 1970 mit rund 190 Milliarden Euro subventioniert. Horrende Ausgaben, die den Staatshaushalt belasten und die der Steuerzahler tragen muss. Deshalb täuscht der niedrige Preis auf der Stromrechnung: In Wahrheit zahlen Verbraucher für Atomstrom deutlich mehr als für den angeblich teuren Ökostrom aus Wind und Sonne. Denn ein Teil ihrer Steuern landet auf Umwegen ebenfalls bei den AKW-Betreibern.

Unkalkulierbare Kostenexplosion

Doch das ist nicht alles. Das Atomzeitalter beschert der Gesellschaft Folgekosten in gigantischem Ausmass. Der Rückbau der stillgelegten AKW und die «Entsorgung» der radioaktiven Abfälle werden in Deutschland nochmals 169 Milliarden Euro verschlingen – nach offizieller Schätzung. Die ARD-Reportage macht jedoch deutlich: Es wird wohl noch viel teurer werden, zulasten der Steuerzahler.

Wie aufwändig der Rückbau eines AKW ist, lässt sich im stillgelegten DDR-Kraftwerk Greifswald erahnen. 700 Arbeiter sind hier seit über 20 Jahren damit beschäftigt, atomare Altlasten zu beseitigen, Tag für Tag, Schraube für Schraube. Die Kosten für den Rückbau trägt der Bund als Rechtsnachfolger der DDR.

Henry Cordes, Vorsitzender der Energiewerke Nord: «Atomtechnologie ist ein gigantischer Griff ins Klo» (Quelle ARD)

Ursprünglich waren dafür 3,2 Milliarden Euro eingeplant. Inzwischen rechnet Henry Cordes, Vorsitzender der Energiewerke Nord, mit Kosten von 6,5 Milliarden Euro – ohne Endlagerung. «Gesellschaftspolitisch ist diese Technologie ein gigantischer Griff ins Klo», lautet sein überraschend deutlicher Kommentar zum Atomzeitalter.

Kein Endlager in Sicht

Doch wohin mit dem strahlenden Atom-Schrott? Diese Frage ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist: Die Suche nach einer Endlagerstelle wird aufwändig und sehr teuer. Einst nutzte die Atomindustrie das marode Salzbergwerk Asse in der niedersächsischen Provinz als billige Müllkippe. Seit den 70er-Jahren lagern hier 750 Meter unter der Erde 126’000 Fässer mit strahlendem Atommüll. Doch was ursprünglich als Endlager gedacht war, entpuppt sich jetzt als Desaster. Wasser dringt in die Kammern ein und bildet zusammen mit dem Atomschrott eine radioaktive Lauge.

Weil die Grube jederzeit einstürzen könnte, müssen die Fässer herausgeholt werden. Die Komplettsanierung der Asse wird 10 Milliarden Euro kosten, schätzt Wolfram König vom Bundesamt für Strahlenschutz. Das ist fast doppelt so viel wie ursprünglich budgetiert. Auch diese Rechnung geht voll zulasten der Allgemeinheit, «weil der Staat das Kostenrisiko schon sehr früh übernommen hat», so König gegenüber der ARD.

Über Jahrzehnte kam der Staat für Risiken und Kosten der AKW-Betreiber auf, die Gewinne sackten die Konzerne ein und verteilten das Geld mit vollen Händen an ihre Aktionäre. Laut Recherchen der ARD schütteten allein E.ON und RWE in den vergangenen 15 Jahren 49,6 Milliarden Euro Dividenden aus. Geld, das nun für den Rückbau der AKW und die Entsorgung des Mülls nicht mehr zur Verfügung steht.

Energiekonzerne können sich freikaufen

Schon jetzt zeichnet sich ab: Für die Entsorgung des Atommülls zahlt letztlich vor allem die Allgemeinheit, die die Atomenergie schon jahrzehntelang mit Steuergeldern subventioniert hat. Mit einem geschickten Deal können sich die Atomkonzerne von ihrer Verantwortung freikaufen. Laut Vorschlag der Atomkommission sollen die AKW-Betreiber insgesamt 46 Milliarden Euro für den Rückbau der Atomkraftwerke und die Entsorgung des Atommülls bereitstellen. Damit ist für die Konzerne die Sache erledigt. Für allfällige Mehrkosten kommt allein der Staat auf.

«Das Geld reicht hinten und vorne nicht», warnt im ARD-Interview die Energie-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert. Die Bundesregierung gehe von einem unrealistisch hohen Zins von 4,58 Prozent aus.

«Das Geld reicht hinten und vorne nicht» (Quelle: ARD)

Die Energie-Expertin rechnet vor, dass schon heute mindestens 75 Milliarden Euro an Rückstellungen notwendig wären, um bei einem realistischen Zinssatz von 2 Prozent im Jahr 2100 auf die kalkulierten Kosten von 169 Milliarden zu kommen. Entsprechend bitter ist Kemferts Resümee: «Die Gesellschaft wird noch Jahrzehnte, ja Jahrhunderte an den Folgekosten des Atomzeitalters zu tragen haben.»

Und das für eine angeblich «billige und saubere» Technologie, die gerade mal Strom für eine einzige Generation geliefert hat.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Der teuerste Strom aller Zeiten» (Infosperber vom 2.3.2016)
«Unverschämter Ablasshandel mit Atommüll» (Infosperber vom 18.5.2016)
«Atommüll-Entsorgung: Drohende Kosten-Explosion» (Infosperber vom 3.5.2016)

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2 Meinungen

"Gigantischer Griff ins Klo - das Geld reicht hinten und vorne nicht..»
Und dies ist so, ohne dass in Deutschland ein schwerer Strahlenunfall passiert ist. Das Restrisiko war bis jetzt gnädig, dank auch allen an der Basis, die in dieser Gefahrentechnik verantwortungsvoll arbeiten! Diese Leute brauchen wir weiterhin, um das Gefahrengut zu ent-sorgen, so gut wie möglich.
Abschalten! sofort, bevor sich das Restrisiko etwas anderes überlegt!
Die Frage, wer was bezahlt, müssen wir sofort in den Hintergrund schieben. Es wird so oder so viel zu teuer, es bezahlen so oder so nicht die Verantwortlichen...
Urs Lachenmeier, am 25. August 2016 um 09:33 Uhr
Als Jugendlicher war ich, so ziemlich alleine, für AKWs, vermutlich weil ich im Gegensatz zu vielen anderen die Technik dahinter verstanden habe, denn Physik und Technik lag mir schon immer. An Geld und Kosten hingegen dachte ich damals nicht. Heute ist mir klar: Die Betreiber hätten so lange keine Dividenden zahlen dürfen, bis die Fonds für Stilllegung/Rückbau und Endlagerung komplett geäufnet sind, und zwar in Form von verfügbarem Geld und nicht etwa als Anlagen. Die Politik hat sich von den Betreibern über den Tisch ziehen lassen. Für die Schweiz bedeutet dies, dass man sich selber «bschissen» hat, sind die Betreiber/Eigner doch Kantone und Städte. Wie auch immer: An die Kasse kommen wir Bürgerinnen und Bürger. So oder so. Über den Strompreis (Monopole) oder über die Steuerrechnung. Und das selbstverschuldet. Denn statt dem Schrecken ein Ende zu bereiten, stimmen wir immer wieder mal NEIN zur Abschaltung und damit für ein Fass ohne Boden. Unsere Kinder werden es ausbaden müssen. Bleibt zu hoffen, dass sie dann dafür noch die Technik, das Geld, die politische Stabilität, eine funktionierende Gesellschaft etc. haben und sich nicht dermassen mit dem Klimawandel abmühen müssen, dass für andere Sorgen gar keine Zeit, kein Platz bleibt.
Felix Rothenbühler, am 25. August 2016 um 16:02 Uhr

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