© Franziska Scheidegger
Seinen Einsatz für den Naturschutz musste Ralph Manz teuer bezahlen.
WWF-Geschäftsleiter Ralph Manz stoppte in Saas-Fee die illegalen Arbeiten für einen Mountainbike-Trail und wurde vom WWF entlassen.
Der Oberwalliser WWF-Geschäftsleiter Ralph Manz erfährt anfangs August 2009, dass in Saas-Fee illegal an einem Downhill-Trail für Mountainbiker gebaut wird. Der Mountainbike-Trail soll von der Bergstation Plattjen hinab ins Dorf führen. Insgesamt sechs Kilometer durch unberührte Bergwiesen, einen Lärchenschutzwald und ein Jagdbanngebiet.
Auftraggeber ist der Mountainbike-Club Saastal/Saas-Fee. Dessen Präsident Beat Anthamatten ist der Inbegriff des Walliser Filzes: Er ist gleichzeitig Vizepräsident der Gemeinde Saas-Fee, Verwaltungsrat der Bergbahnen Saas-Fee, Präsident von Saastal/Saas-Fee Tourismus, Präsident der kommunalen Verkehrskommission und Mitglied des Öko-Teams Saas-Fee.
Interessenkonflikte zu Hauf
Zudem betreibt der CVP-Vertreter Anthamatten das Ferienart Resort & SPA und ist ein Kunde der Weinkellerei Chanton, welche der Familie der WWF-Präsidentin Marlis Chanton gehört. Anthamatten seinerseits sponsorte regelmässig das Klimafest des WWF Oberwallis. Zu den WWF-Sponsoren gehörte auch die Lonza AG, die Aletsch Arena Bettmeralp, die Synthes Raron GmbH und diverse Ingenieurbüros.
Mitte August zieht WWF-Geschäftsleiter Manz die Notbremse: Er meldet die illegalen Bauarbeiten der kantonalen Baupolizei und gibt einer Journalistin der Sonntagszeitung einen Tipp. Am 16. August 2009 erscheint ein kurzer Artikel in der Sonntagszeitung. Dann greifen die lokalen Medien und Schweiz Aktuell des Schweizer Fernsehens den Fall auf. Am 17. August fordert der Rechtsdienst des kantonalen Baudepartementes Anthamatten auf, die Bauarbeiten sofort einzustellen und keine Arbeiten mehr auszuführen, solange er nicht über eine entsprechende Baubewilligung verfüge.
Anthamatten: «Manchmal braucht es illegale Mittel»
Gegenüber Schweiz Aktuell erklärte Anthamatten freimütig: «Nachhaltiger Tourismus hat nicht nur damit zu tun, etwas zu verhindern, sondern auch ein optimales Angebot zu schaffen. Und wenn das in diesem Zeitraum gemacht werden muss, dann muss man manchmal zu Mitteln greifen, die illegal sind.»
Anthamatten wusste also sehr wohl, was er tat. Das kantonale Baudepartement hatte ihn bereits anfangs Juli vorgewarnt. Man habe erfahren, «dass mit gewissen Arbeiten bereits begonnen worden sei, obwohl noch keine Bewilligung des Staatsrates vorliegt. Wir fordern Sie auf, keine Arbeiten vorzunehmen, bevor der Staatsrat über das Genehmigungsgesuch entschieden hat.»
Dann erinnert das Baudepartement Anthamatten und die Gemeinde Saas-Fee blauäugig daran, dass die Gemeindebehörde ihre Aufsichtspflicht wahrzunehmen und die Arbeiten einzustellen habe. Nötigenfalls werde das Baudepartement die erforderlichen Massnahmen anordnen. Schliesslich nahm die Geschichte den für das Wallis üblichen Verlauf: Die Gemeinde nahm ihre Aufsichtspflicht nicht wahr, weil Vizepräsident Anthamatten sich selbst hätte stoppen und büssen müssen und das Baudepartement in Sitten vertraute auf die Gemeindeautonomie und verzichtete auf eigene Kontrollen.
Das Kantonsgericht gab Ralph Manz Recht
Das Baugesuch des Mountainbike-Clubs war unvollständig, insbesondere fehlte ein Rodungsgesuch. Auch die Frist für Einsprachen hatte die Gemeinde Saas-Fee gesetzeswidrig auf 10 Tage reduziert. Vorgeschrieben sind 30 Tage. Nachdem der Mountainbike-Club ein revidiertes Baugesuch einreichte, gab der Walliser Staatsrat im Mai 2010 grünes Licht. Eine Rodungsbewilligung hielt er für überflüssig. WWF-Geschäftsleiter Manz erhob gegen die Baubewilligung mit Erfolg Beschwerde: Im Dezember 2010 gab ihm das Kantonsgericht Recht: Gemäss bisheriger Rechtssprechung des Bundesgerichtes erfordert der Mountainbike-Trail eine Rodungsbewilligung.
WWF-Präsidentin pfeift Geschäftsführer zurück
Manz hatte sich erfolgreich im Interesse des Naturschutzes durchgesetzt. Rundherum erntete er dafür Anerkennung. Ein Kantonsbeamter war gar der Meinung, dass Manz für diesen Einsatz den Walliser Umweltpreis verdient hätte, wenn es einen solchen gäbe. Doch beim WWF sahen das nicht alle so. Nachdem der Fall in den Medien erschien, wurde Manz von seiner eigenen Walliser WWF-Präsidentin Marlis Chanton kritisiert. Laut Manz hat Chanton zuerst telefonisch und dann im Vorstand des WWF Oberwallis erklärt, es sei nicht die Aufgabe des WWF, mit solchen Fällen in die Öffentlichkeit zu gehen.
Auf Anfrage von Infosperber erklärte Chanton, es sei «selbstverständlich Aufgabe des WWF, illegale Bautätigkeiten öffentlich zu machen.» Sie habe nur kritisiert, dass Manz sie und den Vorstand nicht über die geplante Medienarbeit informiert habe. Ein damaliges Vorstandsmitglied teilt diese Einschätzung von Chanton nicht. Es sei im Vorstand sehr wohl zu hitzigen Diskussionen gekommen, ob der WWF mit solchen Fällen in die Öffentlichkeit gehen solle oder nicht. Chanton sei klar der Meinung gewesen, dass dies nicht die Aufgabe des WWF sei. In dieser Haltung sei Chanton vom WWF Schweiz unterstützt worden.
Statt «Maschinengewehr» die sanfte Verführung
Dann begann für den erfolgreichen Umweltschützer Manz der sukzessive Abschied von der WWF-Bühne. Bereits einen Monat später fand eine WWF-interne Supervisions-Sitzung mit Manz, Chanton und Catherine Martinson statt, der Leiterin Regionalarbeit des WWF, welche auch in der fünfköpfigen Geschäftsleitung des WWF Schweiz sitzt. Im Schreiben zur Supervision gab Martinson den WWF-Tarif unverblümt bekannt: «Der WWF würde es sehr begrüssen, wenn er die Zusammenarbeit fortsetzen könnte», schrieb sie einleitend, fügte jedoch bei: «Eine Trennung ist für den WWF Schweiz aber auch kein Tabu.»
Martinson warf Ralph Manz mangelnde Arbeitsleistung und Effizienz vor. Im krassen Widerspruch zu den Mitarbeitergesprächen und der sehr guten Zielerreichung der letzten drei Jahre. Zusammenfassend steht dort für das Jahr 2009/2010: «Gesamthaft kann gesagt werden, dass die Zielerreichung sehr gut ist. Die Zieldefinition ist damit realistisch. Ralph arbeitet zielorientiert.»
Manz arbeitete seit 2002 für den WWF. An einer weiteren Sitzung gab laut Manz auch der Chef des WWF Schweiz, Hans-Peter Fricker, den WWF-Tarif durch. Dabei habe Fricker erklärt, der WWF werde im Wallis als «Maschinengewehr» wahrgenommen. Die Aufgabe des WWF sei es jedoch, die Leute zum Umweltschutz zu verführen.
WWF-Studie mit Anthamatten, aber ohne Manz
Exakt in dieser Zeit lancierte der WWF Schweiz zusammen mit dem Schweizerischen Versicherungsverband, der Hotelleriesuisse, dem Kanton Wallis und der Gemeinde Saas-Fee eine Studie zum Klimawandel. Sozusagen ein ökologisches Verführungsprogramm, in dem seitenlang über die Gefährdung der Gebirgsflora spekuliert wird. Eine econcept-Studie mit ziemlich mageren Ergebnissen.
In der Begleitgruppe – man darf drei Mal raten – sass niemand anders als Beat Anthamatten. Ralph Manz, welcher die Gebirgsflora effektiv gegen Anthamattens illegale Eingriffe schützte, hatte freilich in der Begleitgruppe keinen Platz. Da schickte der WWF Schweiz in echt kolonialistischer Manier seine Leute aus der Zürcher Zentrale.
Nach zweieinhalb Jahren noch keine Bussen
Weniger gut als die Kooperation mit dem WWF funktioniert in Saas-Fee der Vollzug der Strafbestimmungen des kantonalen Strassengesetzes, welches u.a. für den Bau von Mountainbike-Trails gültig ist. Für Widerhandlungen gegen das Gesetz sind Bussen bis zu 100 000 Franken vorgesehen. Die Gemeinde ist das Vollzugsorgan. Auf Anfrage von Infosperber liess Gemeindepräsident Felix Zurbriggen ausrichten, der Gemeinderat werde «an der nächsten Sitzung über die Thematik beraten».
Das wird aber auch höchste Zeit, denn gemäss dem kantonalen Strassengesetz gilt eine Verjährungsfrist von drei Jahren. Das wäre bereits Ende Juni 2012 der Fall. Übrigens legt die Gemeinde Saas-Fee grossen Wert darauf zu betonen, dass der Entscheid für die Traktandierung noch vor der Infosperber-Anfrage gefallen war. Staunen muss man auch über die passive Haltung des Kantons, denn laut Strassengesetz muss das kantonale Baudepartement intervenieren, wenn die Gemeinde ihre Pflichten nicht wahrnimmt.
Breite Proteste gegen die Entlassung
Im Jahr 2010 wird Manz mit weiteren Supervisionen und Mitarbeitergesprächen durch den WWF Schweiz eingedeckt. Der WWF Schweiz verlangt von ihm die Erfüllung von insgesamt fünf Massnahmen. Zwei davon erfüllt Manz problemlos. Die restlichen drei kann er unmöglich einhalten, weil sie nicht in seiner Entscheidungskompetenz liegen. Zum Beispiel verweigert sich laut Manz die Präsidentin Marlis Chanton einer weiteren Supervision, welche der WWF Schweiz verlangt. Perfiderweise wird Manz vorgeworfen, er habe diese Massnahme nicht erfüllt.
Im Januar 2011 erhalten Chanton und Martinson Unterstützung von Mieke Eberhardt, Ex-Leiterin Human Resources beim WWF Schweiz, welche Manz auffordert, gleich selbst die Kündigung einzureichen. Die Entlassungsdrohungen belasten ihn so stark, dass ihn der Arzt krankschreibt. Im August 2011 erhält Manz die Kündigung auf Ende November. Gegen den breiten Protest von Personen aus Politik und Medien, gegen die WWF-interne Personalkommission, gegen die Ombudsstelle des WWF, gegen den Protestbrief der 23 regionalen GeschäftsleiterInnen des WWF Schweiz und gegen den Brief des Vorstandes des WWF Oberwallis (ohne WWF-Präsidentin Chanton).
Diskussion an der WWF-Generalversammlung verweigert
Selbst der Walliser Alt-Staatsrat Thomas Burgener schrieb an den WWF Schweiz: «Ralph Manz war und ist ein ausgezeichneter Vertreter im Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt. Für das Oberwallis, seine Natur und Landschaft und auch für den WWF wäre eine Kündigung ein grosser Verlust.» Die Proteste interessierten die WWF-Zentrale in Zürich nicht. An der Generalversammlung des WWF Wallis erklärte Martinson den verblüfften WWF-Mitgliedern, dass es sich hier um eine Personalfrage handle und verweigerte die Diskussion.
Ende Oktober 2011 appellierte Manz mit einem 14-seitigen Schreiben an die Vernunft von WWF-Chef Fricker. Ansonsten sei er gezwungen, eine Klage beim Arbeitsgericht einzureichen. Auf Anfrage von Infosperber wollte sich Fricker nicht zum Konflikt äussern. Der Appell an die Vernunft verhallte in Zürich. Die Entlassung wurde Ende November definitiv. Am 17. Januar findet ein Schlichtungstreffen mit dem WWF statt. Falls keine Einigung erreicht wird, kommt der Fall vor das Walliser Arbeitsgericht. Hier hat Manz gute Chancen, eine Entschädigung zu erhalten. Denn dort will er seine Trümpfe präsentieren. Weitere pikante Details möchte er noch nicht in die Öffentlichkeit tragen.
WWF zelebriert die Kooperation mit der Wirtschaft
Es ist für die Entwicklung des WWF bezeichnend, dass WWF-Chef Fricker den Oberwalliser Geschäftsleiter fallen liess. Vor zwanzig Jahren mussten sich die WWF-Mitarbeiter im Wallis noch vor gewalttätigen Übergriffen fürchten, heute kommt die Gefahr aus der WWF-Zentrale in Zürich.
Manz passte nicht mehr in das Konzept des heutigen WWF. Seit Stiftungsratspräsident Robert Schenker und Geschäftsleiter Fricker im Jahr 2004 das Zepter übernahmen, zelebriert man beim WWF noch verstärkt die Kooperation mit der Wirtschaft. Im Stiftungsrat und in der Geschäftsleitung wimmelt es von ehemaligen Bankern, Marketingleuten, Vermögensverwaltern, Unternehmens- und Finanzberatern.
WWF-Präsident Schenker war Banker
WWF-Präsident Schenker war bis 1998 für den Schweizerischen Bankverein tätig, zuletzt als Direktions-Vorsitzender. Seit 1998 arbeitet Schenker als unabhängiger Finanz- und Unternehmensberater. Von 1998 bis 2009 war Schenker Verwaltungsrat der Partners Group Holding AG, einer international tätigen Schweizer Vermögensverwaltungsgesellschaft, welche sich auf alternative Anlagen spezialisiert hat, beispielsweise Hedge-Fonds. In den Geschäftsberichten der Partners Group wird das hohe Lied des Profits gesungen.
Als Schenker 2009 aus dem Verwaltungsrat zurücktrat, war der gescheiterte UBS-Chef Peter Wuffli sein Nachfolger bei der Partners Group. Wie Schenker war Wuffli früher für den Bankverein tätig. Die Partners Group agiert weltweit und hat ihren Sitz im steuergünstigen Baar im Kanton Zug. Schenker selbst wohnt im ebenfalls steuergünstigen Herrliberg.
Aktuell ist Schenker Verwaltungsratspräsident der Corporate Management Selection C.M.S. AG, welche spezialisiert ist auf die Selektion von Spezialisten und Führungskräften für die Bank- und Finanzbranche, sowie auf Eignungstests und Persönlichkeitsanalysen. Ebenfalls im WWF-Stiftungsrat sitzt Tina Felber, Leiterin Marketing und Kommunikation bei der Siemens Schweiz AG.
Billigflieger und Erdöl-Lobbyist im Stiftungsrat des WWF International
In der Geschäftsleitung des WWF Schweiz sitzen neben FDP-Mitglied Fricker auch Thomas Vellacott, ein ehemaliger Mitarbeiter der Citibank und der McKinsey & Company, Gian-Reto Raselli, ein ehemaliger Mitarbeiter der Zürcher Kantonalbank, sowie Markus Schwingruber, ein ehemaliger Senior Consultant des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG.
Im Stiftungsrat des WWF International sitzen unter anderen Antony Burgmans, Verwaltungsrat des Erdölmultis und Umweltsünders BP, und Alvaro de Souza, Verwaltungsratspräsident der brasilianischen Fluggesellschaft GOL Airlines, dem achtgrössten Billigflieger der Welt.
Schonkultur für die ökologischen Bremser
Im WWF-Mitglieder-Magazin überwiegt das FDP-Motto der Freiwilligkeit. Über verfehlte Strukturen und über die Namen der politisch Verantwortlichen liest man im WWF-Magazin auffallend wenig. Die ökologischen Bremser aus den Parteien der FDP, CVP und SVP, sowie die wirtschaftlichen Akteure geniessen im Panda-Magazin eine Schonkur. Dass Umweltschutz nicht ohne Kooperation mit der Wirtschaft geht, ist wohl allen klar. Aber offenbar hat der WWF den Kooperations-Bogen doch etwas überspannt. Kein Wunder, dass in den letzten Monaten gleich zwei Fernsehbeiträge diese fragwürdige Kooperation des WWF mit den Grosskonzernen in den Entwicklungsländern anprangerten (siehe Links unten).
Der neue Oberwalliser Geschäftsleiter wohnt in Zürich
Der WWF hat den Vater zweier Söhne in Ausbildung auf die Strasse gestellt. Wohl wissend, dass er im Wallis keine Stelle finden wird. Nachhaltiges Verhalten sieht anders aus. Wie Hohn tönen da Frickers schöngeistige Worte als Zuhörer in der Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens: «Ich möchte gerne noch die soziale Kompetenz in Bezug auf die Zukunft des Menschen ansprechen. Was mir immer so gefällt, ist ein Motto, das es in der tibetanischen Kultur gibt: Wenn du eine Entscheidung triffst, dann denk an die Konsequenzen der 7. Generation nach dir.»
Die Stelle von Ralph Manz hat übrigens seit Anfang Januar 2012 ein langjähriger WWF-Mann übernommen. Er wohnt in Zürich!
Mitglied des Beirates der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) bis am 4. Januar 2012
ARD, 22. Juni 2011
SF Rundschau, 31. August 2011
SF Schweiz Aktuell, 24. August 2009
SF Schweiz Aktuell, 17. August 2009
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