Gender Gewalt Männer Frauen © Opferberatung Zürich

«Entweder ist jemand ein Opfer oder er ist ein Mann.»

Männer oder Opfer, Frauen oder Täterinnen (II/II)

Jürgmeier / 07. Dez 2014 - Gewalt macht Männer. Frauen sind Opfer. Geschlechtervorurteile verstellen den Blick auf Realitäten. Mit Grund. Ein Essay.

Beschreibung unterschiedlicher Gewaltrealitäten und/oder selektive Wahrnehmung derselben Wirklichkeit – das ist die Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Sicher scheint: Männer sind mehr Opfer, Frauen mehr Täterinnen als gemeinhin angenommen wird; gegen Abweichungen vom normalen Geschlechterkonstrukt bestehen offensichtliche Wahrnehmungsblockaden. Umgekehrt besteht bei beiden Geschlechtern eine Tendenz zu so genanntem Self-fulfilling-prophecy-Verhalten, das heisst für Frauen – sich als Opfer «anzubieten», für Männer – Angst und Verletztheit mit Gewalt wegzudrücken, um so Übereinstimmung zwischen kulturellen Erwartungen und realem Verhalten herzustellen.

Frauengewalt – Zwischen Schlagzeile und Verdrängung

Das Pendant zum kulturell nicht vorgesehenen männlichen Opfer ist die in der Geschlechterkonstruktion weitgehend ausgeklammerte Frau als Täterin. Das führt zu dem heute noch immer wirksamen Paradox, dass Frauengewalt gleichzeitig zur Sensation und unsichtbar gemacht wird. Die SonntagsZeitung widmet der schlagkräftigen Bachelor-Kandidatin am 30. November 2014 unter dem Titel «Schlagartig berühmt» gleich eine ganze Seite. Die gewalttätige Frau fällt zwar als das Unerwartete stärker auf als der gewalttätige Mann, aber sie wird, weil es dem Geschlechterkonzept widerspricht, letztlich nicht als Frau wahrgenommen.

Wo Interpretationen der Wirklichkeit und andere Wahrheiten nicht abschliessend geklärt werden können, bleibt die Frage, welches Interesse hinter der Bereitschaft steckt, das eine zu glauben, das andere nicht; das eine für Realität, das andere für Propaganda zu halten. Wer will die Frau als Opfer, wer will sie als Täterin sehen? Wer will den Mann als Opfer, wer will ihn als Täter übersehen? Wer will die Beschreibung von Welt so weit differenzieren, bis die Realität weichgespült und die Wirklichkeit ihres harten Kerns – Männer sind insgesamt mehr Täter und Opfer körperlicher Gewalt als Frauen – beraubt ist?

Dass Frauen den Mann eher als Täter denn als Opfer wahrnehmen, ist verständlich: Zum einen sind sie häufig Opfer realer männlicher Gewalt, zum anderen dient die Stilisierung des bösen Mannes der Stärkung des idealisierten weiblichen Selbstentwurfes. «Den klügsten Satz habe ich von meiner Mutter gehört», schreibt Dagmar Oberlies in Zusammenhang mit einem Prozess, in dem eine Mutter beschuldigt wird, ihre Kinder umgebracht zu haben, «sie sagt, es sei ihr einfach lieber, sich vorzustellen, dass der psychisch kranke Vater die Kinder im Zustande eines ‹Blackouts› getötet habe, als sich die Mutter als Mörderin ihrer eigenen Kinder vorzustellen» (Weiblichkeitskonstruktionen in Strafverfahren).

Mann oder Opfer

Aber warum sehen sich auch Männer selbst lieber als böse Männer denn als gute oder nette? Die Antwort ist einfach: Es erhält die Männlichkeit. «Die männliche Form der Weltaneignung beruht auf Herrschaft und Kontrolle ... In dieser Logik stellt der Begriff des ‹männlichen Opfers› ein kulturelles Paradox dar: Entweder ist jemand ein Opfer oder er ist ein Mann. Beide Begriffe werden als unvereinbar gedacht», spitzt es der Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz in der Zeitschrift männer.be zu. Der Mann, der geschlagen wird (und nicht zurückschlägt), erscheint weniger als Opfer denn als lächerliche Figur, wie sie beispielsweise in den bekannten Wallholz-Witzen immer wieder karikiert wird. «Ist sie wütend, schlägt meine Frau blindlings auf mich ein. Das kann ich doch keinem erzählen» (Zitat aus einer Kampagne der Opferberatung Zürich). Der Geschlagene oder Hilflose wird nicht als Mann, sondern als feiges Weib wahrgenommen. Dank selektiver Wahrnehmung können Vorurteile wider die Realität aufrechterhalten werden, denn alle, die dem Vorurteil widersprechen, werden gar nicht als jüdisch, homosexuell oder eben männlich wahrgenommen, bis am Schluss nur noch einer übrig bleibt: James Bond.

Geschlechterkampf oder Befreiung vom Geschlechterkorsett

Ist Gewalt, wie so vieles, nur eine Frage der Gelegenheit? Die Frage, weshalb sie das trotzende Kind, aber nicht den nervenden Chef schlügen, beantworten die meisten pragmatisch: «Der würde mich glatt rausschmeissen.» Sind Frauen nicht wegen ihrer genetisch-hormonellen Ausstattung beziehungsweise aus (erlernter) Friedfertigkeit weniger gewalttätig als Männer, sondern weil sie, vermutlich zu Recht, den harten Gegenschlag fürchten? Weil ihnen der Staat noch nie das Recht auf körperliche Züchtigung des Mannes zugestanden hat? Oder ist Gewalt das letzte Refugium männlicher Macht, das in Fernseh- und Kinofilmen Schlag für Schuss geknackt wird? Ist die auch von Männern betriebene Stilisierung der Frau als Friedfertige nur eine hinterhältige Umarmungsgeste wie, damals, das Argument gegen das Frauenstimmrecht, Frauen seien zu sensibel für den politischen Sumpf? Werden Frauen, wenn ihre Befreiung dereinst abgeschlossen ist, ihrerseits ohne Skrupel und ganz selbstverständlich zum «Zauberstab der Gewalt» greifen? Weil Befreiung in patriarchalen Verhältnissen immer noch eine Befreiung auf den Mann hin ist?

Die Gewaltfrage muss auch im Spannungsfeld geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen insgesamt gesehen werden. Nachdem der Geschlechteraspekt von Gewalt durch die feministische Bewegung und vereinzelte Männerforscher zum relevanten Blickwinkel des Gewaltdiskurses gemacht werden konnte, bestehen verständliche Ängste, die Genderkomponente von Gewalt könnte durch platte Symmetrisierungen wieder unter den Tisch gekehrt werden. Umgekehrt darf der Gender- nicht zum Tunnelblick werden, der uns nur Klischees als Frauen beziehungsweise Männer wahrnehmen, den Mann nur als Täter, die Frau bloss als Opfer sehen, den Mann als Opfer, die Frau als Täterin aber übersehen lässt. So wie Gewalt gegen Frauen erst sichtbar gemacht werden musste, muss jetzt Gewalt gegen Männer thematisiert werden, wobei hinter einem männlichen Opfer nicht zwingend eine Frau als Täterin steht.

Platte Symmetrisierungen oder Tunnelblick

Wahrnehmungsblockaden werden nicht aufgehoben, indem, in den bestehenden Verhältnissen, vorschnelle Gleichheit – Frauen sind nicht besser als Männer – propagiert wird, wie es beispielsweise Peter Beck und Uwe G. Seebacher in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel Rambofrauen tun: «Es heisst, alle 44 Sekunden schlägt ein Mann irgendwo auf der Welt seine Frau. Und nun halten Sie sich fest: alle 41 Sekunden rasten im Gegenzug Frauen aus und misshandeln ihre Männer ... Körperliche Gewalt in der Partnerschaft geht beinahe schon zum überwiegenden Teil von Frauen aus, nicht von Männern ... Wir leben in einer Kultur, in der nichts Schlechtes über Frauen gesagt werden darf und nichts Gutes über Männer.»

In der Fixierung auf die Frau als Täterin verschwindet paradoxerweise genau das, was sichtbar gemacht werden soll – das männliche Opfer. Die beiden Männer ziehen sich, um keine Schwäche zu zeigen, auf vertrautes (Kampf-)Gelände zurück. Aber statt verbissen um eine symmetrische Darstellung komplexer Realitäten zu kämpfen, wären, zum einen, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Männern ermöglichen, sich als Opfer zu zeigen beziehungsweise Hilfe zu holen – was ja die Zahl weiblicher Opfer nicht verkleinern würde – und, zum andern, die Überwindung von Geschlechterkorsetten so weit voranzutreiben, dass Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen den möglicherweise beklemmenden Blick auf die Wirklichkeit nicht länger verstellen.

Ein Teil der Überlegungen in diesem Text stammt aus dem Buch «‹Tatort›, Fussball und andere Gendereien» von Jürgmeier und Helen Hürlimann, erschienen im Interact- und Pestalozzianum-Verlag, Zürich und Luzern, 2008

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Mörder(innen) verstehen = selbst Mörder(in) werden (auf Infosperber)
Die Natur- und Mutter-Mythen des Roger K.
Fussball & Gewalt machen «Männer» (auf Infosperber)

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2 Meinungen

Wer hat den Mut, Jürgmeier einmal deutlich vernehmbar zu vermitteln, dass sein pseudointellektueller Schreibstil für den Normalleser eine reine Zumutung ist? Oder bin ich einfach zu dumm, oder zu faul, seine üblen Schachtelsätze zu entwirren? Wie wäre es mit einfachen Sätzen, die den Inhalt linear aufrollen, ohne 4 Gedankengänge in einem Satz zu verstecken? Will der Mann gelesen werden, oder uns einfach vermitteln, wie intellektuell er zu schreiben vermag? Schade um die an sich guten Themen.
Hans Roggwiler, am 07. Dezember 2014 um 17:48 Uhr
nicht zu vergessen, dass auch die seelische Gewalt, und zwar beiderseits, zu Opfern und Tätern gehören. Dies nach aussen unbemerkt, da keine Verletzungen Beweis bringen
marianne erni-stiner, am 07. Dezember 2014 um 20:40 Uhr

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