Johnatan Lundgren hat Zweifel an der Umweltverträglichkeit wichtiger Pestizide © cc

US-Forscher klagt gegen Zensur der US-Agrarbehörde

Red. / 07. Jan 2016 - Seine pestizidkritische Forschung sei mehrfach behindert worden, sagt ein Wissenschaftler und verklagt die US-Agrarbehörde USDA.

  • Infosperber über Acroscope
  • Der Wissenschaftler Jonathan Lundgren, Insektenkundler und seit elf Jahren angestellt bei der US-Agrarbehörde USDA, befindet sich in genau dieser Situation. Im März 2015 stellte er fest, dass die Genehmigung für eine Vortragsreise, auf der er sich befand, seitens des US Departments of Agriculture gar nicht erteilt worden war.

    Harsche Reaktion auf einen Lapsus

    Ob er die Genehmigungsunterlagen bei seinem Arbeitgeber zu spät oder unvollständig eingereicht hatte, dazu gehen die Darstellungen verschiedener Medien auseinander. Worin sie sich einig sind: Reiseanträge in letzter Minute oder gar erst nach der Rückkehr einzureichen, ist in der Behörde gängige Praxis. Ein Lapsus also, der Lundgren mehrere tausend Dollar kostete, da die Reise bereits gebucht und bezahlt war.

    Nach offizieller Lesart war Lundgren unerlaubt der Arbeit ferngeblieben. Dazu kam eine aus USDA-Sicht nicht genehmigte Publikation in einem Fachmedium. Im August wurde der renommierte Wissenschaftler deshalb für zwei Wochen suspendiert. Am 28. Oktober 2015 reichte die Organisation «Public Employees for Environmental Responsibility» (PEER), die öffentlich angestellte Forscher vertritt, in Lundgrens Namen eine Whistleblower-Klage bei einem US-Bundesgericht ein.

    Neonics und RNAi-Pestizide: Eine Goldgrube für die Chemie

    Ulrich Schmid, der Israel-Korrespondent der NZZ, schrieb am 9. Januar: «Dass im Regierungssitz genommen und gegeben wird, belegt offenbar auch die Tonbandaufnahme eines Gesprächs zwischen Netanyahu und dem Medien-Tycoon Arnon Mozes, dem Inhaber der hebräischsprachigen Tageszeitung Yedioth Ahronoth. Gegenstand der Kabale soll auch in diesem Fall ein beiderseits profitabler Deal gewesen sein. Netanyahu hätte die Reichweite der auflagenstärksten Tageszeitung Israel Hayom beschränkt, Arnon Mozes hätte für eine etwas freundlicher auf Netanyahu blickende Berichterstattung in seiner Yedioth Ahronoth gesorgt. Die Sache ist insofern pikant, als Mozes jahrelang als einer der erbittertsten Feinde Netanyahus galt. Die Gratiszeitung Israel Hayom wiederum, die dem amerikanischen Kasino-König Sheldon Adelson gehört, beweihräuchert Netanyahu derart penetrant, dass sich darob selbst Rechtspolitiker degoutiert zeigen.» (Ganzer Artikel siehe hier.)

    Noch deutlicher sagt es der SPIEGEL: «Ein Skandal zu viel: Es wird eng für Israels Premier Netanyahu. Benjamin Netanyahu ist nicht nur israelischer Regierungschef. Er ist auch Kommunikationsminister. In beiden Funktionen hat er oft gezeigt, dass er nicht viel hält von einer freien Presse. Vor diesem Hintergrund wirkt sein jüngster Skandal besonders anrüchig: Auf Tonaufnahmen soll zu hören sein, wie Netanyahu mit Arnon Mozes, Chef von Yedioth Ahronoth, einer der größten Tageszeitungen des Landes, über eine wohlwollende Berichterstattung verhandelt. Mozes gilt als langjähriger Widersacher Netanyahus. Von dessen Zeitung fühlte sich der Premier immer besonders schlecht dargestellt. Er werde alles tun, um Netanyahu an der Macht zu halten, soll der Publizist angeblich versprochen haben. Journalisten sollen ausgetauscht werden – der Premier könne seine Wunschliste einreichen.» (SPIEGEL 3/2017 vom 14.1.2017)

    Zum einen beschäftigt er sich seit mehreren Jahren mit Neonicotinoiden oder Neonics, den meistverwendeten Schädlingsbekämpfungsmitteln der Welt. Neonics stehen unter anderem im Verdacht, Verursacher des Bienensterbens zu sein*. Lundgren meldete Zweifel an ihrer Umweltverträglichkeit an.

    Der Wissenschaftler fand heraus, dass Clothiadin, vertrieben von Bayer, schädlich für den Monarchfalter ist und dass Thiamethoxam (Syngenta) Sojapflanzen zwar nur wenig vor Blattläusen schützt, dafür aber Insekten schadet, die sich von Blattläusen ernähren.

    Der Wissenschaftler fand heraus, dass Clothiadin, vertrieben von Bayer, schädlich für den Monarchfalter ist und dass Thiamethoxam (Syngenta) Sojapflanzen zwar nur wenig vor Blattläusen schützt, dafür aber Insekten schadet, die sich von Blattläusen ernähren.

    Zum Zweiten forscht der Entomologist im Bereich der RNA-Interferenz oder RNAi. RNAi ist eine neue Technologie, die es durch gezielte Eingriffe ermöglichen soll, bestimmte Insekten-Gene auszuschalten. Der Grossteil der Forschung zu RNAi, schrieb Lundgren 2013, entfalle jedoch auf die Humanmedizin.

    Er meldete Zweifel an der Spezifität von RNAi-Pestiziden an und stellte zur Diskussion, dass «weitgehend ungeklärt» sei, wie lange RNAi-Pestizide in der Umwelt verbleiben, bevor sie abgebaut werden. Auf einem Kongress der US-Umweltbehörde EPA sprach Lundgren 2014 über die Risiken der RNAi-Technologie.

    Ende Oktober 2015 wurde das erste RNAi-modifizierte Saatgut von Monsanto durch Lundgrens Arbeitgeber, das USDA, zugelassen. Die Umweltbehörde EPA, die am Zulassungsprozess beteiligt ist, sprach dem Genmais jedoch nur eine begrenzte Zulassung aus. Er darf nicht kommerziell vertrieben oder verkauft werden, berichtet das Magazin «Mother Jones».

    Zunehmende Schikanen durch den Arbeitgeber

    Seit etwa zwei Jahren, beschreibt Lundgren in der Klageschrift, sei er zunehmenden Repressalien ausgesetzt. Er wurde angewiesen, sich den Medien gegenüber über beide Themen nicht mehr zu äussern, sein Labor wurde einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen, mehrere seiner Mitarbeiter wurden entlassen. Seine Forschungsanträge – die Lebensgrundlage jeden Labors – wurden abgelehnt.

    Der Wissenschaftler wurde sogar gebeten, seinen Namen aus einer Publikation zu entfernen. «Ich glaube, das wirft ernsthafte Fragen nach der Neutralität der Wissenschaft auf», schrieb Lundgrens Co-Autor, der Ökonom Scott Fausti, als Fussnote darunter.

    «Sensible Forschungsschwerpunkte»

    Wohlmeinende Beobachter sehen im Vorgehen des USDA den Versuch, Kontroversen zwischen Industrie und Aktivisten nicht zu befeuern. Die Behörde selbst bezeichnet die Forschungsschwerpunkte Lundgrens als «sensibel».

    Lundgren ist der erste Wissenschaftler, der Repressalien öffentlich macht. Die Organisation PEER weiss jedoch auch von anderen, deren Arbeit durch das USDA behindert wurde. Nicht alle Beispiele seien so drastisch wie Lundgrens, sagt Jeff Ruch, Geschäftsführer der Non-Profit-Organisation. Es würde Forschern jedoch klargemacht, in welche Richtung ihre Forschung nicht gehen sollte.

    «Man kann forschen an was man will, so lange es keine Auswirkungen auf die reale Welt hat», kommentiert er die internen Vorschriften des USDA, die Forscher anhält, «keine Aussagen zu treffen, die als Wertung ... der Politik in Washington oder der des USDA aufgefasst werden können».

    «Wenn man das so handhabt wie Jonathan, tut man das auf eigene Gefahr», sagte Ruch der Zeitschrift «The Atlantic».

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    Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Berichts im Magazin «Mother Jones» und anderer US-Quellen erstellt. Grosse Medien in der Schweiz haben bisher nicht darüber berichtet.

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    *Siehe

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    Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    keine

    Weiterführende Informationen

    «Is the USDA Silencing Scientists?», The Atlantic
    «This Scientist Uncovered Problems With Pesticides...», Mother Jones
    «USDA Whistleblower claims Censorship of Pesticide Research», Harvest Public Media

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