Mutter mit missgebildetem Kind © T/cc

Missgebildete Babys wegen genveränderter Moskitos?

Urs P. Gasche / 03. Feb 2016 - Niemand weiss, warum das Zika-Virus plötzlich so unfassbaren Schaden anrichtet. Über heikle Indizien wird nicht informiert.

«Fast 60 Jahre lang galt der Erreger als harmlos. Jetzt versetzt er Südamerika in Aufruhr», titelte die «NZZ am Sonntag». In den letzten vier Monaten haben über 4000 brasilianische Frauen Babys mit zu kleinen Schädeln geboren.

Wesentliche Gehirnfunktionen werden beeinträchtigt bleiben. Der Fachausdruck heisst Mikrozephalie. Wahrscheinlich – der Beweis liegt noch nicht vor – ist das Zika-Virus schuld, das weibliche Moskitos des Typs Aedes aegypti mit Blutsaugen und Stechen übertragen.

Explosionsartiger Anstieg der Zahl missgebildeter Kinder in Brasilien

Mikrozephalie verursacht bleibende Gehirnschäden

Wenige Fälle von Mikrozephalie gab es schon lange. Die gleichen Moskitos des Typs Aedes aegypti verbreiten seit vielen Jahren auch das Virus, welches das Dengue-Fieber verursacht. Betroffen sind vor allem Elendsquartiere ohne Kanalisation und Kehrichtabfuhr, wo sich die Moskitos stark verbreiten können. Infektionen mit Zika-Viren verliefen bisher stets harmloser als solche mit Dengue-Viren. Eine Therapie gibt es nicht.

Genmanipulierte Moskitos in grossem Stil ausgesetzt

Warum sind Zika-Viren für Schwangere plötzlich derart gefährlich geworden? Forscher der Universität von Sao Paulo spekulieren, das Virus habe sich in den letzten Jahren genetisch verändert. «Bewiesen ist das aber nicht», zitiert die «NZZ am Sonntag» einen Virologen.

Worüber bisher die wenigsten Medien informiert haben: In Brasilien wurden zuerst versuchsweise und seit 2015 in grossem Stil genmanipulierte Moskitos des Typs Aedes aegypti ausgesetzt, um die Verbreitung des Dengue-Fiebers einzudämmen. Die britische Firma «Oxford Insect Technologies» (Oxitec) hatte die genmutierten Mücken mit Geldern der «Bill & Melinda Gates Foundation» entwickelt. Oxitec ist heute eine Tochterfirma des US-Biotech-Konzerns Intrexon.

Die genveränderten männlichen OX513A-Mücken verhindern eine Vermehrung der Stechmücken, weil die Larven infolge genetischer Defekte sterben. Die genmutierten Mücken sind ausschliesslich männliche. Wenn sie sich mit Wildmücken paaren entstehen Larven, die nicht überlebensfähig sind.

Das Unternehmen hatte am 11. November 2010 bekannt gegeben, erste Versuche in freien Feldern im Herbst 2009 auf Karibischen Inseln, zum Beispiel auf Cayman Island, durchgeführt zu haben.

In der Gegend der brasilianischen Stadt Piracicaba führte Oxitec in der Folge kontrollierte Test durch, bei welchen die Population der Moskitos des Typs Aedes aegypti auf 18 Prozent der früheren Population schrumpfte. Das berichtete die «International Business Times». Darauf konnte Oxitec bei Piracicaba eine Fabrik bauten, welche die genmutierten Moskitos herstellt.

Noch grösser sei der Erfolg eines Testversuchs in der Nähe der Stadt Juazeiro gewesen, erklärte Oxitec: Die Moskito-Population sei auf 5 Prozent geschrumpft, was eine Dengue-Epidemie künftig verhindere.

Darauf gaben die brasilianischen Behörden für einen grossflächigen Einsatz dieser mutierten Moskitos grünes Licht. Im April und November 2015 sind in Brasilien etwa 25 Millionen männliche OX513A-Moskitos ausgesetzt worden. Das berichtete TechTimes im Januar 2016. Sie sollen den Bestand an Moskitos des Typs Aedes aegypti dezimieren.

In den beiden Aussetzungsgebieten, eines war die Gegend um die Stadt Juazeiro, sind just die Gebiete, in denen es heute sehr viele Fälle von Mikrozephalie gibt.

Rettung oder Ursache

Die weltweit ersten genveränderten Moskitos könnten für Schwangere die Rettung bedeuten, wenn sie die Population dieser Moskitos bis auf wenige Reste zum Verschwinden bringen.

Man müsste allerdings mit sozusagen 100-prozentiger Sicherheit ausschliessen können, dass diese OX513A-Mücken mit der Verbreitung der missgebildeten Babys nichts zu tun haben.

Denn es gibt eine Schwachstelle, deren Folgen wissenschaftlich nicht abgeklärt sind: Wenn die Moskitos mit Antibiotika in Berührung kommen, können die Larven überleben.

Und tatsächlich geschah, womit die Promotoren der genmutierten Mücken nicht gerechnet haben: Geschätzte 3-4 Prozent der Larven überleben. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass vor allem in der brasilianischen Hühnerproduktion das Breitband-Antibiotikum Tetracyclin weit verbreitet ist.

(Nachtrag:) In einem vertraulichen internen Dokument aus dem Jahr 2012 stellt die Firma Oxitec fest, dass die Überlebensrate bis 15 Prozent erreichen kann, wenn Reste des Antibiotikums Tetracyclin vorhanden sind, welche die Lähmung der Larven verhindern.

Es stellt sich die Frage: Welche Eigenschaften entwickeln diese überlebenden Moskitos, welche die Genveränderung geerbt haben? Gehen sie mit krankmachenden Viren anders um?

Der Microsoft-Mitgründer Bill Gates

Indizien werden nicht überprüft

Seit etlichen Tagen verbreiten alternative Medien die Vermutung, die rasante Zunahme der Geburten missgebildeter Kinder könne mit den genmutierten Mücken zu tun haben. Am 29. Januar hat die Webseite «GlobalResearch.ca» eine dieser Quellen übernommen und verbreitet.

Weil bisher völlig unklar ist, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, sollte die vorgebrachten Indizien wenigstens vorurteilslos abgeklärt werden.

Auf Anti-Media hat Claire Bernish Karten publiziert, die zeigen sollen, dass die Fälle von Mikrozephalie zuerst und vor allem dort aufkamen, wo die genmutierten Moskitos hauptsächlich ausgesetzt wurden:

Der Pfeil zeigt auf die Gegend der Stadt Juazeiro, wo genveränderte Moskitos im Jahr 2015 in grossem Stil ausgesetzt wurden. Rechts die Konzentration der Mikrozephalie-Fälle, die vermutlich vom Zika-Virus verursacht wurden. Karte in grossem Format hier.

Das parallele Auftreten zweier Phänomene ist kein Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang. Doch eine seriöse Abklärung sollte die These, dass ein solcher Zusammenhang besteht, zu falsifizieren suchen. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Ohne eine solche Falsifizierung abzuwarten, gab Oxitec am 19. Januar 2016 bekannt, das Programm mit genmutierten Mücken des Typs Aedes aegypti auszudehnen «als beste Verteidigung» gegen die Ansteckung mit Zika-Viren.

NACHTRAG:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

New York Times: Was Zika-Viren in der Vergangenheit angerichtet haben, 2016
Oxitec: Resultate von Felduntersuchungen mit OX513A-Mücken
Fitness of Transgenic Mosquito Aedes aegypti Males Carrying a Dominant Lethal Genetic System, 2013
Assessment of the Impact of Potential Tetracycline Exposure on the Phenotype of Aedes aegypti OX513A: Implications for Field Use, 2015
3-4 Prozent der genmutierten Moskitos überleben. Wissenschaftliches Paper, 2010
Infosperber vom 4.2.2016: «Jetzt warnt der «Ecologist» vor genmutierten Mücken»

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10 Meinungen

Eines der anmassenden und erklärten Ziele der Bill & Melinda Gates Stiftung ist doch die Reduktion der Weltbevölkerung!
Die Brandstifter hatten doch dem Bidermann mehrmals gesagt, sie bräuchten das Holz um im Dachstock zu feuern... nur konnte er es - wie wir wissen - nicht glauben.
Und wem denn dient die WHO?
Urs Lachenmeier, am 03. Februar 2016 um 14:11 Uhr
"Über heikle Indizien wird nicht informiert»...
FYI
http://www.theecologist.org/News/news_analysis/2987024/pandoras_box_how_gm_mosquitos_could_have_caused_brazils_microcephaly_disaster.html
Luc Farinelli, am 03. Februar 2016 um 16:47 Uhr
La biologie est complexe.....

http://www.scientificamerican.com/article/what-would-it-take-to-prove-the-zika-microcephaly-link1/?WT.mc_id=SA_WR_20160203


g. stauffer
ch-2300
Gil Stauffer, am 03. Februar 2016 um 22:10 Uhr
Es gibt keine missgebildeten Menschen. Es gibt Menschen mit Missbildungen. Das ist ein Unterschied.
Peter Jaeggi, am 04. Februar 2016 um 10:07 Uhr
Vielleicht noch soviel dazu. Das ZIKA-Virus hat sich die Rockefeller-Foundation 1947 patentieren lassen. Und wem gehört die Pharma-Firma welche sich heute mit der Abwehr der durch die Mücke übertragenen Krankheiten beschäftigt?
Franz Kengelbacher, am 04. Februar 2016 um 21:19 Uhr
Der Mensch spielt Gott und in etwa gleich erfolgreich, wie als Gott den Menschen erschuf. Er wird sich danach auch gesagt haben «ou Scheibenkleister, was hab' ich nur getan?». Das Leben lässt sich nicht auslöschen, auch nicht eine unerwünschte Art, sie schafft es irgendwie sich anzupassen, mit unvorhersehbaren Folgen. Jedoch wird dei Gen-Industrie wie in der Vergangenheit ihre ganze Macht benutzen, um alle Kritiker mundtot zu machen und jede Verantwortung von sich weisen. Wissenschaftler getrauen sich kaum, kritische Forschung zur Gentechnologie zu veröffentlichen, da die Gen-Lobby so stark ist und schon mehrere Karrieren beendet hat.
Daniel Zapf, am 05. Februar 2016 um 08:38 Uhr
Pour le moment, le lien (si je comprends ce que je lis) entre «l'explosion» de la maladie et la libération de moustiques génétiquement modifiés est soupçonné - mais il n'est pas prouvé. Nuance, de taille.
Des indices, des soupçons ne sont pas des preuves. Il y a là, évidemment, une voie
de recherche qui doit être très sérieusement suivie suivie. Mais il y en a d'autres, beaucoup d'autres...

Ne pas oublier ce que disait un parasitologue réputé, J.G. Baer (1902-1975), à propos des capacités d'adaptation des parasites: «ils ont le nombre, ils ont le temps, ils ont l'expérience !...."
Gil Stauffer, am 05. Februar 2016 um 10:12 Uhr
Die Mikrobiologin und Epidemiologin Tara C. Smith hat für diese Verschwörungstheorien wenig übrig. Aus Gründen.
http://scienceblogs.com/aetiology/2016/02/03/the-zika-conspiracies-have-begun/
Andreas Kyriacou, am 05. Februar 2016 um 11:05 Uhr
Le lien vers «Aetiology» fourni par M. Andreas Kyriacou - remerciements ! - dirige vers des éléments essentiels !
Gil Stauffer, am 05. Februar 2016 um 11:56 Uhr
@ Franz Krengelbacher: » Das ZIKA-Virus hat sich die Rockefeller-Foundation 1947 patentieren lassen. Und wem gehört die Pharma-Firma welche sich heute mit der Abwehr der durch die Mücke übertragenen Krankheiten beschäftigt?"
Links zu ihrer Darstellung wären sehr interessant, aufschlussreich und hilfreich!
Wenn ich mir die dargestellte Grafik der Ereignisse ansehe - wie ein Einschlag eines Meteoriten.

Danke für Antwort. Gruss
thomas schweizer, am 06. Februar 2016 um 23:10 Uhr

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