FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller: «Kleinere Franchise und tiefere Prämien in Ärztenetzwerken» © ss

FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller: «Kleinere Franchise und tiefere Prämien in Ärztenetzwerken»

Faktencheck zur Gesundheits-Arena

Urs P. Gasche / 23. Sep. 2011 - Nach jeder Arena sollte ein Faktencheck aufdecken, wer welchen Unsinn erzählte oder mit irreführenden Fakten argumentierte.

In der Sendung Arena bleiben Behauptungen gegen Behauptungen oder Argumene, die plausibel, jedoch falsch sind, häufig im Raum stehen. Es wäre während der Sendung auch nicht immer möglich, alle Behauptungen und vorgelegten Zahlen auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

Umso nützlicher wäre es, wenn das Fernsehen dies am Tag nach der Sendung im Internet nachholen würde. Wir machen hier einen bescheidenen Anfang zur gestrigen Arena zum Gesundheitswesen.

BDP-Nationalrat Hansjörg Hassler: «Wir haben weltweit fast die beste oder sogar die beste Gesundheitsversorgung.»

Faktencheck: Es gibt keine seriöse Statistik, die belegen würde, dass die Schweizer mit besserem Ergebnis behandelt werden als etwa die Holländer oder Schweden, obwohl diese mit merklich weniger Kosten auskommen. In Schweizer Spitälern kommt es jedes Jahr zu etwa 2000 Todesfälle wegen Pannen, Irrtümern oder unsorgfältiger Behandlungen, wovon mindestens 1200 vermeidbar wären (Quelle: Spitalverband H+). Weitere rund 2000 Patienten sterben an Infektionen wie Lungenentzündungen, nachdem sie in einem Spital eine Infektion aufgelesen haben. Zehntausende müssen wegen solchen Infektionen länger im Spital bleiben (Quelle: Swissnoso). Etwa 50'000 Patienten werden jedes Jahr in ein Spital eingewiesen, weil sie zu viele und falsche Medikamente verschrieben bekamen. Etwa 5000 von ihnen sterben daran (Quelle: Prof. Gerd Kullak-Ublick vom Universitätsspital Zürich).

FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller nennt als ersten Grund für die hohen Kosten «die Alterung».

Faktencheck: Die Wissenschaft ist sich ziemlich einig, dass man höchstens zwanzig Prozent der Kostensteigerungen der Alterung zuschreiben kann. Die meisten Kosten fallen in der Regel im letzten oder zweitletzten Lebensjahr an – unabhängig davon, in welchem Alter ein Mensch stirbt.

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr: «Die Ärztenetz-Vorlage (Managed Care) ist die dritte Vorlage, die zu einer Mehrbelastung der Patienten führt.»

Faktencheck: Wer sich keinem vorhandenen Qualitätsnetz von Ärzten anschliesst, muss laut Vorlage des Parlaments künftig zwar bis maximal 300 Franken pro Jahr mehr aus dem eigenen Sack zahlen. Doch darf man gleichzeitig nicht unterschlagen, dass die Versicherten, die sich einem Qualitätsnetz anschliessen, 200 Franken pro Jahr weniger zahlen müssen als heute. Und wenn dank der Vorlage noch viel mehr Ärzte in Qualitätsnetzen zusammen arbeiten, profitieren noch mehr Patienten, wie schon heute, von Prämienrabatten.

Wichtige Aussagen, die im Raum stehen blieben

Einzelne Votanten haben während der Sendung auch wichtige Kernaussagen gemacht, die bezeichnenderweise niemand aufgriff und auch vom Moderator nicht weiter thematisiert wurden. Hier zwei Beispiele:

Jacqueline Fehr stellte zur ständigen überproportionalen Kostensteigerung fest: «Die Lobby, welche an steigenden Kosten interessiert ist, ist ungleich stärker als die Lobby, die sparen möchte.»

EVP-Nationalrätin Maja Ingold wies darauf hin, dass Einkommensschwache und sozial Benachteiligte viel häufiger krank sind und auch deutlich weniger alt werden. Um die öffentliche Gesundheit zu verbessern und die Kosten langfristig besser in den Griff zu bekommen, müsse man deshalb mehr Geld für soziale Investitionen ausgeben.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Eine Meinung

Es ist mir schon öfters aufgefallen, dass z.B. in der Arena Argumente angeführt werden, die nicht war oder nicht bewiesen sind. Das ist aber bei fast allen Politikern und Lobbyisten so! Wer erinnert die Politiker an die dringend notwendige Ehrlichkeit?
Marcel Hablützel, am 26. September 2011 um 18:22 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung zu äussern. Wir möchten Missbräuche anonymer User möglichst vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern.

 

Am meisten gelesen

Am meisten Reaktionen

Aktuelle Dossiers

Die Euro- und Währungskrise

Euro-Münzen

Noch mehr Geldspritzen und Schulden bringen die Wirtschaft nicht mehr zum Wachsen. Sie führen zum Kollaps.
Dossier anzeigen

Cartoons von Patrick Chappatte

Patrick Chappatte

Der Genfer Karikaturist Patrick Chappatte nimmt mit spitzer Feder die Politik im In- und Ausland aufs Korn.
Dossier anzeigen

Die Politik der Pharmakonzerne

Pillen

Sie gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt und haben einen grossen Einfluss auf die Gesundheitspolitik.
Dossier anzeigen

Alle Dossiers anzeigen

Newsletter

Newsletter

Kreuzen Sie Themen an, die Sie interessieren. Den Newsletter dazu senden wir täglich oder wöchentlich. Gratis bestellen

IN KÜRZE: STEUERHINTERZIEHUNG ALS DELIKT

Philosophencafé

Noch vor zehn oder zwanzig Jahre wäre der neue BDP-Präsident mit seiner Aussage in die linke Ecke gestellt worden.
weiter

IN KÜRZE: Medien als Sprachrohr der Finanzmärkte

zvg

Kritik an deutschen Medien, welche die Wahlergebnisse in Frankreich und Griechenland im Gleichklang mit den Banken kritisieren.
weiter

BEVÖLKERUNG IN DER SCHWEIZ: PLUS 82'400 MENSCHEN

James Crydland Flickr / Creative Commons

Die Umweltvereinigung Ecopop macht sich Sorgen, weil die Bevölkerung in der Schweiz im Jahr 2011 stark zugenommen hat.
weiter

HÖCHSTE AUSZEICHNUNG FÜR PATRICK CHAPPATTE

ss

Der in Genf lebende Karikaturist Patrick Chappatte bekam in den USA den renommierten Thomas-Nast-Preis verliehen. Wir gratulieren!
weiter

SWISS WIRBT FÜR FRESSTOUR NACH NEW DELHI

ToastyKencc/upg

Zum «Crazy Food Walk» nach Delhi ködert die Swiss Kunden für 839 CHF. Indische Restaurants bei uns bieten dasselbe – ohne CO2.
weiter

Wer weiss die Antwort?

Was kann ich tun, damit meine Firma möglichst keine Steuern zahlen muss?

Es ist bereits 1 Antwort eingegangen.

Die Qualität unserer gesundheitlichen Versorgung ist schlechter als im Durchschnitt Europas. Das zeigt eine Studie aus Schweden.
weiter

Eine Werbekampagne gegen die Gratis-Zeitungen. Leider ist sie nur von der Solothurner Zeitung ins Blatt gesetzt worden...
weiter

Diese Rubrik enthält noch keinen Artikel