Bienen: Geschwächt durch Gifte © k_millo/Flickr

Bienen: Geschwächt durch Gifte

Bienensterben: Syngenta klagt gegen Pestizidverbot

Christof Moser / 27. Aug 2013 - Der Basler Agrochemiekonzern klagt gegen die Giftverbote der EU. Doch eine neue Studie zeigt: Die Gifte schwächen die Bienen.

Ende Mai kam der von Umweltschützern herbeigesehnte Entscheid: Die EU-Kommission verbot auf den 1. Dezember 2013 die Verwendung von drei Pflanzenschutzmitteln aus der Gruppe der Neonikotinoide, die für das Massensterben von Bienen verantwortlich gemacht werden.

Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam heissen die drei Chemikalien, deren Einsatz verboten wird. Zum Teil, jedenfalls: Die drei Wirkstoffe dürfen nicht mehr für den Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps und Baumwolle verwendet werden. Das Verbot gilt für zwei Jahre, in denen weitere Untersuchungen folgen sollen. Eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bescheinigte den drei Pestiziden bereits «etliche Risiken für Bienen». Abschliessen konnte die EU-Behörde die Analyse der Pestizide allerdings nicht, weil die Hersteller, unter anderem Syngenta und Bayer, die Herausgabe von Datenmaterial über die genaue Zusammensetzung der Gifte verweigerten. Stattdessen kritisierten die Konzerne das Pestizidverbot durch die EU scharf. Mitte August hatte Bayer gar Klage gegen die Teilverbote eingereicht.

Syngenta wirft EU ungenaue Prüfung vor

Jetzt geht auch Syngenta in die Gegenoffensive: Der Basler Agrochemiekonzern klagt ebenfalls gegen das Teilverbot der EU-Kommission. Der Entscheid, das Syngenta-Insektengift Thiamethoxam zu verbieten, stütze sich auf ein fehlerhaftes Verfahren und eine ungenaue Prüfung durch die Lebensmittelsicherheitsbehörde, teilt Syngenta mit. Das Pflanzenschutzmittel habe mit der Verschlechterung der Bienengesundheit nichts zu tun.

Die Risikobewertung durch die EFSA hatte jedoch ergeben, dass die Staubentwicklung von behandeltem Saatgut für Bienenvölker gefährlich werden kann. Zuständig für die Bayer- und Syngenta-Klagen ist ein EU-Gericht in Luxemburg, das Klagen gegen die EU wegen verletzter kommerzieller Interessen beurteilt.

Pollenproben mit bis zu 21 Pestiziden

Eine brandaktuelle US-Studie bestätigt allerdings die Gefährlichkeit von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden für die Bienen. Geschwächt werden Bienenvölker vor allem durch den Mix aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln.

Herausgefunden hat dies ein Team um Jeffery Pettis vom Bee Research Laboratory in Beltsville (US-Bundesstaat Maryland), das Pollen von 63 Bienenstöcken analysierte und die Untersuchungsergebnisse im Fachmagazin «PLOS One» publizierte.

Im Schnitt enthielten die Pollenproben 9 Pestizide. In einem Fall enthielten die Pollen sogar 21 unterschiedliche Pflanzenschutzmittel. Insgesamt entdeckten die Forscher 35 verschiedene Pestizide. In drei Viertel der Proben waren Herbizide zu finden, Insektizide und Fungizide entdeckten die Forscher in allen Stichproben.

Bienen werden anfällig für Parasiten

In mindestens einer Probe überstiegen zwei Substanzen die sogenannte mittlere letale Dosis. Würden die Tiere allesamt solche Mengen aufnehmen, würde die Hälfte des Bienenvolks innerhalb von ein bis zwei Tagen sterben. Damit bestätigen die Forscher eine Vielzahl früherer Forschungsergebisse, die ergeben hatten, dass Pestizide das Immunsystem der Bienen beeinträchtigen können und ihr Verhalten verändern. Sie verlieren die Orientierung und sterben.

Das interessanteste Ergebnis lieferte jedoch die Frage, ob die Pesitzide einen Einfluss haben auf die Erkrankung von Bienen mit dem Pilz Nosema ceranae, der bei Imkern auch als Frühlingsschwindsucht bekannt ist. Dazu fütterten die Forscher Bienen entweder mit einer unbelasteten oder einer belasteten Pollenprobe. Dann setzten sie die Tiere den Pilzerregern aus. Das Ergebnis: 13 Prozent der Bienen, die pestizidfreie Pollen verabreicht erhalten hatten, erkrankten. Von den Bienen mit den belasteten Pollen erkrankten 24 Prozent.

Agrochemie will Teufel mit Belzebub austreiben

Danach errechneten die Forscher, welchen Einfluss die verschiedenen Pestizide auf die erkrankten Bienen haben. Das Ergebnis: 14 Pestizide schienen den Parasitenbefall der Bienen zu senken – darunter 5 von 9 Fungiziden –, 8 dagegen erhöhten ihn.

Darauf baut die zynische Verteidigungsstrategie der Agrochemiemultis mit ihren eigenen Unterschungsergebnissen, denen sie bei der EU-Kommission mehr Geltung verschaffen wollen: Die Bienen werden durch Pestizide zwar häufiger krank, durch einige der Gifte aber etwas weniger. Der Volksmund hat dafür ein Sprichwort parat: den Teufel mit dem Belzebub austreiben.

Am anfälligsten für Nosema machte die Bienen übrigens ein Fungizid, das auch in der EU zugelassen ist: Pyraclostrobin. Jene Bienen, die den Stoff aufgenommen hatten, erkrankten fast dreimal so häufig wie Bienen, die durch das Fungizid nicht belastet waren.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

Syngenta klagt nicht nur gegen das Pestizidverbot ihrer Neonikotinoide, sondern dazu kommt, dass sie in der Schweiz ein Verbot verhindern oder mindestens aufschieben konnte! Wieder einmal ist die zuständige Behörde vor dem wirtschaftlichen Druck eingeknickt. Erst wird darauf verwiesen, dass man den Entscheid der EU abwarten und nicht vorpreschen wolle, dann geht die Schweiz noch einen Schritt zurück.

Da kann der Eindruck entstehen, dass die Wirtschaft in der Schweiz wichtiger ist als die Gesundheit von Tier und Mensch ...
Immerhin handelt es sich bei der Biene um das drittwichtigste offizielle Nutztier unseres Landes.
Daniel Nägeli, am 29. August 2013 um 09:36 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.