Prostituierte: Als Arbeiterin anerkennen oder verbieten? © 85mm.ch/Flickr/CC

Prostituierte: Als Arbeiterin anerkennen oder verbieten?

Prostitutierte verbieten oder ihre Rechte schützen

Barbara Marti / 07. Feb 2012 - In ihrer Haltung zur Prostitution ist die europäische Frauenbewegung tief gespalten. Gestritten wird um eine laufende Kampagne.

Eine Kampagne «Gemeinsam für ein Europa ohne Prostitution» hat die «Europäische Frauenlobby», Dachorganisation der Frauenorganisationen aus dreissig europäischen Ländern, im letzten Sommer lanciert.

Die Kampagne will klar machen, dass Prostitution keine Erwerbsarbeit sei, sondern eine Form von Gewalt gegen Frauen, sagt Rada Boric von der Frauenlobby. Die Politik dürfe auf nationaler und europäischer Ebene die sexuelle und ökonomische Ausbeutung von Prostituierten nicht mehr tolerieren.

Diese Kampagne spaltet die Frauenbewegung: Gegen die Kampagne wenden sich die Frauenorganisationen aus zahlreichen osteuropäischen Ländern, aber auch diejenigen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden.

Deutschland und die Niederlande haben die Prostitution vor Jahren legalisiert. Prostituierte haben ähnliche Rechte wie andere Arbeitnehmerinnen.

Auch in Österreich dominiere das Bild der «selbstbestimmten Sexarbeiterin», schreibt der «Standard». Eine Debatte, ob Prostitution als Form der Gewalt gegen Frauen verboten werden müsse, finde im Unterschied zu anderen europäischen Ländern kaum statt.

Christa Pölzlbauer, Vorsitzende des Österreichischen Frauenringes, sagte gegenüber dem «Standard», sie sei mit dem Ziel der Anti-Prostitutions-Kampagne «nicht vorbehaltlos» einverstanden. Der Frauenring ist der Dachverband aller Frauenorganisationen Österreichs.

Freier bestrafen oder Prostituierte legalisieren

Die Frage, ob der Staat Freier bestrafen oder im Gegenteil die Prostitution legalisieren soll, ist nicht nur unter Frauen umstritten. Entsprechend unterschiedlich sind die rechtlichen Regelungen:

In zahlreichen osteuropäischen Ländern ist Prostitution verboten. Mit Bestrafung rechnen müssen sowohl Freier als auch Prostituierte.

Schweden, Norwegen und Island haben den Kauf sexueller Dienstleistungen verboten. Bestraft werden nur die Freier.

In Frankreich haben die Sozialistin Danielle Bousquet und der Konservative Guy Geoffroy Ende letzten Jahres gemeinsam einen Gesetzesentwurf zur Freierbestrafung ins Parlament eingebracht.

Toleriert, aber nicht als Arbeit anerkannt

Die Schweiz und Österreich gehören zu einer Gruppe von Ländern, welche die Prostitution tolerieren, sie aber rechtlich nicht als Erwerbsarbeit anerkennen.

Das heisst: Prostituierte müssen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Abmachungen mit einem Freier gelten aber als sittenwidrig. Offene Forderungen können die Sexarbeiterinnen deshalb nicht vor Gericht einklagen.

«Es gibt keine freiwillige Prostitution»

Die Befürworterinnen eines Verbotes argumentieren, dass es keine freiwillige Prostitution gibt. Die Prostituierten seien Opfer von Zuhältern und Menschenhändlern. Der Staat müsse deshalb bei den Freiern ein Unrechtsbewusstsein schaffen, Zuhälter bestrafen und Prostituierte beim Ausstieg unterstützen.

Recht der Frauen auf Selbstbestimmung

Die Gegnerinnen eines Verbotes argumentieren, dass es eine freiwillige Prostitution gibt und strafrechtliche Regelungen das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung verletzen. Der Staat müsse deshalb die rechtliche Diskriminierung von Sexarbeiterinnen – und insbesondere von Migrantinnen – beenden und sie mit anderen Erwerbstätigen gleichstellen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Herausgeberin und Redaktorin der Zeitschrift «FrauenSicht».

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3 Meinungen

Jeder/e kann mit seinem Körper machen was er/sie will. Eine selbständige freie Sexarbeiterin geht ihrem Beruf nach wie jeder/e Andere auch. Zuhälterei gehört verboten und jegliche Art der Unterdrückung von Frauen, Kindern und aller Art von Abhängigen. Jegliche Gewalt gegen Andere muss natürlich bestraft werden. Die Natur hat uns die Sexualität mitgegeben und ist die natürlichste Sache der Welt, wie Essen und Trinken und für die Meisten auch die schönste Sache der Welt. Wer damit ein Problem hat, sollte sich aufklären lassen. In vielen Beziehungen und Ehen gibt es massive Probleme und Unzufriedenheit mit der Sexualität. Die Gründe sind vielfältig. Sexarbeiterinnen sind ein gutes Regulativ für eine harmonische Gesellschaft, wenn man es natürlich betrachtet und diesen Beruf als gleichwertig zu anderen betrachtet. Selbstverständlich müssen Männer die Angebote der Frauen respektieren.
Rudolf Hohenberger, am 07. Februar 2012 um 11:55 Uhr
Prostitution sollte nicht verboten werden aber der Strassenstrich schon, wenn diese Frauen in geschützten Räumen (Bordells) die eine Kontrolle haben arbeiten können, haben die Zuhälter keine Chance diese Frauen zu zwingen Ihnen Ihren ganze Verdienst zu übergeben. Auch würde der gesundheitliche Zustand der Frauen immer kontrolliert.
Beim Strassenstrich zwingen die Zuhälter ihre Sexsklavinnen Ihren ganzen Gewinn zu übergeben und wenn sie das nicht tun werden sie geschlagen. Sie sind also diesen Bestien hilflos ausgeliefert.
Hans Koller, am 07. Februar 2012 um 13:59 Uhr
Ein Verbot gegen Prostituierte oder Freier ist ein unzulässiger Eingriff in die Privatsphäre und passt nur in einen Schurkenstaat.
Zuhälterei, die mit Zwang verbunden ist, muss dagegen unter äusserst harter Bestrafung stehen. Es braucht dringend landesweite Gesetze und Verordnungen über die Prostitution und darf niemals zur kantonalen Angelegenheit oder gar Kommunalsache degradiert werden.
Die rechtliche Unterstützung einer gut geregelten Prostitution kann die hohe Zahl der Sexualverbrechen drastisch reduzieren, was ein entscheidender Schutz der gesamten Bevölkerung bedeutet.
Wer eine Prostituierte in finanzielle Abhängigkeit bringt, darf weder ein Recht auf Zinsen, noch ein Recht auf Rückforderung geltend machen.
Regelungen dieser Art, sind unerlässlich, um die Zwangsprostitution effizient verhindern zu können. Hier haben wir in unserer geliebten Schweiz einen gewaltigen Nachholbedarf. [hanswitzig.lima-city.de]
hans witzig, am 07. Februar 2012 um 20:41 Uhr

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