Athen brennt, doch wer spielt noch mit dem Feuer?

Werner van Gent © wvg
Werner van Gent / 13. Feb. 2012 - Es brauche viel Mut, um zur Drachme zurück zu kehren, las man in der NZZ. Wer dies wünscht, schneidet sich ins eigene Fleisch.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Experten Griechenland in diesen Tagen entdeckt und eine für dieses Land «passende» Lösung gefunden haben wollen. So konnte man in der NZZ lesen, das Land brauche jetzt viel Mut, zur Drachme zurückzukehren. Das ist so, wie wenn man einem Selbstmörder, der sich vom 20. Stock in die Tiefe stürzen will, sagen würde, «Junge, Augen zu und einfach springen!».

Die Drachme wäre für entmachtete Clans ein Fressen

Die Drachme bedeutet, dass das Land null-komma-plötzlich auf sich allein gestellt wäre, nicht mehr importieren und damit auch nicht mehr für den Export produzieren könnte. Mit einem Handelsbilanz-Defizit von 20 Milliarden Euro würde dies einen radikalen Rückkehr zur Ökonomie der frühen Fünfzigerjahre bedeuten. Armut und Hunger wären angesagt, daraus resultierend Plünderungen und ein Zerfall der öffentlichen Ordnung.

Denn wer bezahlt dann noch die Polizei oder die Feuerwehr, die am vergangenen Sonntag schon unter noch relativ normalen Bedingungen völlig überfordert war? «Abwertung!» rufen die Experten , wenn man ihnen die Verantwortungslosigkeit ihrer Drachme-Lösung vorhält. Dann könne das Land endlich billiger und konkurrenzfähiger produzieren und würden die bisherigen Clans entmachtet.

Doch das könnte im Gegenteil den griechischen Clans und Politakteure gefallen. Die Drachme wäre nämlich eine goldene Gelegenheit für all jene Kräfte, die sich in den letzten zwei Jahren gegen eine Öffnung der griechischen Wirtschaft gestemmt haben, die Macht erneut an sich zu reissen.

Effiziente Steuerämter könnten Wunder bewirken

Denn am vergangenen Sonntag wurden diese Kräfte vom System entmachtet, weil es offensichtlich keine Alternative mehr gab. Getragen wird die Regierung Papademos noch von fast einer Zweidrittelmehrheit, bestehend aus Sozialisten und Konservativen, die sich zwar spinnefeind sind, die aber genau wissen, was getan werden muss: Eine strukturelle Reform des Staates.

Griechenland braucht keine Abwertung, um konkurrenzfähig zu werden. Es braucht Effizienz im hoffnungslos verkrusteten Staatsapparat. So kafkaesk ineffizient ist der griechische Staat, dass schon eine kleine Effizienzsteigerung zum Beispiel innerhalb der Steuerämter Wunder bewirken würde. Eine Koordination und Zusammenarbeit der verschiedenen Einnahmenstellen würde es zum Beispiel viel weniger einfach machen, die Steuererklärung als eine freundliche aber unverbindliche Empfehlung zu betrachten. Da braucht das Land Hilfe, nicht Heute, sondern vorgestern.

Kulturgüter unwiderruflich verloren

Athen brannte am Sonntagabend, wieder einmal. Das wunderschöne Kino Attikon, eines der schönsten Kinosäle Europas, ist unwiderruflich verloren gegangen. Weitere neunzehn Gebäude von teils beachtlicher historischer Bedeutung in einer Stadt, die fünf Jahrzehnte lang von skrupellosen Bauhaien verschandelt wurde, sind in Flammen aufgegangen.

Die Erklärungen, welche zu hören waren, klangen dann fast so abenteuerlich, wie der Rat aus Europa, das Land soll doch selber schauen, wie es zurecht komme. Der Schattenstaat, behauptete das Linksbündnis «Syriza», habe zugeschlagen. Die Plünderungen und Verwüstungen seien das Werk fehlgeleiteter Kinder, so die kommunistische Parteiführerin; organisierte Banden meinte der für die Polizei zuständige Minister ausgemacht zu haben, ohne Details zu nennen. Die Wut der Strasse habe man zu spüren können, so die Analyse eines eingeflogenen Journalisten. Vermutlich waren relativ kleine aber gut organisierte Links- und/oder Rechtsextreme am Werk.

Den Profit hatten sie gerne eingesteckt

Wer im zugegebenermassen ziemlich desolaten Zustand wirklich mit dem Feuer spielt, das sind aber jene Stimmen in Europa, die nun plötzlich wissen wollen, dass Griechenland gar nicht zu Europa gehöre. Die Gleichen waren begierig, als sie ihr Geld zu relativ hohen Zinsen in griechische Staatspapiere anlegen konnten.

Das war ein Reinfall, soviel ist sicher. Doch für einen solchen Reinfall braucht es immer zwei: Die Einen, die nicht wirklich können, was man von ihm erwartet, und die Anderen, die weg schauen und sich über den Profit freuen .

Dass das Geschäft mit Griechenland schief ging, ist ärgerlich, aber noch nicht per se eine Katastrophe in einer Währungsunion. Zu einer Katastrophe droht die Verschuldung erst auszuarten, wenn man diese Währungsunion nicht zu Ende denken möchte.

Griechenlandkredite fliessen hauptsächlich zu den Gläubigern

Da liegt wohl die wirkliche Gefahr. Genauso wie die griechischen Politiker drei Jahrzehnte lang aus Rücksicht auf ihre Klientel fahrlässig wirtschafteten, wird in Nord-Europa mit einem Blick auf die Wähler die Union zu Tode geredet.

Wenn Griechenland dafür bestraft werden soll, dass es das billige Geld angenommen hat, spüren die Politiker eventuell eine kurzfristige politische Befriedigung. Sie müssen sich dann aber nicht wundern, dass das Haus, in dem sie sich so wohl fühlen, bald genauso in Flammen stehen wird, wie das Kino Attikon am vergangenen Sonntag.

Und zum Schluss darf man nicht vergessen: Bisher sind die Hilfskredite zu einem beachtlichen Teil dazu verwendet worden, die bisherigen Schulden Griechenlands zu bedienen. Davon haben auch alle Gläubiger (Bank- und Versicherungskonzerne) im Norden profitiert.

Um nach der Drachme zu rufen, braucht es wirklich Mut!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Werner van Gent ist freischaffender Korrespondent in Athen, wo er seit 1979 lebt.

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