Einst und jetzt: Um 1774 (Gemälde links von Caspar Wolf) reichte der untere Grindelwaldgletscher noch fast bis ins Dorf hinunter – heute (Foto Nussbaumer 2013 rechts) ist er fast 2 Kilometer kürzer.

Alle Gletscher sind todgeweiht

Niklaus Ramseyer / 11. Nov 2016 - Klimaerwärmung sorgt erneut für heisse Debatten. Berner Forscher zeigen in einem Buch, wie wüst sie unseren Gletschern mitspielt.

Nur arg verblendete Phantasten (wie etwa Trump-Wähler oder Weltwoche-Redakteure) leugnen jetzt die menschgemachte Klimaerwärmung noch. Und diese ist dramatischer, als bisher angenommen. In der Schweiz auch – und bedrohlich: Um fast 2 Grad hat sich das Klima in den letzten 150 Jahren hier bereits erwärmt. Es dürften bald schon 4 Grad sein. Nach einer ersten Konferenz in Paris Ende 2015 versuchen jetzt Experten und Regierungen aus 195 Ländern weltweit in Marrakesch erneut, «die gefährliche Erderwärmung» auf unter 2 Grad zu begrenzen.

Verdorrte Wälder geschmolzene Gletscher

Schon nur um den Klimaschutz in den am ärgsten betroffenen Entwicklungsländern anzugehen, bräuchte es ab 2020 jährlich mindestens 90 Milliarden Euro. Das Geld ist nirgends – oder verpufft in der Rüstungs- und Kriegswirtschaft. Aber auch in unserem Lande zeigen sich die üblen Folgen der Erwärmung: Das Forschungsprogramm «Wald und Klimawandel» hat jetzt etwa herausgefunden, dass die hierzulande häufigen Nadelbäume (Tannen und Dählen) durch die Erwärmung arg in Mitleidenschaft gezogen werden. Hitzeperioden und Überschwemmungen machen der Landwirtschaft immer mehr zu schaffen.

Noch direkter und brutaler trifft es die Gletscher. Wie brutal und final, das hat eine Berner Forscher-Gruppe unter Leitung des Geographieprofessors Heinz Zumbühl in den letzten Jahren systematisch untersucht und jetzt in einem zwar wunderschönen, aber ebenso erschreckenden Buch auf 257 Seiten dargestellt. Titel: «Die Grindelwaldgletscher (in) Kunst und Wissenschaft». Die Fachleute kommen zum wissenschaftlich gesicherten Schluss: Kurz nach Ende des 21. Jahrhunderts wird von den immer noch eindrücklichen Gletschern in den Schweizer Alpen fast nichts mehr übrig geblieben sein.

Eine «kleine Eiszeit» kommt nie mehr

Konkret: Der untere Grindelwaldgletscher etwa, der jetzt noch fast 20 Quadratkilometer Fläche und ein Eisvolumen von 1,32 Kubikkilometer darstellt, wird dannzumal auf bloss noch gut 3 Quadratkilometer und 0,08 Kubikkilometer dezimiert sein. 1864 war dieser Eiskoloss mit 2,73 Kubikkilometern noch mehr als doppelt so mächtig wie heute gewesen. Um 1650 herum hatte er seine Zunge fast bis ins Dorf hinunter gestreckt. Hatte sie fast das ganze 18. Jahrhundert hindurch dann wieder um mehrere hundert Meter zurückgezogen. Nur um seine gewaltigen Eismassen um 1800 herum und dann nach 1850 erneut bis in den Talgrund vorzuschieben. Man nennt dies «die kleine Eiszeit». Doch seit 1930 ist das «Zungenspiel» auch dieses Gletschers nur noch rapide rückläufig. Heute reicht er fast 2 Kilometer weniger weit hinunter als noch um 1850.

Und die Berner Forscher sind sich einig: «Kleine Eiszeiten» wird es nie mehr geben. Ganz im Gegenteil: Die Gletscher sind jetzt definitiv eine aussterbende Naturerscheinung. Und nicht nur hierzulande. Auch in Lateinamerika und Asien etwa oder in Kanada: Dort ist das gewaltige Columbia-Icefield (grösste Eismasse südlich des Polarkreises) nur schon in den letzten 15 Jahren um mehrere hundert Meter zurückgeschmolzen.

Exakte Landschaftsmaler

Wie aber kann man die Bewegungen der Gletscher bis in weit entfernte Jahrhunderte zurück so präzise rekonstruieren? Mit Hilfe längst verstorbener Landschaftsmaler. So lautet die ebenso geniale wie genaue Antwort. Diese Maler haben die Landschaften nämlich sehr exakt und wirklichkeitsgetreu auf ihren grösseren und kleineren Gemälden dargestellt. Wie präzise da gearbeitet wurde, zeigen die ersten Fotografien, die dann ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Produkte der bunten Pinselkünstler zusehends in schwarz-weiss ergänzen. Klar hat der eine oder andere Maler da und dort noch eine Kuh, ein paar Geissen und Bauersleute bei der Arbeit in sein Werk hinein phantasiert – oder gar einen Jäger mitsamt Flinte und Gemse vor Kimme und Korn. Wo der Berg an den Gletscher grenzt, und bis wo dieser ins Tal hinunter reicht, das haben die Landschaftsmaler jedoch peinlich genau abgebildet.

Darum können die Gletscherforscher nun 400 Jahre Gletscherentwicklung auch in Grafiken fast metergenau darstellen. Ein grosser Teil der Arbeit der Berner Wissenschafter bestand zuvor aber darin, die Landschaftsbilder von Grindelwald und seinen beiden Gletschern ausfindig zu machen und zu sichten. Zusammengekommen ist dadurch in ihrem Buch ein prächtiger «Ausstellungskatalog» mit teils bisher unbekannten, aber wundervollen Werken, die sie grosszügig (oft auf ganzen Seiten des eleganten Querformats) wiedergeben.

Berühmte Künstler waren da

Und man staunt, wer alles da im Laufe der Jahrhunderte mit Staffelei und Malkasten von weither teils bis nach Grindelwald hinauf gereist ist. Das reicht von Conrad Wolf und Samuel Biermann im 18. Jahrhundert über diverse «Kleinmeister» wie die Lorys (Père et fils) bis hin zu Ferdinand Hodler, der diese Berglandschaft noch 1912 auf seine Leinwand zauberte. Aber auch Konrad Escher gab sich die Ehre und sogar der weltbekannte, englische Romantiker William Turner.

Mit alten, aber auch aktuellen Fotografien vom selben Beobachterstandpunkt aus, wo Jahrhunderte zuvor die Staffelei des Malers stand, können die teils frappanten Unterschiede im Landschaftsbild genau aufgezeigt werden. Die Forschergruppe hat aber noch weitere Methoden zur Rekonstruktion der Gletscherentwicklung hinzugezogen. So etwa die Analyse uralter Baumstämme, Strünke und Holzstücke aus jenen Wäldern und Gehölzen, welche die Gletscher bei ihren jeweiligen Vorstössen ganz langsam aber mit unerbittlicher Gewalt niederwalzten, zudeckten – und in ihrer Kälte konservierten.

Selbst einem Kleinkind bekannt und verständlich

Kombiniert mit modernsten Mitteln wie Drohnen-Aufnahmen oder Radarmessungen der Eisdicke konnte so der momentane Zustand der beiden Eisfelder ganz genau ermittelt werden. Und nicht nur deren Geschichte haben die Forscher weit zurück rekonstruiert. Auch in die Zukunft der Gletscher können sie mit elektronischen Hilfsmitteln und mathematischen Modellen blicken.

Diese sieht allenthalben zappenduster aus. Und nicht nur in den Schweizer Alpen: In den Pyrenäen, im Kaukasus, in Spitzbergen, Island und Skandinavien – aber auch in Süd- und Nordamerika zeigt sich spätestens sei dem Ende des letzten Jahrhunderts ein «weltweiter Trend der negativen Bilanzen», kann man in dem Buch lesen. Wie bedrohlich diese Entwicklung ist, verfolgt der «World Glacier Monitoring Service» (WGMS) von der Uni Zürich aus (www.wgms.ch). Die Verfasser des Buches halten fest: «In globalen Klimabeobachtungsprogrammen stehen Gletscher heute als Symbol für den Klimawandel. Die Gründe dafür sind evident: Gletscherveränderungen können von allen beobachtet werden, und der physikalische Zusammenhang des Schmelzens von Eis unter wärmeren Bedingungen dürfte selbst einem Kleinkind bekannt und damit verständlich sein.» Die Leugner des menschgemachten Klimawandels hingegen verstehen es ganz offensichtlich immer noch nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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2 Meinungen

Was der 11.9. für die USA bedeutet ist der 9.11. für die Umwelt, eine Katastrophe. Wenn im Land der grössten Umweltverschmuttzung einer wie Donald Trump zu bestimmen hat, wird alles nur noch schlimmer. Und wenn sich die USA nicht ums Klima scheren, werden andere wie China oder Indien wohl auch nichts machen. Ein Trauriger Tag für zukünftige Generationen.
Daniel Zapf, am 11. November 2016 um 14:00 Uhr
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René Edward Knupfer-Müller, am 16. November 2016 um 15:52 Uhr

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